The Holy See
back up
Search
riga

JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 1. Dezember 2004

 

Lesung: Psalm 72, 1–3.7.10–11.

1 [Von Salomo.] Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten!
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Armen durch rechtes Urteil.
3 Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Höhen Gerechtigkeit.
7 Die Gerechtigkeit blühe auf in seinen Tagen und großer Friede, bis der Mond nicht mehr da ist. 10 Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Geschenke, die Könige von Saba und Seba kommen mit Gaben.
11 Alle Könige müssen ihm huldigen, alle Völker ihm dienen.

1. Die Liturgie der Vesper, deren Psalmen und Cantica wir nach und nach kommentieren, stellt in zwei Teilen einen in der jüdischen und christlichen Tradition sehr beliebten Psalm vor: Psalm 72, ein Königslied, das die Kirchenväter im Hinblick auf den Messias betrachtet und gedeutet haben.

Wir haben soeben den ersten Teil dieses feierlichen Gebets gehört (vgl. V. 1–11). Er beginnt mit einem gemeinsamen eindringlichen Bittruf zu Gott, er möge dem Herrscher jene Gabe gewähren, die für eine gute Regierung grundlegend ist: die Gerechtigkeit. Sie wird vor allem gegenüber den Armen geübt, die ja sonst häufig Opfer der Macht sind.

Bemerkenswert ist der besondere Nachdruck, mit dem der Psalmist die moralische Pflicht hervorhebt, das Volk nach Recht und Gerechtigkeit zu regieren: »Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten! Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Armen durch rechtes Urteil. Er wird Recht verschaffen den Gebeugten im Volk« (V. 1–2.4).

Wie der Herr die Welt in Gerechtigkeit regiert (vgl. Ps 36,7), so soll der König, der nach alttestamentlichem Verständnis sein sichtbarer Vertreter auf Erden ist, sich dem Handeln seines Gottes angleichen.

2. Wenn die Rechte der Armen verletzt werden, verübt man nicht nur eine politisch unkorrekte und moralisch verwerfliche Tat. Der Bibel zufolge verübt man auch eine gegen Gott gerichtete Tat, ein religiöses Verbrechen, denn der Herr ist Hüter und Anwalt der Elenden und Unterdrückten, der Witwen und Waisen (vgl. Ps 68,6), das heißt derer, die keinen menschlichen Beschützer haben.

Es ist leicht verständlich, daß die Tradition die oft enttäuschende Gestalt des davidischen Königs – schon vom Untergang des Reiches Juda an (6. Jahrhundert v. Chr.) – durch die strahlende und glorreiche Gestalt des Messias ersetzt hat, wie sie in der hoffnungsvollen Prophetie von Jesaja erscheint: »Er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist« (11,4). Oder wie es der Prophet Jeremia ankündigt: »Seht, es kommen Tage – Spruch des Herrn –, da werde ich für David einen gerechten Sproß erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land« (23,5).

3. Nach dieser lebhaften und nachdrücklichen Bitte um das Geschenk der Gerechtigkeit weitet der Psalm den Blick und betrachtet das Reich des messianischen Königs, wie es sich entlang der beiden Koordinaten Zeit und Raum entfaltet. Denn erstens wird sein Fortdauern in der Geschichte betont (vgl. Ps 72,5.7). Die Vergleiche mit dem Kosmos sprechen eine deutliche Sprache: Der Ablauf der Tage wird vom Rhythmus der Sonne und des Mondes und der Ablauf der Jahreszeiten durch den Regen und die Blütezeit bestimmt.

Ein fruchtbares und friedvolles Reich also, das aber immer unter dem Zeichen der grundlegenden Werte Gerechtigkeit und Frieden (vgl. V. 7) steht. Es sind die Zeichen des Eintritts des Messias in unsere Geschichte. In dieser Hinsicht ist der Kommentar der Kirchenväter erhellend, die in dem messianischen König das Antlitz Christi, des ewigen und universalen Königs, erblicken.

4. So schreibt der hl. Cyrill von Alexandrien in seiner Explanatio in Psalmos, daß die Einsicht, die Gott dem König gibt, jener Beschluß ist, von dem Paulus spricht: »das heißt der Beschluß, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen« (Eph 1,10). Denn »in seinen Tagen wird die Gerechtigkeit aufblühen und großer Friede«, was bedeutet, daß »in den Tagen Christi für uns durch den Glauben die Gerechtigkeit aufgehen und in unserer Hinwendung zu Gott für uns die Fülle des Friedens anbrechen wird«. Im übrigen sind gerade wir die »Gebeugten« und die »Kinder der Armen«, denen dieser König zu Hilfe eilt und die er rettet. Und wenn er insbesondere »die heiligen Apostel ›Arme‹ nennt, weil sie arm sind im Geiste, hat er uns deshalb gerettet, weil wir ›Kinder der Armen‹ sind, und hat uns durch den Heiligen Geist im Glauben gerecht gemacht und geheiligt« (PG LXIX, 1180).

5. Zweitens beschreibt der Psalmist auch den räumlichen Bereich, den das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens des messianischen Königs umfaßt (vgl. Ps 72,8–11). Hier zeigt sich eine universale Dimension, die vom Roten Meer oder vom Toten Meer bis zum Mittelmeer, vom Eufrat, dem großen »Strom« des Orients, bis ans Ende der Erde reicht (vgl. V. 8), das auch durch Tarsus und die Inseln – also die für die damalige alttestamentliche Geographie am weitesten westlich gelegenen Länder – bezeichnet wird (vgl. V. 10). Dieser Blick schweift über die ganze damals bekannte Welt, die Araber und Nomaden, Herrscher weit entfernter Staaten und sogar die Feinde in eine universale Gemeinschaft einbezieht, die mehrmals von den Psalmen (vgl. Ps 47,10; 86,1–7) und den Propheten (vgl. Jes 2,1–5; 60,1–22; Mal 1,11) besungen wird.

Diese Vision könnte daher mit den Worten eines Propheten, Sacharja, besiegelt werden, mit Worten, die die Evangelien auf Christus anwenden: »Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht … [Er] vernichtet die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde« (Sach 9,9–10; vgl. Mt 21,5).


Die Königspsalmen sind in der alttestamentlichen wie in der christlichen Tradition ein wertvoller Gebetsschatz. Psalm 72 hebt den moralischen Anspruch des Herrschers hervor, nach Recht und in Redlichkeit zu regieren. Wie Gott die Welt in Wahrheit und Gerechtigkeit lenkt, so soll Israels König als Statthalter des Höchsten in Übereinstimmung mit dem göttlichen Wirken seinen Herrscherdienst vollziehen.

Die christliche Überlieferung erkennt in diesem Psalm eine Prophetie des Kommens Christi, des von Alters her verheißenen Messias. In den Psalmversen erblickt sie Wesenszüge seines ewigen und universalen Reiches.

***

Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Niemand, der auf den Herrn hofft, geht zugrunde (vgl. Ps 25, 3). Die Gemeinschaft mit Christus mache euch zu jedem guten Werk bereit. Gottes Geist geleite euch auf allen Wegen!

 

 

top