Liebe Schwestern und Brüder!
„Alle, die gläubig
geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie
verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte“
(Apg 2,44 f.).
Diese Worte des
heiligen Lukas klingen mir im Herzen auf, da wir uns gerade wieder anschicken,
die Fastenzeit zu begehen: wertvolle Wochen, die die Kirche allen Christen
anbietet, um ihnen zu helfen, über ihr tiefes Wesen als Söhne und Töchter des
himmlischen Vaters und als Brüder und Schwestern aller Menschen nachzudenken und
neuen Mut zu finden, konkret und hochherzig zu teilen; Gott selbst hat uns ja
dazu berufen, unser Leben auf die Nächstenliebe zu gründen.
Unser Verhältnis zum
Nächsten ist deshalb grundlegend wichtig. Mit dem „Nächsten“ meine ich
diejenigen, die an unserer Seite leben, in Familie und Nachbarschaft, im Dorf
und in der Stadt. Gemeint sind aber ebenso die Arbeitskollegen, dann alle, die
leiden und krank sind, die Einsamen, die wirklich Armen. Mein Nächster ist
ebenso – und mag er auch räumlich weit entfernt von mir leben – der Mensch im
Exil, der Mensch ohne Arbeit, Nahrung und Kleidung, dazu oft in Unfreiheit. Mein
Nächster, das sind die Menschen, die nach unvorhersehbaren riesigen Katastrophen
ganz oder fast am Ende ihrer Kräfte sind, die tief in äußerem oder moralischem
Elend stecken und dabei sehr oft den schmerzlichen Verlust ihrer Lieben beklagen
müssen.
Die Fastenzeit ist so
tatsächlich ein dringender Appell unseres Herrn Jesus Christus zur persönlichen
wie auch gemeinschaftlichen inneren Erneuerung durch Gebet und Empfang der
Sakramente, ebenso aber durch Taten der Nächstenliebe, durch persönliche und
auch gemeinsame Opfer an Geld und allen Arten von Gütern, um auf diese Weise den
Bedürfnissen und der Not unserer Brüder in der Welt abzuhelfen. Teilen ist eine
Pflicht, der sich kein Mensch guten Willens, ganz gewiss nicht ein Jünger
Christi, entziehen kann. Die Art des Teilens kann vielfältig sein: angefangen
von freiwilliger Hilfe, die jemand als einen spontanen Dienst, wie er des
Evangeliums würdig ist, anbietet, über hochherzige und sogar regelmäßige Spenden
aus unserm Überfluss und zuweilen aus dem Notwendigen bis hin zur Arbeit, die
dem Arbeitslosen, der schon alle Hoffnung aufgeben will, angeboten wird.
Schließlich wird die
Fastenzeit 1983 eine außerordentliche Gnadenzeit sein, da sie mit der Eröffnung
des Heiligen Jahres der Erlösung zusammenfällt, das geeignet ist, das Leben der
Christen bis in die Tiefe anzuregen, damit es immer mehr der göttlichen Berufung
entspricht, die ihm zu eigen ist: nach dem Vorbild Christis wahrhaft Kinder
Gottes und Brüder aller zu werden.
Am Tage des
feierlichen Beginns meines Pontifikates habe ich gesagt: „Öffnet weit Eure Türen
für Christus!“ Heute rufe ich Euch zu: Öffnet weit Eure Hände, um Euren Brüdern
in Not wirklich alles zu geben, was in Eurer Macht steht! Schreckt nicht davor
zurück! Seid alle und jeder Einzelne frische und starke Mitarbeiter der Liebe
Christi!
Aus dem Vatikan, am 16. Februar 1983
IOANNES PAULUS II
Copyright © Libreria Editrice Vaticana