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SCHREIBEN VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE TEILNEHMER DES 25. MEETING FÜR DIE FREUNDSCHAFT UNTER DEN VÖLKERN IN RIMINI (22.-28. AUGUST 2004)

 

An den verehrten Bruder
Msgr. MARIANO DE NICOLÒ
Bischof von Rimini

1. Mit Freude sende ich Ihnen, den Initiatoren und den Teilnehmern des »Meetings für die Freundschaft unter den Völkern« meinen wohlwollenden Gruß.

Diese traditionsreiche Veranstaltung, die die italienische Sommersaison belebt und an Inhalten bereichert, findet in diesem Jahr zum 25. Mal statt. Es ist ein bedeutendes Zwischenziel, das im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50jährigen Bestehen der kirchlichen Bewegung »Comunione e Liberazione« steht, die auf das priesterliche Wirken von Msgr. Luigi Giussani zurückgeht. Zwei wichtige Jahrestage, die sich gegenseitig mit Licht erfüllen.

Das für dieses Meeting gewählte Thema bietet anregende Denkanstöße zu den heiklen Fragen, die sich dem heutigen Menschen auf so dramatische Weise stellen. In der Tat kann viel Licht in sie gebracht werden durch das Bewußtsein, daß »unser Fortschritt nicht in der Annahme besteht, angekommen zu sein, sondern im ständigen Streben zum Ziel«.

2. Wohlbekannt ist in der Tat jenes »Erlebnis der Macht, das der heutige technische Fortschritt dem Menschen gibt« (Gaudium et spes, 20).

Besonders stark ist daher auch die Versuchung zu glauben, daß das Werk des Menschen die Rechtfertigung seiner Ziele in sich selbst finde. Die in den verschiedenen Bereichen von Wissenschaft und Technik erreichten Ergebnisse werden von vielen als »a priori« akzeptabel betrachtet und verteidigt. Dies führt schließlich zur Annahme, daß das technisch Mögliche auch an sich ethisch gut sei.

Dieser Auffassung nach, und gerade weil der Fortschritt auf den Gebieten der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der dem Menschen verfügbaren technischen Mittel die Grenze zwischen dem Machbaren und dem noch nicht Machbaren immer weiter hinausschiebt, würde ein solcher Fortschritt auch die Abgrenzung zwischen gerecht und ungerecht de facto in unbestimmte Ferne rücken. In dieser Sichtweise würde der Fortschritt zu einem absoluten Wert, ja sogar zur eigentlichen Quelle aller Werte. Die Wahrheit und die Gerechtigkeit wären dann nicht mehr übergeordnete Instanzen und Bewertungskriterien, an die sich der Mensch bei der Steuerung der diesem Fortschritt zugrundeliegenden Handlungen halten muß, sondern sie würden zu einem Produkt seiner Aktivitäten des Forschens und des Manipulierens der Wirklichkeit.

Es werden wohl niemandem die dramatischen und trostlosen Auswirkungen eines solchen Pragmatismus entgehen, der die Wahrheit und Gerechtigkeit als etwas vom Menschen Gestaltbares auffaßt. Man denke nur, als eines unter vielen Beispielen, an den Versuch, sich durch Experimente mit menschlichem Klonen die Quellen des Lebens zu eigen zu machen. Deutlich erkennbar wird hierbei die Anmaßung, von der auch im Titel des Meetings die Rede ist: der gewaltsame Versuch des Menschen, sich das Wahre und Rechte anzueignen und auf Werte zu verkürzen, über die er nach seinem eigenen Gutdünken verfügen kann – das heißt ohne Anerkennung jeglicher Grenzen, ausgenommen derer, die von der technischen Machbarkeit festgelegt und ständig überwunden werden.

3. Der von Christus aufgezeigte Weg ist ein anderer: Er besteht in der Achtung vor dem Menschen, wobei jegliche Forschungstätigkeit versuchen muß, ihn vor allem in seiner Wahrheit zu erkennen, um ihm dann zu dienen, nicht aber, um ihn zu manipulieren in einem Plan, der mitunter in überheblicher Weise als besser als der Plan des Schöpfers selbst erachtet wird.

Für den Christen ist das Geheimnis des Seins so tiefgründig, daß es für die menschliche Einsicht unergründlich bleibt. Der Mensch hingegen, der sich in prometheischer Anmaßung zum Richter über Gut und Böse erhebt, macht den Fortschritt zu seinem absoluten Ideal und wird dann von diesem erdrückt. Das vor kurzem zu Ende gegangene Jahrhundert zeigt uns anhand der Ideologien, die seine Geschichte so tragisch geprägt haben, und der Kriege, die tiefe Spuren hinterlassen haben, das Ergebnis einer solch anmaßenden Haltung.

Das Thema des Meetings von Rimini lädt uns ein, einen erstaunten Blick auf den Schöpfer zu richten angesichts der Schönheit und Vernünftigkeit dessen, was er ins Leben gerufen hat und am Leben erhält. Nur diese Demut gegenüber dem Großen und Geheimnisvollen der Schöpfung kann den Menschen vor den unheilvollen Folgen seiner eigenen Überheblichkeit bewahren.

Ich wünsche von Herzen, daß Euer Meeting seinen Beitrag leisten möge zur Förderung einer solchen Haltung der Demut in Anbetracht der Schätze, mit denen der Schöpfer als Widerschein seiner Weisheit das All erfüllt. Durch deren Betrachtung soll der Gläubige die immer neuen Quellen des Lichtes und Trostes in der täglichen Bewältigung der sich ihm stellenden Lebensfragen finden.

In diesem Sinne versichere ich Euch meines Gebetsgedenkens und erteile allen meinen besonderen Segen.

Aus Castelgandolfo, 6. August 2004

IOANNES PAULUS II

 

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