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BEGEGNUNG VON BENEDIKT XVI.
MIT PRIESTERN, DIAKONEN UND SEMINARISTEN AUS SÜDTIROL

Mittwoch, 6. August 2008

 

Worte von Msgr. Wilhelm Egger, Bischof von Brixen

Heiliger Vater, im Namen der anwesenden Priester und Diakone begrüße ich Sie recht herzlich. Heiliger Vater, an jedem Mittwoch halten Sie eine Katechese für die Gläubigen. Wir danken Ihnen, daß Sie heute, am Fest der Verklärung Christi, für uns Priester – Diözesan- und Ordenspriester – eine Katechese halten, in der Sie dann auch auf unsere Fragen eingehen.

Der Hl. Vater:

Lieber Bischof Egger, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, ich möchte dem lieben Bischof Egger meinen herzlichen Dank sagen, daß er es ermöglicht hat, daß ich an diesem schönen Festtag, der Verklärung Christi, mit Ihnen allen in der Kathedrale von Brixen zusammensein darf, in der auch ein Altar der Verklärung Christi steht. Ich denke, es ist nun so, als dürften wir in diesem herrlichen Dom, mit dieser schönen Musik und unserem Miteinandersein doch so etwas von »Tabor« erleben, etwas von dem Glanz Christi sehen, der von seinem Antlitz leuchtet, wenn wir auch hernach wieder wie die Apostel hinuntersteigen müssen in die Täler unserer täglichen Sorgen. Aber wir bitten ihn doch, daß von solchen Stunden, besonders von der täglichen Eucharistiefeier, etwas von seinem Leuchten in unserer Seele bleibt, uns hilft, uns durch die Tage hindurchführt und uns schenkt, auch den anderen Licht von Christus weitergeben zu dürfen.

Der HI. Vater hat alle eingereichten Fragen erhalten und antwortet nun auf einige der Ihm gestellten Fragen.

Fragen, die dem HI. Vater vorgetragen werden

Michael Horrer, Seminarist
Heiliger Vater, ich heiße Michael Horrer und bin Seminarist. Auf dem XXIII. Weltjugendtag in Sydney in Australien, an dem ich mit anderen Jugendlichen aus unserer Diözese teilgenommen habe, haben Sie vor den über 400.000 Jugendlichen immer wieder auf das Wirken des Heiligen Geistes in uns Jugendlichen und in der Kirche hingewiesen. Das Thema lautete: »lhr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein« (Apg 1,8).
Nun sind wir Jugendlichen – wieder gestärkt mit dem Heiligen Geist und Ihren Worten – zurückgekehrt in unsere Heimat, in unsere Diözese und in unseren Alltag.
Heiliger Vater, wie können wir nun hier in unserem Land, konkret in unserem Alltag, die Gaben des Heiligen Geistes leben und anderen erfahrbar machen, daß auch unsere Verwandten, Freunde und Bekannten und unsere Mitmenschen die Kraft des Heiligen Geistes spüren und erfahren und wir den Auftrag als Zeugen Christi wahrnehmen können? Was raten Sie, damit unsere Diözese trotz des Älterwerdens des Klerus jung bleibt und für das Wirken des Geistes Gottes, der die Kirche leitet, offen bleibt?

Der Hl. Vater:

Vielen Dank für diese Frage. Ich freue mich, einen Seminaristen, einen Priesterkandidaten dieser Diözese zu sehen in dem ich sozusagen das junge Gesicht der Diözese erblicken kann, und freue mich, daß Sie mit anderen in Sydney gewesen sind wo, wir in einem großen Fest des Glaubens miteinander gerade das Jungsein der Kirche erlebt haben. Es war für die Menschen in Australien auch eine große Erfahrung. Sie waren vorher diesem Weltjugendtag mit großer Skepsis entgegengestanden, weil er natürlich viele Behinderungen im Alltag mit sich brachte, viele Unannehmlichkeiten, was den Verkehr und so weiter angeht. Aber am Schluß – so haben wir auch aus den Medien gesehen, deren Vorurteile Stück um Stück abgebröckelt sind – waren sie alle mit ergriffen von dieser Atmosphäre der Freude und des Glaubens; daß junge Menschen kommen und keine Sicherheitsprobleme schaffen oder sonstige Probleme, sondern in Freude miteinander sind. Sie haben gesehen, daß der Glaube auch heute eine gegenwärtige Kraft ist und daß er eine Kraft ist, der die Menschen richtig orientiert, sodaß wir einen Augenblick wirklich sozusagen das Wehen des Heiligen Geistes gespürt haben, der Vorurteile wegfegt, der den Menschen sichtbar macht, ja, hier ist das, was uns angeht, hier ist die Richtung in der wir gehen sollen, so kann man leben, so öffnet sich Zukunft.

Nun, sie haben es mit Recht gesagt, es war ein großer Augenblick, von dem wir sozusagen eine Flamme mit nach Hause tragen. Aber im Alltag ist es viel mühsamer, das Wirken des Heiligen Geistes gegenwärtig zu fühlen oder selber gar Instrument zu sein, damit er da sein kann, damit so ein Wehen geschieht, das Vorurteile der Zeit wegfegt, das in Dunkelheiten Helligkeit schafft und spüren lasst, der Glaube hat nicht nur Zukunft, er ist die Zukunft. Wie sollen wir das machen? Nun, allein können wir es natürlich nicht. Am Ende ist es der Herr, der uns dazu hilft, aber wir müssen doch bereite Werkzeuge sein. Ich würde einfach sagen: Niemand kann etwas geben, was er nicht selber hat, das heißt, wir können den Heiligen Geist nicht wirksam weitergeben, spürbar werden lassen, wenn wir nicht selber in seiner Nähe sind. Und so, denke ich, ist das Erste was wichtig ist, daß wir selber sozusagen im Atemraum des Heiligen Geistes bleiben, in Berührung mit ihm sind. Nur wenn wir von ihm selber inwendig immer wieder neu angerührt werden, wenn er in uns Gegenwart hat und da ist, dann können wir ihn auch weitergeben, dann gibt er uns auch die Phantasie und die schöpferischen Ideen, wie man das machen kann; Ideen, die man nicht vorplanen kann, sondern die in der Situation entstehen, weil hier der Heilige Geist wirkt. Punkt eins also: Selber im Atemraum des Heiligen Geistes bleiben.

Das Johannesevangelium erzählt uns, wie der Herr nach der Auferstehung zu den Jüngern kommt, sie anhaucht und sagt: "Empfangt den Heiligen Geist". Es ist eine Parallele zur Schöpfungsgeschichte, wo Gott den Lehm anhaucht und der Lehm lebendig und Mensch wird. Nun wird der Mensch, der inwendig verdunkelt und halb tot ist, neu angehaucht von Christus, und es ist der Hauch Gottes, der ihm eine neue Dimension vom Leben, das Leben mit dem Heiligen Geist gibt. Wir können also geradezu sagen: Der Heilige Geist ist der Atem Jesu Christi, und wir müssen uns von Christus sozusagen immer wieder neu beatmen lassen, damit in uns dieser neue Atem lebendig wird und kraftvoll wird und in die Welt hineinwirkt. Das würde also bedeuten, daß wir in der Nähe Christi sein müssen. Wir tun es, indem wir mit seinem Wort umgehen. Wir wissen ja, der Heilige Geist ist der Hauptverfasser der Heiligen Schrift. Wenn wir in ihr mit Gott reden, nicht nur Vergangenheit in ihr suchen, sondern in ihr wirklich den gegenwärtig redenden Gott, dann wandern wir – wie ich in Australien gesagt habe – gleichsam im Garten des Heiligen Geistes, dann reden wir mit ihm, redet er mit uns. In diesem Raum zu Hause werden, im Raum des Wortes Gottes, ist etwas sehr Wichtiges, das uns sozusagen in diesen Atem Gottes hineinführt. Und dann, natürlich, muß aus diesem Zuhören, dem Wandern im Wort Gottes, ein Antworten werden, das Antworten im Gebet, in der Berührung mit Christus. Und natürlich besonders im Heiligen Sakrament der Eucharistie, in dem Er auf uns zugeht und in uns eintritt, sich gleichsam mit uns verschmilzt. Aber auch das Sakrament der Buße, in dem wir uns immer wieder reinigen lassen, die Dunkelheiten herauswaschen lassen, die der Alltag in uns hinterläßt.

Kurzum, ein Leben mit Christus im Heiligen Geist, im Wort Gottes, und in der Gemeinschaft der Kirche, in ihrer lebendigen Gemeinschaft. Der Heilige Augustinus hat gesagt: "Willst Du den Geist Gottes haben, dann sei im Leib Christi". Im mystischen Leib Christi ist der Raum seines Geistes.

All das sollte also sozusagen unseren Tageslauf bestimmen, daß es ein strukturierter Tag ist, ein Tag, in dem immer wieder Gott Einlaß findet in uns, in dem immer wieder die Berührung mit Christus stattfindet, in dem wir auf solche Weise immer wieder vom Heiligen Geist beatmet werden. Wenn wir das tun, wenn wir dazu nicht zu faul, zu undiszipliniert oder sonst zu träge sind, dann geschieht etwas an uns, dann nimmt der Tag Gestalt an, und dann nimmt unser eigenes Leben darin Gestalt an, das leuchtet dann auch aus uns heraus, ohne daß wir viel überlegen müssen und sozusagen "propagandistisch" tätig werden müssen: Es kommt von selbst, weil es unser eigenes Inneres ist.

Und dazu würde ich dann als zweite, aber damit logisch verbundene Dimension, hinzufügen: Wenn wir mit Christus leben, machen wir auch die menschlichen Dinge recht. Der Glaube ist ja nicht nur das Übernatürliche, sondern er baut den Menschen wieder zum Menschen, wie diese Parallele zwischen der Schöpfungsgeschichte und Johannes 20 zeigt; er baut gerade auf die natürlichen Tugenden: Die Redlichkeit, die Freudigkeit, die Bereitschaft den andern anzuhören, die Fähigkeit zu verzeihen, die Großzügigkeit, die Güte, die Herzlichkeit miteinander. Diese menschlichen Tugenden sind Ausweis dessen, daß der Glaube wirklich da ist, daß wir wirklich mit Christus sind. Und darauf, glaube ich, sollten wir auch an uns selber sehr achten, daß wir die einfache Menschlichkeit in uns reifen lassen, daß Glaube Menschwerdung ist, Menschlichkeit ist, daß wir die menschlichen Dinge auch des Berufes richtig und gut tun in der Rücksicht auf den anderen, in der Sorge um den anderen, in der wir am besten auch für uns selber sorgen: Gerade indem wir für den anderen da sind, sind wir am besten für uns selber da. Und daraus wachsen dann die entsprechenden Initiativen, die man nicht vorplanen kann: Gebetsgemeinschaften, Gemeinschaften, die miteinander die Bibel lesen, oder eben auch tätige Hilfe für Menschen, die in Not sind, die ihrer bedürfen, die am Rand des Lebens stehen, Kranke, Behinderte, und so vieles … Da gehen uns dann die Augen auf, daß wir sehen, wofür ich geeignet bin, daß ich in entsprechende Initiativen eintrete, anderen Mut dazu gebe. Und gerade diese menschlichen Dinge stärken dann, berühren uns irgendwo wieder mit dem Geiste Gottes.

Mir hat der Großmeister des Malteserordens in Rom erzählt, an Weihnachten sei er mit jungen Leuten zum Bahnhof gegangen, um den verwahrlosten Menschen dort zu helfen, ihnen ein Stück Weihnachten zu geben. Er selbst hat sich dann zurückgezogen und dabei gehört, wie einer der Jugendlichen zu einem anderen sagte: "Das ist viel schöner, als wenn ich in der Disko bin. Hier ist es wirklich schön, weil ich etwas für die anderen tun kann!". Solche Initiativen entbindet der Heilige Geist in uns. Ohne viele Worte lassen sie die Kraft des Geistes spüren, und es wird Wachheit für Christus geschenkt.

Ja, ich hab’ jetzt vielleicht wenig Konkretes gesagt, aber ich denke doch, das Wichtige ist, daß wir zunächst selber auf den Heiligen Geist zu leben, indem wir im Raum des Geistes, im Leib Christi leben, daß wir von daher Vermenschlichung erfahren, die menschlichen einfachen Tugenden pflegen und so lernen, gut zu sein, im weitesten Sinn des Wortes, und damit für Initiativen des Guten einen Sinn gewinnen, die dann von selbst auch missionarische Kraft entwickeln und sozusagen den Punkt herbeiführen, an dem es sinnvoll wird und verständlich wird, von Christus und von unserem Glauben zu reden.

P. Willibald Hopfgartner, OFM
Heiliger Vater, ich hei$e Willibald Hopfgartner, bin Franziskaner und bin in der Schule und in verschiedenen Aufgaben der Ordensleitung tätig. Sie haben in Ihrer Regensburger Rede den wesentlichen Zusammenhang zwischen dem göttlichen Geist und der menschlichen Vernunft hervorgehoben. Andererseits haben Sie immer wieder auch die Bedeutung der Kunst und Schönheit, der Ästhetik, hervorgehoben. Müsste also neben der begrifflichen Rede von Gott (in der Theologie) nicht auch die ästhetische Erfahrung des Glaubens immer wieder neu thematisiert werden im Rahmen der Kirche, für Verkündigung und Liturgie?

Der Hl. Vater:

Danke. Ja – ich glaube, daß beides zueinander gehört: Die Vernunft, die Genauigkeit, die Redlichkeit des Nachdenkens über die Wirklichkeit, und die Schönheit. Eine Vernunft, die sozusagen das Schöne abstreifen würde, wäre eine halbierte, eine erblindete Vernunft. Nur beides miteinander gibt das Ganze, und grade für den Glauben ist dieses Miteinander wichtig. Er muß sich immer wieder den Herausforderungen des Denkens dieser Zeit stellen, damit er nicht als irgendeine irrationale Geschichte erscheint, die wir halt weiterführen, sondern wirklich Antwort auf die großen Fragen ist; damit er nicht nur Gewohnheit ist, sondern Wahrheit – wie Tertullian einmal gesagt hat. Es hatte der heilige Petrus in seinem Ersten Brief den Satz geschrieben, den die mittelalterlichen Theologen sozusagen als Legitimation, ja als Auftrag zur theologischen Arbeit angesehen haben: "Seid jederzeit bereit, Rechenschaft zu geben von dem Sinn der Hoffnung, die in euch ist" – Apologia von dem Logos der Hoffnung: den Logos, die Vernunft der Hoffnung in Apologie, in Antwort an die Menschen zu verwandeln. Er war also offensichtlich überzeugt, daß der Glaube Logos ist, daß er eine Vernunft ist, ja, ein Licht von der schöpferischen Vernunft selbst her, und nicht irgendein schönes Miteinander, das wir uns ausgedacht haben. Und deswegen ist er ja auch universal, deswegen ist er kommunikabel für alle.

Aber dieser schöpferische Logos ist eben nicht bloß technischer Logos – wir werden in einer anderen Frage darauf zurückkommen –, sondern er ist weit, er ist eben ein Logos, der Liebe ist und daher ein solcher, der sich in der Schönheit und in der Güte ausdrückt. Und in der Tat, ich habe einmal gesagt, daß für mich die Kunst und die Heiligen die größte Apologie unseres Glaubens sind. Die Vernunftargumente sind absolut wichtig und unentbehrlich, aber irgendwo bleibt dann immer noch ein Streit. Doch wenn man die Heiligen sieht, diese große Lichtspur, die Gott durch die Geschichte gezogen hat, dann sieht man: Da ist wirklich eine Kraft des Guten, die die Jahrtausende hindurch hält, da ist wirklich das Licht vom Lichte gegenwärtig. Und ebenso, wenn wir die Schönheit sehen, die der Glaube geschaffen hat, sind sie einfach – ich würde sagen – ein lebendiger Beweis des Glaubens. Wenn ich diese schöne Kathedrale ansehe – sie ist doch eine lebendige Verkündigung! Sie selber spricht zu uns, und aus der Schönheit der Kathedrale heraus können wir Gott, Christus und alle seine Geheimnisse gleichsam anschaulich verkündigen: Hier sind sie Gestalt geworden und blicken uns an. All die großen Kunstwerke, die Kathedralen – die gotischen Kathedralen wie die herrlichen barocken Kirchen – sie alle sind Leuchtzeichen Gottes und insofern wirklich Erscheinung, Epiphanie Gottes. Und im Christentum geht es ja gerade um diese Epiphanie: daß Gott der verborgene Epiphan geworden ist – erscheint und leuchtet. Wir haben vorhin die Orgel in ihrem ganzen Glanz gehört, und ich denke, die große Musik, die in der Kirche entstanden ist, ist auch ein wirkliches Hörbar- und Vernehmbarwerden der Wahrheit unseres Glaubens: Von der Gregorianik zur Musik der Kathedralen hin zu Palestrina und seiner Zeit, hin zu Bach und schließlich zu Mozart und zu Bruckner und so fort … Wenn wir diese Werke hören – die Passionen von Bach, seine H-Moll-Messe und die großen geistlichen Kompositionen, sei es die Poliphonie des XVI. Jahrhunderts, sei es die Wiener Schule, sei es die ganze, auch von kleineren Meistern geschaffene Musik – spüren wir plötzlich: Das ist wahr! Wo solches entsteht, da ist Wahrheit da. Ohne einen Grund, der wirklich die schöpferische Mitte der Welt aufdeckt, kann solche Schönheit nicht entstehen. Deswegen, denke ich, sollten wir also immer beides beieinander halten und zueinander bringen. Wenn wir um die Vernünftigkeit des Glaubens streiten, in dieser Zeit, dann streiten wir gerade darum, daß die Vernunft nicht endet, wo die experimentellen Erkenntnisse enden, daß sie nicht im Positivistischen endet; daß die Theorie der Evolution Wahrheit sieht, aber nur die halbe: daß sie nicht sieht, wie dahinter der schöpferische Geist steht. Wir kämpfen um die Ausweitung der Vernunft und so um eine Vernunft, die eben auch dem Schönen geöffnet ist und es nicht als irgend etwas ganz anderes und unvernünftiges beiseite lassen muß. Die christliche Kunst ist rationale Kunst – man denke an die Kunst der Gotik oder an die große Musik oder eben auch an unsere Barock-Kunst –, aber sie ist künstlerischer Ausdruck einer weit gewordenen Ratio, in der Vernunft und Herz sich miteinander berühren. Und darum geht es. Das, denke ich, ist irgendwie der Wahrheitsbeweis des Christentums: daß Vernunft und Herz zueinander finden, daß Schönheit und Wahrheit einander berühren. Und je mehr wir selber aus der Schönheit der Wahrheit leben, desto mehr wird der Glaube auch in unserer Zeit wieder kreativ werden und sich in einer überzeugenden künstlerischen Gestalt ausdrücken können.

Also, lieber Pater Hopfgartner, danke für die Frage! Bemühen wir uns darum, daß beide Kategorien – die ästhetische und die noetische – beieinander sind und daß in dieser großen Weite sich die Ganzheit und die Tiefe unseres Glaubens zeigt.

Willi Fusaro
Heiliger Vater, ich heiße Don Willi Fusaro, bin 42 Jahre alt, und ich bin seit dem Jahr meiner Priesterweihe krank. Im Juni 1991 wurde ich geweiht und im September desselben Jahres wurde mir die Diagnose Multiple Sklerose gestellt. Ich bin als Seelsorger in der Pfarrei »Corpus Domini« in Bozen tätig. Stark beeindruckt hat mich die Gestalt Johannes Pauls II., vor allem in den letzten Jahren seines Pontifikats, als er vor der ganzen Welt mit Mut und Demut seine menschliche Schwachheit ertrug. Welche Worte können Sie – angesichts Ihrer Nähe zu ihrem geliebten Vorgänger und aufgrund Ihrer persönlichen Erfahrung – mir und uns allen sagen, um den Priestern, den alten Menschen und den Kranken dabei zu helfen, ihren priesterlichen Dienst im Presbyterium und in der christlichen Gemeinschaft gut und fruchtbringend zu leben? Danke!

Der Hl. Vater:

Danke, Hochwürden. Nun, auch ich würde sagen, daß für mich die beiden Abschnitte des Pontifikats von Papst Johannes Paul II. gleichermaßen bedeutend sind. Der erste Abschnitt, in dem wir ihn als Giganten des Glaubens erlebt haben: mit unglaublichem Mut, außergewöhnlicher Kraft, wahrer Freude am Glauben und großer Weitsicht hat er die Botschaft des Evangeliums bis an die Enden der Erde getragen. Er hat mit allen gesprochen, hat neue Wege eröffnet mit den kirchlichen Bewegungen, durch den interreligiösen Dialog, die ökumenischen Treffen, das vertiefte Hören des Wortes Gottes, ja eigentlich durch alles … und nicht zuletzt durch seine Liebe zur heiligen Liturgie. Wir können in der Tat sagen, daß er durch seinen Glauben zwar nicht die Mauern von Jericho, aber die Mauern zwischen zwei Welten eingerissen hat. Dieses Zeugnis bleibt unvergeßlich und strahlt sein Licht auf das neue Jahrtausend aus.

Ich muß allerdings anmerken, daß auch für mich die letzten Jahre seines Pontifikats nicht weniger bedeutend waren gerade aufgrund dieses demütigen Zeugnisses seines Leidens. Er hat vor unseren Augen das Kreuz des Herrn getragen und hat so das Wort des Herrn verwirklicht: »Folgt mir nach, indem ihr mit mir und so wie ich das Kreuz tragt!« Welche Demut, welche Geduld, mit der er den Verfall seines Körpers und die zunehmende Unfähigkeit zu sprechen angenommen hat – er, der doch ein Meister des Wortes war! Auf diese Weise hat er, wie mir scheint, die tiefe Wahrheit sichtbar gemacht, daß der Herr uns durch sein Kreuz erlöst hat, durch sein Leiden als äußersten Akt seiner Liebe. Er hat uns gezeigt, daß das Leid nicht bloß ein Nein, etwas Negatives ist, nicht das Fehlen von etwas, sondern eine positive Wirklichkeit. Das Leid, das wir in Liebe zu Christus und in Liebe zu Gott und den anderen annehmen, ist eine heilbringende Kraft, eine Kraft der Liebe, und es ist nicht weniger machtvoll als die großen Taten, die er im ersten Abschnitt seines Pontifikats vollbracht hat. Er hat uns eine neue Liebe zu den Leidenden vermittelt und uns aufgezeigt, was es heißt, daß wir »im Kreuz und durch das Kreuz gerettet wurden«. Auch im Leben des Herrn lassen sich diese beiden Aspekte feststellen. Im ersten Abschnitt, wo er die Freude des Reiches Gottes verkündet und den Menschen seine Gaben überbringt, und dann im zweiten Abschnitt, wo er eintaucht in die Passion bis hin zu seinem letzten Schrei am Kreuz. Auf diese Weise hat er uns gelehrt, wer Gott ist: daß Gott die Liebe ist und daß er uns durch die Annahme unseres menschlichen Leides an die Hand nimmt. Er nimmt uns so in seine Liebe hinein, und allein die Liebe ist das Bad der Erlösung, der Reinigung und der Wiedergeburt.

Es scheint mir daher, daß wir alle – in einer Welt, die voll ist von Aktivismus und Jugendlichkeit, von Jung-, Stark- und Schönsein, vom Streben, große Dinge zu tun – die Wahrheit über die Liebe lernen müssen, die das Leid auf sich nimmt und die auf eben diese Weise den Menschen erlöst und ihn vereint mit Gott, der die Liebe ist. Ich möchte daher allen danken, die das Leid annehmen und mit dem Herrn leiden. Und ich möchte uns alle ermutigen, ein offenes Herz für die Leidenden und für die alten Menschen zu haben, und zu erkennen, daß gerade ihr Leid eine Quelle der Erneuerung für die Menschheit ist, daß es in uns Liebe erweckt und uns mit dem Herrn vereint. Doch letztlich fällt das Leiden immer schwer. Ich erinnere mich an die Schwester von Kardinal Mayer: Sie war sehr krank, und als sie ungeduldig wurde, sagte er ihr: »Schau, jetzt bist du mit dem Herrn.« Und sie gab zur Antwort: »Du hast leicht reden, du bist ja gesund, aber ich muß leiden.« Es ist wahr, in echtem Leid fällt es immer schwer, sich wirklich mit dem Herrn zu verbinden und in dieser Bereitschaft zur Einheit mit dem leidenden Herrn zu bleiben. Laßt uns daher für alle Leidenden beten und alles in unserer Macht Stehende tun, um ihnen zu helfen. Zeigen wir ihnen unsere Dankbarkeit für ihr Leiden und stehen wir ihnen so weit wie möglich bei mit jenem großen Respekt vor dem menschlichen Leben und gerade vor dem leiderfüllten Leben bis zum Ende. Dies ist eine grundlegende Botschaft des Christentums, die in der Theologie des Kreuzes wurzelt: in Schmerz und Leid ist die Liebe Christi gegenwärtig, und Schmerz und Leid fordern uns heraus, uns mit seinem Leiden zu vereinen. Wir dürfen die Leidenden nicht nur mit Worten lieben, sondern mit unserem ganzen Tun und Engagement. Mir scheint, daß wir nur so wirkliche Christen sind. In meiner Enzyklika Spe salvi habe ich geschrieben, daß die Fähigkeit, das Leid und die Leidenden anzunehmen, Maßstab der Menschlichkeit ist, die wir in uns tragen. Wo diese Fähigkeit fehlt, wird der Mensch verkürzt und eingeschränkt. Laßt uns daher den Herrn bitten, er möge uns in unserem Leid helfen und uns dazu führen, allen Leidenden dieser Welt nahe zu sein.

Karl Golser
Heiliger Vater! Ich hei$e Karl Golser, bin Professor der Moraltheologie hier in Brixen und auch Direktor des Instituts für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung; auch Kanoniker. Ich erinnere mich sehr gern an die Zeit, wo ich auch mit Ihnen in der Glaubenskongregation arbeiten konnte.
Wie Sie wissen, hat die katholische Kirche die Geschichte und die Kultur in unserem Lande nachhaltig geprägt. Heute aber haben wir manchmal den Eindruck, als ob wir als Kirche uns in die Sakristei zurückgezogen hätten. Die Äu$erungen des päpstlichen Lehramts zu den gro$en gesellschaftlichen Fragen finden auf der Ebene der kirchlichen Gemeinden und Gemeinschaften nicht das entsprechende Gehör.
Hier in Südtirol wird zum Bespiel von Behörden und verschiedenen Verbänden gro$e Aufmerksamkeit auf das Umweltproblem und speziell auf den Klimawandel gelenkt: Themen sind der Gletscherschwund, Bergrutsche, Probleme mit den Energiepreisen, Verkehr und Luftverschmutzung. Vieles wird zum Umweltschutz angeregt und unternommen.
Im durchschnittlichen Bewußtsein unserer Christen hat dies alles aber wenig mit dem Glauben zu tun. Was können wir tun, um die Schöpfungsverantwortung mehr in das Leben der christlichen Gemeinden hineinzutragen? Wie können wir Schöpfung und Erlösung wieder mehr zusammen sehen? Wie können wir christliche Lebensstile vorleben, die nachhaltig sind? Wie können wir sie mit einer Lebensqualität verbinden, die anziehend ist für alle Menschen unserer Erde?

Der Hl. Vater:

Vielen Dank, lieber Professor Golser: Sie könnten sicher viel besser darauf antworten als ich, aber ich versuche trotzdem, etwas zu sagen. Ja, Sie haben den Punkt Schöpfung und Erlösung angesprochen, und mir scheint, daß diese unlösliche Verbindung wieder stärker in Erscheinung treten muß. Die Schöpfungslehre war in den letzten Jahrzehnten in der Theologie fast verstummt und kaum noch spürbar. Jetzt bemerken wir die Schäden, die daraus resultieren. Der Erlöser ist der Schöpfer, und wenn wir Gott nicht in dieser ganzen Größe verkünden – Schöpfer und Erlöser –, dann reduzieren wir auch die Erlösung. Denn wenn Gott in der Schöpfung nichts zu sagen hat, wenn er nur irgendwie in einem Bereich der Geschichte anwesend ist, wie soll er dann wirklich unser ganzes Leben umfassen? Wie soll er dann wirklich Heil für den Menschen als Ganzen und für die Welt in ihrer Ganzheit geben können? Deswegen ist eine Erneuerung der Schöpfungslehre und ein neues Verstehen der Untrennbarkeit von Schöpfung und Erlösung für mich von größter Bedeutung. Wir müssen wieder neu erkennen: Er ist der Creator Spiritus, die Vernunft, die am Anfang steht und aus der alles kommt und von der unsere Vernunft ein Funke ist. Und Er ist es – der Schöpfer selbst –, der auch in die Geschichte hereingetreten ist und in sie hereintreten, in ihr wirken kann, eben weil er der Gott des Ganzen und nicht nur eines Teiles ist. Wenn wir das erkennen, dann wird klar, daß Erlösung, daß Christsein, daß ganz einfach christlicher Glaube immer auch Schöpfungsverantwortung bedeutet. Nun ist ja vor zwei, drei Jahrzehnten der Vorwurf erhoben worden – ich weiß nicht, wie weit er noch besteht –, daß eigentlich die Christen die Verantwortlichen für die Zerstörung der Schöpfung seien, denn das Wort der Genesis – "Macht euch die Erde untertan" – habe zu jener Arroganz gegenüber der Schöpfung geführt, deren Auswirkungen wir heute spüren. Ich glaube, diesen Vorwurf müssen wir in seiner ganzen Falschheit neu durchschauen lernen: Solange die Welt als Schöpfung Gottes begriffen wurde, ist auch der Auftrag, sie "untertan" zu machen, nicht als Auftrag der Versklavung der Schöpfung verstanden worden, sondern als Auftrag, Hüter der Schöpfung zu sein und in ihr ihre Gaben zu entfalten; am Werk Gottes, an der Evolution, die er in die Welt hineingelegt hat, selbst tätig mitzuarbeiten, und zwar so, daß die Gaben der Schöpfung selbst zur Geltung kommen und nicht unterdrückt und zerstört werden.

Wenn wir anschauen, was im Umkreis der Mönchsklöster gewachsen ist, wie dort sozusagen kleine Paradiese, Oasen der Schöpfung entstanden sind und noch entstehen, dann wird sichtbar, daß dies nicht nur Worte sind, sondern wo das Wort vom Schöpfer richtig verstanden worden ist, wo Leben mit dem erlösenden Schöpfer da war, da hat man sich gemüht, die Schöpfung zu erlösen und nicht sie zu zerstören. Und in diesen Zusammenhang gehört ja Römer 8 herein, wo gesagt wird, daß die Schöpfung leidet und stöhnt unter der Unterworfenheit, in der sie sich befindet, und daß sie auf das Auftreten der Kinder Gottes wartet: daß sie sich dann erlöst fühlen wird, wenn Geschöpfe, wenn Menschen kommen, die Gottes Kinder sind und die von Gott her mit ihr umgehen. Und das, glaube ich, ist genau das, was wir heute als Realität feststellen können: Die Schöpfung stöhnt – wir spüren es, wir hören es förmlich –, und sie wartet auf Menschen, die sie von Gott her anschauen. Der brutale Verbrauch der Schöpfung setzt dort ein, wo es keinen Gott gibt, wo Materie nur noch Material ist für uns, wo wir selbst die letzten Instanzen sind, wo das Ganze uns einfach gehört und wir es für uns verbrauchen. Und der Verbrauch der Schöpfung setzt dort ein, wo wir keine Instanz mehr über uns haben, sondern nur noch uns selber wollen; er setzt dort ein, wo es keine Dimension des Lebens über den Tod hinaus mehr gibt, wo wir in diesem Leben sozusagen das Ganze an uns reißen und das Leben so voll besitzen müssen wie nur möglich, wo wir alles haben müssen, was überhaupt zu haben ist.

Und so können, glaube ich, wirkliche und wirksame Instanzen gegen den Verbrauch und die Zerstörung der Schöpfung nur dort gebaut und entwickelt, verstanden und gelebt werden, wo Schöpfung von Gott her gesehen wird; wo das Leben von Gott her gesehen wird und größere Dimensionen hat – eine Verantwortung vor Gott – und einmal von Gott ganz zugeteilt und nicht von uns genommen wird, sondern indem wir es geben, empfangen wir das Leben.

Wir müssen, meine ich, mit allen Mitteln, die wir haben, versuchen, auf solche Weise in der Öffentlichkeit den Glauben zu Gehör zu bringen, gerade an den Stellen, wo die Sensibilität dafür da ist. Und ich denke, das Spüren, daß uns die Welt vielleicht wegrutscht – weil wir sie selber wegziehen –, das Bedrängtwerden durch die Probleme der Schöpfung ist eine solche Gelegenheit, wo unser Glaube öffentlich reden und sich als Instanz, die weiterführt, zur Geltung bringen kann. Denn es geht ja nicht nur darum, daß wir Techniken der Schadenvermeidung finden, so wichtig es auch ist, daß wir alternative Energien finden und vieles mehr. Doch alles das wird nicht ausreichen, wenn wir nicht selbst einen neuen Lebensstil finden, eine Disziplin auch der Verzichte, eine Disziplin der Anerkennung der anderen, denen die Schöpfung genauso gehört wie uns, die wir leichter über sie verfügen können; eine Disziplin der Verantwortung vor der Zukunft der anderen und unserer eigenen Zukunft, weil es Verantwortung vor dem ist, der unser Richter ist und als Richter unser Retter, aber eben wirklich auch unser Richter.

So glaube ich, daß wir jeweils die beiden Dimensionen – Schöpfung und Erlösung, Leben und ewiges Leben, Verantwortung für die Schöpfung und Verantwortung vor den anderen und vor der Zukunft – ineinander bringen müssen und daß es unsere Aufgabe ist, so verständlich und nachdrücklich in die Öffentlichkeit hineinzureden. Zugleich müssen wir, um Gehör zu finden, mit unserem eigenen Beispiel, mit unserem eigenen Lebensstil zeigen, daß es eine Botschaft ist, die wir selber glauben und die man leben kann. Und wir wollen den Herrn bitten, daß er uns allen hilft, selber den Glauben, die Verantwortung des Glaubens so zu leben, daß unser Lebensstil Zeugnis ist, und dann so zu reden, daß unser Wort glaubhaft den Glauben als Wegweisung in diese unsere Zeit hineinträgt.

Franz Pixner, Dekan von Kastelruth
Heiliger Vater, ich hei$e Franz Pixner und bin Pfarrer in zwei gro$en Pfarreien. lch selber und viele Mitbrüder und auch Laien machen uns Gedanken über die zunehmenden Belastungen in der Seelsorge, etwa durch die Seelsorgeeinheiten, die nun gebildet werden: starker Arbeitsdruck, mangelnde Anerkennung, Schwierigkeiten mit dem Lehramt, Einsamkeit, Schrumpfen der Zahl der Priester aber auch der gläubigen Gemeinden. Viele stellen sich die Frage, was Gott von uns in dieser Situation will und wie uns der Heilige Geist Mut machen will. Dabei werden dann Fragen geäußert zum Zölibat zum Beispiel, zur Weihe von viri probati zu Priestern, zur Einbindung der Charismen, besonders auch der Charismen der Frauen, in die Pastoral, zur Beauftragung von theologisch gebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Predigt und Taufe. Es stellt sich auch die Frage, wie wir Priester angesichts der neuen Herausforderungen einander in einer brüderlichen Gemeinschaft helfen können, und zwar auf den verschiedenen Ebenen von Diözese, Dekanat, Seelsorgeeinheit und Pfarrei.
Wir bitten Sie, Heiliger Vater, uns guten Rat zu geben in all diesen Fragen. Danke!

Der Hl. Vater:

Lieber Herr Dekan, Sie haben das ganze Bündel von Fragen aufgeblättert, das die Seelsorger und uns alle in dieser Zeit bedrängt und beschäftigt, und Sie wissen sicher, daß ich nicht imstande bin, jetzt auf alles das eine Antwort zu geben. Sie werden ja immer wieder auch mit Ihrem Bischof all dieses bedenken, und wir wiederum in den Bischofssynoden bedenken es miteinander. Wir alle brauchen, glaube ich, diesen Dialog miteinander, den Dialog des Glaubens und der Verantwortung, um den rechten Weg in dieser in vieler Hinsicht für den Glauben schwierigen und für die Priester mühseligen Zeit zu finden. Keiner hat einfach das fertige Rezept, wir alle mühen uns miteinander.

Mit diesem Vorbehalt, daß ich mit Ihnen allen zusammen mitten in diesem Prozeß des Mühens und Ringens stehe, versuche ich, ein paar Worte zu sagen, eben als Stück eines viel größeren Dialogs.

Ich würde zwei wesentliche Teile in meiner Antwort gerne sehen wollen: Einerseits die Unersetzlichkeit des Priesters, Bedeutung und Weise des priesterlichen Dienstes heute; andererseits – was uns heue mehr aufgeht als früher – die Vielheit der Charismen und daß alle miteinander Kirche sind, Kirche bauen, und daß wir darum uns um das Wecken der Charismen, um dieses lebendige Miteinander mühen müssen, das dann auch den Priester trägt. Er trägt die anderen, sie tragen ihn, und nur in diesem vielschichtigen und vielfältigen Miteinander kann Kirche heute und in die Zukunft hineinwachsen.

Zum einen wird es immer des Priesters bedürfen, der ganz für den Herrn und daher ganz für den Menschen da ist. Es gibt im Alten Testament den "Ruf" zur Heiligung, der etwa dem entspricht, was wir mit Weihe, auch mit Priesterweihe sagen: Etwas wird Gott übergeben und aus der Sphäre des Allgemeinen herausgenommen, Ihm gegeben. Aber das heißt dann, daß es nun für alle da ist. Weil es herausgenommen ist und Gott gegeben, gerade darum ist es nun nicht isoliert, sondern es ist in das "für" für alle hineingehoben. Das, glaube ich, können wir auch vom Priestertum der Kirche sagen. Es bedeutet, daß wir einerseits dem Herrn übereignet, aus dem Allgemeinen herausgenommen werden, aber andererseits Ihm übereignet werden, damit wir so ganz Ihm und dadurch ganz den anderen gehören. Und ich denke, gerade den jungen Menschen, die ja Idealismus haben und etwas fürs Ganze tun wollen, sollten wir immer wieder zu zeigen versuchen, daß gerade diese "Enteignung aus dem Allgemeinen" heraus "Übereignung ans Ganze" ist und daß dies eine große, die größte Weise ist, einander zu dienen. Und dazu gehört eben dann auch dieses wirklich mit der Ganzheit des Seins für den Herrn zur Verfügung zu sein und so ganz für die Menschen zur Verfügung zu sein. Ich denke, der Zölibat ist ein fundamentaler Ausdruck dieser Totalität, schon dadurch ein großes Rufzeichen in dieser Welt, weil er nur Sinn hat, wenn wir wirklich an das ewige Leben glauben und daran, daß Gott uns beansprucht und wir für Ihn da sein können.

Priestertum ist also deswegen unersetzlich, weil es in der Eucharistie immer wieder vom Herrn her Kirche erschafft, im Bußsakrament uns immer wieder die Reinigungen vermittelt, eben im Sakrament ein Hineingenommensein in das "für" Jesu Christi ist. Aber ich weiß, wie schwer es ist, heute – wo dann einer nicht mehr eine Pfarrei hat, die überschaubar war, sondern mehrere Pfarreien, Seelsorgeeinheiten, für diesen Rat da sein muß und für jenen und so weiter… – nun ein solches Leben zu leben. Ich glaube, daß in dieser Situation der Mut zur Beschränkung und die Klarheit der Prioritäten wichtig ist. Eine grundlegende Priorität der priesterlichen Existenz ist, das Sein mit dem Herrn und daher eine Zeit des Gebetes zu haben. Der Heilige Karl Borromäus hat immer gesagt: "Du kannst nicht für die Seelen der anderen sorgen, wenn du die deinige verkümmern lasst. Dann sorgst du am Schluß auch für die anderen nicht mehr. Du mußt auch Zeit für dich mit Gott haben". Und so möchte ich betonen: So viel auch herandrängt, es ist eine wirkliche Priorität, jeden Tag – ich würde sagen – doch eine Stunde lang Zeit zu haben zur Stille für den Herrn und mit dem Herrn, wie es uns die Kirche mit dem Brevier, mit den Gebeten des Tages anbietet, um so von innen her immer wieder reich zu werden, immer wieder eben – wie ich in der Antwort auf die erste Frage sagte – in den Atemraum des Heiligen Geistes zu kommen. Und von da aus sind dann die Prioritäten zu ordnen: Ich muß sehen lernen, was wirklich ganz wesentlich ist, wo ich als Priester unersetzlich gefordert bin und es niemand anderem übertragen kann. Und zugleich muß ich eben in Demut annehmen, daß ich vieles, was ich eigentlich tun sollte, wo man eigentlich mich erwarten würde, nun eben doch nicht tun kann, weil ich meine Grenze anerkenne. Ich glaube, diese Demut wird dann von den Menschen auch verstanden.

Und damit muß ich dann eben dieses andere verbinden: delegieren zu können, Menschen in die Mitarbeit hineinzurufen. Mein Eindruck ist, daß die Menschen das auch sehen und daß sie gerade das anerkennen, wenn ein Priester bei Gott ist, wenn er die Funktion wahrnimmt, der Beter für die anderen zu sein: Wir können nicht viel beten, sagen sie, du mußt es für mich tun; es ist ja auch sozusagen dein Metier, unser Beter zu sein. Sie wollen einen Priester, der sich redlich müht, mit dem Herrn zu leben, und dann wirklich für die Menschen da ist – für die Leidenden, die Sterbenden, die Kinder, die Jugendlichen (das, würde ich sagen, sind Prioritäten) – der dann aber auch weiß, was andere besser können als er selbst und diesen Charismen Raum gibt. Ich denke da an die Bewegungen und an vielfältige andere Formen der Mitarbeit in der Pfarrei. In der Diözese selber wird das ja alles auch miteinander bedacht, die Formen geschaffen und der Austausch gefördert. Sie haben mit Recht gesagt, daß es dabei eben wichtig ist, über die Pfarrei hinauszublicken in die Gemeinschaft der Diözese, ja in die Gemeinschaft der Weltkirche hinein, die dann wiederum ihrerseits immer wieder zurückschauen muß, um zu sehen, wie es konkret in der Pfarrei zugeht und welche Konsequenzen sich für den einzelnen Priester ergeben.

Dann haben Sie noch einen Punkt angesprochen, der mit sehr wichtig ist, daß nämlich die Priester, obwohl sie geographisch – sozusagen – vielleicht weiter auseinander leben, eine wirkliche Gemeinschaft von Brüdern sind, die einander tragen und helfen sollen. Dieses Miteinander der Priester ist heute wichtiger denn je. Eben um nicht in die Isolierung, in die Einsamkeit und ihre Traurigkeiten zu verfallen, ist es wichtig, daß wir einander regelmäßig treffen können. Da wird die Diözese sehen, wie priesterliche Begegnungen am besten zu verwirklichen sind – heute gibt’s ja das Auto, wodurch wir auch leichter zueinander kommen können –, damit wir jedenfalls immer wieder das Miteinander erfahren, voneinander lernen, einander korrigieren und einander auch helfen, stärken und trösten, damit wir in dieser Gemeinschaft des Presbyteriums mit dem Bischof zusammen den Dienst an der Ortskirche tun. Eben: Kein Priester ist Priester allein, wir sind Presbyterium, und nur in diesem Miteinander mit dem Bischof kann jeder seinen Dienst tun. Dieses sozusagen theologisch von allen anerkannte schöne Miteinander muß dann aber eben auch praktisch werden in den Formen, die die Ortskirche findet. Und es muß sich ausweiten, indem auch kein Bischof Bischof alleine ist, sondern nur Bischof im Kollegium, in dem großen Miteinander der Bischöfe. Um dieses Miteinander wollen wir uns immer wieder mühen. Und ich meine, es ist das Schöne am Katholischen, daß wir gerade auch durch den Primat, der ja nicht eine absolute Monarchie, sondern ein Dienst des Miteinander ist, uns dieser Gemeinsamkeit gewiß sein dürfen, so daß wir in einer großen, vielstimmigen Gemeinschaft doch alle miteinander sozusagen die große Musik des Glaubens in dieser Welt zur Geltung bringen.

Bitten wir den Herrn, daß er uns immer wieder tröstet, wenn wir meinen, es geht nicht mehr; tragen wir einander, und dann wird der Herr uns auch helfen, miteinander die Wege zu finden.

Paolo Rizzi, Pfarrer und Theologieprofessor am Höheren Institut für Religionswissenschaften
Heiliger Vater, ich heiße Paolo Rizzi, bin Pfarrer und Theologieprofessor am Höheren Institut für Religionswissenschaften. Wir würden gerne ihre pastorale Einschätzung hören im Hinblick auf die Situation der Sakramente der Erstkommunion und Firmung. Es passiert immer häufiger, daß sich die Kinder, die Jungen und Mädchen in den Katechesestunden mit großem Engagement auf diese Sakramente vorbereiten, aber dann nicht an der sonntäglichen Eucharistiefeier teilnehmen. Daher stellt sich die Frage: Welchen Sinn hat das eigentlich? Manchmal würde man am liebsten sagen: »Dann bleibt halt ganz zu Hause!« Statt dessen nehmen wir sie weiter auf und denken, daß es in jedem Fall besser ist, den glimmenden Docht nicht zu löschen. Wir sind der Meinung, daß die Gabe des Heiligen Geistes auch dort wirken kann, wo man es nicht sieht und daß es in einer Übergangszeit wie der unseren besser ist, keine drastischen Maßnahmen zu ergreifen.
Allgemeiner gesagt: Vor 35 Jahren dachte ich, wir würden langsam zu einer kleinen Herde werden, einer Gemeinschaft, die in ganz Europa mehr oder weniger in der Minderheit sein wird. Und daß man daher die Sakramente nur jenen spenden solle, die sich wirklich bemühen, ein christliches Leben zu führen. Dann habe ich, auch aufgrund des Stiles des Pontifikats von Johannes Paul II., diese Dinge überdacht. Was denken Sie über die Aussichten für die Zukunft? Welche pastoralen Orientierungshilfen können Sie uns geben? Danke.

Der Hl. Vater:

Nun, ich kann in diesem Moment keine unfehlbare Antwort geben, ich kann nur versuchen, eine Antwort zu geben auf Grundlage dessen, was ich sehe. Ich muß sagen, daß ich einen ähnlichen Weg wie Sie zurückgelegt habe. Als ich jung war, war ich eher streng. Ich sagte: Die Sakramente sind Sakramente des Glaubens, und wo kein Glaube und keine Glaubenspraxis sind, da darf auch das Sakrament nicht gespendet werden. Als ich Erzbischof von München war, kam es immer zu Diskussionen mit meinen Pfarrern: auch da gab es zwei Fraktionen, eine strenge und eine weniger strenge. Auch ich habe im Lauf der Zeit erkannt, daß wir eher dem Vorbild des Herrn folgen müssen, der sehr offen war gegenüber den Menschen, die in jener Zeit in Israel zu den Ausgegrenzten gehörten. Er war ein Herr der Barmherzigkeit, der – für viele offizielle Autoritäten – allzu offen war gegenüber den Sündern, die er einlud oder sich von ihnen zu ihren abendlichen Mahlfeiern einladen ließ und sie auf diese Weise in die Gemeinschaft mit sich hereinnahm.

Ich würde also im wesentlichen sagen, daß die Sakramente natürlich Sakramente des Glaubens sind: wo keine Glaubenssubstanz vorhanden ist, wo die Erste Heilige Kommunion nur ein Fest mit einem üppigen Mittagessen, schönen Kleidern und schönen Geschenken ist, da wäre sie kein Sakrament des Glaubens mehr. Wenn wir aber andererseits noch eine kleine Flamme des Wunsches nach Gemeinschaft mit der Kirche sehen können, auch den Wunsch dieser Kinder, die in die Gemeinschaft mit Jesus hineingenommen werden wollen, da scheint es mir berechtigt, ein wenig nachsichtiger zu sein. Selbstverständlich muß ein wichtiger Aspekt unserer Katechese darin bestehen, den Menschen zu vermitteln, daß die Kommunion, die Erste Heilige Kommunion, nicht ein »punktuelles« Ereignis ist, sondern daß sie die ständige Pflege der Freundschaft mit Jesus erfordert und ein Weg mit Jesus ist. Ich weiß, daß die Kinder oft die Absicht und den Wunsch haben, sonntags zur Messe zu gehen, daß aber die Eltern diesem Wunsch oft nicht entsprechen. Wenn wir sehen, daß die Kinder es wollen, daß sie den Wunsch haben, zur Messe zu gehen, dann scheint mir das gleichsam ein »Begierdesakrament« zu sein, ein »Votum« für die Teilnahme an der sonntäglichen Meßfeier. In diesem Sinn müßten wir natürlich im Rahmen der Vorbereitung auf die Sakramente das Bestmögliche tun, um auch die Eltern zu erreichen und sozusagen auch in ihnen die Sensibilität für den Weg, den ihre Kinder zurücklegen, zu wecken. Sie sollten ihren Kindern dabei helfen, ihrem Wunsch entsprechend mit Jesus Freundschaft zu schließen, denn er verleiht dem Leben und der Zukunft Gestalt. Wenn die Eltern den Wunsch haben, daß ihre Kinder zur Ersten Heiligen Kommunion gehen, dann sollte dieser eher soziale Wunsch zu einem religiösen Wunsch werden, um den Weg mit Jesus möglich zu machen.

Ich würde also sagen, daß bei der Kinderkatechese die Arbeit mit den Eltern sehr wichtig ist. Sie ist eine jener Gelegenheiten, sich mit den Eltern zu treffen und dabei das Glaubensleben auch den Erwachsenen nahezubringen. So können sie selbst – so scheint mir – von den Kindern den Glauben neu lernen und verstehen, daß dieses große Fest nur dann einen Sinn hat und wirklich wahrhaftig und authentisch ist, wenn es im Kontext eines Weges mit Jesus, im Kontext eines Lebens aus dem Glauben heraus begangen wird. Man sollte daher mit Hilfe der Kinder die Erwachsenen ein wenig von der Notwendigkeit überzeugen, einen Weg der Vorbereitung zu gehen, der sich in der Teilnahme an den Mysterien zeigt und der dazu beiträgt, diese Mysterien lieben zu lernen. Ich würde sagen, daß diese Antwort eher unzureichend ist, aber die Pädagogik des Glaubens ist immer ein Weg. Wir müssen die heutigen Situationen annehmen, sie jedoch auf etwas Größeres hin öffnen, damit am Schluß nicht nur die Erinnerung an etwas Äußerliches bleibt, sondern das Herz wirklich angerührt werde. In dem Augenblick, in dem wir zu dieser Überzeugung gelangen, wird das Herz berührt, es verspürt ein wenig die Liebe Jesu und den Wunsch, auf dieser Linie und in dieser Richtung weiterzugehen. Dann, so scheint mir, können wir mit Fug und Recht behaupten, daß wir wahre Katechese gehalten haben. Der eigentliche Sinn der Katechese sollte nämlich darin bestehen: die Flamme der Liebe Jesu – auch wenn sie noch so klein ist – in die Herzen der Kinder zu bringen und durch die Kinder zu ihren Eltern. Auf diese Weise können wir in unserer Zeit von neuem den Zugang zu den Orten des Glaubens eröffnen.

 

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