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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 16. Juni 2004

 

Lesung: Psalm 46,2–3.5–6.10–11

2 Gott ist uns Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten.
3 Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres…
5 Die Wasser eines Stromes erquicken die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung.
6 Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken; Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht. 10 Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde.
11 »Laßt ab und erkennt, daß ich Gott bin, erhaben über die Völker, erhaben auf Erden.«

1. Wir haben soeben den ersten der sechs Hymnen an Zion gehört, die im Psalter enthalten sind (vgl. Ps 48; 76; 84; 87; 122). Psalm 46 preist wie die anderen ähnlichen Texte die Heilige Stadt Jerusalem, »die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung« (V. 5), drückt aber vor allem ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott aus, der »uns Zuflucht und Stärke, ein bewährter Helfer in allen Nöten« ist (V. 2; vgl. V. 8 und 12). Der Psalm ruft die schwersten Verwüstungen in Erinnerung, um mit besonderem Nachdruck Gottes siegreiches Eingreifen zu bekräftigen, das volle Sicherheit gibt. Aufgrund von Gottes Gegenwart in ihr wird Jerusalem »niemals wanken; Gott hilft ihr« (V. 6).

Wir denken an den Spruch des Propheten Zefanja, der mit folgenden Worten sich an Jerusalem wendet: »Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! […] Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag« (Zef 3,14.17–18).

2. Psalm 46 wird in zwei Teile untergliedert durch eine Art Antiphon, die in den Versen 8 und 12 erklingt: »Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsre Burg.« Der Titel »Herr der Heerscharen« ist typisch für den jüdischen Gottesdienst im Tempel von Zion und verweist trotz des kriegerischen Aspekts, der mit der Bundeslade verknüpft ist, auf Gottes Herrschaft über den ganzen Kosmos und über die Geschichte.

Dieser Titel ist deshalb Quelle der Zuversicht, weil die ganze Welt und alle ihre Geschehnisse der höchsten Leitung des Herrn unterstehen. Dieser Herr ist also »mit uns«, wie es in der Antiphon heißt unter einer impliziten Bezugnahme auf den Immanuel, den »Gott-mit-uns« (vgl. Jes 7,14; Mt 1,23).

3. Der erste Teil des Hymnus (vgl. Ps 46,2–7) handelt vom Symbol des Wassers und nimmt eine doppelte, gegensätzliche Bedeutung an. Einerseits entfesseln sich die stürmischen Wasser, die in der biblischen Sprache das Symbol der Verwüstungen, des Chaos und des Bösen sind. Sie erschüttern die Grundfesten des Daseins und des Universums, die von den Bergen symbolisiert werden, die vor einer anbrechenden zerstörerischen Sintflut erbeben (vgl. V. 3–4). Da sind aber anderseits die heilsamen Wasser von Zion, einer Stadt in unwirtlichen Bergen, die aber »die Wasser eines Stromes erquicken« (V. 5). Der Psalmist, der auch auf die Wasser von Schiloach anspielt (vgl. Jes 8,6–7), sieht in ihnen ein Zeichen für das Leben, das in der heiligen Stadt erblüht, für ihre geistige Fruchtbarkeit und für ihre erneuernde Kraft.

Trotz der geschichtlichen Umwälzungen, bei denen die Völker toben und Reiche wanken (vgl. Ps 46,7), findet der Gläubige auf Zion Frieden und Gelassenheit, die aus der Gemeinschaft mit Gott erwachsen.

4. Der zweite Teil des Psalms (vgl. V. 9–11) kann so eine verklärte Welt skizzieren. Von seinem Thron auf Zion aus greift der Herr selbst mit äußerster Entschiedenheit in die Kriege ein und stellt den Frieden her, den alle ersehnen. Wenn wir Vers 10 unseres Hymnus lesen: »Er setzt den Kriegen ein Ende bis an die Grenzen der Erde; er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde«, denken wir unwillkürlich an Jesaja.

Auch der Prophet hat das Ende der Aufrüstung und die Verwandlung der todbringenden Kriegswaffen in Werkzeuge für die Entwicklung der Völker besungen: »Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg« (Jes 2,4).

5. Die christliche Tradition hat mit diesem Psalm Christus gepriesen, der »unser Friede« ist (vgl. Eph 2.14) und unser Befreier vom Bösen durch seinen Tod und seine Auferstehung. Beeindruckend ist der christologische Kommentar des hl. Ambrosius zum 6. Vers von Psalm 46, wo die Rede ist von der Hilfe des Herrn für die Stadt, »wenn der Morgen anbricht«. Der bekannte Kirchenvater sieht darin eine prophetische Anspielung auf die Auferstehung.

»Denn« – so sagt er – »die Auferstehung am Morgen verschafft uns den Beistand und die Hilfe des Himmels; sie hat die Nacht verdrängt, sie hat uns den Tag gebracht, wie es in der Heiligen Schrift heißt: ›Wach auf und erhebe dich, steh auf von den Toten! Und das Licht Christi wird dir leuchten.‹ Beachte den mystischen Sinn! Am Abend ist das Leiden Christi vollendet … Am Morgen die Auferstehung … Am Abend der Welt, wenn das Licht erlischt, wird er getötet, denn diese Welt war ganz in Finsternis gehüllt, und sie wäre in den Schrecken noch schwärzerer Finsternis eingetaucht worden, wenn nicht Christus, das Licht der Ewigkeit, vom Himmel zu uns herabgekommen wäre, um dem Menschengeschlecht die Zeit der Unschuld zurückzubringen. Der Herr Jesus hat also gelitten und unsere Sünden mit seinem Blut getilgt; erstrahlt ist das Licht eines klareren Bewußtseins, und der helle Tag einer geistlichen Gnade bricht an« (Commento a dodici Salmi: SAEMO, VIII, Milano/Roma 1980, S. 213).


Psalm 46 ist ein Hymnus auf die „Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung. Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken" (V. 5-6). Der Beter lobt mit diesen Worten Gott als die Zuflucht und Stärke der Gläubigen. Die Gegenwart des Herrn schützt die heilige Stadt vor drohenden Gefahren.

Friede und Freude erwachsen uns aus einem Leben in Gemeinschaft mit Gott. „Der Herr der Heerscharen ist mit uns" (V. 4.8.12). Seine Herrschaft erstreckt sich über Raum und Zeit. Der Herr der Geschichte ist der Quell unseres Vertrauens und bringt den ersehnten Frieden. Mit der Kirche preisen wir daher in Psalm 46 Jesus Christus selbst. Er ist unser Friede und unser Befreier vom Bösen durch seinen Tod und seine Auferstehung.

***

Frohen Herzens heiße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher willkommen. Gott schenkt uns seine Gegenwart. Jesus Christus ist der „Immanuel", der „Gott mit uns". Sein göttliches Herz ist der Ursprung des wahren Friedens. Vertraut euch stets der Barmherzigkeit Gottes an! Der Herr führe euch auf den Wegen seiner Gnade!

  



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