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PALMSONNTAG
PREDIGT VON JOHANNES PAUL
II.
16. April 2000
1. »Benedictus, qui venit in nomine Domini … Gesegnet sei er,
der kommt im Namen des Herrn« (Mt 21,9; vgl. Ps 117 [118], 26).
Diese Worte tragen den Nachklang der Begeisterung, mit der die Bewohner von
Jerusalem Jesus zum Paschafest empfangen haben, bis in unsere Tage. Wir
vernehmen sie jedesmal, wenn wir in der Messe das »Sanctus« singen.
Nach den Worten: »Pleni sunt coeli et terra gloria tua« fügen wir
hinzu: »Benedictus, qui venit in nomine Domini. Hosanna in excelsis.«
In diesem Hymnus, dessen erster Teil vom Propheten Jesaja stammt (vgl. Jes
6,3), wird der »dreimal heilige« Gott gepriesen. Dann wird im zweiten Teil die
dankbare Freude der Versammelten über die Erfüllung der messianischen
Verheißungen zum Ausdruck gebracht: »Gesegnet sei er, der kommt im Namen des
Herrn. Hosanna in der Höhe!«
Unsere Gedanken gehen selbstverständlich zum Volk des Bundes, das über
Jahrhunderte und Generationen hinweg in der Erwartung des Messias gelebt hat.
Einige glaubten, in Johannes, dem Täufer, denjenigen zu erkennen, in dem sich
die Verheißungen erfüllen sollten. Bekanntlich antwortet der »Vorläufer«
auf die ausdrückliche Frage nach seiner etwaigen Identität als Messias mit
einer klaren Verneinung, und er verweist die Fragesteller auf Jesus.
Die Überzeugung, die messianischen Zeiten seien nunmehr angebrochen, nahm im
Volke zu. Zunächst wirkte das Zeugnis des Täufers, dann Worte und Zeichen Jesu
und in besonderer Weise die Auferweckung des Lazarus, die sich einige Tage vor
dem Einzug in Jerusalem ereignet hat. Davon spricht das heutige Evangelium. Eben
deshalb empfängt die Menge Jesus voller Begeisterung, als er auf einem Esel in
die Stadt einzieht: »Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in
der Höhe!« (Mt 21,9).
2. Die Riten des Palmsonntags spiegeln den Jubel des Volkes wieder, das den
Messias erwartet. Zugleich bedeuten sie aber auch im vollen Sinne eine Liturgie
der »Passion«. Sie eröffnen uns die Perspektive des nunmehr bevorstehenden
Dramas, das wir vor kurzem im Bericht des Evangelisten Markus miterlebt haben.
Auch die anderen Lesungen führen uns in das Geheimnis des Leidens und des Todes
des Herrn ein. Die Worte des Propheten Jesaja, den einige gerne als eine Art
Evangelisten des Alten Bundes ansehen, führen uns das Bild eines Verurteilten
vor Augen, der gegeißelt und geschlagen wurde (vgl. Jes 50,6). Der
Kehrvers des Antwortpsalms »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?« läßt uns die Todesangst Jesu am Kreuz betrachten (vgl. Mk
15,34).
In der zweiten Lesung führt uns jedoch der Apostel Paulus in eine
tiefergehendere Analyse des österlichen Geheimnisses ein: Jesus »war Gott
gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte
sich und wurde wie ein Sklave […] er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum
Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil 2,6–8). In der strengen Liturgie des
Karfreitags werden wir wieder diese Worte vernehmen, nämlich: »Darum hat ihn
Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle
Namen, damit alle im Himmel auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor
dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ›Jesus Christus ist der Herr‹ zur
Ehre Gottes des Vaters« (ebd. 2,9–11).
Die Erniedrigung und die Erhöhung: Eben darin liegt der Schlüssel, um den
wunderbaren Ausgleich Gottes zu erfassen, der sich in den österlichen
Ereignissen erfüllt.
3. Warum sind bei dieser feierlichen Liturgie, wie in jedem Jahr, so viele
Jugendliche anwesend? Weil seit mehreren Jahren der Palmsonntag zum jährlichen
Festtag der Jugendlichen geworden ist. Von hier aus nahm im Jahr 1984, dem Jahr
der Jugend und in gewissem Sinne dem Jubiläumsjahr der Jugendlichen, die
Pilgerreise der Weltjugendtage ihren Anfang, die über Buenos Aires, Santiago de
Compostela, Tschenstochau, Denver, Manila und Paris führte und im kommenden
Monat August für den Weltjugendtag des Heiligen Jahres 2000 nach Rom
zurückkehren wird.
Warum verabreden sich also so viele Jugendliche am Palmsonntag hier in Rom und
in allen Diözesen? Mit Sicherheit gibt es viele Gründe und Umstände, die
diese Tatsache erklären können. Es scheint jedoch, daß die tiefgründigste
Motivation, die alle anderen miteinschließt, aus dem erkennbar wird, was uns
die heutige Liturgie enthüllt: der geheimnisvolle Heilsplan des himmlischen
Vaters, der sich in der Erniedrigung und Erhöhung seines eingeborenen Sohnes,
Jesus Christus, verwirklicht. Hierin liegt die Antwort auf die grundlegendsten
Fragen und Sorgen eines jeden Mannes und jeder Frau und besonders der
Jugendlichen.
»Für uns war Christus gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat
Gott ihn über alle erhöht.« Wie nahe stehen diese Worte unserem Dasein! Ihr,
liebe Jugendliche, beginnt, Erfahrungen mit der Dramatik des Lebens zu machen.
Und ihr stellt euch Fragen über den Sinn eurer Existenz, über eure Beziehungen
zu euch selbst, zu den anderen und zu Gott. Eurem Herzen, das nach Wahrheit und
Frieden dürstet, und den so vielen Fragen, Problemen und mitunter Ängsten, die
ihr habt, bietet sich Christus selbst als einzig gültige Antwort an: Er, der
leidende und gedemütigte Knecht, der sich bis hin zum Tod am Kreuz erniedrigt
hat und in die Herrlichkeit zur Rechten des Vaters eingegangen ist. In der Tat
gibt es keine andere so einfache, vollständige und überzeugende Antwort.
4. Liebe Jugendliche! Dank sage ich für eure Teilnahme an dieser festlichen
Liturgie. Christus beginnt mit seinem Einzug in Jerusalem den Weg der Liebe und
des Schmerzes des Kreuzes. Blickt auf ihn mit erneuertem Glaubenseifer! Folgt
ihm nach! Er verspricht kein trügerisches Glück. Im Gegenteil, er lädt euch
ein, seinem herausfordernden Beispiel nachzufolgen, indem ihr euch seine
anspruchsvolle Wahl zu eigen macht.
Maria, die treue Anhängerin des Herrn, begleite euch auf diesem Weg der Umkehr
und der wachsenden Vertrautheit mit ihrem göttlichen Sohn. Er ist, wie uns das
Thema des kommenden Weltjugendtages ins Gedächtnis ruft, »Fleisch geworden und
hat unter uns gewohnt« (Joh 1,14). Jesus ist arm geworden, um uns durch
seine Armut reich zu machen, er hat unsere Schuld auf sich geladen, damit wir
durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat, erlöst werden. Ja, für uns
wurde Christus gehorsam bis zum Tod. Bis zum Tod am Kreuz. »Ehre und Ruhm sei
Dir, Christus!«
Copyright 2000 © Libreria
Editrice Vaticana
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