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APOSTOLISCHE REISE NACH POLEN (5. -17. JUNI 1999)

SELIGSPRECHUNG VON SCHWESTER REGINA PROTMANN, EDMUND VON BOJANOWSKI UND 108 MÄRTYRERN DES ZWEITEN WELTKRIEGES

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Warschau, Jósef Piłsudski-Platz
Sonntag, 13. Juni 1999

   

»Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5,7).

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Mit den Worten dieser Seligpreisung Christi mache ich auf meinem Pilgerweg Halt bei euch, gläubiges Volk von Warschau. Herzlich grüße ich alle, die hier versammelt sind: die Priester, die Ordensmänner und Ordensfrauen, die Laiengläubigen. Mein brüderlicher Gruß gilt den Bischöfen, besonders dem Kardinalprimas und seinen Mitarbeitern, den Weihbischöfen der Erzdiözese Warschau. Ich grüße den Herrn Präsidenten der Republik, den Herrn Ministerpräsidenten, die Frau Präsidentin des Senats und den Herrn Präsidenten des Sejm, die Vertreter der staatlichen und lokalen Behörden sowie die geladenen Gäste.

Der göttlichen Vorsehung danke ich, daß es mir erneut gegeben ist, mich hier aufzuhalten, wo wir vor zwanzig Jahren bei der denkwürdigen Pfingstvigil in besonderer Weise das Geheimnis des Abendmahlssaals erlebt haben. Gemeinsam mit dem Primas des Millenniums [der Taufe Polens], Stefan Kardinal Wyszynski, mit den Bischöfen und dem in großer Zahl anwesenden Volk Gottes der Hauptstadt haben wir inständig um das Geschenk des Heiligen Geistes gebetet. In jenen schwierigen Zeiten riefen wir seine Kraft an, die sich in die Herzen der Menschen ergießen und Hoffnung in ihnen wecken kann. Es war ein Schrei, der dem Glauben entsprang, daß Gott wirkt und mit der Kraft des Heiligen Geistes alles erneuert und heiligt. Es war eine flehentliche Bitte um Erneuerung des Angesichts der Erde, der Erde hier an diesem Ort. Möge Dein Geist herabkommen und das Angesicht der Erde, dieser Erde, erneuern! Wie sollten wir nicht heute dem dreieinigen Gott danken für alles, was uns im Zeitraum dieser letzten zwanzig Jahre wie seine Antwort auf jenen Schrei erscheint! Ist nicht Antwort Gottes alles, was in dieser Zeit in Europa und der Welt geschehen ist, angefangen bei unserer Heimat? Vor unseren Augen ist es zur Änderung der politischen, der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme gekommen, wodurch die Einzelpersonen und die Nationen den Glanz ihrer Würde neu gesehen haben. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit gewinnen ihren Wert zurück und werden zur dringlichen Herausforderung für alle, die das Geschenk der Freiheit zu schätzen wissen. Dafür danken wir Gott, wenn wir mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Vor allem erweisen wir ihm Ehre für das, was diese zwanzig Jahre im Leben der Kirche gebracht haben. Im Danksagen vereinen wir uns daher mit den Kirchen westlicher und östlicher Tradition unter den uns nahen Völkern, den aus den Katakomben hervorgekommenen Kirchen, die öffentlich ihre Sendung erfüllen. Ihre Lebendigkeit ist ein großartiges Zeugnis der Macht der Gnade Christi. Sie bewirkt, daß schwache Menschen zu einem Heroismus befähigt werden, der nicht selten bis zum Martyrium reicht. Ist das nicht Frucht des Wirkens des Geistes Gottes? Haben wir nicht durch dieses Wehen des Geistes in der jüngsten Geschichte heute die unwiederholbare Gelegenheit, die Universalität der Kirche und unsere Verantwortung für das Zeugnis Christi und die Verkündigung seines Evangeliums »bis an die äußersten Grenzen der Erde« zu erfahren?

Im Licht des Heiligen Geistes deutet die Kirche in Polen die Zeichen der Zeit neu und übernimmt ihre Aufgaben, frei von äußeren Einschränkungen und Druck, wie sie diese noch bis vor kurzem erfuhr. Wie sollte man Gott heute nicht danken, daß die Kirche im Geist der Liebe und der gegenseitigen Achtung einen kreativen Dialog mit der Welt der Kultur und der Wissenschaft führen kann! Wie sollte man nicht Dank sagen für die Tatsache, daß die Gläubigen ohne Behinderungen die Sakramente empfangen und das Wort Gottes hören können, um dann öffentlich ihren Glauben zu bezeugen! Wie sollte man Gott nicht Ehre erweisen für die große Zahl von Kirchen, die in letzter Zeit in unserem Land gebaut wurden! Wie sollte man nicht Dank sagen, daß die Kinder und Jugendlichen Christus in der Schule in Frieden kennenlernen können, wo die Präsenz des Priesters, der Ordensschwester oder des Katecheten als eine wertvolle Hilfe bei der Erziehung der jungen Generation gesehen wird! Wie sollte man Gott nicht lobpreisen, weil er mit seinem Geist die Gemeinden und die kirchlichen Vereine und Bewegungen belebt und bewirkt, daß die Aufgabe der Evangelisierung von immer breiteren Kreisen von Laien übernommen wird!

Als ich bei meiner ersten Pilgerreise in die Heimat an diesem Ort weilte, kam mir beharrlich das Gebet des Psalmisten in den Sinn:

»Denk an mich, Herr, aus Liebe zu deinem Volk,
such mich auf und bring mir Hilfe!
Laß mich das Glück deiner Erwählten schauen,
an der Freude deines Volkes mich freuen,
damit ich gemeinsam mit deinem Erbe mich rühmen kann«
(Ps 106,4–5).

Wenn wir heute den Blick auf diese letzten zwanzig Jahre unseres Jahrhunderts richten, kommt mir die Auf forderung desselben Psalmes in den Sinn:

»Danket dem Herrn; denn er ist gütig,
 denn seine Huld währt ewig.
Wer kann die großen Taten des Herrn erzählen,
all seinen Ruhm verkünden?
Gepriesen sei der Herr […]
vom Anfang bis ans Ende der Zeiten«
(Ps 106,1–2.48).

2. »Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5,7). Die Liturgie des heutigen Sonntags verleiht unserem Danksagen einen besonderen Charakter. Sie erlaubt es nämlich, alles, was in der Geschichte dieser Generation geschieht, in der Perspektive des ewigen Erbarmens Gottes zu sehen, welches sich in vollkommenster Weise im Heilswirken Christi offenbart hat. Jesus wurde »wegen unserer Verfehlungen […] hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt« (Röm 4,25). Das Pascha-Mysterium des Todes und der Auferstehung des Gottessohnes hat der Menschheitsgeschichte einen neuen Verlauf gegeben. Wenn wir in ihr die schmerzlichen Zeichen der Tätigkeit des Bösen beobachten, haben wir die Gewißheit, daß es das Schicksal der Welt und des Menschen letztlich nicht beherrschen kann, es kann nicht siegen. Diese Gewißheit entspringt dem Glauben an das Erbarmen des Vaters, der »die Welt so sehr geliebt [hat], daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (Joh 3,16). Während der hl. Paulus uns den Glauben Abrahams vorhält, der »nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes [zweifelte], sondern [stark wurde] im Glauben« (Röm 4,20), ist es uns daher heute gegeben, die Quelle dieser Kraft zu entdecken, aufgrund derer selbst die härtesten Prüfungen nicht in der Lage waren, uns von der Liebe Gottes abzuwenden.

Durch den Glauben an die göttliche Barmherzigkeit hat die Hoffnung in uns überdauert. Sie betraf nicht nur die gesellschaftliche Erneuerung und die Wiedererstattung der Menschenwürde in den Dimensionen dieser Welt. Unsere Hoffnung geht sehr viel tiefer: Sie ist in der Tat auf die göttlichen Verheißungen gerichtet, welche die Zeitlichkeit bei weitem übersteigen. Ihr endgültiges Ziel ist die Teilhabe an den Früchten des Heilswerkes Christi. Sie kann uns als Gerechtigkeit angerechnet werden, wenn »wir an den glauben, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat« (Röm 4,24). Einzig die Hoffnung, die dem Glauben an die Auferstehung entspringt, kann uns dazu veranlassen, im täglichen Leben eine würdige Antwort auf die grenzenlose Liebe Gottes zu geben. Nur mit einer solchen Hoffnung können wir zu denen gehen, welche »die Kranken« (Mt 9,12) sind, und Apostel der heilenden Liebe Gottes sein. Wenn ich vor zwanzig Jahren sagte, daß »Polen in unserer Zeit das Land eines besonders verantwortungsvollen Zeugnisses wurde« (Predigt auf dem Siegesplatz in Warschau, 2.6.1979; O.R.dt., Nr. 23, 8.6.1979, S. 1), so ist dem heute hinzuzufügen, daß es ein Zeugnis tatkräftiger Barmherzigkeit, begründet auf dem Glauben an die Auferstehung, sein muß. Allein ein Zeugnis dieser Art ist Zeichen der Hoffnung für den Menschen von heute, zumal für die junge Generation; und wenn es für einige auch ein »Zeichen des Widerspruchs« ist, so möge dieser Widerspruch uns niemals von der Treue zum gekreuzigten und auferstandenen Christus abbringen.

3. »Omnipotens aeterne Deus, qui per glorificationem Sanctorum novissima dilectionis tuae nobis argumenta largiris, concede propitius, ut, ad Unigenitum tuum fideliter imitandum, et ipsorum intercessione commendemur, et incitemur exemplo«, so betet die Kirche, wenn sie bei der Eucharistiefeier heiliger Männer und heiliger Frauen gedenkt: »Allmächtiger, ewiger Gott, du offenbarst deine Herrlichkeit in den Heiligen und gibst uns in ihnen immer neue Zeichen deiner Liebe. Gib, daß ihr Beispiel und ihre Fürsprache uns helfen, deinem Sohn in Treue nachzufolgen« (Commune-Texte für heilige Männer und heilige Frauen, Tagesgebet). Das ist heute auch unsere Bitte, da wir bewundernd auf das Zeugnis blicken, das wir von den soeben zur Ehre der Altäre erhobenen Seligen empfangen. Lebendiger Glaube, unerschütterliche Hoffnung und großherzige Liebe wurden ihnen als Gerechtigkeit angerechnet, weil sie tief im Pascha-Mysterium Christi verwurzelt waren. Zu Recht bitten wir also darum, Christus nach ihrem Beispiel in Treue nachzufolgen.

Die sel. Regina Protmann, Gründerin der Kongregation der Schwestern von der hl. Jungfrau und Martyrin Katharina, die aus Braunsberg [Braniewo] stammte, widmete sich mit ganzem Herzen dem Werk der Erneuerung der Kirche an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Ihr Wirken, das der Liebe zu Christus über alles andere entsprang, geschah nach dem Konzil von Trient. Sie beteiligte sich aktiv an der nachkonziliaren Reform der Kirche, indem sie mit großer Selbstlosigkeit ein demütiges Werk der Barmherzigkeit vollbrachte. Sie gründete eine Kongregation, die die Kontemplation der Geheimnisse Gottes mit der Sorge für Kranke in deren Häusern sowie mit der Erziehung der Kinder und der weiblichen Jugend verband. Besonderes Augenmerk widmete sie der Pastoral der Frauen. Selbstvergessen erfaßte die sel. Regina mit Weitblick die Nöte des Volkes und der Kirche. Die Worte »wie Gott will« wurden zum Motto ihres Lebens. Brennende Liebe trieb sie dazu, den Willen des himmlischen Vaters nach dem Beispiel des Gottessohnes zu erfüllen. Sie fürchtete nicht, das Kreuz des täglichen Dienstes auf sich zu nehmen, und gab damit Zeugnis für den auferstandenen Christus.

Das Apostolat der Barmherzigkeit erfüllte auch das Leben des sel. Edmund von Bojanowski. Dieser Gutsbesitzer aus Großpolen, von Gott mit zahlreichen Talenten und einer besonderen Tiefe geistlichen Lebens ausgestattet, vollbrachte und förderte trotz seiner anfälligen Gesundheit ein umfassendes Werk zugunsten der Landbevölkerung mit Ausdauer, Umsicht und Weite des Herzens. Geleitet von einem Unterscheidungsvermögen voller Feingefühl für die Nöte, gab er Anstoß zu zahlreichen Werken im Bereich von Erziehung, Caritas, Kultur und Religion zur materiellen und moralischen Unterstützung der Landfamilie. Als Laie gründete er die in Polen wohlbekannte Kongregation der Mägde Mariens von der Unbefleckten Empfängnis. Leitprinzip bei jeder seiner Initiativen war der Wunsch, daß alle der Erlösung teilhaftig werden sollten. In die Erinnerung der Menschen ging er als »ein herzensguter Mensch« ein, der es aus Liebe zu Gott und den Menschen verstand, die verschiedenen Bereiche wirksam zum Guten zu verbinden. In seiner reichhaltigen Tätigkeit ging er dem, was das II. Vatikanische Konzil zum Thema des Laienapostolats gesagt hat, um vieles voraus. Er gab ein herausragendes Beispiel hochherziger und umsichtiger Arbeit für den Menschen, das Vaterland und die Kirche. Das Werk des sel. Edmund von Bojanowski wird von den Schwestern Mägde Mariens weitergeführt, die ich von ganzem Herzen grüße und denen ich für den stillen und von Opfergeist zum Wohl des Menschen und der Kirche erfüllten Dienst danke.

4. »Munire digneris me, Domine Jesu Christe[…], signo sanctissimae Crucis tuae: ac concedere digneris mihi […] ut, sicut hanc Crucem, Sanctorum tuorum reliquiis refertam, ante pectus meum teneo, sic semper mente retineam et memoriam passionis, et sanctorum victorias Martyrum« [Stärke mich, Herr, durch das Zeichen deines hochheiligen Kreuzes: gewähre mir auch, daß ich, wie ich dieses Kreuz, das Reliquien deiner Heiligen birgt, auf meiner Brust trage, so immer auch das Gedenken des Leidens und die Siege deiner Blitzeugen im Geist vor mir habe.] Dieses Gebet spricht der Bischof beim Anlegen des Brustkreuzes. Heute mache ich diese Bitte zum Gebet der ganzen Kirche in Polen, die, seit tausend Jahren das Zeichen des Leidens Christi tragend, immer wieder neues Leben aus dem Samen des Blutes der Märtyrer empfängt und vom Gedenken des Sieges lebt, den sie über diese Welt davongetragen haben.

Gerade heute feiern wir den Sieg derer, die in unserem Jahrhundert für Christus das Leben, das irdische Leben, gegeben haben, um es in Ewigkeit in seiner Herrlichkeit zu besitzen. Es ist ein besonderer Sieg, denn er wird geteilt von Vertretern des Klerus und der Laien, jungen und alten Leuten, Menschen unterschiedlicher Schichten und Stände. Unter ihnen ist Erzbischof Antoni Julian Nowowiejski, Hirt der Diözese Plock, zu Tode gefoltert in Dzialdo wo; da ist Bischof Wladyslaw Goral von Lublin, gefoltert mit besonderem Haß, nur weil er katholischer Bischof war. Da sind Diözesan- und Ordenspriester, die starben, weil sie ihren Dienst nicht aufgeben wollten, und die, welche im Dienst an ihren typhuskranken Mitgefangenen starben; da sind wegen Verteidigung von Juden zu Tode Gefolterte. In der Gruppe der Seligen gibt es Ordensbrüder und Schwestern, die im Dienst der Liebe und dem Aufopfern ihrer Qualen für den Nächsten ausgeharrt haben. Unter diesen seligen Märtyrern sind auch Laien. Da sind fünf Jugendliche, die im Oratorium der Salesianer ausgebildet wurden; da ist ein eifriger Aktivist der Katholischen Aktion; da sind ein Laienkatechet, der seines Dienstes wegen zu Tode gefoltert wurde, und eine heroische Frau, die freiwillig ihr Leben hingab im Tausch für das ihrer Schwiegertochter, die ein Kind erwartete. Diese seligen Märtyrer werden heute in die Geschichte der Heiligkeit des Volkes Gottes geschrieben, das seit mehr als tausend Jahren auf polnischer Erde pilgert.

Wenn wir uns heute über die Seligsprechung der 108 Märtyrer, Kleriker und Laien, freuen, tun wir es vor allem, weil sie das Zeugnis des Sieges Christi sind, die Gabe, welche die Hoffnung wiederherstellt. Während wir diesen feierlichen Akt vollziehen, wird in uns gewissermaßen die Sicherheit neu bestärkt, daß wir unabhängig von den Umständen in allem den vollen Sieg davontragen können durch den, der uns geliebt hat (vgl. Röm 8,37). Die seligen Märtyrer rufen unseren Herzen zu: Glaubt, daß Gott die Liebe ist! Glaubt es in Gutem und Bösem! Erweckt in euch die Hoffnung! Sie bringe in euch die Frucht der Treue zu Gott in jeder Prüfung hervor!

5. Freue dich, Polen, über die neuen Seligen: Regina Protmann, Edmund von Bojanowski und die 108 Märtyrer. Gott hat es gefallen, »den überfließenden Reichtum seiner Gnade durch die Güte« deiner Söhne und Töchter in Christus Jesus zu zeigen (vgl. Eph 2,7). Hier haben wir den »Reichtum seiner Gnade«, hier haben wir die Grundlage unserer unerschütterlichen Hoffnung auf die heilsmächtige Gegenwart Gottes auf den Wegen des Menschen im dritten Jahrtausend! Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen!

 

 

© Copyright 1999 - Libreria Editrice Vaticana

   

 

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