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APOSTOLISCHES SCHREIBEN
NOVO MILLENNIO INEUNTE

SEINER HEILIGKEIT
PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS,
DIE ORDENSLEUTE
UND AN DIE GLÄUBIGEN
ZUM ABSCHLUSS
DES GROSSEN JUBILÄUMS
DES JAHRES 2000

 

An die Mitbrüder im Bischofsamt,
an die Priester und Diakone,
an die Ordensmänner und Ordensfrauen,
an alle gläubigen Laien.

1. Zu Beginn des neuen Jahrtausends, während das Große Jubiläum zu Ende geht, in dem wir die zweitausend Jahre zurückliegende Geburt Jesu gefeiert haben, und sich für die Kirche ein neuer Wegabschnitt eröffnet, hallen in unserem Herzen die Worte wider, mit denen einst Jesus, nachdem er vom Boot des Simon aus zur Volksmenge gesprochen hatte, den Apostel aufforderte, zum Fischen auf den See hinauszufahren: »Duc in altum!« (Lk 5,4). Petrus und die ersten Gefährten vertrauten dem Wort Christi und warfen ihre Netze aus. »Das taten sie und fingen eine große Menge Fische« (Lk 5,6).

»Duc in altum!«. Dieses Wort erklingt heute für uns und lädt uns ein, dankbar der Vergangenheit zu gedenken, leidenschaftlich die Gegenwart zu leben und uns vertrauensvoll der Zukunft zu öffnen: »Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8).

Groß war in diesem Jahr die Freude der Kirche, die sich voll Hingabe in die Betrachtung des Angesichtes ihres Bräutigams und Herrn vertieft hat. Sie ist mehr denn je zum pilgernden Volk geworden, das sich von dem führen läßt, der »der erhabene Hirt seiner Schafe ist« (Hebr 13,20). Mit einem außerordentlichen Dynamismus, der so viele seiner Glieder ergriffen hat, ist das Volk Gottes hier in Rom ebenso wie in Jerusalem und in allen einzelnen Ortskirchen durch die »Heilige Pforte« geschritten, die Christus ist. Zu ihm, dem Ziel der Geschichte und einzigen Retter der Welt, haben die Kirche und der Geist gerufen: »Marana tha - Komm, Herr Jesus!« (vgl. Offb 22,17.20; 1 Kor 16,22).

Das Ereignis der Gnade, das im Laufe des Jahres das Bewußtsein der Menschen erfaßte, läßt sich unmöglich ermessen. Mit Sicherheit aber hat sich ein »Strom lebendigen Wassers«, wie er ständig »vom Thron Gottes und des Lammes« hervorgeht (vgl. Offb 22,1), über die Kirche ergossen. Es ist das Wasser des Geistes, das den Durst stillt und uns erneuert (vgl. Joh 4,14). Es ist die barmherzige Liebe des Vaters, die uns in Christus noch einmal enthüllt und geschenkt wurde. Am Ende dieses Jahres können wir mit neuem Jubel das alte Dankeswort wiederholen: »Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig« (Ps 118,1).

2. So ist es mir ein Bedürfnis, mich an euch zu wenden, meine Lieben, um mit euch den Lobgesang anzustimmen. Von Anbeginn meines Pontifikats an habe ich an dieses Heilige Jahr 2000 gedacht und darin ein wichtiges Datum gesehen. Ich hatte in der Feier dieses Jahres einen willkommenen Anlaß wahrgenommen, bei dem die Kirche 35 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeladen sein sollte, sich die Frage nach ihrer Erneuerung zu stellen, um mit neuem Schwung ihren Evangelisierungsauftrag anzugehen.

Hat das Jubiläum diesen Zweck erreicht? Unser Einsatz mit seinen selbstlosen Anstrengungen und den unvermeidlichen Schwächen liegt offen vor Gottes Blick. Aber wir können uns nicht der Pflicht zur Dankbarkeit für »die Wunder« entziehen, die Gott für uns vollbracht hat. »Misericordias Domini in aeternum cantabo: Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen« (Ps 89,2).

Zugleich will alles, was unter unseren Augen geschehen ist, noch einmal überdacht und gleichsam entschlüsselt werden, um zu hören, was der Geist während dieses so intensiven Jahres der Kirche gesagt hat (vgl. Offb 2,7.11.17 usw.).

3. Vor allem, liebe Brüder und Schwestern, müssen wir uns auf die Zukunft hin ausrichten, die auf uns wartet. Viele Male haben wir in diesen Monaten auf das neue Jahrtausend geblickt, das sich vor uns öffnet. So haben wir das Jubiläum nicht nur als Erinnerung an die Vergangenheit gelebt, sondern als Prophezeiung der Zukunft. Jetzt gilt es, die empfangene Gnade zu beherzigen und sie in eifrige Vorsätze und konkrete Maßstäbe zum Handeln umzusetzen. Zu dieser Aufgabe möchte ich alle Ortskirchen einladen. In jeder Teilkirche, die sich um ihren Bischof versammelt, ist im Hören des Wortes, im geschwisterlichen Miteinander und im »Brechen des Brotes« (vgl. Apg 2,42) »die eine heilige, katholische und apostolische Kirche wahrhaft gegenwärtig und wirksam«.1 Vor allem in der konkreten Wirklichkeit jeder Kirche nimmt das Geheimnis des einen Gottesvolkes jene besondere Gestalt an, die es an den einzelnen Umfeldern und Kulturen festhalten läßt.

Dieses Verwurzeltsein in Zeit und Raum spiegelt letzten Endes die Bewegung der Inkarnation selbst wider. Jede Kirche nimmt also jetzt, wenn sie über das nachdenkt, was der Geist dem Volk Gottes in diesem besonderen Jahr der Gnade und in dem noch längeren Bogen der Zeit, der sich zwischen dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Großen Jubiläum aufspannt, eine Bestandsaufnahme ihres Eifers vor und gewinnt neuen Schwung für ihren geistlichen und pastoralen Einsatz. Zu diesem Zweck möchte ich in diesem Schreiben zum Abschluß des Jubiläumsjahres den Beitrag meines Petrusdienstes leisten, damit die Kirche immer mehr in der Vielfalt ihrer Gaben und in der Einheit ihres Weges erstrahle.

 

I
DIE BEGEGNUNG MIT CHRISTUS,
DAS ERBE DES GROSSEN JUBILÄUMS 

4. »Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott« (Offb 11,17). In der Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums sprach ich den Wunsch aus, daß die Zweitausendjahrfeier des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes als »ein einziger, ununterbrochener Lobgesang auf die Dreifaltigkeit« 2 und zugleich »als Weg der Versöhnung und als Zeichen echter Hoffnung für alle, die auf Christus und seine Kirche blicken«,3 erlebt werden möge. Die Erfahrung dieses Jubiläumsjahres war genau auf diese lebendigen Ebenen abgestimmt. Dabei gab es Augenblicke solcher Eindringlichkeit, die uns gleichsam die barmherzige Gegenwart Gottes, von dem »jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt« (Jak 1,17), gleichsam handgreiflich berühren ließen.

Ich denke vor allem an die Dimension des Lobes. Von hier geht nämlich jede echte Glaubensantwort auf die Offenbarung Gottes in Christus aus. Das Christentum ist Gnade, ist die Überraschung eines Gottes, der sich, da er sich mit der Erschaffung der Welt und des Menschen nicht zufrieden gab, in Gleichschritt mit seinem Geschöpf begeben hat und, nachdem er viele Male und auf vielerlei Weise durch die Propheten gesprochen hatte, »in dieser Endzeit aber zu uns gesprochen hat durch den Sohn« (Hebr 1,1-2).

In dieser Endzeit! Ja, das Jubiläum hat uns spüren lassen, daß zweitausend Jahre Geschichte vergangen sind, ohne die Frische jenes »heute« zu entkräften, mit dem die Engel den Hirten das wunderbare Ereignis der Geburt Jesu in Betlehem verkündeten: »Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr« (Lk 2,11). Zweitausend Jahre sind mittlerweile vergangen, aber die Rede Jesu über seine Sendung, die er vor seinen erstaunten Mitbürgern in der Synagoge von Nazaret hielt und dabei die Prophezeiung des Jesaja auf sich anwandte, ist lebendiger denn je: »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt« (Lk 4,21). Zweitausend Jahre sind vergangen, aber noch immer erweist sich für die Sünder, die des Erbarmens bedürfen — und wer ist das nicht? —, jenes »heute« des Heils als trostreich, das am Kreuz dem reuigen Verbrecher die Pforten des Himmelreiches öffnete: »Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein« (Lk 23,43).

Die Fülle der Zeit

5. Das Zusammentreffen dieses Jubiläums mit dem Eintritt in ein neues Jahrtausend hat, ohne deshalb chiliastischen Phantasien nachzugeben, die Wahrnehmung des Geheimnisses Christi im großen Horizont der Heilsgeschichte sicherlich begünstigt. Das Christentum ist in die Geschichte eingebrochene Religion! Denn auf dem Boden der Geschichte wollte Gott einen Bund mit Israel schließen und so, »als die Zeit erfüllt war« (Gal 4,4), die Geburt des Sohnes im Schoß Mariens vorbereiten. Der in seinem göttlichen und menschlichen Geheimnis erfaßte Christus ist das Fundament und der Mittelpunkt der Geschichte, er ist ihr Sinn und ihr letztes Ziel. Denn durch ihn, das Wort und Ebenbild des Vaters, ist »alles geworden« (Joh 1,3; vgl. Kol 1,15). Seine Menschwerdung, die im Ostergeheimnis und in der Gabe des Geistes den Höhepunkt erreicht, stellt das schlagende Herz der Zeit dar, die geheimnisvolle Stunde, da das Reich Gottes uns nahegekommen ist (vgl. Mk 1,15), ja in unserer Geschichte Wurzel geschlagen hat wie ein Senfkorn, das dazu bestimmt ist, zu einem großen Baum zu werden (vgl. Mk 4,30-32).

»Lob sei dir, Christus Jesus, du herrschst heute und in Ewigkeit«. Mit diesem tausendfach wiederholten Gesang haben wir dieses Jahr auf Christus geschaut und betrachtet, wie ihn uns die Offenbarung des Johannes vorstellt: »das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende« (Offb 22,13). Und während wir Christus betrachteten, haben wir zugleich den Vater und den Heiligen Geist angebetet, die eine und unteilbare Dreifaltigkeit, das unaussprechliche Geheimnis, in dem alles seinen Ursprung hat und seine Erfüllung findet.

Reinigung des Gedächtnisses

6. Um einen klareren Blick für die Betrachtung des Geheimnisses zu bekommen, war dieses Jubiläumsjahr stark von der Bitte um Vergebung gekennzeichnet. Das galt nicht nur für die einzelnen, die sich in bezug auf ihr eigenes Leben befragten, um Erbarmen zu erflehen und das besondere Geschenk des Ablasses zu erhalten, sondern für die ganze Kirche, die an die Treulosigkeiten erinnern wollte, mit denen viele ihrer Söhne und Töchter im Laufe der Geschichte Schatten auf ihr Antlitz als Braut Christi geworfen hatten.

Auf diese Gewissensprüfung haben wir uns lange vorbereitet. Dabei waren wir uns bewußt, daß die Kirche, die in ihrem eigenen Schoß Sünder umfaßt, »zugleich heilig ist und stets der Reinigung bedürftig«.4 Wissenschaftliche Tagungen haben uns geholfen, jene Aspekte scharf zu umreißen, wo der Geist des Evangeliums im Laufe der ersten zwei Jahrtausende nicht immer glänzte. Wie könnte ich den ergreifenden Gottesdienst vom 12. März 2000 vergessen, bei dem ich in der Petersbasilika, den Blick fest auf den Gekreuzigten gerichtet, gleichsam zur Stimme der Kirche geworden bin und die Vergebungsbitte für die Sünde aller ihrer Söhne und Töchter geleistet habe? Diese »Reinigung des Gedächtnisses« hat unsere Schritte auf dem Weg in die Zukunft gestärkt, indem sie uns zugleich demütiger und wachsamer macht in unserem Festhalten am Evangelium.

Die Zeugen des Glaubens

7. Das lebendige Bewußtsein der Buße hat uns jedoch nicht daran gehindert, den Herrn für das zu preisen, was er in allen Jahrhunderten und besonders in dem Jahrhundert, das wir soeben hinter uns gelassen haben, dadurch gewirkt hat, daß er seiner Kirche eine große Schar von Heiligen und Märtyrern zugesichert hat. Für einige von ihnen war das Jubiläumsjahr auch das Jahr der Selig- oder Heiligsprechung. Die Heiligkeit, die Päpsten mit geschichtlichem Ruf oder einfachen Laien und Ordensleuten zuerkannt wurde, ist mehr denn je als die Dimension offenkundig geworden, die das Geheimnis der Kirche am besten zum Ausdruck bringt. Als beredte Botschaft, die keiner Worte bedarf, stellt sie auf lebendige Weise das Angesicht Christi dar.

Viel ist sodann anläßlich des Heiligen Jahres geschehen, um die kostbaren Erinnerungen an die Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts zu sammeln. Ihrer haben wir gemeinsam mit den Vertretern der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften am 7. Mai 2000 am Kolosseum gedacht, einem eindrucksvollen Schauplatz und Symbol der alten Christenverfolgungen. Es ist ein Erbe, das nicht verloren gehen darf, das einer ständigen Dankespflicht und einem erneuerten Vorsatz zur Nachahmung anvertraut werden muß.

Die pilgernde Kirche

8. Zahllose Söhne und Töchter der Kirche haben sich gleichsam in die Fußstapfen der Heiligen begeben und lösten hier in Rom an den Gräbern der Apostel einander ab, erfüllt von dem Wunsch, ihren Glauben zu bekennen, ihre Sünden zu beichten und das rettende Erbarmen zu empfangen. Mein Blick war dieses Jahr nicht nur beeindruckt von den Menschenmassen, die während vieler Gottesdienste den Petersplatz füllten. Nicht selten verweilte ich, um die langen Pilgerschlangen zu beobachten, die geduldig warteten, bis sie durch die Heilige Pforte gehen konnten. Bei jedem dieser Pilger versuchte ich mir eine Lebensgeschichte vorzustellen, die sich aus Freuden, Ängsten und Schmerzen zusammensetzt; eine Geschichte, die mit Christus in Berührung gekommen ist und im Dialog mit ihm ihren hoffnungsvollen Weg wieder aufnahm.

Wenn ich dann die ständig vorüberströmenden Gruppen beobachtete, gewann ich daraus ein plastisches Bild der pilgernden Kirche, jener Kirche, die — wie der heilige Augustinus sagt — »zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes« 5 angesiedelt ist. Wir können nur die mehr äußere Seite dieses einzigartigen Ereignisses beobachten. Wer vermag die Gnadenwunder zu ermessen, die sich in den Herzen ereignet haben? Es ist der Mühe wert, zu schweigen und anzubeten, indem man demütig auf das geheimnisvolle Wirken Gottes vertraut und seine grenzenlose Liebe besingt: »Misericordias Domini in aeternum cantabo!«.

Die jungen Menschen

9. Zu den zahlreichen Jubiläumsbegegnungen haben sich die verschiedensten Personengruppen eingefunden, eine wahrhaft eindrucksvolle Beteiligung, die den Einsatz sowohl der kirchlichen als auch der zivilen Organisatoren und Animatoren mitunter auf eine harte Probe gestellt hat. Ich will diesen Brief dazu benutzen, um allen meinen ganz herzlichen Dank auszusprechen. Was mich aber, abgesehen von den Pilgerzahlen, immer wieder tief ergriffen hat, war die Ernsthaftigkeit des Gebets, der Reflexion und der Gemeinschaft, die bei diesen Begegnungen zum Ausdruck kam.

Und sollte man sich nicht besonders an das ebenso fröhliche wie begeisternde Treffen der Jugendlichen erinnern? Wenn es ein Bild des Jubiläumsjahres 2000 gibt, das uns lebendiger als andere im Gedächtnis bleiben wird, so ist es sicherlich jenes Bild von der Masse von Jugendlichen, mit denen ich an dem Faden einer gegenseitigen Sympathie und eines tiefen Einvernehmens eine Art privilegierten Dialog anknüpfen konnte. So war es von dem Augenblick an, wo ich sie auf dem Platz vor der Lateranbasilika und auf dem Petersplatz willkommen geheißen habe. Dann habe ich sie durch die Stadt schwärmen sehen: fröhlich, wie es junge Leute sein sollen, aber auch nachdenklich, erfüllt von dem Wunsch nach Gebet, nach »Sinn«, nach echter Freundschaft. Weder ihnen selbst noch allen denen, die sie beobachtet haben, wird es leicht fallen, jene Woche aus dem Gedächtnis zu löschen, in der Rom »mit den Jugendlichen jung geworden ist«. Die Eucharistiefeier von Tor Vergata ist unvergeßlich.

Wieder einmal haben sich die Jugendlichen als ein besonderes Geschenk des Geistes Gottes für Rom und für die Kirche erwiesen. Wenn man sich die jungen Menschen mit den Problemen und Schwächen anschaut, die ihnen in der modernen Gesellschaft anhaften, besteht manchmal die Tendenz zum Pessimismus. Das Jubiläum der Jugend hat uns dadurch fast »verwirrt«, daß es uns statt dessen die Botschaft einer Jugend überbrachte, die trotz möglicher Widersprüchlichkeiten ein tiefes Verlangen nach jenen echten Werten zum Ausdruck bringt, die in Christus ihre Erfüllung haben. Ist Christus etwa nicht das Geheimnis der wahren Freiheit und der tiefen Freude des Herzens? Ist Christus nicht der erhabenste Freund und zugleich der Mentor jeder echten Freundschaft? Wenn Christus den Jugendlichen mit seinem wahren Gesicht vorgestellt wird, empfinden sie ihn als eine überzeugende Antwort und sind imstande, seine Botschaft anzunehmen, auch wenn sie anspruchsvoll und vom Kreuz gezeichnet ist. Deshalb habe ich mich von ihrer Begeisterung ergreifen lassen und nicht gezögert, um eine radikale Glaubens- und Lebensentscheidung zu bitten, indem ich sie auf eine wunderbare Aufgabe hinwies: beim Anbruch dieses neuen Jahrtausends zu »Wächtern des Morgens« zu werden (vgl. Jes 21,11-12).

Pilger verschiedener Art

10. Ich kann hier natürlich nicht auf die einzelnen Jubiläumsereignisse detailliert eingehen. Jedes dieser Ereignisse zeichnete sich durch eine eigene Prägung aus und hat seine Botschaft nicht nur denen hinterlassen, die direkt dabei waren, sondern auch allen, die davon Kenntnis erhalten oder über die Massenmedien aus der Distanz daran teilgenommen haben. Wie sollte man sich nicht an die festliche Stimmung bei dem ersten großen Treffen, das den Kindern gewidmet war, erinnern? Mit ihnen zu beginnen, bedeutete gewissermaßen die Beachtung der Aufforderung Jesu: »Laßt die Kinder zu mir kommen« (Mk 10,14). Vielleicht bedeutete es noch mehr die Wiederholung seiner Geste, als er ein Kind »in die Mitte stellte« und es zum Symbol der Haltung machte, die einer annehmen muß, wenn er in das Reich Gottes kommen will (vgl. Mt 18,2-4).

So sind in gewisser Weise auf den Spuren der Kinder die verschiedensten Gruppen von Erwachsenen nach Rom gekommen, um das im Jubeljahr wirksame Erbarmen Gottes zu erbitten: von den Alten bis zu den Kranken und Behinderten, von den Handwerkern und Landarbeitern bis zu den Sportlern, von den Künstlern bis zu den Universitätsdozenten, von den Bischöfen und Priestern bis zu den Männern und Frauen des geweihten Lebens, von den Politikern bis zu den Journalisten und zu den Soldaten, die gekommen sind, um den Sinn ihres Dienstes als einen Dienst am Frieden zu bekräftigen.

Große Bedeutung hatte die Zusammenkunft der Arbeiter, die am 1. Mai, dem traditionellen Fest der Arbeit, stattfand. Ich bat sie, den heiligen Josef und Jesus selbst nachzuahmen und so die Spiritualität der Arbeit zu leben. Ihr Jubiläum gab mir außerdem Gelegenheit, eine eindringliche Aufforderung auszusprechen, nämlich die in der Welt der Arbeit bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Mißverhältnisse auszugleichen und unter Berücksichtigung der Solidarität und der jedem Menschen gebührenden Achtung entschlossen die wirtschaftlichen Globalisierungsprozesse zu steuern.

Die Kinder mit ihrer unbändigen Fröhlichkeit sind zum Jubiläum der Familien wiedergekommen, bei dem sie der Welt als »Frühling der Familie und der Gesellschaft« vorgestellt wurden. Dieses Jubiläumstreffen war in der Tat sprechend. Denn viele Familien, die aus den verschiedenen Teilen der Welt gekommen waren, haben mit neuem Eifer das Licht Christi aufgegriffen und dabei Maß genommen an dem Plan, den Gott ursprünglich mit ihnen hatte (vgl. Mt 19,4-6; Mk 10,6-8). Sie haben sich dafür eingesetzt, dieses Licht in eine Kultur hinein auszustrahlen, die Gefahr läuft, in immer beängstigenderer Weise den Sinn der Ehe und der Familie als Institution zu verlieren.

Zu den ergreifendsten Begegnungen gehört für mich jene mit den Gefangenen von Regina Coeli. In ihren Augen habe ich Schmerz, aber auch Reue und Hoffnung gelesen. Für sie war das Jubiläum in ganz besonderer Weise ein Jahr der »Barmherzigkeit«.

Sympathisch war schließlich eine Veranstaltung in den letzten Tagen des Jahres: die Begegnung mit der Welt des Schauspiels, die auf die Menschen eine große Anziehungskraft ausübt. Dabei habe ich die Menschen, die in diesen Bereich eingebunden sind, an die große Verantwortung erinnert, auf dem Weg der Freude und Unterhaltung positive Botschaften zu bringen, die moralisch gesund sind sowie Vertrauen und Liebe zum Leben einflößen können.

Der Internationale Eucharistische Kongreß

11. In der Logik dieses Jubiläumsjahres sollte der Internationale Eucharistische Kongreß eine ganz wichtige Bedeutung haben. Und so war es auch! Wenn die Eucharistie das unter uns gegenwärtige Opfer Christi ist, mußte seine Realpräsenz einfach im Mittelpunkt des Heiligen Jahres stehen, das der Menschwerdung des Wortes geweiht ist! Eben deshalb war es als ein »intensiv eucharistisches« Jahr 6 gedacht, und so haben wir es zu leben versucht. Gleichwohl, wie könnte neben dem Gedenken an die Geburt des Sohnes das Gedenken an die Mutter fehlen? Maria war bei der Feier des Jubeljahres nicht nur durch angemessene und hochkarätige Kongresse gegenwärtig, sondern vor allem durch den großen Weiheakt, mit dem ich, im Beisein eines ansehnlichen Teiles des Weltepiskopates, das Leben der Männer und Frauen des neuen Jahrtausends ihrer mütterlichen Sorge anvertraut habe.

Die ökumenische Dimension

12. Man wird verstehen, daß es mir ein spontanes Anliegen ist, über das Jubiläum vor allem aus dem Blick zu sprechen, wie er sich vom Sitz des Petrus aus ergibt. Dabei vergesse ich freilich nicht: Ich selbst habe gewollt, daß die Feier des Jubiläums auch in den Teilkirchen vollgültig stattfände, und dort konnte ja auch der Großteil der Gläubigen die besonderen Gnaden, besonders den mit dem Jubeljahr verbundenen Ablaß, erhalten. Immerhin ist bemerkenswert, daß zahlreiche Diözesen den Wunsch hatten, mit riesigen Gruppen von Gläubigen auch hier in Rom präsent zu sein. Die Ewige Stadt hat so wieder einmal die ihr von der Vorsehung zugedachte Rolle deutlich gemacht, nämlich ein Ort zu sein, wo die Reichtümer und Gaben jeder einzelnen Kirche und sogar jeder einzelnen Nation und Kultur in der »Katholizität« miteinander harmonieren, damit die eine und einzige Kirche Christi auf immer eindrucksvollere Weise ihr Geheimnis als Sakrament der Einheit 7 kundmache.

Besondere Beachtung hatte ich in der Programmplanung des Jubiläumsjahres auch für die ökumenische Dimension verlangt. Welche günstigere Gelegenheit als die gemeinsame Feier der Geburt Christi könnte es geben, um für den Weg zur vollen Gemeinschaft Mut auszusprechen? Zu diesem Ziel wurden viele Anstrengungen unternommen; die ökumenische Begegnung am 18. Januar 2000 in der Basilika St. Paul vor den Mauern strahlt weiter. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde eine Heilige Pforte gemeinsam vom Nachfolger Petri, vom anglikanischen Primas und von einem Metropoliten des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in Anwesenheit der Vertreter von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aus der ganzen Welt geöffnet. Auf dieser Linie bewegten sich auch einige wichtige Begegnungen mit orthodoxen Patriarchen und Häuptern anderer christlicher Konfessionen. Besonders erinnere ich an den kürzlichen Besuch Seiner Heiligkeit Karekin II., des obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier. Außerdem haben viele Gläubige anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften an den verschiedenen Jubiläumsfeiern teilgenommen. Der ökumenische Weg bleibt sicher mühsam, vielleicht ist er noch lang, doch beseelt uns die Hoffnung, daß wir geleitet werden von der Gegenwart des Auferstandenen und von der unerschöpflichen Kraft seines Geistes, die zu immer neuen Überraschungen fähig ist.

Die Wallfahrt ins Heilige Land

13. Und sollte ich mich etwa nicht an mein persönliches Jubiläum auf den Straßen des Heiligen Landes erinnern? Ich hätte es gern in Ur in Chaldäa begonnen, um mich gleichsam handgreiflich auf die Spuren Abrahams, unseres »Vaters im Glauben« (vgl. Röm 4,11-16) zu begeben. Doch mußte ich mich mit einer lediglich geistlichen Etappe zufriedengeben. Es war die gehaltvolle »Wortgottesfeier«, die am 23. Februar in der Aula Paul VI. stattfand. Unmittelbar danach folgte eine wahre und eigentliche Pilgerfahrt, die dem Ablauf der Heilsgeschichte nachging. So hatte ich die Freude, am Berg Sinai innezuhalten — dem Schauplatz der Übergabe des Dekalogs und des ersten Bundesschlusses. Einen Monat später nahm ich den Weg wieder auf. Ich pilgerte zum Berg Nebo und begab mich daraufhin an dieselben Orte, die der Erlöser bewohnt und geheiligt hat. Die Ergriffenheit läßt sich kaum ausdrücken, die mich überwältigte, als ich den Stätten der Geburt und des Lebens Jesu Christi meine Verehrung erweisen, die Eucharistie im Abendmahlsaal, am Ort ihrer Einsetzung, feiern, und auf Golgota, wo er sein Leben für uns hingegeben hat, neu über das Geheimnis des Kreuzes nachdenken durfte. An jenen Orten, die noch immer so geplagt sind und auch in jüngster Zeit von Gewalt heimgesucht werden, habe ich nicht nur von seiten der Kinder der Kirche, sondern auch von seiten der israelischen und palästinensischen Gemeinschaften eine außergewöhnliche Aufnahme erfahren dürfen. Tief ergriffen war ich, als ich an der Klagemauer betete und die Gedenkstätte Yad Vaschem besuchte, eine grauenvolle Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Jene Pilgerfahrt war ein Augenblick der Brüderlichkeit und des Friedens, den ich als eine der schönsten Gaben des Jubiläums bewahren möchte. Wenn ich an die Atmosphäre zurückdenke, die ich in jenen Tagen erlebte, kann ich nicht umhin, den aufrichtigen Wunsch auszusprechen für eine baldige und gerechte Lösung der noch immer offenen Probleme an jenen heiligen Stätten, die den Juden, den Christen als Jüngern Jesu und dem Islam gleichermaßen teuer sind.

Die internationale Verschuldung

14. Das Jubiläum war auch — anders konnte es gar nicht sein — ein großes Ereignis der Nächstenliebe. Schon in den Vorbereitungsjahren hatte ich eine größere und tätigere Beachtung der Probleme der Armut gefordert, die noch immer die Welt plagen. Besondere Bedeutung hat in diesem Szenarium die Frage der internationalen Verschuldung der armen Länder gewonnen. Eine Geste der Großzügigkeit letzteren gegenüber lag in der Logik des Jubeljahres selbst, das ja in seiner ursprünglichen biblischen Gestaltung eben die Zeit war, in der sich die Gemeinschaft verpflichtete, in den Beziehungen zwischen den Menschen wieder Gerechtigkeit und Solidarität herzustellen, unter Rückgabe auch der entzogenen materiellen Güter. Ich freue mich festzustellen, daß in letzter Zeit die Parlamente vieler Gläubigerstaaten über einen grundsätzlichen bilateralen Schuldenerlaß für die ärmsten und am ärgsten verschuldeten Länder abgestimmt haben. Ich wünsche von Herzen, daß die betreffenden Regierungen diese parlamentarischen Beschlüsse bald in die Tat umsetzen. Als problematischer hat sich dagegen die Frage der multilateralen Schulden erwiesen, die von den ärmsten Ländern bei den internationalen Finanzorganen aufgenommen worden waren. Es ist zu wünschen, daß es den Mitgliedsstaaten dieser Organisationen, vor allem jenen, die größeres Entscheidungsgewicht haben, gelingt, die notwendigen Zustimmungen zu finden, um zur raschen Lösung einer Frage zu gelangen, von der die weitere Entwicklung vieler Länder mit weitreichenden Konsequenzen für die wirtschaftliche und existentielle Situation so vieler Menschen abhängt.

Ein neuer Dynamismus

15. Das sind nur einige Züge, die aus dem Erlebnis des Jubiläums herausragen. Es hinterläßt in uns so viele Erinnerungen. Wenn wir aber das große Erbe, das uns das Jubiläumsjahr übergibt, auf den wesentlichen Kern bringen wollten, würde ich ihn, ohne zu zögern, mit der Betrachtung des Angesichtes Christi umschreiben: Jesus Christus wurde in seinen historischen Zügen und in seinem Geheimnis angeschaut, in seiner vielfältigen Gegenwart in der Kirche und in der Welt aufgenommen, als Sinn der Geschichte und Licht auf unserem Weg bekannt.

Jetzt müssen wir nach vorn blicken, »hinausfahren auf den See«, getreu dem Wort Christi: Duc in altum! Was wir in diesem Jahr getan haben, darf nicht als Rechtfertigung für ein Gefühl der Selbstzufriedenheit dienen. Noch weniger darf es uns uns dazu verleiten, die Hände in den Schoß zu legen. Im Gegenteil: Die Erfahrungen, die wir machen durften, sollen in uns einen neuen Dynamismus wecken, indem sie uns dazu anspornen, den erlebten Enthusiasmus in konkrete Initiativen einzubringen. Jesus selbst ermahnt uns: »Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes« (Lk 9,62). Wenn es um das Himmelreich geht, ist keine Zeit dafür, zurückzublicken und noch weniger sich in Faulheit zu betten. Vieles wartet auf uns, und deshalb müssen wir anfangen, ein wirksames seelsorgliches Programm für die Zeit nach dem Jubiläum aufzubauen.

Wichtig ist jedoch, daß alles, was wir uns mit Gottes Hilfe vornehmen, tief in der Betrachtung und im Gebet verwurzelt ist. Unsere Zeit ist in ständiger Bewegung, die oft den Zustand der Ruhelosigkeit erreicht, mit der Gefahr des »Machens um des Machens willen«. Dieser Versuchung müssen wir dadurch widerstehen, daß wir versuchen zu »sein«, bevor wir uns um das »Machen« mühen. Wir denken in diesem Zusammenhang an den Vorwurf Jesu gegenüber Marta: »Du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig« (Lk 10,41-42). In diesem Geist möchte ich, bevor ich euch einige praktische Leitlinien zur Überlegung vorlege, manche Anregungen zur Meditation über das Geheimnis Christi geben. Er ist ja das absolute Fundament unseres ganzen pastoralen Wirkens.

 

II
DAS ANTLITZ,
DAS ES ZU BETRACHTEN GILT

16. »Wir wollen Jesus sehen« (Joh 12,21). Diese Bitte wurde von einigen Griechen, die als Pilger zum Paschafest nach Jerusalem gekommen waren, an den Apostel Philippus gerichtet. In diesem Jubiläumsjahr ist sie auch uns geistig in den Ohren geklungen. Wie jene Pilger vor zweitausend Jahren, so bitten die Menschen unserer Zeit, wenn auch nicht immer bewußt, die heutigen Gläubigen, nicht nur von Christus zu »reden«, sondern ihnen Christus zu zeigen, ihn gleichsam »sehen« zu lassen. Ist es etwa nicht Aufgabe der Kirche, das Licht Christi in jeder Epoche der Geschichte widerzuspiegeln, sein Antlitz auch vor den Generationen des neuen Jahrtausends erstrahlen zu lassen?

Unser Zeugnis wäre jedoch unerträglich armselig, wenn wir nicht zuerst Betrachter seines Angesichtes wären. Das Große Jubiläum hat uns sicherlich geholfen, tiefer in diese Betrachtung hineinzufinden. Während wir nach Abschluß des Jubiläums den gewöhnlichen Weg wieder aufnehmen und dabei den Reichtum der in diesem ganz besonderen Jahr erlebten Erfahrungen im Herzen tragen, bleibt der Blick mehr denn je auf das Antlitz des Herrn gerichtet.

Das Zeugnis der Evangelien

17. Die Betrachtung des Angesichtes Christi muß sich an dem inspirieren, was uns die Heilige Schrift über ihn sagt, die von Anfang bis Ende von seinem Geheimnis durchzogen ist. Was im Alten Testament geheimnisvoll angedeutet ist, wird im Neuen voll enthüllt, so daß der heilige Hieronymus mit Entschiedenheit urteilt: »Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen«.8 Wenn wir in der Schrift verankert sind, öffnen wir uns dem Wirken des Geistes (vgl. Joh 15,26), das jenen Schriften zugrunde liegt, und zugleich dem Zeugnis der Apostel (vgl. Joh 15,27). Sie haben Christus, das Wort des Lebens, lebendig erfahren, mit ihren Augen gesehen, mit ihren Ohren gehört und mit ihren Händen berührt (vgl. 1 Joh 1,1).

Durch ihre Vermittlung erreicht uns eine Schau des Glaubens, die auf einem klaren geschichtlichen Zeugnis fußt: ein glaubhaftes Zeugnis, das uns die Evangelien trotz ihrer komplizierten Redaktion und mit einer vorwiegend katechetischen Absicht in ganz zuverlässiger Weise überliefern.9

18. In der Tat behaupten die Evangelien nicht, eine nach Maßgabe moderner Geschichtswissenschaft verfaßte vollständige Biographie Jesu zu sein. Aus ihnen tritt jedoch mit sicherem historischem Grund das Angesicht des Nazareners hervor, da die Evangelisten in ihrem Bemühen zuverlässige Zeugnisse sammelten (vgl. Lk 1,3) und anhand von Dokumenten arbeiteten, die man der wachsamen kirchlichen Unterscheidung unterzogen hatte. Auf Grund dieser Zeugnisse der ersten Stunde erfuhren sie unter dem erleuchtenden Wirken des Heiligen Geistes die aus menschlicher Sicht befremdliche Tatsache der Jungfrauengeburt Jesu durch Maria, die mit Josef verlobt war. Von denen, die Jesus während der etwa dreißig Jahre, die er in Nazaret verbrachte (vgl. Lk 3,23), gekannt hatten, sammelten sie die Daten über sein Leben als »Sohn des Zimmermanns« (Mt 13,55), der selbst »Zimmermann« war (vgl. Mk 6,3) und, wie es sich gehörte, im Verband seiner Verwandtschaft lebte (vgl. ebd.). Sie nahmen die Frömmigkeit wahr, die ihn dazu anhielt, sich mit den Seinen auf die jährliche Pilgerschaft zum Tempel in Jerusalem zu begeben (vgl. Lk 2,41), und die ihn vor allem zum regelmäßigen Besucher der Synagoge seiner Stadt machte (vgl. Lk 4,16).

Ausführlicher werden die Nachrichten dann, ohne freilich ein organischer und detaillierter Bericht zu sein, für die Zeit des öffentlichen Auftretens. Es beginnt in dem Augenblick, da der junge Galiläer sich von Johannes dem Täufer am Jordan taufen läßt. Stark durch das Zeugnis vom Himmel und mit dem Bewußtsein, der »geliebte Sohn« zu sein (Lk 3,22), nimmt er seine Verkündigung von der Ankunft des Reiches Gottes auf, indem er dessen Ansprüche und Macht durch Worte und Zeichen der Gnade und Barmherzigkeit veranschaulicht. Die Evangelien stellen ihn uns also dar, wie er durch die Städte und Dörfer zieht, begleitet von zwölf Aposteln, die er sich erwählt hatte (vgl. Mk 3,13-19), von einer Gruppe von Frauen, die Jesus und die Jünger unterstützten (vgl. Lk 8,2-3), von der Volksmenge, die ihn suchte oder ihm folgte, von den Kranken, die um seine heilende Kraft flehten, und von Gesprächspartnern, die mit unterschiedlichem Erfolg seinen Worten lauschten.

Die Erzählung der Evangelien spitzt sich dann in der wachsenden Spannung zu, die zwischen Jesus und den in der religiösen Gesellschaft seiner Zeit auftauchenden Gruppen entsteht. Es kommt schließlich zur Krise, die auf Golgota ihren dramatischen Epilog findet. Es ist die Stunde der Finsternis, auf die ein neuer, strahlender und endgültiger Morgen folgt. Denn die Evangelienberichte zeigen am Ende den Nazarener als Sieger über den Tod, sie weisen auf sein leeres Grab hin und folgen ihm in der Reihe der Erscheinungen, bei denen die Jünger, die — zuerst ratlos und verstört — später von unsagbarer Freude erfüllt werden, ihn lebend und strahlend erfahren und von ihm die Gabe des Geistes (vgl. Joh 20,22) und den Auftrag empfangen, »allen Völkern« das Evangelium zu bringen (Mt 28,19).

Der Weg des Glaubens

19. »Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen« (Joh 20,20). Das Angesicht, das die Apostel nach der Auferstehung betrachteten, war dasselbe wie das jenes Jesus, mit dem sie ungefähr drei Jahre gelebt hatten, und der sie nun von der verblüffenden Wahrheit seines neuen Lebens dadurch überzeugte, daß er ihnen »seine Hände und seine Seite« zeigte (ebd.). Es war sicher nicht leicht zu glauben. Die Emmausjünger glaubten erst am Ende eines Weges, der ihnen geistig viel abverlangte (vgl. Lk 24,13-35). Der Apostel Thomas glaubte erst, nachdem er das Wunder festgestellt hatte (vgl. Joh 20,24-29). Doch soviel man auch seinen Leib sehen und berühren mochte, in Wirklichkeit konnte nur der Glaube voll in das Geheimnis jenes Angesichtes vordringen. Das war eine Erfahrung, welche die Jünger eigentlich schon im geschichtlichen Leben Jesu hätten machen müssen, bei den Fragen, die ihnen jedesmal in den Sinn kamen, wenn sie sich durch seine Gesten und seine Worte vor Rätsel gestellt fühlten. Zu Jesus gelangt man in der Tat nur durch den Weg des Glaubens, durch einen Weg, dessen Etappen uns das Evangelium selbst in der bekannten Szene von Cäsarea Philippi vorzuzeichnen scheint (vgl. Mt 16,13-20). Jesus nimmt mit seinen Jüngern ein Gespräch auf, das eine Art erste Bilanz seiner Sendung ist und fragt sie, für wen ihn »die Leute« halten. Darauf bekommt er die Antwort: »Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten« (Mt 16,14). Eine Antwort, die sicher Niveau hat, aber noch weit — und wie weit! — entfernt ist von der Wahrheit. Das Volk beginnt die zweifellos außergewöhnliche religiöse Dimension dieses Rabbi, der so faszinierend redet, zu erahnen, es gelingt ihm aber nicht, ihn über jene Gottesmänner zu stellen, die im Laufe der Geschichte Israels aufgetreten sind. In Wirklichkeit ist Jesus ganz anders! Eben dieser weitere Erkenntnisschritt betrifft die Tiefenschicht seiner Person, das, was er sich von den »Seinen« erwartet: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mt 16,15). Allein der von Petrus und mit ihm von der Kirche aller Zeiten bekannte Glaube trifft das Herz, weil er die Tiefe des Geheimnisses erreicht: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes« (Mt 16,16).

20. Wie war Petrus zu diesem Glauben gelangt? Und was wird von uns verlangt, wenn wir immer überzeugender seinem Beispiel folgen wollen? Matthäus gibt uns in den Worten, mit denen Jesus das Bekenntnis des Petrus annimmt, einen erleuchtenden Hinweis: »Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel« (Mt 16,17). Der Ausdruck »Fleisch und Blut« bezieht sich auf den Menschen und die allgemeine Weise des Erkennens. Diese allgemeine Art genügt im Fall Jesu nicht. Es braucht eine Gnade der »Offenbarung«, die vom Vater kommt (vgl. ebd.). Lukas bietet uns einen Hinweis, der in dieselbe Richtung geht, wenn er anmerkt, daß dieses Gespräch mit den Jüngern stattfand, während »Jesus in der Einsamkeit betete« (Lk 9,18). Beide Hinweise stimmen darin überein, uns bewußt werden zu lassen, daß wir allein mit unseren Kräften nicht zur vollen Betrachtung des Angesichtes des Herrn gelangen, sondern nur, wenn wir uns von der Gnade an der Hand nehmen lassen. Allein die Erfahrung des Schweigens und des Gebetes bietet den geeigneten Horizont, in dem die wahrste, getreueste und stimmigste Erkenntnis jenes Geheimnisses heranreifen und sich entfalten kann, das in der feierlichen Verkündigung des Evangelisten Johannes seinen höchsten Ausdruck findet: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit« (Joh 1,14).

Die Tiefe des Geheimnisses

21. Das Wort und das Fleisch, die göttliche Herrlichkeit und ihre Wohnung unter den Menschen! In der engen und untrennbaren Verbindung dieser beiden Polaritäten besteht der klassischen Formulierung des Konzils von Chalkedon (451) gemäß die Identität Christi: »eine Person in zwei Naturen«. Die Person ist die — und nur die — des ewigen Wortes, des Sohnes des Vaters. Die zwei Naturen, unvermischt, aber auch ohne irgendeine mögliche Trennung, sind die göttliche und die menschliche.10

Wir sind uns der Begrenztheit unserer Begriffe und unserer Worte bewußt. Wenngleich die Formel stets menschlich bleibt, ist sie in ihrem Lehrgehalt sorgfältig abgewogen und erlaubt uns gewissermaßen einen Blick in die abgründige Tiefe des Geheimnisses. Ja, Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch! Wie der Apostel Thomas, so wird die Kirche von Christus unablässig dazu eingeladen, seine Wundmale zu berühren, das heißt, sein volles, von Maria angenommenes, dem Tod überantwortetes, von der Auferstehung verklärtes Menschsein anzuerkennen: »Streck deinen Finger aus — hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite« (Joh 20,27). Wie Thomas, so fällt die Kirche anbetend vor dem Auferstandenen in der Fülle seines göttlichen Glanzes nieder und ruft in alle Ewigkeit aus: »Mein Herr und mein Gott« (Joh 20,28).

22. »Das Wort ist Fleisch geworden!« (Joh 1, 14). Diese wunderbare Darstellung des Geheimnisses Christi durch Johannes wird vom ganzen Neuen Testament bestätigt. Auf diese Linie stellt sich auch der Apostel Paulus, wenn er sagt, daß der Sohn Gottes »dem Fleisch nach als Nachkomme Davids geboren ist« (Röm 1,3; vgl. 9,5). Wenn heutzutage durch den Rationalismus, der sich in einem Großteil der modernen Kultur breitmacht, vor allem der Glaube an die Gottheit Christi Probleme bereitet, gab es in anderen geschichtlichen und kulturellen Zusammenhängen eher die Tendenz, die historische Konkretheit der Menschheit Jesu zu schmälern oder zu zerstreuen. Für den Glauben der Kirche ist es jedoch wesentlich und unverzichtbar zu bekräftigen, daß das Wort wahrhaft »Fleisch geworden ist« und alle Dimensionen des Menschlichen angenommen hat, außer die Sünde (vgl. Hebr 4,15). Aus dieser Perspektive ist die Menschwerdung wirklich eine Kenosis, ein »Sich-Entäußern«: Der Sohn Gottes verzichtet auf jene Herrlichkeit, die er von Ewigkeit her besitzt (vgl. Phil 2,6-8; 1 Petr 3,18).

Andererseits ist diese Erniedrigung des Gottessohnes nicht Selbstzweck; vielmehr trachtet sie nach der vollen Verherrlichung Christi, auch in seiner Menschheit: »Darum hat ihn Gott über alle erhöht und im den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr — zur Ehre Gottes des Vaters« (Phil 2,9-11).

23. »Dein Angesicht, Herr, will ich suchen« (Ps 27,8). Die alte Sehnsucht des Psalmisten konnte keine größere und überraschendere Erfüllung finden als in der Betrachtung des Angesichtes Christi. In ihm hat uns Gott wahrhaftig gesegnet und sein »Angesicht leuchten lassen« über uns (vgl. Ps 67,3). Gleichzeitig offenbart er uns als Gott und Mensch auch das echte Antlitz des Menschen, er »macht dem Menschen den Menschen selbst voll kund«.11

Jesus ist »der neue Mensch« (Eph 4,24; Kol 3,10), der die erlöste Menschheit zur Teilhabe an seinem göttlichen Leben beruft. Im Geheimnis der Inkarnation werden die Grundlagen für eine Anthropologie gelegt, die über ihre Grenzen und Widersprüche hinausgehen kann, indem sie sich auf Gott selbst, ja auf das Ziel der »Vergöttlichung« dadurch zubewegt, daß der erlöste und zum gemeinsamen Leben mit dem dreifaltigen Gott zugelassene Mensch in Christus eingegliedert wird. Auf dieser soteriologischen Dimension des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes haben die Kirchenväter nachdrücklich bestanden: Nur weil der Sohn Gottes wirklich Mensch geworden ist, kann der Mensch in ihm und durch ihn wirklich Kind Gottes werden.12

Antlitz des Sohnes

24. Diese göttlich-menschliche Identität geht aus den Evangelien eindrücklich hervor. Sie bieten uns eine Reihe von Elementen, denen wir es verdanken, in jene »Grenzzone« des Geheimnisses vordringen zu können, die vom Selbstbewußtsein Christi verkörpert wird. Die Kirche bezweifelt nicht, daß die Evangelisten, von Gott inspiriert, aus den Worten, die Jesus gesprochen hatte, in ihrem Bericht die Wahrheit seiner Person und das Bewußtsein, das er davon hatte, korrekt erfaßt haben. Ist es nicht vielleicht das, was uns Lukas sagen will, wenn er die ersten Worte des kaum zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem festhält? Er scheint sich schon damals bewußt zu sein, in einer einzigartigen Beziehung mit Gott zu stehen, eben der Beziehung des »Sohnes«. Der Mutter, die ihm berichtet, mit welcher Angst sie und Josef nach ihm gesucht haben, antwortet Jesus nämlich ohne Zögern: »Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2,49). Es wundert einen daher nicht, daß seine Sprache in reifem Alter die Tiefe seines Geheimnisses eindeutig zum Ausdruck bringt, was sowohl die synoptischen Evangelien (vgl. Mt 11,27; Lk 10,22) als auch und vor allem der Evangelist Johannes ausgiebig unterstreichen. An seinem Selbstbewußtsein hat Jesus keinen Zweifel: »In mir ist der Vater und ich bin im Vater« (Joh 10,38).

So sehr es zulässig ist anzunehmen, daß wegen der menschlichen Verfassung, die ihn an Weisheit und Gnade zunehmen ließ (vgl. Lk 2,52), auch das menschliche Bewußtsein seines Geheimnisses Fortschritte machte bis zum vollen Ausdruck seiner verherrlichten Menschheit, besteht gleichzeitig kein Zweifel daran, daß sich Jesus bereits in seiner historischen Existenz seiner Identität als Sohn Gottes bewußt war. Das hebt Johannes hervor, um dann festzustellen, daß Jesus schließlich eben deshalb abgelehnt und verurteilt wurde: Sie suchten ihn tatsächlich zu töten, »weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichstellte« (Joh 5,18). Im Umfeld von Getsemani und Golgota wird das menschliche Bewußtsein Jesu der härtesten Prüfung unterworfen werden. Doch nicht einmal das Drama des Leidens und Sterbens sollte seiner selbstverständlichen Gewißheit, der Sohn des himmlischen Vaters zu sein, etwas anhaben können.

Antlitz voller Schmerzen

25. Die Betrachtung des Angesichtes Christi bringt uns also dem paradoxesten Gesichtspunkt seines Geheimnisses näher, der in der letzten Stunde, der Stunde des Kreuzes, ins Blickfeld rückt. Geheimnis im Geheimnis, vor dem der Mensch nur in Anbetung das Knie beugen kann.

Vor unseren Augen stehen die Dichte und Schwere, die in der Szene des Todeskampfes im Garten Getsemani liegen. Von der ihn erwartenden Prüfung gedrückt und allein vor Gott, ruft Jesus ihn mit seinem gewohnten zärtlichen und vertraulichen Namen an: «Abba, Vater«. Er bittet ihn, wenn möglich den Kelch des Leidens an ihm vorübergehen zu lassen (vgl. Mk 14,36). Aber der Vater scheint die Stimme des Sohnes nicht hören zu wollen. Um dem Menschen das Angesicht des Vaters zurückzugeben, mußte Jesus nicht nur das Gesicht des Menschen annehmen, sondern sich sogar das »Gesicht« der Sünde aufladen. »Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden« (2 Kor 5,21).

Wir werden mit der Erforschung der abgründigen Tiefe dieses Geheimnisses nie zu Ende kommen. An diesem Paradoxon stößt man an. Es tritt in dem scheinbar verzweifelten Schmerzensschrei zutage, den Jesus am Kreuz ausstößt: »Eloì, Eloì, lema sabactani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mk 15,34). Kann man sich eine größere Qual, eine undurchdringlichere Finsternis vorstellen? In Wirklichkeit wird das angstvolle »Warum?«, das er mit den Anfangsworten des 22. Psalms an den Vater richtet und das den vollen Realismus eines unsagbaren Schmerzes bewahrt, durch den Sinn des ganzen Gebetes erhellt. Darin verknüpft der Psalmist in einer ergreifenden Verflechtung der Gefühle das Leiden und das Vertrauen miteinander. Der Psalm fährt nämlich fort: »Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut, und du hast sie gerettet... Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe, und niemand ist da, der hilft« (22,5.12).

26. Liebe Brüder und Schwestern, der Schrei Jesu am Kreuz verrät nicht die Angst eines Verzweifelten, sondern das Gebet des Sohnes, der sein Leben dem Vater in Liebe darbringt, um allen das Heil zu bringen. Während er sich mit unserer Sünde identifiziert, überläßt der vom Vater Verlassene sich den Händen des Vaters. Sein Blick bleibt auf den Vater gerichtet. Eben wegen der Kenntnis und Erfahrung, die nur er von Gott hat, sieht er auch in diesem Augenblick der Finsternis klar die Schwere der Sünde und leidet dafür. Nur er, der den Vater sieht und darüber Freude in Fülle empfindet, ermißt bis zum Letzten, was es heißt, mit der Sünde seiner Liebe zu widerstehen. Vor allem und viel mehr als in körperlicher Hinsicht ist seine Passion schreckliches Leiden der Seele. Die theologische Tradition ist der Frage nicht ausgewichen, wie Jesus zugleich die tiefe Verbindung mit dem Vater, die ihrer Natur nach Quelle der Freude und Seligkeit ist, und den Todeskampf bis zum Schrei der Verlassenheit leben konnte. Daß diese beiden scheinbar unvereinbaren Dimensionen nebeneinander stehen, ist tatsächlich in der unergründlichen Tiefsinnigkeit der hypostatischen Union verwurzelt.

27. Eine wichtige Hilfe im Hinblick auf dieses Geheimnis können wir neben der theologischen Forschung von jenem großartigen Erbe erhalten, das die »gelebte Theologie« der Heiligen darstellt. Sie bieten uns wertvolle Hinweise, die die Annahme der Intuition des Glaubens erleichtern, und zwar kraft der besonderen Erleuchtungen, die manche von ihnen vom Heiligen Geist empfangen haben oder sogar durch die Erfahrung, die sie selbst von jenen schrecklichen Stadien der Prüfung gemacht haben, welche die mystische Tradition als »finstere Nacht« beschreibt. Nicht selten haben die Heiligen etwas erlebt, das in der paradoxen Verflechtung von Seligkeit und Schmerz der Erfahrung Jesu am Kreuz ähnlich ist. Im Dialog der Göttlichen Vorsehung zeigt Gott-Vater der Katharina von Siena, daß es in den heiligen Seelen die Freude zusammen mit dem Leiden geben kann: »Die Seele ist selig und leidet Schmerz: sie leidet wegen der Sünden des Nächsten, sie ist selig über die Eintracht und die Zuneigung der Liebe, die sie in sich empfangen hat. Seligkeit und Schmerz ahmen das unbefleckte Lamm nach, meinen eingeborenen Sohn, der am Kreuz selig war und Schmerz litt«.13 In gleicher Weise erlebt Theresia von Lisieux ihren Todeskampf in Gemeinschaft mit dem Todeskampf Jesu, als sie bei sich gerade das Paradoxon des seligen und angstvollen Jesus feststellte: »Unser Herr im Garten Getsemani erfreute sich aller Freuden der Dreifaltigkeit, doch sein Todeskampf war nicht weniger grausam. Es ist ein Geheimnis, doch ich versichere Ihnen, daß ich aus dem, was ich selbst erlebe, etwas davon begreife«.14 Ein erleuchtendes Zeugnis! Im übrigen bildet die Erzählung der Evangelisten selbst die Grundlage für diese kirchliche Wahrnehmung des Bewußtseins Christi, wenn sie daran erinnern, daß er selbst im Abgrund seines Schmerzes in der Todesstunde um Vergebung für seine Peiniger fleht (vgl. Lk 23,34) und dem Vater seine äußerste Entäußerung als Sohn zum Ausdruck bringt: »Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist« (Lk 23,46).

Antlitz des Auferstandenen

28. Wie am Karfreitag und am Karsamstag versenkt sich die Kirche auch weiterhin in die Betrachtung dieses blutüberströmten Angesichtes, in dem das Leben Gottes verborgen ist und die Rettung der Welt angeboten wird. Aber ihre Betrachtung des Angesichtes Christi kann nicht beim Bild des Gekreuzigten stehenbleiben. Er ist der Auferstandene! Wenn es nicht so wäre, dann wäre unsere Verkündigung leer und unser Glaube sinnlos (vgl. 1 Kor 15,14). Die Auferstehung war die Antwort des Vaters auf seinen Gehorsam, wie der Hebräerbrief ausführt: »Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden. Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden« (5,7-9).

Es ist der auferstandene Christus, auf den die Kirche jetzt schaut. Dabei folgt sie dem Beispiel des Petrus, der wegen seiner Verleugnung Tränen vergoß. Dann aber nahm er seinen Weg wieder auf und bekannte mit verständlichem Bangen Christus seine Liebe: »Du weißt, daß ich dich liebe« (Joh 21,15-17). Die Kirche stellt sich auch an die Seite des Paulus, der dem Auferstandenen auf dem Weg nach Damaskus begegnete und davon wie vom Blitz getroffen war: »Für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn« (Phil 1,21).

Zweitausend Jahre nach diesen Ereignissen erlebt die Kirche sie wieder, als wären sie heute geschehen. Im Angesicht Christi betrachtet sie, die Braut, ihren Schatz, ihre Freude. »Dulcis Iesu memoria, dans vera cordis gaudia«: Wie süß ist die Erinnerung an Jesus, die Quelle echter Herzensfreude! Durch diese Erfahrung gestärkt, nimmt die Kirche heute ihren Weg wieder auf, um der Welt zu Beginn des dritten Jahrtausends Christus zu verkünden: Er »ist derselbe gestern heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8).

 

III.
NEU ANFANGEN BEI CHRISTUS

29. »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20). Diese Gewißheit, liebe Brüder und Schwestern, hat die Kirche zweitausend Jahre lang begleitet und wurde jetzt durch die Feier des Jubiläums in unseren Herzen neu belebt. Wir sollen daraus einen neuen Aufschwung im christlichen Leben schöpfen. Ja, das Jubiläumsjahr soll die inspirierende Kraft unseres Weges werden. Im Wissen darum, daß der Auferstandene unter uns gegenwärtig ist, stellen wir uns heute die Frage, die an Petrus, der soeben seine Pfingstpredigt auf dem Platz in Jerusalem gehalten hatte, gerichtet wurde: »Was sollen wir tun?« (Apg 2,37).

Wir stellen uns diese Frage mit zuversichtlichem Optimismus, ohne dabei die Probleme zu unterschätzen. Das verleitet uns sicher nicht zu der naiven Ansicht, im Hinblick auf die großen Herausforderungen unserer Zeit könnte es für uns eine »Zauberformel« geben. Nein, keine Formel wird uns retten, sondern eine Person, und die Gewißheit, die sie uns ins Herz spricht: Ich bin bei euch!

Es geht also nicht darum, ein »neues Programm« zu erfinden. Das Programm liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt vom Evangelium und von der lebendigen Tradition. Es findet letztlich in Christus selbst seine Mitte. Ihn gilt es kennenzulernen, zu lieben und nachzuahmen, um in ihm das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und mit ihm der Geschichte eine neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem erfüllt. Das Programm ändert sich nicht mit dem Wechsel der Zeiten und Kulturen, auch wenn es für einen echten Dialog und eine wirksame Kommunikation die Zeit und die Kultur berücksichtigt. Es ist unser Programm für das dritte Jahrtausend.

Dennoch muß man das Programm in pastorale Weisungen übersetzen, die den Bedingungen jeder Gemeinschaft angemessen sind. Das Jubiläum hat uns die außerordentliche Gelegenheit gegeben, daß sich die ganze Kirche für einige Jahre auf einen gemeinsamen Weg machen konnte. Es war ein Weg, der sich katechetisch auf das Thema des dreifaltigen Gottes bezog und von besonderen pastoralen Initiativen begleitet war, die einer fruchtbaren Erfahrung des Jubiläums dienen sollten. Ich danke dafür, daß der Vorschlag, den ich im Apostolischen Brief Tertio millennio adveniente gemacht habe, in weiten Kreisen herzlich aufgenommen wurde. Jetzt steht zwar kein unmittelbares Ziel vor unseren Augen, doch dafür der noch größere und nicht weniger anspruchsvolle Horizont der ordentlichen Pastoral. In die allgemeinen und unveräußerlichen Koordinaten muß das eine und einzige Programm des Evangeliums eingehen, wie es seit jeher in der Geschichte jeder kirchlichen Wirklichkeit geschieht. Und in den Ortskirchen kann man jene konkreten programmatischen Züge festschreiben, die es der Verkündigung Jesu Christi erlauben, die Personen zu erreichen, die Gemeinschaften zu formen und durch das Zeugnis in die Gesellschaft und die Kultur tief einzuwirken. Zu diesen programmatischen Zügen gehören Arbeitsziele und -methoden, Ausbildung und Förderung der Mitarbeiter sowie die Suche der notwendigen Mittel.

Ich fordere daher die Bischöfe der Teilkirchen nachdrücklich auf, mit Unterstützung durch die Beteiligung der verschiedenen Mitglieder des Gottesvolkes voll Vertrauen die Etappen des künftigen Weges zu umreißen, indem sie die Entscheidungen jeder einzelnen Diözesangemeinschaft mit denen der benachbarten Kirchen und der Universalkirche in Einklang bringen.

Erleichtert wird ein solcher Einklang sicherlich durch die inzwischen üblich gewordene kollegiale Arbeit, die von den Bischöfen in den Bischofskonferenzen und auf den Synoden geleistet wird. War das vielleicht nicht auch der Sinn der Kontinentalversammlungen der Bischofssynode, die durch die Erarbeitung wichtiger Richtlinien für die heutige Verkündigung des Evangeliums in den vielfältigen Rahmenbedingungen und in den verschiedenen Kulturen die Vorbereitung auf das Jubiläum mitgestaltet haben? Dieser reiche Schatz an Überlegungen darf man nicht beiseite legen, vielmehr muß man es konkret umsetzen.

Vor uns liegt also das Werk der pastoralen Wiederbelebung: Eine Arbeit, die begeistert und uns alle einbezieht. Ich möchte jedoch zur allgemeinen Ermutigung und Orientierung auf einige pastorale Prioritäten hinweisen, die gerade die Erfahrung des Großen Jubiläums besonders eindringlich vor meinem Auge hat erstehen lassen.

Die Heiligkeit

30. Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit. Liegt darin nicht auch der letzte Sinn des Jubiläumsablasses, jener besonderen Gnade, die Christus anbietet, damit das Leben eines jeden Getauften gereinigt und aus der Tiefe heraus erneuert werde?

Ich wünsche mir, daß unter denen, die am Jubiläum teilgenommen haben, sich viele dieser Gnade erfreuen und sich dessen bewußt sind, daß die Gnade anspruchsvoll ist. Nach dem Jubiläum beginnt wieder der ordentliche Weg, doch der Hinweis auf die Heiligkeit bleibt mehr denn je ein dringendes Desiderat der Pastoral.

Dann gilt es, das V. Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium in seinem ganzen programmatischen Wert neu zu entdecken. Dieses Kapitel ist der »allgemeinen Berufung zur Heiligkeit« gewidmet. Wenn die Konzilsväter diesem Thema so viel Bedeutung beigemessen haben, dann taten sie das nicht, um der Ekklesiologie gleichsam einen spirituellen Anstrich zu geben. Vielmehr wollten sie, daß dadurch eine innere Dynamik zum Ausdruck kommt, die ihr eigen ist. Die Wiederentdeckung der Kirche als »Geheimnis« oder als »das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk« 15 mußte auch zur Weiderentdeckung ihrer »Heiligkeit« führen. Heiligkeit ist hier im grundsätzlichen Sinn verstanden als Zugehörigkeit zu dem, der eigentlich der Heilige, ja »der dreimal Heilige« ist (vgl. Jes 6,3). Das Bekenntnis zur »heiligen« Kirche bedeutet auf ihr Antlitz als Braut Christi zu verweisen, für die er sich gerade deshalb hingegeben hat, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26). Dieses Geschenk der Heiligkeit ist sozusagen »objektiv«. Es ist jedem Getauften angeboten.

Doch setzt sich das Geschenk seinerseits in eine Aufgabe um, die die ganze christliche Existenz leiten muß. »Das ist es, was Gott will: eure Heiligkeit« (1 Thess 4,3). Dieser Auftrag betrifft nicht nur einige Christen: »Alle Christgläubigen jeglichen Standes oder Ranges sind zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen«.16

31. Wenn man diese grundlegende Wahrheit in Erinnerung ruft und als Basis für unsere pastorale Planung am Anfang des neuen Jahrtausends nimmt, könnte es auf den ersten Blick scheinen, daß es sich dabei um etwas wenig Umsetzbares handelt. Kann man Heiligkeit etwa »planen«? Was kann dieses Wort in der Logik eines Pastoralplanes bedeuten?

Wer die seelsorgliche Planung unter das Zeichen der Heiligkeit stellt, trifft in der Tat eine Entscheidung mit Tragweite. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, daß es widersinnig wäre, sich mit einem mittelmäßigen Leben zufriedenzugeben, das im Zeichen einer minimalistischen Ethik und einer oberflächlichen Religiosität geführt wird, wenn die Taufe durch die Einverleibung in Christus und die Einwohnung des Heiligen Geistes ein wahrer Eintritt in die Heiligkeit Gottes ist.

Einen Katechumenen fragen: »Möchtest du die Taufe empfangen?«, das schließt gleichzeitig die Frage ein: »Möchtest du heilig werden?«. Es bedeutet, seinen Lebensweg vom Radikalismus der Bergpredigt leiten zu lassen: »Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,48).

Das Konzil selbst hat erklärt, daß man dieses Ideal der Vollkommenheit nicht falsch verstehen darf, als sei es eine Art außerordentlichen Lebens, das nur von einigen »Genies« der Heiligkeit geführt werden könnte. Die Wege der Heiligkeit sind vielfältig, und der Berufung eines jeden angepaßt. Ich danke dem Herrn, daß er es mir geschenkt hat, in diesen Jahren so viele Christen selig- und heiligsprechen zu dürfen. Darunter waren auch viele Laien, die unter Bedingungen, wie sie das ganz gewöhnliche Leben vorgibt, heilig wurden. Es ist jetzt an der Zeit, allen mit Überzeugungskraft diesen »hohen Maßstab« des gewöhnlichen christlichen Lebens neu vor Augen zu stellen. Das ganze Leben der kirchlichen Gemeinschaft und der christlichen Familien muß in diese Richtung führen. Es ist aber auch offenkundig, daß die Wege der Heiligkeit persönliche Wege sind. Sie erfordern eine wahre und eigene Pädagogik der Heiligkeit, die sich den Rhythmen der einzelnen Personen anzupassen vermag. Diese Pädagogik wird den Reichtum dessen, was allen vorgelegt wird, verbinden müssen mit den überkommenen Formen der Hilfe durch Personen und Gruppen sowie mit den jüngeren Formen, die sich in den Verbänden und den von der Kirche anerkannten Bewegungen finden.

Das Gebet

32. Für diese »Pädagogik der Heiligkeit« braucht es ein Christentum, das sich vor allem durch die Kunst des Gebets auszeichnet. Das Jubiläumsjahr war ein Jahr intensivsten persönlichen und gemeinschaftlichen Betens. Aber wir wissen sehr wohl, daß auch das Gebet nicht »automatisch« vorausgesetzt werden kann. Beten muß man lernen, indem man diese Kunst immer aufs neue gleichsam von den Lippen des göttlichen Meisters selbst abliest. So haben es die ersten Jünger getan: »Herr, lehre uns beten!« (Lk 11,1). Im Gebet entwickelt sich jener Dialog mit Christus, der uns zu seinen engsten Vertrauten macht: »Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch« (Joh 15,4). Diese Wechselseitigkeit ist der eigentliche Kern, die Seele des christlichen Lebens und die Voraussetzung für jede echte Seelsorge. Vom Heiligen Geist gewirkt, macht sie uns durch Christus und in Christus offen, damit wir das Antlitz des Vaters betrachten können. Das Erlernen dieser trinitarischen Logik des christlichen Gebets, indem man es vor allem in der Liturgie, Höhepunkt und Quelle des kirchlichen Lebens,17 aber auch in der persönlichen Erfahrung lebt, ist das Geheimnis eines wirklich lebendigen Christentums, das keinen Grund hat, sich vor der Zukunft zu fürchten, weil es unablässig zu den Quellen zurückkehrt und sich in ihnen erneuert.

33. Ist es nicht vielleicht ein »Zeichen der Zeit«, daß man heute in der Welt trotz der weitreichenden Säkularisierungsprozesse ein verbreitetes Bedürfnis nach Spiritualität verzeichnet, das größtenteils eben in einem erneuerten Gebetsbedürfnis zum Ausdruck kommt? Auch die anderen Religionen, die nunmehr in den alten Christianisierungsgebieten weit verbreitet sind, bieten ihre eigenen Antworten auf dieses Bedürfnis an und tun dies manchmal mit gewinnenden Methoden. Da uns die Gnade gegeben ist, an Christus zu glauben, den Offenbarer des Vaters und Retter der Welt, haben wir die Pflicht zu zeigen, in welche Tiefe die Beziehung zu ihm zu führen vermag.

Die große mystische Tradition der Kirche im Osten wie im Westen hat diesbezüglich viel zu sagen. Sie zeigt, wie das Gebet Fortschritte machen kann. Als wahrer und eigentlicher Dialog der Liebe kann er die menschliche Person ganz zum Besitz des göttlichen Geliebten machen, auf den Anstoß des Heiligen Geistes hin bewegt und als Kind Gottes dem Herzen des Vaters überlassen. Dann macht man die lebendige Erfahrung der Verheißung Christi: »Wer mich liebt, wird von meinem himmlischen Vater geliebt werden, und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren« (Joh 14,21). Es handelt sich um einen Weg, der ganz von der Gnade gehalten ist und dennoch einen starken geistlichen Einsatz verlangt. Er kennt auch schmerzvolle Reinigungen (die »dunkle Nacht«), führt aber in verschiedenen möglichen Weisen zur unsagbaren Freude, die von den Mystikern als »bräutliche Vereinigung« erlebt wurde. Wie kann man an dieser Stelle unter so vielen strahlenden Zeugnissen die Lehre des heiligen Johannes vom Kreuz und der heiligen Theresia von Avila übergehen?

Ja, liebe Schwestern und Brüder, unsere christlichen Gemeinden müssen echte »Schulen« des Gebets werden, wo die Begegnung mit Christus nicht nur im Flehen um Hilfe Ausdruck findet, sondern auch in Danksagung, Lob, Anbetung, Betrachtung, Zuhören, Leidenschaft der Gefühle bis hin zu einer richtigen »Liebschaft« des Herzens. Ein intensives Gebet also, das jedoch nicht von der historischen Aufgabe ablenkt: Denn während es auf Grund seiner Natur das Herz der Gottesliebe öffnet, öffnet es dieses auch der Liebe zu den Brüdern und befähigt sie, die Geschichte nach Gottes Plan aufzubauen.18

34. Gewiß sind zum Gebet vor allem jene Gläubigen aufgerufen, die das Geschenk der Berufung zu einem Leben besonderer Weihe empfangen haben: Das Gebet macht sie auf Grund seines Wesens bereiter für die kontemplative Erfahrung. Deshalb müssen sie es mit hochherzigem Einsatz pflegen. Aber man ginge fehl, würde man annehmen, die gewöhnlichen Christen könnten sich mit einem oberflächlichen Gebet zufriedengeben, das ihr Leben nicht zu erfüllen vermag. Besonders angesichts der zahlreichen Prüfungen, vor die die heutige Welt den Glauben stellt, wären sie nicht nur mittelmäßige Christen, sondern »gefährdete Christen«. Denn sie würden das gefährliche Risiko eingehen, ihren Glauben allmählich schwinden zu sehen. Schließlich würden sie womöglich dem Reiz von »Surrogaten« erliegen, indem sie alternative religiöse Angebote annehmen und sogar den seltsamen Formen des Aberglaubens nachgeben.

Deshalb muß die Gebetserziehung auf irgendeine Weise zu einem bedeutsamen Punkt jeder Pastoralplanung werden. Ich selbst habe mich darauf eingestellt, die nächsten Mittwochskatechesen der Reflexion über die Psalmen zu widmen, angefangen mit denen der Laudes. Da lädt das öffentliche Gebet der Kirche uns ein, unsere Tage zu heiligen und ihnen eine Richtung zu geben.

Wie nützlich wäre es, wenn nicht nur in den Ordensgemeinschaften, sondern auch in den Pfarrgemeinden mehr Wert auf ein Klima gelegt würde, in dem das Gebet vorherrscht. Man müßte mit der gebotenen Unterscheidung die Weisen der Volksfrömmigkeit hochschätzen und das Volk vor allem für die liturgischen Formen bilden. Der Tagesplan einer christlichen Gemeinde müßte die vielfältigen pastoralen Tätigkeiten und das Zeugnis in der Welt mit der Feier der Eucharistie und womöglich mit den Laudes und der Vesper verbinden. Ein solcher Tagesablauf ist denkbarer, als man gemeinhin glauben mag. Das zeigt die Erfahrung vieler christlich engagierter Gruppen, die auch einen hohen Anteil an Laien unter sich verzeichnen.

Die sonntägliche Eucharistiefeier

35. Der größte Einsatz muß daher für die Liturgie aufgewandt werden, die der »Höhepunkt [ist], dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt«.19 Im 20. Jahrhundert, besonders seit dem Konzil, ist die christliche Gemeinde in der Feier der Sakramente, vor allem der Eucharistie, gewachsen. Man muß diese Richtung weiterverfolgen durch besondere Hervorhebung der sonntäglichen Eucharistiefeier und des Sonntags selbst, der als besonderer Tag des Glaubens, als Tag des auferstandenen Herrn und des Geschenkes des Geistes, als wöchentliches Ostern wahrgenommen wird.20 Seit zweitausend Jahren ist die christliche Zeitrechnung von der Erinnerung an jenen »ersten Tag der Woche« (Mk 16,2.9; Lk 24,1; Joh 20,1) geprägt, an dem der auferstandene Christus den Aposteln das Geschenk des Friedens und des Geistes brachte (vgl. Joh 20,19-23). Die Wahrheit von der Auferstehung Christi ist das Ur-Ereignis, auf dem der christliche Glaube beruht (vgl. 1 Kor 15,14), das Ereignis, das im Zentrum des Geheimnisses der Zeit steht und auf den letzten Tag vorausweist, an dem der glorreiche Christus wiederkommen wird. Wir wissen zwar nicht, welche Geschehnisse uns das eben beginnende Jahrtausend bescheren wird; doch wir haben die Gewißheit, daß es fest in den Händen Christi liegen wird, der »König der Könige und Herr der Herren« ist (Offb 19,16). Dadurch, daß die Kirche nicht nur einmal im Jahr, sondern an jedem Sonntag Ostern feiert, wird sie weiterhin jede Generation hinweisen »auf die tragende Achse der Geschichte, auf die sich das Geheimnis des Anfangs der Welt wie das ihrer endgültigen Bestimmung zurückführen lassen«.21

36. Deshalb möchte ich auf der Linie von Dies Domini bekräftigen, daß die Teilnahme an der Eucharistie für jeden Getauften wirklich das Herz des Sonntags sei. Dies ist ein unverzichtbarer Anspruch, den man nicht nur erfüllt, um einer Pflicht nachzukommen, sondern weil er für ein wahrhaft bewußtes und stimmiges christliches Leben notwendig ist. Wir treten in ein Jahrtausend ein, in dem sich auch in den Ländern alter christlicher Tradition ein Ineinander von Kulturen und Religionen abzeichnet. In vielen Gebieten sind oder werden die Christen eine »kleine Herde« (Lk 12,32). Dieser Umstand stellt sie vor die Herausforderung, oft auf verlorenem Posten und unter Schwierigkeiten noch kraftvoller für die besonderen Züge der eigenen Identität Zeugnis abzulegen. Dazu gehört auch die Pflicht, jeden Sonntag an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Die Eucharistie sammelt jede Woche am Sonntag die Christen als Familie Gottes um den Tisch des Wortes und des Lebensbrotes. So ist sie auch das natürlichste Mittel gegen die Zerstreuung. Sie ist der vorzügliche Ort, wo die Gemeinschaft ständig verkündet und gepflegt wird. Gerade durch die Teilnahme an der Eucharistie wird der Tag des Herrn auch der Tag der Kirche,22 die auf diese Weise ihre Rolle als Sakrament der Einheit wirksam spielen kann.

Das Sakrament der Versöhnung

37. Sodann bitte ich um einen neuen pastoralen Mut, damit die tägliche Pädagogik der christlichen Gemeinden überzeugend und wirksam die Praxis des Sakramentes der Versöhnung vorzulegen vermag. Wie ihr euch erinnert, habe ich mich im Jahre 1984 zu diesem Thema mit der nachsynodalen Exhortation Reconciliatio et paenitentia geäußert. Dieses Dokument faßte die Früchte der Überlegungen zusammen, die eine Versammlung der Bischofssynode zu diesem Problem hervorgebracht hatte. Damals habe ich darum gebeten, mit aller Anstrengung die Krise des »Sündenbewußtseins« anzugehen, die sich in der zeitgenössischen Kultur feststellen läßt.23 Mehr noch habe ich dazu eingeladen, Jesus Christus als mysterium pietatis wieder freizulegen. In Christus zeigt uns Gott sein mitfühlendes Herz und versöhnt uns ganz mit sich. Dieses Antlitz Christi muß man auch durch das Sakrament der Buße neu zeigen. Das Bußsakrament ist für einen Christen »der ordentliche Weg, um die Vergebung und die Verzeihung seiner schweren Sünden zu erlangen, die er nach der Taufe begangen hat«.24 Als die schon erwähnte Synode das Problem behandelte, hatten alle die Krise des Sakraments im Auge, die sich besonders in einigen Gebieten der Welt zeigt. Die Gründe, die an der Wurzel liegen, sind in dieser kurzen Zeitspanne nicht geschwunden. Doch war das Jubiläumsjahr besonders von einer Rückkehr zur sakramentalen Buße geprägt; so hält es eine ermutigende Botschaft bereit, die man nicht unterschlagen sollte: Wenn viele Gläubige, darunter auch zahlreiche Jugendliche, dieses Sakrament fruchtbar empfangen haben, dann müssen wahrscheinlich die Hirten mehr Vertrauen, mehr Phantasie und einen längeren Atem haben, um das Bußsakrament in der Verkündigung vorzulegen und seine Wertschätzung zu fördern. Wir dürfen, liebe Brüder im Priesteramt, vor zeitbedingten Krisen nicht resignieren! Die Gaben des Herrn — und die Sakramente gehören zu den wertvollsten — kommen von Demjenigen, der das Herz des Menschen gut kennt und der der Herr der Geschichte ist.

Der Vorrang der Gnade

38. Sich mit größerem Vertrauen in der vor uns liegenden Planung für eine Seelsorge einzusetzen, die dem persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet ganz Raum gibt, bedeutet ein wesentliches Prinzip der christlichen Lebensauffassung zu achten: der Vorrang der Gnade. Es gibt eine Versuchung, die seit jeher jeden geistlichen Weg und selbst das pastorale Wirken gefährdet: zu glauben, daß die Ergebnisse von unserem Machen und Planen abhängen. Gewiß bittet uns Gott um eine reale Mitwirkung an seiner Gnade und fordert uns daher auf, alle unsere intellektuellen und praktischen Fähigkeiten in unseren Dienst für die Sache des Reiches Gottes zu investieren. Aber wehe, wenn wir vergessen, daß wir »ohne Christus nichts vollbringen können« (vgl. Joh 15,5).

Das Gebet läßt uns genau in dieser Wahrheit leben. Es erinnert uns beständig an den Primat Christi und im Verhältnis zu ihm an den Primat des inneren Lebens und der Heiligkeit. Muß man sich, wann immer dieses Prinzip nicht eingehalten wird, noch wundern, wenn die pastoralen Vorhaben auf ein Scheitern zusteuern und im Herzen ein entmutigendes Gefühl der Frustration zurücklassen? Dann machen wir die Erfahrung, die den Jüngern beim wunderbaren Fischfang zuteil wurde. Das Evangelium berichtet von dieser Episode: »Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen« (Lk 5,5). Das ist der Augenblick des Glaubens, des Gebets, des Dialogs mit Gott, um das Herz dem Strom der Gnade zu öffnen und dem Wort Christi zu gestatten, uns mit aller Kraft zu durchdringen: Duc in altum! Es war Petrus, der bei jenem Fischfang das Wort des Glaubens sprach: »Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen« (ebd.). Gestattet dem Nachfolger Petri an diesem Beginn des Jahrtausends, die ganze Kirche zu diesem Glaubensakt einzuladen, der sich in einem erneuerten Bemühen um das Gebet ausdrückt.

Auf das Wort hören

39. Es besteht kein Zweifel, daß man diesen Primat des Gebets und der Heiligkeit nur von einem erneuerten Hören des Wortes Gottes her annehmen kann. Seitdem das II. Vatikanische Konzil die herausragende Rolle des Wortes Gottes im Leben der Kirche unterstrichen hat, hat man im eifrigen Hören und aufmerksamen Lesen der Heiligen Schrift sicher große Fortschritte gemacht. Der Heiligen Schrift ist die Ehre sicher, die sie im öffentlichen Gebet der Kirche verdient. Auf sie greifen nunmehr in größerem Maße die einzelnen und die Gemeinden zurück; gerade unter den Laien gibt es viele, die sich ihr auch mit der wertvollen Hilfe theologischer und biblischer Studien widmen. Vor allem ist es auch die Arbeit der Evangelisierung und der Katechese, die gerade in der Aufmerksamkeit für das Wort Gottes neu belebt wird. Liebe Brüder und Schwestern, diese Linie gilt es auch durch die Verbreitung der Bibel in den Familien zu festigen und zu vertiefen. Besonders notwendig ist es, daß das Hören des Wortes zu einer lebendigen Begegnung in der alten und noch immer gültigen Tradition der lectio divina wird. Sie läßt uns im biblischen Text das lebendige Wort erfassen, das Fragen an uns stellt, Orientierung gibt und unser Dasein gestaltet.

Das Wort verkünden

40. Uns vom Wort nähren, um im Bemühen um die Evangelisierung »Diener des Wortes zu sein«: Das ist mit Sicherheit eine Priorität für die Kirche am Beginn des neuen Jahrtausends. Der Bestand einer »christlichen Gesellschaft«, die sich, trotz der vielen Schwächen, die das Menschliche immer kennzeichnen, ausdrücklich an die Werte des Evangeliums hielt, gehört inzwischen auch in den alten Evangelisierungsgebieten der Vergangenheit an. Heute muß man sich mutig einer Situation stellen, die im Zusammenhang mit der Globalisierung und der neuen gegenseitigen Verflechtung von Völkern und Kulturen, die sie mit sich bringt, immer vielfältiger und anspruchsvoller wird. Unzählige Male habe ich in diesen Jahren den Aufruf zur Neuevangelisierung wiederholt. Ich bekräftige ihn jetzt noch einmal, vor allem um darauf hinzuweisen, daß es unbedingt nötig ist, in uns wieder den Schwung des Anfangs dadurch zu entzünden, daß wir uns von dem glühenden Eifer der apostolischen Verkündigung, die auf Pfingsten folgte, mitreißen lassen. Wir müssen uns die glühende Leidenschaft des Paulus zu eigen machen, der ausrief: »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor 9,16).

Diese Leidenschaft wird es nicht versäumen, ein neues missionarisches Engagement in der Kirche zu wecken, das nicht einer kleinen Schar von »Spezialisten« übertragen werden kann, sondern letztendlich die Verantwortung aller Glieder des Gottesvolkes einbeziehen muß. Wer Christus wirklich begegnet ist, kann ihn nicht für sich behalten, er muß ihn verkündigen. Ein neuer apostolischer Aufbruch tut not, der als tägliche Verpflichtung der christlichen Gemeinden und Gruppen gelebt werden soll. Das wird jedoch mit dem gebührenden Respekt vor dem jeweils unterschiedlichen Weg eines jeden Menschen und mit Aufmerksamkeit gegenüber den verschiedenen Kulturen geschehen, in die die christliche Botschaft eingebettet werden soll, so daß die spezifischen Werte jedes Volkes nicht verleugnet, sondern gereinigt und zu ihrer Fülle gebracht werden.

Das Christentum des dritten Jahrtausends wird immer auf diese Notwendigkeit der Inkulturation eingehen müssen. Es bewahrt voll seine eigene Identität in totaler Treue zur Verkündigung des Evangeliums und zur Tradition der Kirche und trägt auch das Angesicht der vielen Kulturen und Völker, in die es hineingegeben und verwurzelt wird. An der Schönheit dieses vielseitigen Gesichtes der Kirche haben wir uns besonders im Jubiläumsjahr erfreut. Vielleicht ist es nur ein Anfang, eine gerade einmal skizzierte Ikone der Zukunft, die Gottes Geist für uns bereitet.

Das Angebot Jesu Christi muß voll Vertrauen an alle ergehen. Man soll sich an die Erwachsenen, an die Familien, an die Jugendlichen, an die Kinder wenden, ohne jemals die radikalsten Forderungen zu verheimlichen, die das Evangelium stellt. Doch man muß auch den Bedürfnissen jedes einzelnen entgegenkommen, was Einfühlungsvermögen und Sprache angelangt. Paulus kann dafür als Beispiel dienen: »Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten« (1 Kor 9,22). Während ich das alles empfehle, denke ich besonders an die Jugendseelsorge. Gerade im Hinblick auf die Jugendlichen hat uns das Jubiläum — woran ich kurz vorher schon erinnert habe — ein Zeugnis hochherziger Bereitschaft geboten. Wir müssen diese tröstende Antwort dadurch zur Geltung bringen, daß wir jenen Enthusiasmus wie ein neues Talent investieren (vgl. Mt 25,15), das der Herr uns in die Hand gegeben hat, damit wir es Früchte bringen lassen.

41. In diesem vertrauensvollen, zupackenden und kreativen missionarischen Bemühen trage und leite uns das leuchtende Beispiel vieler Glaubenszeugen, an die uns das Jubiläum erinnert hat. Die Kirche hat in ihren Märtyrern stets einen Samen des Lebens gefunden. Sanguis martyrum — semen christianorum: 25 Dieses berühmte »Gesetz«, das Tertullian aufstellte, hat seine Wahrheit in der Geschichte bewiesen. Wird es nicht auch so sein für das Jahrhundert, ja das Jahrtausend, das wir gerade beginnen? Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, die Märtyrer weit weg von uns zu rücken, als handelte es sich um eine Kategorie der Vergangenheit, die vor allem mit den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung zu verbinden ist. Das Gedächtnis des Jubiläums hat uns einen überraschenden Schauplatz eröffnet. Es hat uns gezeigt, daß unsere Zeit reich ist an Zeugen, die auf je eigene Weise trotz Widerstand und Verfolgung das Evangelium zu leben vermochten und dabei oft bis zur höchsten Hingabe des Blutes gegangen sind. In ihnen ist das Wort Gottes auf guten Boden gefallen und hat hundertfältige Frucht gebracht (vgl. Mt 13,8.23). Mit ihrem Beispiel haben sie uns den Weg in die Zukunft gewiesen und gleichsam geebnet. Uns bleibt nichts, als mit der Gnade Gottes in ihre Fußstapfen zu treten.

 

IV
EINE ZUKUNFT DER LIEBE

42. »Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35). Wenn wir das Antlitz Christi wirklich betrachtet haben, liebe Brüder und Schwestern, dann muß sich unsere pastorale Planung an dem »neuen Gebot« ausrichten, das er uns gegeben hat: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13,34).

Der andere große Bereich, wo sich ein entschlossenes Engagement für die Planung auf der Ebene der Gesamtkirche und der Teilkirchen ausdrücken muß, ist die Gemeinschaft (koinonía, communio), die das eigentliche Wesen des Geheimnisses der Kirche verkörpert und deutlich macht. Die Gemeinschaft ist Frucht und sichtbarer Ausdruck jener Liebe, die aus dem Herzen des ewigen Vaters entspringt und durch den Geist, den uns Jesus schenkt (vgl. Röm 5,5), in uns ausgegossen wird, um aus uns allen »ein Herz und eine Seele« (Apg 4,32) zu machen. Durch die Verwirklichung dieser Liebesgemeinschaft offenbart sich die Kirche als »Sakrament«, das heißt als »Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit«.26

Die Worte, die der Herr dafür findet, sind zu klar, als daß man ihre Bedeutung unterschätzen könnte. Wenn die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit auch im neuen Jahrhundert viele Dinge braucht, ohne die Liebe (agape) wäre alles umsonst. Der Apostel Paulus selbst erinnert uns daran in seinem Hymnus an die Liebe: Auch wenn wir in den Sprachen der Menschen und Engel redeten und einen Glauben hätten, »um damit Berge zu versetzen«, hätten aber die Liebe nicht, wäre alles »nichts« (vgl. 1 Kor 13,2). Die Liebe ist wirklich das »Herz« der Kirche, wie es die heilige Theresia von Lisieux richtig erfaßt hatte. Gerade als Expertin der scientia amoris habe ich sie zur Kirchenlehrerin erhoben: »Ich verstand, daß die Kirche ein Herz hatte und daß dieses Herz von Liebe entflammt war. Ich verstand, daß nur die Liebe die Glieder der Kirche handeln ließ [...]. Ich verstand, daß die Liebe alle Berufungen einschloß, daß die Liebe alles war«.27

Eine Spiritualität der Gemeinschaft

43. Die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft machen, darin liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tiefgreifenden Erwartungen der Welt entsprechen wollen.

Was bedeutet das konkret? Auch hier könnte die Rede sofort praktisch werden, doch es wäre falsch, einem solchen Anstoß nachzugeben. Vor der Planung konkreter Initiativen gilt es, eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern, indem man sie überall dort als Erziehungsprinzip herausstellt, wo man den Menschen und Christen formt, wo man die geweihten Amtsträger, die Ordensleute und die Mitarbeiter in der Seelsorge ausbildet, wo man die Familien und Gemeinden aufbaut. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muß. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um »einen, der zu mir gehört«, damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein »Geschenk für mich«. Spiritualität der Gemeinschaft heißt schließlich, dem Bruder »Platz machen« können, indem »einer des anderen Last trägt« (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus, Mißtrauen und Eifersüchteleien erzeugen. Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, daß diese sich ausdrücken und wachsen kann.

44. Auf dieser Grundlage werden wir uns im neuen Jahrhundert mehr denn je dafür einsetzen müssen, jene Bereiche und Hilfsmittel zu erschließen und zu entwickeln, die gemäß den großen Richtlinien des II. Vatikanischen Konzils dazu dienen, die Gemeinschaft zu stützen und zu sichern. Muß man da nicht vor allem an die besonderen Dienste an der Gemeinschaft denken, wie etwa das Petrusamt und, in enger Beziehung zu ihm, die bischöfliche Kollegialität? Es handelt sich um Wirklichkeiten, die ihre Grundlage und ihren Bestand im Plan Christi für die Kirche haben,28 aber eben deshalb einer ständigen Überprüfung bedürfen, damit garantiert bleibt, daß sie wirklich vom Evangelium her inspiriert sind.

Auch was die Reform der Römischen Kurie, die Organisation der Synoden und die Arbeitsweise der Bischofskonferenzen betrifft, ist seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil viel geschehen. Aber es bleibt sicherlich noch viel zu tun, um die Möglichkeiten dieser Werkzeuge der Gemeinschaft besser zum Ausdruck zu bringen. Sind diese doch heute besonders notwendig, da man unverzüglich und wirkungsvoll auf die Probleme antworten muß, mit denen sich die Kirche in den sich überstürzenden Veränderungen unserer Zeit auseinanderzusetzen hat.

45. Die Räume der Gemeinschaft müssen im gesamten Leben jeder Kirche Tag für Tag auf allen Ebenen gepflegt und ausgeweitet werden. Hier muß die Gemeinschaft zum Strahlen kommen in den Beziehungen zwischen Bischöfen, Priestern und Diakonen, zwischen Hirten und dem ganzen Volk Gottes, zwischen Klerus und Ordensleuten, zwischen kirchlichen Vereinigungen und Bewegungen. Zu diesem Zweck muß man die vom Kirchenrecht zur Mitarbeit in der Teilkirche vorgesehenen Organe, wie die Priester- und Pastoralräte, immer besser zur Geltung bringen. Sie folgen zwar bekanntlich nicht den Kriterien der parlamentarischen Demokratie, weil ihre Arbeit Beratungs- und nicht Entscheidungscharakter hat; 29 doch verlieren sie deshalb nicht an Bedeutung. Theologie und Spiritualität der Gemeinschaft bewirken nämlich ein wechselseitiges Zuhören zwischen Hirten und Gläubigen. Dadurch bleiben sie einerseits in allem, was wesentlich ist, a priori eins, und andererseits führt das Zuhören dazu, daß es auch in den diskutierbaren Fragen normalerweise ausgewogene und gemeinsam vertretbare Entscheidungen kommt.

Zu diesem Zweck müssen wir uns die alte pastorale Weisheit zu eigen machen, welche die Hirten, ohne jegliche Schmälerung ihrer Autorität, dazu ermutigte, das ganze Volk Gottes so weit wie möglich anzuhören. Bezeichnend ist, woran der heilige Benedikt den Abt des Klosters erinnert, wenn er ihn auffordert, auch die jüngsten Mitglieder zu befragen: »Der Herr offenbart oft einem Jüngeren, was das Bessere ist«.30 Und der heilige Paulinus von Nola mahnt: »Wir wollen an den Lippen aller Glaubenden hängen, weil in jedem Gläubigen der Geist Gottes weht«.31

Wenn daher die Rechtsweisheit durch präzise Festlegung von Regeln für die Teilnahme die hierarchische Struktur der Kirche herausstellt sowie Versuchungen zu Willkür und ungerechtfertigten Ansprüchen abwehrt, so verleiht die Spiritualität der Gemeinschaft dem institutionellen Tatbestand eine Seele und leitet zu Vertrauen und Öffnung an, die der Würde und Verantwortung eines jeden Gliedes des Gottesvolkes voll entspricht.

Die Vielfalt der Berufungen

46. Diese Sicht von Gemeinschaft ist eng verbunden mit der Fähigkeit der christlichen Gemeinschaft, allen Gaben des Geistes Raum zu geben. Die Einheit der Kirche bedeutet nicht Einförmigkeit, sondern organische Integration der legitimen Verschiedenheiten. Es geht um die Wirklichkeit, daß die vielen Glieder in einem Leib verbunden sind, dem einzigen Leib Christi (vgl. 1 Kor 12,12). Es ist daher notwendig, daß die Kirche des dritten Jahrtausends alle Getauften und Gefirmten dazu anspornt, sich ihrer aktiven Verantwortung im kirchlichen Leben bewußt zu werden. Neben dem geweihten Amt können zum Wohl der ganzen Gemeinschaft noch andere Dienste blühen, die durch Einsetzung oder einfach durch Anerkennung übertragen werden. Diese Dienste unterstützen die Gemeinschaft in ihren vielfältigen Bedürfnissen — von der Katechese bis zur Gestaltung des Gottesdienstes, von der Erziehung der Kinder bis zu den verschiedenartigsten Formen der Nächstenliebe.

Gewiß muß man sich mit vollem Eifer — vor allem durch das inständige Gebet zum »Herrn der Ernte« (vgl. Mt 9,38) — für die Förderung der Priester- und Ordensberufe einsetzen. Darin liegt ein Problem, das für das Leben der Kirche in allen Teilen der Welt von hoher Tragweite ist. In bestimmten Ländern, die schon seit alten Zeiten das Evangelium empfangen hatten, ist es geradezu dramatisch geworden. Das liegt an dem veränderten gesellschaftlichen Umfeld und an der religiösen Austrocknung, die vom Konsumismus und vom Säkularismus herrührt. Es ist dringend notwendig, eine breitangelegte und engmaschige Berufungspastoral zu schaffen. Sie muß die Pfarreien, Bildungszentren und Familien erreichen und ein aufmerksameres Nachdenken über die wesentlichen Werte des Lebens wecken. Diese finden ihre entscheidende Zusammenschau in der Antwort, die jeder auf den Ruf Gottes geben soll. Dies gilt besonders dann, wenn die Antwort es erfordert, sich selbst ganz hinzugeben und die eigenen Energien für das Reich Gottes einzusetzen.

In diesem Zusammenhang bekommt auch jede andere Berufung ihre Bedeutung, die letztlich im Reichtum des im Sakrament der Taufe empfangenen neuen Lebens wurzelt. Besonders muß man immer besser die Berufung entdecken, die den Laien zu eigen ist. Sie sind dazu berufen, »in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen« 32 und »durch ihr Bemühen um die Evangelisierung und Heiligung der Menschen« 33 die ihnen eigenen Aufgaben in Kirche und Welt zu erfüllen.

Genauso bedeutsam für die Gemeinschaft ist die Verpflichtung, die verschiedenen Wirklichkeiten von Zusammenschlüssen zu fördern. Ob in den traditionelleren Formen oder in den neueren Formen der kirchlichen Bewegungen, jedenfalls hören sie nicht auf, der Kirche eine Lebendigkeit zu verleihen, die Geschenk Gottes ist und einen echten »Frühling des Geistes« darstellt. Natürlich müssen die Verbände und Bewegungen sowohl in der Universalkirche als auch in den Teilkirchen in vollem Einklang mit der Kirche und im Gehorsam gegenüber den authentischen Weisungen der Bischöfe arbeiten. Für alle gilt aber auch die anspruchsvolle und deutliche Mahnung des Apostels: »Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute!« (1 Thess 5,19-21).

47. Mit besonderer Sorgfalt muß man sich der Familienpastoral widmen, die um so nötiger ist in diesem Augenblick der Geschichte, da eine verbreitete und tiefgreifende Krise dieser fundamentalen Institution zu verzeichnen ist. In der christlichen Auffassung von der Ehe entspricht die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau — eine gegenseitige und ganzheitliche, einzige und unauflösbare Beziehung — dem ursprünglichen Plan Gottes, der in der Geschichte durch die Verhärtung des Herzens verdunkelt worden war; doch Christus stellte durch die Enthüllung dessen, was Gott »am Anfang« gewollt hat (Mt 19,8), die Ehe in ihrem ursprünglichen Glanz wieder her. In der zur Würde des Sakraments erhobenen Ehe kommt sodann das »tiefe Geheimnis« der bräutlichen Liebe Christi zu seiner Kirche zum Ausdruck (vgl. Eph 5,32).

Die Kirche darf in diesem Punkt dem Druck einer bestimmten Kultur, mag sie auch weit verbreitet und mitunter kämpferisch sein, nicht nachgeben. Vielmehr muß man alles daran setzen, daß durch eine immer vollkommenere Erziehung im Geist des Evangeliums die christlichen Familien ein überzeugendes Beispiel dafür geben, daß man eine Ehe leben kann, die voll und ganz dem Plan Gottes und den tatsächlichen Bedürfnissen der menschlichen Person entspricht: jener der Eheleute und vor allem jener viel zerbrechlicheren der Kinder. Die Familien selbst müssen sich immer mehr die den Kindern gebührende Sorge und Aufmerksamkeit bewußt machen und zu aktiven Trägern einer wirksamen Präsenz in Kirche und Gesellschaft zum Schutz ihrer Rechte werden.

Der ökumenische Einsatz

48. Was soll man sagen über die Dringlichkeit einer Förderung der Gemeinschaft in dem heiklen Bereich des ökumenischen Bemühens? Die traurige Hinterlassenschaft der Vergangenheit verfolgt uns noch über die Schwelle des neuen Jahrtausends hinaus. Die Feier des Jubiläums hat einige wahrhaft prophetische und ergreifende Zeichen gesetzt; aber es steht uns noch ein weiter Weg bevor.

Indem das Große Jubiläum unseren Blick auf Christus hinlenkte, hat es uns die Kirche als Geheimnis der Einheit wieder bewußter gemacht. »Ich glaube die eine Kirche«: Was wir im Glaubensbekenntnis sprechen, hat seine letzte Grundlage in Christus (vgl. 1 Kor 1,11-13), in dem die Kirche nicht geteilt ist. Insofern die Kirche in der vom Geschenk des Geistes her gewirkten Einheit sein Leib ist, ist sie unteilbar. Die Wirklichkeit der Spaltung ist ein Ergebnis der Geschichte und eine Sache der Beziehung unter den Söhnen und Töchtern der Kirche, eine Folge der menschlichen Gebrochenheit im Hinblick auf die Annahme des Geschenks, das ständig von Christus, dem Haupt, in den mystischen Leib fließt. Jesus hat im Abendmahlssaal gebetet: »Alle sollen eins sein. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein« (Joh 17,21). Diese Bitte ist Offenbarung und Anrufung zugleich. Sie offenbart die Einheit Jesu Christi mit dem Vater als Quelle der Einheit der Kirche und immerwährendes Geschenk, das die Kirche in ihm auf geheimnisvolle Weise bis zum Ende der Zeiten empfängt. Diese Einheit, die sich trotz der dem Menschlichen eigenen Grenzen in der katholischen Kirche konkret verwirklicht, wirkt in verschiedenem Maß auch in den vielen Elementen der Heiligung und Wahrheit, die sich in den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften finden. Diese Elemente sind der Kirche Jesu Christi eigene Gaben und drängen die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften unablässig zur vollen Einheit.34

Das Gebet Jesu Christi erinnert uns, daß dieses Geschenk immer mehr angenommen und noch tiefer erfaßt werden muß. Die Anrufung »ut unum sint« ist zugleich Imperativ, der verpflichtet, Kraft, die trägt und heilsamer Tadel für unsere Trägheit und Enge des Herzens. Nicht auf unseren Fähigkeiten, sondern auf dem Gebet Jesu fußt das Vertrauen, daß wir auch in der Geschichte zur vollen und sichtbaren Gemeinschaft mit allen Christen gelangen können.

Aus dieser Sicht eines nach dem Jubiläumsjahr erneuerten Weges blicke ich mit großer Hoffnung auf die Kirchen des Ostens und wünsche mir, daß jener Austausch von Gaben wieder voll einsetzen möge, der die Kirche des ersten Jahrtausends bereichert hat. Möge die Erinnerung an die Zeit, in der die Kirche mit »zwei Lungen« atmete, die Christen im Osten und im Westen anspornen, einen gemeinsamen Weg zu gehen in der Einheit des Glaubens und in der Achtung vor den legitimen Unterschieden, indem sie sich gegenseitig als Glieder des einen Leibes Christi annehmen und unterstützen.

Mit ähnlichem Engagement muß man den ökumenischen Dialog mit den Brüdern und Schwestern der anglikanischen Gemeinschaft und der aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften pflegen. Die theologische Gegenüberstellung über wesentliche Punkte des Glaubens und der christlichen Moral, die Zusammenarbeit in der Liebe und vor allem der großartige Ökumenismus der Heiligkeit werden mit Gottes Hilfe in Zukunft ihre Früchte tragen. Inzwischen setzen voll Zuversicht unseren Weg fort, während wir den Augenblick herbeisehnen, da wir zusammen mit allen Jüngern Christi ohne Ausnahme aus voller Kehle singen können: »Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen« (Ps 133,1).

Auf die Liebe setzen

49. Aus der innerkirchlichen Gemeinschaft öffnet sich die Liebe, wie es ihrer Natur entspricht, auf den universalen Dienst hin und stellt uns in den Einsatz einer tätigen, konkreten Liebe zu jedem Menschen. Das ist ein Bereich, der das christliche Leben, den kirchlichen Stil und die pastorale Planung gleichermaßen bestimmt und kennzeichnet. Das Jahrhundert und das Jahrtausend, die im Anbruch begriffen sind, werden noch sehen müssen — und es ist wünschenswert, daß sie das mit größerem Nachdruck tun —, zu welcher Hingabe die Liebe zu den Ärmsten fähig ist. Wenn wir wirklich von der Betrachtung Christi ausgegangen sind, werden wir in der Lage sein, ihn vor allem im Antlitz derer zu erkennen, mit denen er sich selbst gern identifiziert hat: »Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen« (Mt 25,35-36). Diese Aussage ist nicht nur eine Aufforderung zur Nächstenliebe; sie ist ein Stück Christologie, das einen Lichtstrahl auf das Geheimnis Christi wirft. Daran mißt die Kirche ihre Treue als Braut Christi nicht weniger, als wenn es um die Rechtgläubigkeit geht.

Es ist sicher nicht zu vergessen, daß niemand von unserer Liebe ausgeschlossen werden darf. Denn »der Sohn Gottes hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt«.35 Wenn wir uns aber an die unmißverständlichen Worte des Evangeliums halten, dann ist in den Armen Christus in besonderer Weise gegenwärtig, was der Kirche eine vorrangige Option für sie auferlegt. Durch diese Option wird die Art der Liebe Gottes, seine Fürsorge und sein Erbarmen, bezeugt. Außerdem werden in die Geschichte gewissermaßen jene Samenkörner des Gottesreiches ausgesät, die Jesus selbst in das Erdreich seines Lebens gelegt hat, indem er denen entgegenkam, die sich wegen aller möglichen geistigen und materiellen Nöte an ihn wandten.

50. In unserer Zeit gibt es in der Tat so viel Not und Elend, das sich fragend und mahnend an die christliche Einfühlungskraft wendet. Unsere Welt beginnt das neue Jahrtausend mit einer Last. Sie ist beladen mit den Widersprüchen eines wirtschaftlichen, kulturellen und technologischen Wachstums, das einigen wenigen Begünstigten große Möglichkeiten bietet, während es Millionen und Abermillionen Menschen vom Fortschritt ausgrenzt, die sich statt dessen mit Lebensbedingungen herumschlagen müssen, die weit unter dem liegen, was man der Menschenwürde schuldig ist. Kann es tatsächlich möglich sein, daß es in unserer Zeit noch Menschen gibt, die an Hunger sterben? Die dazu verurteilt sind, Analphabeten zu bleiben? Denen es an der medizinischen Grundversorgung fehlt? Die kein Haus, keine schützende Bleibe haben?

Der Schauplatz der Armut läßt sich unbegrenzt ausweiten, wenn wir zu den alten die neuen Formen der Armut hinzufügen, die häufig auch die Milieus und gesellschaftlichen Gruppen betreffen, die zwar in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mittellos sind, sich aber der sinnlosen Verzweiflung, der Drogensucht, der Verlassenheit im Alter oder bei Krankheit, der Ausgrenzung oder sozialen Diskriminierung ausgesetzt sehen. Der Christ, der auf dieses Szenarium blickt, muß lernen, seinen Glauben an Christus in der Weise zu bekennen, daß er den Appell, den Christus von dieser Welt der Armut aussendet, entschlüsselt. Es geht um die Weiterführung einer Tradition der Nächstenliebe, die schon in den zwei vergangenen Jahrtausenden unzählige Ausdrucksformen gefunden hat, die aber in unseren Tagen vielleicht noch größeren Einfallsreichtum verlangt. Es ist Zeit für eine neue »Phantasie der Liebe«, die sich nicht so sehr und nicht nur in der Wirksamkeit der geleisteten Hilfsmaßnahmen entfaltet, sondern in der Fähigkeit, sich zum Nächsten des Leidenden zu machen und mit ihm solidarisch zu werden, so daß die Geste der Hilfeleistung nicht als demütigender Gnadenakt, sondern als brüderliches Teilen empfunden wird.

Daher muß es uns gelingen, daß sich die Armen in jeder christlichen Gemeinde wie »zu Hause« fühlen. Wäre dieser Stil nicht die großartigste und wirkungsvollste Vorstellung der Frohen Botschaft vom Reich Gottes? Ohne diese durch die Liebe und das Zeugnis der christlichen Armut vollzogene Weise der Evangelisierung läuft die Verkündigung, die auch die erste Liebestat ist, Gefahr, nicht verstanden zu werden oder in jenem Meer von Worten zu ertrinken, dem die heutige Kommunikationsgesellschaft uns täglich aussetzt. Die Liebe der Werke verleiht der Liebe der Worte eine unmißverständliche Kraft.

Die heutigen Herausforderungen

51. Wie könnten wir uns abseits halten angesichts eines voraussichtlichen ökologischen Zusammenbruchs, der weite Gebiete des Planeten unwirtlich und menschenfeindlich macht? Oder im Hinblick auf die Probleme des Friedens, der immer wieder durch den Alptraum katastrophaler Kriege bedroht ist? Oder angesichts der Verachtung der menschlichen Grundrechte gegenüber so vielen Personen, besonders den Kindern? Es gibt so viele Dringlichkeiten, die den Christen nicht kalt lassen dürfen.

Ein besonderes Engagement muß einigen Aspekten der Radikalität des Evangeliums gelten, die oft so wenig verstanden werden, daß sie die Intervention der Kirche unpopulär machen, die aber deshalb in der kirchlichen Agenda der Liebe nicht weniger präsent sein dürfen. Ich beziehe mich auf die Verpflichtung, sich für die Achtung des Lebens eines jeden Menschen von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Hinscheiden einzusetzen. In gleicher Weise erlegt uns der Dienst am Menschen auf, ob gelegen oder ungelegen auszurufen, daß alle, die von den neuen Möglichkeiten der Wissenschaft, besonders auf dem Gebiet der Biotechnologien, Gebrauch machen, niemals die grundlegenden Forderungen der Ethik mißachten dürfen, selbst wenn dies unter Berufung auf eine fragliche Solidarität geschehen sollte, die in Geringschätzung der jedem Menschen eigenen Würde letztlich zwischen Leben und Leben unterscheidet.

Um dem christlichen Zeugnis besonders auf jenen heiklen und umstrittenen Gebieten Wirkkraft zu verleihen, ist es wichtig, sich mit Kraft dafür einzusetzen, die Beweggründe des kirchlichen Standpunktes in angemessener Weise zu erklären. Dabei muß man vor allem herausheben, daß es nicht darum geht, den Nichtglaubenden eine Perspektive des Glaubens aufzudrücken, sondern die Werte zu deuten und zu schützen, die in der Natur des Menschen selbst verwurzelt sind. Die Liebe wird also notwendigerweise zum Dienst an der Kultur, der Politik, der Wirtschaft und der Familie, damit überall die Grundprinzipien geachtet werden, von denen das Schicksal des Menschen und die Zukunft der Kultur abhängt.

52. Das alles wird man natürlich in einem spezifisch christlichen Stil realisieren müssen: Bei diesen Aufgaben sollen vor allem die Laien in Erfüllung ihrer eigenen Berufung auf den Plan treten, ohne aber jemals der Versuchung nachzugeben, aus den christlichen Gemeinden Sozialagenturen zu machen. Besonders das Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaft wird so gestaltet werden müssen, daß man deren Autonomie und Kompetenzen entsprechend den von der Soziallehre der Kirche aufgestellten Richtlinien Rechnung trägt.

Die Anstrengung ist bekannt, die das kirchliche Lehramt vor allem im zwanzigsten Jahrhundert unternommen hat, um die soziale Wirklichkeit im Licht des Evangeliums zu deuten und auf immer treffendere und eingehendere Weise ihren Beitrag zur Lösung der sozialen Frage, die inzwischen zu einem weltweiten Problem geworden ist, anzubieten.

Diese ethisch-soziale Seite stellt sich als unabdingbare Dimension des christlichen Zeugnisses dar. Es gilt, die Versuchung einer intimistischen und individualistischen Spiritualität zurückzuweisen, die sich nicht nur mit den Forderungen der Liebe, sondern auch mit der Logik der Inkarnation und schließlich mit der eschatologischen Spannung des Christentums schlecht in Einklang bringen ließe. Wenn uns diese letztere den relativen Charakter der Geschichte bewußt macht, bedeutet das für uns keineswegs die Entpflichtung von der Aufgabe, Geschichte aufzubauen. Hier bleibt die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils aktueller denn je: »Es ist klar, daß die christliche Botschaft die Menschen nicht vom Aufbau der Welt ablenkt noch zur Vernachlässigung des Wohls ihrer Mitmenschen hintreibt, sondern sie vielmehr strenger zur Bewältigung dieser Aufgaben verpflichtet«.36

Ein konkretes Zeichen

53. Um ein Zeichen für diese in den tiefsten Ansprüchen des Evangeliums verwurzelte Orientierung der Liebe und Förderung des Menschen zu setzen, wollte ich, daß das Jubiläumsjahr selbst unter den zahlreichen Früchten der Liebe, die es während seines Verlaufes bereits hervorgebracht hat — ich denke besonders an die so vielen ärmeren Brüdern und Schwestern angebotene Hilfe, um ihnen die Teilnahme am Jubiläum zu ermöglichen —, auch ein Werk hinterließe, das gewissermaßen die Frucht und das Siegel der vom Großen Jubiläum verkündeten Liebe darstellen sollte. In der Tat haben viele Pilger auf verschiedenste Weise ihr Scherflein beigetragen, und zusammen mit ihnen haben auch zahlreiche Vertreter aus der Welt der Wirtschaft großzügige Unterstützung geleistet, die dazu diente, eine angemessene Durchführung des Jubiläumsjahres zu gewährleisten. Nach Begleichung der Ausgaben, die im Laufe des Jahres notwendigerweise angefallen sind, soll das Geld, das man dabei sparen konnte, für karitative Zwecke bestimmt werden. Denn es ist wichtig, daß von einem so bedeutsamen religiösen Ereignis jeder Schein von wirtschaftlicher Spekulation ferngehalten werde. Was an Überschuß bleibt, soll dazu dienen, auch bei dieser Gelegenheit die im Laufe der Geschichte so oft gelebte Erfahrung zu wiederholen. Diese Erfahrung begann damit, daß in der Anfangszeit der Kirche die Gemeinde von Jerusalem den Nichtchristen den ergreifenden Anblick eines spontanen Gabentausches bis hin zur Gütergemeinschaft zum Wohl der Ärmsten bot (vgl. Apg 2,44-45).

Das Werk, das verwirklicht werden soll, wird nur ein kleiner Bach sein, der in den großen Strom der christlichen Nächstenliebe einfließt, der die Geschichte durchzieht. Ein kleiner, aber bedeutsamer Bach: Das Jubiläum hat die Welt dazu gebracht, nach Rom zu blicken, auf die Kirche, »die den Vorsitz in der Liebe hat«,37 und dem Petrus ihre Spende zu leisten. Nun wendet sich die im Zentrum der Katholizität bekundete Nächstenliebe gewissermaßen wieder der Welt zu durch dieses Zeichen, das gleichsam Frucht und lebendiges Andenken an die anläßlich des Jubiläums erfahrene Gemeinschaft sein soll.

Dialog und Mission

54. Ein neues Jahrhundert, ein neues Jahrtausend öffnen sich im Lichte Christi. Doch nicht alle sehen dieses Licht. Wir haben die wunderbare und anspruchsvolle Aufgabe, sein Widerschein zu sein. Es ist das den Kirchenvätern in ihrer kontemplativen Betrachtung so teure mysterium lunae; sie verwiesen mit diesem Bild auf die Abhängigkeit der Kirche von Christus, der Sonne, dessen Licht sie widerspiegelt.38 Das war eine Form, um auszudrücken, was Christus selbst sagt, wenn er sich als »Licht der Welt« vorstellt (Joh 8,12) und zugleich seine Jünger auffordert, »das Licht der Welt« zu sein (vgl. Mt 5,14).

Das ist eine Aufgabe, die uns bangen läßt, wenn wir auf die Schwachheit blicken, die uns so oft glanzlos macht und Schatten auf uns wirft. Doch die Aufgabe ist lösbar, wenn wir uns dem Licht Christi aussetzen und es fertigbringen, uns der Gnade zu öffnen, die uns zu neuen Menschen macht.

55. In dieser Sichtweise steht auch die große Herausforderung des interreligiösen Dialogs, für den wir uns auch noch im neuen Jahrhundert auf der vom Zweiten Vatikanischen Konzil angegebenen Linie einsetzen werden.39 In den Jahren der Vorbereitung auf das Große Jubiläum hat die Kirche auch durch Begegnungen von bemerkenswerter symbolischer Bedeutung versucht, ein Verhältnis der Öffnung und des Dialogs zu Vertretern anderer Religionen aufzubauen. Der Dialog muß weitergehen. In der Situation eines immer ausgeprägteren kulturellen und religiösen Pluralismus, wie man in der Gesellschaft des neuen Jahrtausends voraussehen kann, ist dieser Dialog auch wichtig, um eine sichere Voraussetzung für den Frieden zu schaffen und das düstere Gespenst der Religionskriege zu vertreiben, die viele Epochen der Menschheitsgeschichte mit Blut überzogen haben. Der Name des einzigen Gottes muß immer mehr zu dem werden, was er ist, ein Name des Friedens und ein Gebot des Friedens.

56. Der Dialog kann jedoch nicht auf den religiösen Indifferentismus gegründet sein. So haben wir Christen die Pflicht, ihn so zu entwickeln, daß wir das volle Zeugnis der Hoffnung, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), vortragen. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, daß das eine Beleidigung für die Identität des anderen sein könnte, was frohe Verkündigung eines Geschenkes ist: eines Geschenkes, das für alle bestimmt ist und das allen mit größter Achtung der Freiheit eines jeden angeboten werden soll. Es ist das Geschenk der Verkündigung des Gottes, der Liebe ist und »die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16). Das alles kann, wie es auch kürzlich von der Erklärung Dominus Iesus hervorgehoben wurde, nicht Gegenstand einer Art von dialogischer Verhandlung sein, so als ginge es für uns um eine bloße Meinung: Die Verkündigung dieses Geschenkes ist jedoch für uns eine Gnade, die uns mit Freude erfüllt, und eine Nachricht, die wir zu verkünden verpflichtet sind.

Deshalb kann sich die Kirche der missionarischen Tätigkeit gegenüber den Völkern nicht entziehen. So gehört zu den vordringlichsten Aufgaben der missio ad gentes die Verkündigung, daß die Menschen die Fülle des religiösen Lebens in Christus finden, der »Weg, Wahrheit und Leben« ist (Joh 14,6). Der interreligiöse Dialog »kann nicht einfach die Verkündigung ersetzen, sondern bleibt stets auf die Verkündigung hin ausgerichtet«.40 Die missionarische Pflicht hindert uns jedoch nicht daran, zum Dialog überzugehen und mit innerer Bereitschaft zuzuhören. Denn wir wissen, daß angesichts des an Dimensionen und möglichen Folgen für das Leben und die Geschichte des Menschen unendlich reichen Gnadengeheimnisses die Kirche selbst bei dessen Ergründung niemals an ein Ende kommen wird, obwohl sie auf die Hilfe des Beistandes, des Geistes der Wahrheit (vgl. Joh 14,17) zählen kann, dem es ja zukommt, sie »in die ganze Wahrheit« (Joh 16,13) einzuführen.

Dieses Prinzip liegt nicht nur der unerschöpflichen theologischen Vertiefung der christlichen Wahrheit zugrunde, sondern auch des christlichen Dialogs mit den Philosophien, den Kulturen und Religionen. Denn nicht selten erweckt der Geist Gottes, der »weht, wo er will« (Joh 3,8), in der allgemeinen menschlichen Erfahrung trotz ihrer vielen Widersprüchlichkeiten Zeichen seiner Gegenwart, die selbst den Jüngern Christi helfen, die Botschaft, deren Überbringer sie sind, vollkommener zu verstehen. War das Zweite Vatikanische Konzil nicht vielleicht mit dieser demütigen und vertrauensvollen Öffnung darum bemüht, die »Zeichen der Zeit« zu deuten? 41 Auch wenn sie eine sorgfältige und wachsame Unterscheidung vornimmt, um die »wahren Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes« 42 zu erfassen, erkennt die Kirche nicht nur, daß sie etwas gegeben hat, sondern wieviel sie auch »der Geschichte und Entwicklung der Menschheit verdankt«.43 Diese Haltung der Öffnung und zugleich sorgfältiger Unterscheidung hat das Konzil auch gegenüber den anderen Religionen eingeführt. Wir müssen seiner Lehre und Spur mit großer Treue folgen.

Im Licht des Konzils

57. Welchen Reichtum, liebe Brüder und Schwestern, bergen die Weisungen, die uns das Zweite Vatikanische Konzil gegeben hat! Deshalb habe ich bei der Vorbereitung auf das Große Jubiläum die Kirche um eine Prüfung bezüglich der Annahme des Konzils ersucht.44 Was ist daraus geworden? Die hier im Vatikan abgehaltene Tagung war ein Augenblick dieses Nachdenkens, und ich wünsche mir, daß das auf verschiedene Weise ebenso in allen Teilkirchen geschieht. Während die Jahre vergehen, verlieren jene Texte weder ihren Wert noch ihren Glanz. Sie müssen auf sachgemäße Weise gelesen werden, damit sie aufgenommen und verarbeitet werden können als qualifizierte und normgebende Texte des Lehramtes innerhalb der Tradition der Kirche. Zum Abschluß des Jubiläums fühle ich mich mehr denn je dazu verpflichtet, auf das Konzil als die große Gnade hinzuweisen, in deren Genuß die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompaß geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren.

 

SCHLUSS

DUC IN ALTUM!

58. Gehen wir voll Hoffnung voran! Ein neues Jahrtausend liegt vor der Kirche wie ein weiter Ozean, auf den es hinauszufahren gilt. Dabei zählen wir auf die Hilfe Jesu Christi. Der Sohn Gottes, der aus Liebe zum Menschen vor zweitausend Jahren Mensch wurde, vollbringt auch heute sein Werk. Wir brauchen aufmerksame Augen, um es zu sehen, und vor allem ein großes Herz, um selber seine Werkzeuge zu werden. Haben wir etwa das Jubiläumsjahr nicht deshalb gefeiert, um wieder mit dieser lebendigen Quelle unserer Hoffnung Kontakt aufzunehmen? Nun fordert uns Christus, den wir in Liebe betrachteten, noch einmal auf, uns auf den Weg zu machen: »Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Mt 28,19). Der Missionsauftrag führt uns mit der Aufforderung zu derselben Begeisterung, welche die Christen der ersten Stunde auszeichnete, in das dritte Jahrtausend ein: Wir können auf die Kraft desselben Geistes zählen, der am Pfingstfest ausgegossen wurde und uns heute dazu anspornt, einen Neuanfang zu setzen. Dabei fühlen wir uns getragen von der Hoffnung, »die nicht zugrunde gehen läßt« (Röm 5,5),

Am Beginn dieses neuen Jahrhunderts muß unser Schritt schneller werden, wenn wir erneut die Straßen der Welt zurücklegen. Es gibt so viele Straßen, auf denen jeder von uns und jede unserer Kirchen geht, aber jene, die zusammengebunden werden durch die eine Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die sich täglich am Tisch des eucharistischen Brotes und des Wortes des Lebens nährt, kennen keine Distanz. Jeden Sonntag gewährt uns der auferstandene Christus gleichsam eine Begegnung im Abendmahlssaal, wo er sich am Abend »des ersten Tages der Woche« (Joh 20,19) seinen Jüngern zeigte, um ihnen das lebendig machende Geschenk des Geistes »einzuhauchen« und sie in das große Abenteuer der Evangelisierung einzuführen.

Uns begleitet auf diesem Weg die allerseligste Jungfrau Maria, der ich vor einigen Monaten zusammen mit vielen Bischöfen, die aus allen Teilen der Welt nach Rom gekommen waren, das dritte Jahrtausend anvertraut habe. Viele Male in diesen Jahren habe ich sie als »Stern der Neuevangelisierung« vorgestellt und angerufen. So weise ich wiederum auf sie hin als leuchtende Morgenröte und sicheren Leitstern auf unserem Weg. »Frau, siehe deine Söhne und Töchter«, wiederhole ich im Anklang an Jesu eigene Worte (vgl. Joh 19,26) und mache mich bei ihr zur Stimme der kindlichen Liebe der ganzen Kirche.

59. Liebe Brüder und Schwestern! Das Symbol der Heiligen Pforte schließt sich hinter uns, um aber die lebendige Pforte, die Christus ist, weiter geöffnet zu lassen denn je. Nach der Begeisterung des Jubiläums kehren wir in keinen grauen Alltag zurück. Im Gegenteil, wenn unser Pilgerweg echt war, hat er unsere Beine gleichsam gelockert für den Weg, der auf uns wartet. Wir müssen den Schwung des Apostels Paulus nachahmen: »Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt« (Phil 3,13-14). Zugleich müssen wir betrachten, wie es Maria getan hat, als sie von der Wallfahrt in die heilige Stadt Jerusalem nach Nazaret zurückkehrte und in ihrem Herzen über das Geheimnis des Sohnes nachdachte (vgl. Lk 2,51).

Der auferstandene Jesus, der sich auf unseren Wegen zu uns gesellt und sich wie von den Emmaus-Jüngern »am Brechen des Brotes« erkennen läßt (Lk 24,35), möge uns wachsam und bereit finden, sein Angesicht zu erkennen und zu den Brüdern zu laufen, um ihnen die große Nachricht zu bringen: »Wir haben den Herrn gesehen!« (Joh 20,25).

Das ist die so ersehnte Frucht des Jubiläums des Jahres 2000, des Jubiläums, das uns das Geheimnis über Jesus von Nazaret, den Sohn Gottes und Erlöser des Menschen, wieder lebendig vor Augen gestellt hat.

Während das Jubiläum zu Ende geht und für uns eine hoffnungsvolle Zukunft einleitet, steige das Lob und der Dank der ganzen Kirche durch Christus im Heiligen Geist zum Vater auf.

Mit diesem Wunsch sende ich allen aus tiefstem Herzen meinen Segen.

Aus dem Vatikan, am 6. Januar, dem Hochfest der Erscheinung des Herrn, des Jahres 2001, im 23. Jahr meines Pontifikates.


(1) II. Vat. Konzil, Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche Christus Dominus, 11.

(2) Bulle Incarnationis mysterium, (29. November 1998) 3: AAS 91 (1999), 132.

(3) Ebd., 4, aaO., 133.

(4) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 8.

(5) De civitate Dei XVIII, 51,2: PL 41, 614; vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 8.

(6) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente, (10. November 1994) 55: AAS 87 (1995), 38.

(7) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 1.

(8) »Ignoratio enim Scripturarum ignoratio Christi est«: Comm. in Is., Prol.: PL 24,17.

(9) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 19.

(10) »In der Nachfolge der heiligen Väter also lehren wir alle übereinstimmend, unseren Herrn Jesus Christus zu bekennen: derselbe ist vollkommen in der Gottheit und derselbe ist vollkommen in der Menschheit; derselbe ist wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch [...]; ein und derselbe ist Christus, der einziggeborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird [...]; der einziggeborene Sohn, Gott, das Wort, der Herr Jesus Christus, ist nicht in zwei Personen geteilt, sondern ist ein und derselbe«: DS 301-302.

(11) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 22.

(12) Der hl. Athanasius bemerkt in diesem Zusammenhang: »Der Mensch könnte nicht vergöttlicht werden und bliebe an ein Geschöpf gebunden, wenn der Sohn nicht wahrer Gott wäre«, 2. Rede gegen die Arianer 70: PG 26, 425 B.

(13) Nr. 78.

(14) Letzte Gespräche. Gelbes Heft, 6. Juli 1897: Opere complete,, Città del Vaticano 1997, 1003.

(15) Hl. Cyprian, De Orat. Dom. 23: PL 4, 553; vgl. Lumen gentium, 4.

(16) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 40.

(17) Vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 10.

(18) Vgl. Kongregation für die glaubenslehre, Schreiben über einige Aspekte der christlichen Meditation Orationis forma (15. Oktober 1989): AAS 82 (1990), 362-379.

(19) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 10.

(20) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben über die Heiligung des Sonntags Dies Domini (31. Mai 1998), 19: AAS 90 (1978), 724.

(21) Ebd., 2: aaO., 714.

(22) Vgl. ebd., 35: aaO., 734.

(23) Vgl. Nr. 18: AAS 77 (1985), 224.

(24) Ebd., 31: aaO., 258.

(25) Tertullian, Apolog., 50,13: PL 1, 534.

(26) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 1.

(27) MsB 3vo, Opere Complete, Città del Vaticano 1997, 223.

(28) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, Kap. III.

(29) Vgl. Kongregation für den klerus und andere, Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester Ecclesiae de mysterio (15. August 1997): AAS 89 (1997), S. 852-877, besonders Art. 5: Organe der Mitarbeit in der Teilkirche.

(30) Regula, III, 3: »Ideo autem omnes ad consilium vocari diximus, quia saepe iuniori Dominus revelat quod melius est«.

(31) »De omnium fidelium ore pendeamus, quia in omnem fidelem Spiritus Dei spirat«: Epist. 23, 36 an Sulpicius Severus: CSEL 29, 193.

(32) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 31.

(33) II. Vat. Konzil, Dekret über das Laienapostolat Apostolicam actuositatem, 2.

(34) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 8.

(35) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 22.

(36) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 34.

(37) Vgl. Hl. Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer, Vorw. Funk I, 252.

(38) So z.B. Hl. Augustinus: »Luna intelligitur Ecclesia, quod suum lumen non habeat, sed ab Unigenito Filio Dei, qui multis locis in Sanctis Scripturis allegorice sol est appellatus«: Enarr. in Ps., 10,3: CCL 38,42.

(39) Vgl. Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate.

(40) Instruktion der Kongregation für die Evangelisierung der Völker und des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Dialog und Verkündigung: Überlegungen und Weisungen (19. Mai 1991), 82: AAS 84 (1992), 444.

(41) Vgl. Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes, 4.

(42) Ebd., 11.

(43) Ebd., 44.

(44) Vgl. Apostol. Schreiben Tertio millennio adveniente, (10. November 1934), 36: AAS 87 (1995), 28.

 

   

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