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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN JUNGE PERSONEN GEWEIHTEN LEBENS

Aula Paolo VI
Donnerstag, 17. September 2015

[Multimedia]


 

Guten Tag!

Ich danke euch. Der Kardinalpräfekt hat mir gesagt, dass ihr 5.000 junge Ordensleute seid. Ich würde mit den Fragen beginnen, die ihr vorbereitet und mir freundlicherweise zugesandt habt. Zunächst einmal möchte ich aber sagen, dass ich weiß, dass unter euch auch junge Ordensleute aus dem Irak und aus Syrien sind. So möchte ich also zu Beginn unserer Märtyrer aus dem Irak und aus Syrien gedenken, der Märtyrer unserer Zeit. Vielleicht kennt ihr viele oder einige davon… Vor einigen Tagen ist auf dem Petersplatz ein irakischer Priester auf mich zugekommen und hat mir ein kleines Kreuz überreicht: Es war das Kreuz, das der Priester in der Hand hielt, dem man die Kehle durchgeschnitten hat, weil er Jesus Christus nicht verleugnet hat. Dieses Kreuz habe ich heute mitgebracht … Im Licht dieser Zeugnisse unserer heutigen Märtyrer – deren Zahl die der ersten Jahrhunderte übersteigt – und auch der Märtyrer eurer irakischen und syrischen Heimat möchte ich unseren Dialog damit beginnen, dem Herrn Dank zu sagen – möge seine Kirche in seinem Leib das vollbringen, was an den Leiden Christi heute noch fehlt – und um die Gnade des kleinen täglichen Martyriums zu bitten, des Martyriums des Alltags, im Dienst Jesu und unseres geweihten Lebens.

Und jetzt stellt mir eure Fragen, dann sehen wir weiter…

ERSTE FRAGE: Heiliger Vater, das Evangelium, das wir Frauen und Männer des geweihten Lebens als Lebensform angenommen haben, sagt uns, dass unser Herr Jesus den beiden Jüngern, die ihm folgten und ihn fragten: »Wo wohnst du?«, geantwortet hat: »Kommt und seht«. Wir haben in diesen Tagen unserer Berufung gedacht sowie der vielen anderen Rufe, die der Herr an uns gerichtet hat, seitdem wir zum ersten Mal auf seine Einladung geantwortet haben, ihm aus nächster Nähe und auf prophetische Weise nachzufolgen. Heiliger Vater, auch Sie haben die Berufung zum geweihten Leben verspürt und sind Jesus nachgefolgt; auch Sie werden sich an jene »zehnte Stunde« der Berufung erinnern. Wäre es zu vermessen, Sie zu bitten, uns zu erzählen, wie Sie in jenem September des Jahres 1953 diese erste Berufung verspürt haben? … Was hat Sie an Jesus und am Evangelium fasziniert? Warum sind Sie Ordensmann geworden, warum sind Sie Priester geworden?

Papst Franziskus: Woher kommt du? [Applaus]

Antwort: Ich komme aus Aleppo, Syrien… [Applaus]

ZWEITE FRAGE (auf Englisch): Lieber Heiliger Vater, im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, »Die Freude des Evangeliums«, erinnern Sie uns daran, dass alle Getauften, unabhängig von ihrer Position in der Kirche oder dem Grad ihrer Unterweisung im Glauben, in der Evangelisierung tätig sind, und dass diese Evangelisierung, diese missionarische Aufgabe, beherzt vorangetrieben werden soll: eine Evangelisierung, die uns im Herzen brennt und die etwas ganz anderes ist als eine Reihe von Aufgaben, die man als eine Bürde empfindet, die man lediglich toleriert oder erträgt wie etwas, das den eigenen Neigungen, den persönlichen Wünschen, widerspricht. Lieber Heiliger Vater, was ist die Sendung der jungen Ordensleute in der Kirche von heute? Wohin sollen wir gehen? Wen können wir um Hilfe bitten, und wie sollen wir das tun? Wohin sendet uns die Kirche?

Papst Franziskus: Wie heißt du? Woher kommst du und von welchem Institut?

Antwort (auf Englisch): Heiliger Vater, mein Name ist Sister Mary Giacinta; ich komme aus Indien und gehöre zu den »Sisters of Charity ›Holy Child Mary‹«.

DRITTE FRAGE (auf Spanisch): Heiliger Vater, diese Frage hat eine Klausurschwester geschrieben, die heute nicht hier bei uns sein konnte … Denn ich glaube, dass sie für uns alle geweihten Personen gilt. Wir jungen Ordensleute von heute gehören einer Generation an, die manche als »verwässert und instabil« bezeichnen, die wenige Wurzeln hat: eine Generation, die sich schwertut, sich vollkommen zu binden. Unsere Familien sind manchmal nicht strukturiert. Wir gehören einer Generation an, die oft Bequemlichkeit und Relativismus vorzieht: all das, was leicht und sofort zu haben ist, was man einmal benutzen und dann gleich wieder wegwerfen kann … Wenn wir die erste Etappe unserer Ausbildung abgeschlossen, und die feierlichen Gelübde abgelegt haben, dann machen auch wir oft die Erfahrung einer gewissen Instabilität auf unserem Weg der Nachfolge Christi. Wie können wir es vermeiden, in die Mittelmäßigkeit abzugleiten?

ANTWORT VON PAPST FRANZISKUS:

Ich danke euch. Ich danke Sara, Mary Giacinta und Pierre. Ich danke euch dreien. Beginnen wir mit Sara. Du sprichst nämlich ein sehr ernstes Problem an: die Bequemlichkeit im geweihten Leben. »Wir haben dies und das zu tun… gehen wir es ruhig an…, ich beachte alle Gebote, alle Regeln, die man mir hier aufgibt…, ich bin observant …«. Aber was die heilige Teresa von Jesus über die strenge und strukturierte Beachtung der Ordensregeln gesagt hat, das nimmt die Freiheit. Und sie war eine freie Frau! So frei, dass sie sich vor der Inquisition verantworten musste. Es gibt eine Freiheit, die vom Geist kommt; und es gibt eine Freiheit, die von der Weltlichkeit kommt. Der Herr beruft euch – und er beruft uns alle – zu dem, was Pierre als »prophetische« Form der Freiheit bezeichnet hat: die Freiheit, die mit dem Zeugnis und der Treue vereint wird. Eine Mutter, die ihre Kinder in Starrheit erzieht – »das muss man tun, immer nur: muss, muss, muss…« –, die ihre Kinder nicht träumen lässt, ihnen nicht ihre Träume lässt, ihre Kinder nicht wachsen lässt, macht die kreative Zukunft ihrer Kinder zunichte. Diese Kinder werden unfruchtbar sein. Auch das geweihte Leben kann unfruchtbar sein, wenn es nicht wirklich prophetisch ist, wenn Träumen nicht erlaubt ist.

Aber denken wir an die heilige Therese vom Kinde Jesus: hinter Klostermauern verschlossen, noch dazu mit einer Oberin, die nicht ganz einfach war. Einige meinten, die Oberin machte ihr absichtlich das Leben schwer… Aber diese kleine Ordensschwester mit ihren 16, 17, 18, 20, 21 Jahren, die träumte! Diese Fähigkeit zu träumen hat sie nie verloren. Sie hat nie die Horizonte aus den Augen verloren! Und heute ist sie sogar die Patronin der Missionen. Sie ist die Patronin der Horizonte der Kirche. Und das, was die heilige Teresa »almas concertadas« nannte, ist eine Gefahr. Es ist eine große Gefahr. Sie war Klausurschwester, aber sie zog durch ganz Spanien, nahm Gründungen vor, Klostergründungen. Und nie hat sie die Fähigkeit der Kontemplation verloren. Prophetie, Fähigkeit zu träumen: das ist das Gegenteil von Starrheit. Starre Menschen können nicht träumen. Denken wir an die schönen Dinge, die Jesus zu den starren Menschen seiner Zeit sagte, zu den starren geweihten Menschen seiner Zeit, in Kapitel 23 des Matthäusevangeliums. Lest es nach. Das sind starre Menschen. Und die Observanz darf nicht starr sein. Wenn die Observanz starr ist, ist es persönlicher Egoismus. Es bedeutet, dass man sich selbst sucht und sich für gerechter hält als die anderen. »Ich danke dir, Herr, dass ich nicht so bin wie diese Ordensschwester, wie jener Bruder da…. Ich danke dir, Herr, dass meine Kongregation wirklich katholisch, observant ist, und nicht wie jene Kongregation, die hierhin und dorthin geht, und jene, die nicht so recht weiß, wohin es gehen soll…«. So reden die starren Menschen. Aber all diese Dinge findet ihr in Kapitel 23 bei Matthäus. Teresa nennt sie »almas concertadas«. Wie sollten wir uns nicht dazu bekehren? Unser Herz muss stets offen sein für das, was der Herr uns sagt. Und dann müssen wir das, was der Herr uns sagt, in den Dialog mit dem Oberen, mit dem geistlichen Begleiter oder der geistlichen Begleiterin, mit der Kirche, mit dem Bischof einbringen.

Aufgeschlossenheit, ein offenes Herz, Dialog, auch gemeinschaftlicher Dialog. »Aber Vater, wir können keinen Dialog führen, denn wenn wir es tun, geraten wir uns immer in die Haare ….« »Aber das macht doch nichts! Auch Petrus, Paulus, Jakob – lest doch mal die Apostelgeschichte – sind sich in den Anfängen ganz schön in die Haare geraten! Aber dann waren sie so offen für den Heiligen Geist, dass sie einander auch verzeihen konnten. Ich werde euch nun etwas Schwieriges sagen. Ich will ganz offen zu euch sein: eine der Sünden, denen ich im Gemeinschaftsleben oft begegnet, ist die Unfähigkeit von Brüdern und Schwestern, einander zu verzeihen.

»Das werde ich ihm heimzahlen! Das wird er mir büßen!…«. Das bedeutet, dass man den anderen in den Schmutz zieht! Der Klatsch in einer Gemeinschaft verhindert die Vergebung; es bewirkt, dass man sich immer mehr voneinander entfernt, eine Distanz zum anderen schafft. Ich sage gern, dass Klatsch nicht nur Sünde ist – denn Klatschen ist Sünde, geht beichten, wenn ihr es tut … Es ist Sünde! –, sondern dass Klatschen auch Terrorismus ist! Denn wer klatscht, »wirft eine Bombe« auf den Ruf des anderen und zerstört den anderen, der sich nicht wehren kann. Denn geklatscht wird immer nur in der Dunkelheit, nie im Licht. Und die Dunkelheit ist das Reich des Teufels. Das Licht ist das Reich Jesu. Wenn du etwas gegen deinen Bruder, deine Schwester hast, dann geh hin… Bete erst einmal, beruhige dich, und dann geh hin und rede mit ihm oder mit ihr: »Ich bin damit nicht einverstanden… du hast Unrecht getan …«. Niemals aber dürft ihr die Bombe des Klatsches werfen! Niemals, nie! Das ist das Pestgeschwür des Gemeinschaftslebens! Denn dann, wenn sie in ihre Gemeinschaft eine Bombe werfen, die zerstört, wird der Ordensmann, die Ordensfrau, die ihr Leben Gott geweiht haben, zum Terroristen, zur Terroristin… Du, Sara, hast auch die Instabilität unserer Nachfolge angesprochen. Schon immer, von den Anfängen des geweihten Lebens bis heute, gab es Augenblicke der Instabilität: das sind die Versuchungen. Die frühen Wüstenväter schreiben darüber und lehren uns, wie man die innere Stabilität, den Frieden, finden kann. Aber die Versuchungen wird es immer geben, immer, immer…

Wir werden bis zum Ende kämpfen müssen. Und um wieder auf Therese vom Kinde Jesus zurückzukommen: Sie sagte, dass man für jene beten müsste, die im Sterben liegen, weil dies der Augenblick  der größten Instabilität sei, in dem starke Versuchungen vorhanden sind. Kulturell gesehen stimmt das: Wir leben in einer äußerst instabilen Zeit. Unsere Zeit scheint auch ein wenig »zeitweilig« zu sein: Wir leben in der Kultur der Vorläufigkeit. Vor etwa einem oder zwei Jahren sagte mir ein Bischof, dass einmal ein netter junger Mann zu ihm kam, der berufstätig war und Priester werden wollte, aber nur für 10 Jahre: »Dann werden wir sehen …«. Solche Dinge geschehen wirklich: Unsere Kultur ist eine Kultur der Vorläufigkeit. Auch in der Ehe: »Ja, ja, wir heiraten! Solange die Liebe dauert … Wenn die Liebe vergeht, dann ade: du ziehst in deine Wohnung, ich in meine Wohnung«. Und diese Kultur der Vorläufigkeit hat auch in der Kirche Einzug halten, hat in den Ordensgemeinschaften Einzug gehalten, hat in den Familien, in der Ehe Einzug gehalten… Die Kultur des Endgültigen: Gott hat seinen Sohn für immer gesandt! Nicht vorläufig, zu einer Generation oder in ein Land: zu allen. Zu allen und für immer. Und das ist ein Kriterium der geistlichen Entscheidungsfindung. Gehöre ich der Kultur der Vorläufigkeit an? Zum Beispiel endgültige Verpflichtungen eingehen, um nicht innerlich zersplittert zu sein.

Du, Mary Giacinta, hast von der Evangelisierung gesprochen, von einer Evangelisierung, die uns – wie du gesagt hat – im Herzen brennt: der Willen zu evangelisieren, wo das Herz brennt, mit einem brennenden Herzen. Das ist apostolischer Eifer. Evangelisieren ist nicht dasselbe wie Proselytenmacherei. Wir sind kein Fußballverein, der Mitglieder, Anhänger sucht… Beim Evangelisieren geht es nicht nur ums Überzeugen: Man legt Zeugnis dafür ab, dass Jesus Christus lebt. Und wie legst du dieses Zeugnis ab? Mit deinem Fleisch, mit deinem Leben. Du kannst studieren, Evangelisierungskurse belegen – und das ist gut –, aber die Fähigkeit, die Herzen zu erwärmen, kommt nicht aus Büchern, sie kommt aus deinem Herzen! Wenn die Liebe zu Jesus Christus in deinem Herzen brennt, dann bist du ein guter Evangelisierer, eine gute Evangelisiererin. Aber wenn dein Herz nicht brennt und du nur die organisatorischen Dinge siehst, die zwar notwendig, aber zweitrangig sind… Und an dieser Stelle möchte ich – vergebt mir, wenn ich hier die Frauen etwas vorziehe – den geweihten Frauen für ihr Zeugnis danken: aber nicht allen, denn einige sind etwas hysterisch…! Ihr habt den Wunsch, immer an vorderster Front zu stehen. Warum? Weil ihr Mütter seid, habt ihr diese Mütterlichkeit der Kirche, die euch anderen nahe sein lässt.

Ich erinnere mich an ein Krankenhaus in Buenos Aires, das keine Ordensschwestern mehr hatte, weil nur noch einige wenige, betagte Schwestern da waren, und die Kongregation war fast am Ende … Denn die Ordensinstitute sind alle provisorisch: Der Herr wählt eines für eine gewisse Zeit aus, dann lässt er wieder ein anderes entstehen. Keines hat die Möglichkeit, für immer zu bleiben; es ist eine Gnade Gottes, und einige sind für jene Zeit bestimmt, das muss klar sein… Diese armen Schwestern waren recht betagt … Und dann hat man mir von einer Kongregation in Korea erzählt: die Schwestern der Heiligen Familie von Seoul. Durch einen koreanischen Priester sind am Ende drei dieser koreanischen Schwestern in das Krankenhaus in Buenos Aires gekommen, wo Spanisch gesprochen wurde. Und sie konnten genauso gut Spanisch wie ich Chinesisch: nämlich gar nicht. Am zweiten Tag sind sie in die Krankenzimmer, auf die Stationen gegangen. Sie sind auf die Krankenstationen gegangen, mit zärtlichen Gesten, mit einem Lächeln … Die Kranken haben gesagt: »Was sind das nur für nette Schwestern! Wie gut sie arbeiten! Wie herzlich sie sind!«. »Haben sie etwas zu dir gesagt?«. »Nein, nichts!«. Es war das Zeugnis eines brennenden Herzens. Es ist die Mütterlichkeit der Schwestern. Bitte verliert das nie!

Denn die Ordensschwester ist das Sinnbild der Mutter Kirche und der Mutter Maria. Und diese Funktion habt ihr in der Kirche tatsächlich: das Sinnbild der Kirche zu sein; das Sinnbild Marias; Sinnbild der Zärtlichkeit der Kirche, der Liebe der Kirche, der Mütterlichkeit der Kirche und der Mütterlichkeit der Muttergottes. Das dürft ihr nicht vergessen. Immer an vorderster Front, aber eben genau so. Außerdem ist die Kirche Braut Christi – und damit beende ich das Thema der Ordensschwestern – und die Schwestern sind Bräute Christi, und daraus nehmen sie all ihre Kraft, vor dem Tabernakel, vor dem Herrn, im Gebet mit ihrem Bräutigam, um seine Botschaft zu bringen.

Ich muss mich ein bisschen beeilen, denn heute gibt es viel zu tun! Du, Pierre, hast das ausgesprochen, was das Schlüsselwort ist: Jesus aus nächster Nähe nachfolgen; nah, Nähe; auf prophetische Weise. Davon habe ich gesprochen, von der Prophetie, als ich Sara geantwortet habe. Und ein anderes Wort, das im geweihten Leben eine Schlüsselfunktion hat: Erinnerung. Also Prophetie, Nähe, Erinnerung. Über die Prophetie habe ich schon gesprochen. Nähe. Nähe unter euch und zu den anderen. Nähe zum Volk Gottes.

Ein Arbeitskollege meines Vaters – viele sind nach dem spanischen Bürgerkrieg nach Argentinien gekommen, und sie waren antiklerikal gesinnt – hatte sich eine schlimme Infektion zugezogen und war sehr krank, voller Wunden, eine schlimme Krankheit. Auch seine Frau arbeitete, und sie hatten drei Kinder. Eine Kongregation, die »Petites Soeurs de l’Assomption«, eine von P. Pernet gegründete Gemeinschaft von Ordensfrauen, hörte davon. Ihre Arbeit… Nach dem Gebet gingen sie damals in die Häuser, wo Menschen unter Schwierigkeiten litten. Sie waren alle Krankenschwestern, kümmerten sich um die Kranken, brachten die Kinder zur Schule, erledigten den Haushalt und gingen dann um 4 Uhr nachmittags wieder nach Hause. Eine von ihnen ist also zu ihm gegangen – die Oberin, weil es ein besonders schwieriger Fall war. »Ich werde gehen«, hat sie gesagt. Stellt euch nur vor, was dieser Mann zu dieser Schwester gesagt hat: Er hat ihr die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf geworfen. Aber sie blieb ganz ruhig, machte ihre Arbeit; versorgte seine Wunden, brachte die Kinder zur Schule, machte das Essen. Und dann, nach einem Monat, wurde der Mann gesund, und konnte wieder zur Arbeit gehen. Ein paar Tage später kam er gerade mit drei oder vier Kollegen, die allesamt antiklerikal gesinnt waren, von der Arbeit.

Auf der Straße begegneten ihnen zwei Schwestern, und einer von ihnen begann sofort, sie zu beschimpfen. Da versetzte er ihm einen so heftigen Stoß, dass er zu Boden fiel, und fuhr ihn an: »Über die Priester und Gott kannst du sagen, was du willst, aber nicht gegen die Muttergottes und gegen die Schwestern!«. Stellt euch nur vor: Das sagt ein Atheist, ein antiklerikal gesinnter Mann! Und warum? Weil er die Mütterlichkeit der Kirche gesehen hat; weil er das Lächeln der Muttergottes gesehen hat in dieser geduldigen Schwester, die sich seiner annahm, ihm den Haushalt machte und seine Kinder in die Schule brachte. Vergesst das nie, Schwestern: ihr seid das Sinnbild der heiligen Mutter Kirche und der heiligen Mutter Maria. Das dürft ihr nicht vergessen. Und die Kirche dankt euch dafür; es ist ein schönes Zeugnis. Und das ist Nähe, seid den Menschen nahe, Nähe in den Schwierigkeiten, in den wahren Schwierigkeiten.

Das andere Schlüsselwort lautet: »Erinnerung«. Ich denke, dass Jakobus und Johannes niemals diese Begegnung mit Jesus vergessen haben. Und auch die Apostel nicht. Petrus: »Du bist Petrus«; Nikodemus; Nathanael… Die erste Begegnung mit Jesus. Die Erinnerung, die Erinnerung an die eigene Berufung. In den dunklen Augenblicken, den Augenblicken der Versuchung, in den schwierigen Augenblicken unseres geweihten Lebens müssen wir zu den Quellen zurückkehren. Uns an das Staunen erinnern, das wir empfunden haben, als uns der Herr angesehen hat. Der Herr hat mich angesehen… Erinnerung.

Und du hast mich gebeten, meine Erinnerung mit euch zu teilen, euch zu erzählen, wie er war, dieser erste Ruf am 21. September 1953. Aber ich weiß nicht, wie es war. Ich weiß, dass ich zufällig eine Kirche betreten habe, einen Beichtstuhl sah, und als ich wieder herauskam, irgendwie anders, ein anderer war. Das Leben hat sich dort verändert. Was mich an Jesus und am Evangelium fasziniert hat? Ich weiß es nicht… seine Nähe zu mir: Der Herr hat mich nie allein gelassen, auch in den schlimmsten und dunkelsten Momenten nicht, auch in den Momenten der Sünde nicht… Denn wir müssen auch das sagen: Wir sind alle Sünder. Und das sagen wir in der Theorie, nicht aber in der Praxis! Ich erinnere mich an meine Sünden, und ich schäme mich. Doch selbst in diesen Momenten hat mich der Herr nie allein gelassen. Und nicht nur mich, alle. Der Herr verlässt niemanden!

Und so habe ich die Berufung verspürt, Priester und Ordensmann zu werden. Den Priester, der mir an jenem Tag die Beichte abnahm, kannte ich nicht, er war zufällig dort, weil er Leukämie hatte, in Behandlung war. Ein Jahr später ist er gestorben. Danach hat mich ein Salesianer begleitet – ein Salesianer wie du – der Salesianer, der mich getauft hatte. Ich bin zu ihm gegangen, und er hat mich zu den Jesuiten geführt… Ökumenismus des Ordenslebens! Doch in den schlimmsten Augenblicken hat mir die Erinnerung an diese erste Begegnung sehr geholfen, weil der Herr uns immer endgültig begegnet. Der Herr gehört nicht zur Kultur der Vorläufigkeit: Er liebt uns für immer, er begleitet uns für immer.

Also: Nähe zu den Menschen, Nähe unter uns; Prophetie durch unser Zeugnis, mit brennendem Herzen, mit dem apostolischen Eifer, der die Herzen der anderen erwärmt, auch ohne Worte, wie bei jenen koreanischen Schwestern. Und Erinnerung: immer wieder zurückkehren. Und ich gebe euch einen Rat: Nehmt das Buch Deuteronomium zur Hand, wo Mose an sein Volk denkt, und dann denkt über euer Leben nach: »Als ich Sklave dort war, wie mich der Herr befreit hat, und wie…«. Das ist schön. Am Ende, beinahe am Ende des Buches lehrt er uns, wie man im Tempel das Opfer darbringen soll. Er sagt : »Mein Vater war ein heimatloser Aramäer ...«.

Lernen, dem Herrn über das eigene Leben zu berichten: »Ich war Sklave, Sklavin, und der Herr hat mich befreit, und deshalb komme ich und feiere ein Fest!«. Ein Fest feiern: Wenn du der Wunder gedenkst, die der Herr in deinem Leben gewirkt hat, dann hast du den Wunsch, ein Fest zu feiern, dann lachst du über das ganze Gesicht! Ein schönes Lachen, weil der Herr treu ist! Prophetie, Erinnerung, Nähe, ein brennendes Herz, apostolischer Eifer, die Kultur des Endgültigen, »Nein« zur Wegwerfkultur.

Und ich möchte mit zwei Dingen enden. Eines steht sinnbildlich für die schlechteste Haltung – ich weiß nicht, ob die schlechteste, aber sicher eine der schlechtesten Haltungen – von Ordensleuten: sein Spiegelbild zu bewundern, Narzissmus. Nehmt euch davor in acht. Wir leben in einer narzisstischen Kultur, neigen stets dazu, uns im Spiegel zu betrachten. »Nein« zum Narzissmus, zur Selbstbewunderung. Und »Ja« zum Gegenteil, zu dem, was vollkommen vom Narzissmus befreit: »Ja« zur Anbetung. Und ich glaube, dass dies einer der Punkte ist, an dem wir weitermachen müssen. Wir alle beten, danken dem Herrn, bitten ihn um etwas, loben den Herrn… Aber ich stelle die Frage: Beten wir den Herrn an? Du, Ordensmann oder Ordensfrau, bist du in der Lage, den Herrn anzubeten? Das Gebet der stillen Anbetung: »Du bist der Herr«. Das ist das Gegenteil der Bewunderung des eigenen Spiegelbilds, des Narzissmus. Anbetung: Mit diesem Wort möchte ich schließen. Seid Frauen und Männer der Anbetung. Und betet für mich. Danke.

 



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