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JOHANNES PAUL II. GENERALAUDIENZ Mittwoch, 6. Oktober 1999
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Die Umkehr, über die wir in den vorangegangenen Katechesen nachgedacht
haben, ist auf die Umsetzung des Gebotes der Liebe ausgerichtet. Es ist in
diesem Gott, dem Vater, gewidmeten Jahr besonders angebracht, die theologische
Tugend der Liebe hervorzuheben gemäß der Weisung des Apostolischen Schreibens Tertio
millennio adveniente (vgl. Nr. 50).
Der Apostel Johannes ermahnt: »Liebe Brüder, wir wollen einander lieben:
denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt
Gott. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist die Liebe« (1 Joh
4,7-8).
Während uns diese erhabenen Worte das Wesen Gottes als Geheimnis unendlicher
Liebe offenbaren, bilden sie zugleich auch die Grundlage, worauf die christliche
Ethik sich stützt, die gänzlich im Gebot der Liebe zusammengefaßt werden
kann. Der Mensch ist berufen, Gott mit ganzem Einsatz zu lieben und die
Beziehung zu seinen Mitmenschen in einer an der Liebe Gottes ausgerichteten
Liebeshaltung zu leben. Umkehr bedeutet Umkehr auf die Liebe hin.
Schon im Alten Testament können wir die tiefe Dynamik dieses Gebots erkennen
in der Beziehung des Bundes, den Gott mit Israel eingeht: Auf der einen Seite
ist da die Liebesinitiative Gottes, auf der anderen die Liebesantwort, die er
erwartet. So etwa wird die göttliche Initiative im Buch Deuteronomium
dargestellt: »Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat
euch der Herr ins Herz geschlossen und auserwählt; ihr seid das kleinste unter
allen Völkern. Weil der Herr euch liebt […]« (Dtn 7,7-8). Dieser ganz
ungeschuldeten, bevorzugenden Liebe entspricht das Grundgebot, welches die ganze
Religiosität Israels prägt: »Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft« (ebd.
6,5).
2. Der liebende Gott ist kein ferner Gott, sondern einer, der in die
Geschichte eingreift. Wenn er dem Mose seinen Namen offenbart, dann tut er es,
um seinen liebenden Beistand im Heilsereignis des Auszugs aus Ägypten zu
verbürgen: einen Beistand, der für immer währt (vgl. Ex 3,15). Durch
die Worte der Propheten ruft er seinem Volk dieses Tun in Liebe immer wieder in
Erinnerung. Wir lesen z.B. bei Jeremia: »So spricht der Herr: Gnade fand in der
Wüste das Volk, das vom Schwert verschont blieb; Israel zieht zum Ort seiner
Ruhe. Aus der Ferne ist ihm der Herr erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich
geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt« (Jer 31,2-3).
Es ist eine Liebe, die Ausdrucksformen innigster Zärtlichkeit annimmt (vgl. Hos
11,8 f.; Jer 31,20) und die normalerweise vom Bild des Vaters Gebrauch
macht, sich jedoch bisweilen der Metapher der Hochzeit bedient: »Ich traue dich
mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und
Recht, von Liebe und Erbarmen« (Hos 2,21; vgl. V. 18-25).
Auch nachdem er bei seinem Volk wiederholte Untreue gegenüber dem Bund
festgestellt hat, ist dieser Gott noch weiter bereit, seine Liebe anzubieten: Er
will im Menschen ein neues Herz erschaffen, das ihn fähig macht, das Gesetz,
das ihm gegeben wird, ohne Vorbehalte anzunehmen, wie wir beim Propheten Jeremia
lesen: »Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz« (Jer
31,33). Gleichermaßen liest man bei Ezechiel: »Ich schenke euch ein neues Herz
und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust
und gebe euch ein Herz von Fleisch« (Ez 36,26).
3. Das Neue Testament präsentiert uns diese Dynamik der Liebe,
zusammengefaßt in Jesus, dem vom Vater geliebten Sohn (vgl. Joh 3,35;
5,20; 10,17), durch den der Vater sich offenbart. Die Menschen haben an dieser
Liebe teil, indem sie den Sohn erkennen, d.h. seine Lehre und sein
Erlösungswerk annehmen.
Der Zugang zur Liebe des Vaters ist nur möglich, wenn man es dem Sohn
gleichtut in der Befolgung der Gebote des Vaters: »Wie mich der Vater geliebt
hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine
Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines
Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe« (Joh 15,9-10). Auf
diese Weise erhält man auch Anteil an der Erkenntnis, die der Sohn vom Vater
besitzt: »Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was
sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles
mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe« (Joh 15,15).
4. Die Liebe läßt uns vollends eintreten in das kindliche Leben Jesu; sie
macht uns im Sohn zu Kindern: »Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns
geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns
nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat« (1 Joh 3,1). Die Liebe wandelt
das Leben um und erleuchtet auch unsere Gotteserkenntnis, bis wir jene
vollkommene Erkenntnis erreichen, von der der hl. Paulus spricht: »Jetzt
erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie
ich auch durch und durch erkannt worden bin« (1 Kor 13,12).
Die Beziehung zwischen Erkenntnis und Liebe muß unterstrichen werden. Die
innere Umkehr, die das Christentum anbietet, ist echte Gotteserfahrung in dem
von Jesus beim Letzten Abendmahl im hohenpriesterlichen Gebet angegebenen Sinn:
»Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus
Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,3). Gewiß hat die
Gotteserkenntnis auch eine Dimension vernunftmäßiger Natur (vgl. Röm
1,19-20). Doch die lebendige Erfahrung des Vaters und des Sohnes ereignet sich
in der Liebe, d.h. letzten Endes im Heiligen Geist, denn »die Liebe Gottes ist
ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist« (Röm 5,5).
Der Paraklet ist es, dank dem wir die Erfahrung der Vaterliebe Gottes machen.
Und die tröstlichste Wirkung seiner Anwesenheit in uns ist eben die Gewißheit,
daß diese immerwährende und unermeßliche Liebe, mit der Gott uns als erster
geliebt hat, uns nie verlassen wird: »Was kann uns scheiden von der Liebe
Christi? […] Ich bin gewiß: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch
irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in
Christus Jesus ist, unserem Herrn« (Röm 8,35.38-39). Das neue Herz, das
liebt und erkennt, schlägt in Einklang mit Gott, der mit immerwährender Liebe
liebt.
Die echte Umkehr, worüber wir die letzten Male meditiert haben, ist auf die Praxis der Liebe hin orientiert. Darum ist es angebracht, in diesem Jahr, das Gott dem Vater gewidmet ist, über die theologale Tugend der Liebe zu sprechen. Grundlage dafür ist das Apostolische Schreiben Tertio Millennio Adveniente.
Darin lesen wir: Die Liebe mit ihrem doppelten Gesicht als Liebe zu Gott und zu den Schwestern und Brüdern ist die Synthese des sittlichen Lebens des Glaubenden. Sie hat in Gott ihren Ursprung und ihre Vollendung. (TMA, Nr. 50).
Das hat praktische Konsequenzen: Auf die Krise der Zivilisation antworten wir Christen mit der Kultur der Liebe. Sie ist darauf bedacht, die universalen Werte wie Frieden, Solidarität, Gerechtigkeit und Freiheit zu fördern. Diese finden ihre volle Verwirklichung in Christus.
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Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Besonders heiße ich willkommen: die Pilger, die anläßlich der Priesterweihe im Collegium Germanicum et Hungaricum nach Rom gekommen sind, sowie die Limburger Domsingknaben, den Kirchenchor St. Leo von Rödersheim, die Marianische Männerkongregation aus Altötting, weiterhin die Dominikaner aus Leipzig, die Gruppe des Seminars für Kirchliche Berufe aus Wien und die zahlreichen anwesenden Jugendlichen und Ministranten. Euch, Euren Angehörigen daheim und allen, die mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbunden sind, erteile ich von Herzen den Apostolischen Segen.
Aufruf des Papstes zum Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea
Tröstliche Nachrichten kommen aus Ost-Afrika. Die vielfachen, lobenswerten
Bemühungen der Internationalen Gemeinschaft, vor allem der Organisation der
Afrikanischen Staaten, für eine Verhandlungslösung des Konfliktes, der Eritrea
und Äthiopien entzweit, lassen erste Zustimmungen verzeichnen. Wir wollen
beten, daß die Hindernisse überwunden und das noch vorhandene Mißtrauen
beseitigt werden möge, damit so den vielen »Ländern des Leidens« das
ermutigende Zeugnis dafür geboten werden kann, daß der Friede immer möglich
ist.
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