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BOTSCHAFT VON JOHANNES
PAUL II. ZUR FEIER DES WELTFRIEDENSTAGES
1. JANUAR
2000
"FRIEDE AUF ERDEN DEN MENSCHEN, DIE GOTT LIEBT!"
1. Diese Verkündigung der Engel, die vor 2000 Jahren die Geburt Jesu
Christi begleitete (vgl. Lk 2,14), wird zu unserer Freude in der
heiligen Weihnachtsnacht, in der das Große Jubiläum feierlich eröffnet
wird, wieder erschallen.
Die hoffnungsfrohe Botschaft, die uns aus der Grotte von Betlehem
erreicht, wollen wir wieder an den Anfang des neuen Jahrtausends stellen: Gott
liebt alle Männer und Frauen auf Erden und schenkt ihnen die Hoffnung auf
eine neue Zeit, eine Zeit des Friedens. Seine Liebe, die in dem Mensch
gewordenen Sohn, in Fülle offenbar wurde, ist das Fundament des universalen
Friedens. Wenn sie im tiefsten Herzensgrund angenommen wird, versöhnt sie
jeden mit Gott und mit sich selbst. Sie macht die Beziehungen der Menschen
untereinander neu und weckt jenes Verlangen nach einer Haltung, die Brüdern
und Schwestern eigen ist und die Versuchung der Gewalt und des Krieges zu
vertreiben vermag.
Das Große Jubiläum ist unlösbar mit dieser Botschaft der Liebe und
Versöhnung verbunden, welche die eigentlichen Sehnsüchte der Menschheit
unserer Zeit am glaubwürdigsten zum Ausdruck bringt.
2. Im Ausblick auf ein so bedeutungsträchtiges Jahr wünsche ich erneut
allen von Herzen Frieden. Allen sage ich, daß der Friede möglich ist. Er
muß als ein Geschenk Gottes erfleht, aber auch mit seiner Hilfe Tag für Tag
durch Werke der Gerechtigkeit und Liebe aufgebaut werden.
Sicher gibt es viele und sehr komplexe Probleme, die den Weg zum
Frieden steinig, ja oft zu einem entmutigenden Vorhaben machen. Dennoch ist
der Friede ein Bedürfnis, das im Herzen eines jeden Menschen tief verwurzelt
ist. Man darf deshalb nicht in dem Willen nachlassen, immer wieder nach ihm zu
suchen. Dabei müssen wir uns vom Bewußtsein leiten lassen, daß Gott die
Menschheit, so sehr sie auch von der Sünde, von Haß und Gewalt gezeichnet
ist, dazu berufen hat, eine einzige Familie zu bilden. Diesen
göttlichen Plan gilt es anzuerkennen und dadurch zu unterstützen, daß man
sich dafür einsetzt, harmonische Beziehungen unter den einzelnen Menschen und
zwischen den Völkern zu suchen, und diese in eine Kultur gegenseitigen
Austausches einbindet, in der es um Öffnung für das Transzendente, um
Förderung des Menschen und um Achtung vor der Natur geht.
Das ist die Botschaft von Weihnachten, das ist die Botschaft des
Jubiläums, das ist mein Wunsch am Anfang eines neuen Jahrtausends.
Mit dem Krieg bleibt die Menschlichkeit als Verlierer zurück
3. In dem Jahrhundert, das wir hinter uns lassen, ist die Menschheit
hart heimgesucht worden von einer endlosen und schrecklichen Folge von
Kriegen, Konflikten, Völkermorden und "ethnischer Säuberungen",
die unsagbares Leid verursacht haben: Abermillionen von Opfern, zerrissene
Familien und zerstörte Länder, Flüchtlingsströme, Elend, Hunger,
Krankheiten, Unterentwicklung, Verlust unermeßlicher Ressourcen. Die Wurzel
so großen Leides ist eine Logik der Unterdrückung, die genährt wird von dem
Verlangen nach Beherrschung und Ausbeutung anderer, von Ideologien der Macht
oder eines totalitären Utopismus, von unheilvollen Nationalismen oder Formen
alten Stammeshasses. Mitunter war es notwendig, der brutalen systematischen
Gewalt, die es sogar auf die völlige Ausrottung oder Versklavung ganzer
Völker und Regionen abgesehen hatte, bewaffneten Widerstand zu leisten.
Das 20. Jahrhundert hinterläßt uns als Erbschaft vor allem eine Mahnung: Kriege
sind häufig Ursache weiterer Kriege, weil sie tiefe Haßgefühle nähren,
Unrechtssituationen schaffen sowie die Würde und Rechte der Menschen mit
Füßen treten. Sie lösen im allgemeinen die Probleme nicht, um deretwillen
sie geführt werden. Daher stellen sie sich, außer daß sie schreckliche
Schäden anrichten, auch noch als nutzlos heraus. Mit dem Krieg bleibt die
Menschlichkeit als Verlierer zurück. Nur im Frieden und durch den Frieden
ist die Achtung vor der Würde der menschlichen Person und ihrer
unveräußerlichen Rechte zu gewährleisten.(1)
4. Angesichts des Kriegsszenariums des 20. Jahrhunderts wurde die
Ehre der Menschheit von denen gerettet, die im Namen des Friedens gesprochen
und gehandelt haben.
Es ist eine gebührende Pflicht, der unzähligen Menschen zu
gedenken, die zur Erklärung der Menschenrechte und zu ihrer feierlichen
Verkündigung, zur Besiegung totalitärer Regime, zum Ende des Kolonialismus,
zur Entwicklung der Demokratie und zur Schaffung großer internationaler
Organisationen beigetragen haben. Leuchtende und prophetische Beispiele
stellten uns jene vor Augen, die ihren Lebensentscheidungen den Wert der
Gewaltlosigkeit verliehen haben. Ihr Zeugnis für konsequente Treue, das oft
bis zum Martyrium ging, hat wunderbare und lehrreiche Seiten in das Buch der
Geschichte geschrieben.
Unter denen, die im Namen des Friedens gewirkt haben, darf man die
Männer und Frauen nicht vergessen, deren Einsatz auf allen Gebieten von
Wissenschaft und Technik großartige Fortschritte ermöglicht hat, was die
Überwindung schrecklicher Krankheiten sowie die Verbesserung der
Lebensqualität und höhere Lebenserwartung erlaubte.
Nicht unerwähnt lassen kann ich sodann meine Vorgänger ehrwürdigen
Angedenkens, die der Kirche im 20. Jahrhundert vorstanden. Durch ihr erhabenes
Lehramt und ihr unermüdliches Wirken haben sie die Kirche bei der Förderung
einer Kultur des Friedens gelenkt. Gleichsam als Sinnbild für dieses
vielfältige Wirken steht die glückliche und weitblickende Eingebung Pauls
VI., der am 8. Dezember 1967 den Weltfriedenstag einführte. Dieser hat als
fruchtbare Erfahrung der Reflexion und gemeinsamer Schritte zum Frieden von
Jahr zu Jahr mehr Gestalt angenommen.
Die Berufung, eine einzige Familie zu sein
5. "Friede auf Erden den Menschen, die Gott liebt!" Der
Wunsch aus dem Evangelium läßt uns die bange Frage stellen: Wird das
beginnende Jahrhundert im Zeichen des Friedens und einer wiedergewonnenen
Geschwisterlichkeit unter den Menschen und Völkern stehen? Sicher können wir
die Zukunft nicht voraussehen. Dennoch dürfen wir ein anspruchsvolles Prinzip
festschreiben: Es wird in dem Maße Frieden herrschen, in dem es der ganzen
Menschheit gelingt, ihre ursprüngliche Berufung wiederzuentdecken, eine
einzige Familie zu sein, in der die Würde und die Rechte der Personen
jeden Standes, jeder Rasse und jeder Religion als vorgängig und vorrangig
gegenüber jeglicher Unterschiedenheit und Art anerkannt werden.
Von diesem Bewußtsein her kann die von der Dynamik der
Globalisierung gekennzeichnete Verflochtenheit unserer heutigen Welt Seele,
Sinn und Richtung erhalten. In diesen Entwicklungen, die freilich nicht ohne
Risiken sind, liegen gerade im Hinblick darauf, daß aus der Menschheit eine
auf den Werten von Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität gegründete
einzige Familie entstehen soll, außerordentliche und vielversprechende
Chancen.
6. Dazu ist eine völlige Umkehr der Sichtweise nötig: Bei allem
darf nicht mehr das besondere Wohl einer Gemeinschaft, die auf politischen
Gründen, Rassenzugehörigkeit oder kulturellen Motiven gründet, an erster
Stelle stehen, sondern das Wohl der ganzen Menschheit. Das Bemühen um die
Erreichung des gemeinsamen Wohles einer einzelnen politischen Gemeinschaft
darf nicht im Gegensatz zum Gemeinwohl der ganzen Menschheit stehen,
das in der Anerkennung und Achtung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt, wie
sie von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 sanktioniert
wurden. Daher müssen die oft durch starke wirtschaftliche Interessen
bedingten und bestimmten Konzepte und Praktiken überwunden werden, die das
Faktum Nation oder Staat für absolut halten und diesem deshalb jeden anderen
Wert unterordnen. Aus dieser Sicht sind die politischen, kulturellen und
institutionellen Unterschiede und Differenzierungen, in die sich die
Menschheit aufgliedert und organisiert, in dem Maße zulässig, als man sie
mit der Zugehörigkeit zur Menschheitsfamilie und mit den sich daraus
ergebenden sittlichen und rechtlichen Forderungen in Einklang bringen kann.
Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit
7. Aus diesem Grundsatz ergibt sich eine Konsequenz von enormer Tragweite: Wer
die Menschenrechte verletzt, beschädigt das Bewußtsein des Menschseins
selbst. Er verletzt die Menschheit als solche. Die Verpflichtung zum
Schutz dieser Rechte übersteigt daher die geographischen und politischen
Grenzen, innerhalb der sie verletzt worden sind. Die Verbrechen gegen die
Menschlichkeit können nicht als interne Angelegenheiten einer Nation
betrachtet werden. Die in die Wege geleitete Errichtung eines
internationalen Gerichtshofes, der über diese Verbrechen, wo und wie auch
immer sie geschehen, zu befinden hat, ist ein wichtiger Schritt in diese
Richtung. Wir müssen Gott danken, wenn im Bewußtsein der Völker und der
Nationen die Überzeugung weiter wächst, daß es für die Menschenrechte
keine Grenzen gibt, weil sie universal und unteilbar sind.
8. In der heutigen Zeit hat sich die Zahl der Kriege zwischen den
Staaten verringert. Diese an sich tröstliche Tatsache wird freilich stark
eingeschränkt, wenn man auf die bewaffneten Konflikte schaut, die innerhalb
der Staaten entstehen. Sie sind leider sehr zahlreich, praktisch auf allen
Kontinenten vorhanden und verlaufen nicht selten äußerst gewaltsam. Sie
haben meistens weit in die Geschichte zurückreichende ethnische,
stammesbedingte oder auch religiöse Gründe, zu denen jetzt noch weitere
Ursachen ideologischer, sozialer und wirtschaftlicher Natur hinzukommen.
Diese internen Konflikte, die im allgemeinen mit einem erschreckenden
Einsatz kleinkalibriger oder sogenannter "leichter", in Wirklichkeit
aber äußerst mörderischer Waffen ausgetragen werden, haben oft
schwerwiegende Auswirkungen, die über die Grenzen des betreffenden Staates
hinausgehen und auswärtige Interessen und Verantwortlichkeiten hineinziehen.
Auch wenn es stimmt, daß es wegen ihrer hochgradigen Komplexität sehr schwer
fällt, die auf dem Spiel stehenden Ursachen und Interessen zu begreifen und
zu bewerten, ergibt sich doch eine unumstößliche Tatsache: Die
dramatischsten Folgen dieser Konflikte hat die Zivilbevölkerung zu
tragen. Denn weder die allgemeinen noch selbst die für Kriegszeiten geltenden
Gesetze werden eingehalten. Weit davon entfernt, geschützt zu werden, sind
die Zivilpersonen häufig das erste Ziel der gegnerischen Streitkräfte, wenn
sie selbst nicht in einer perversen Spirale, die sie zugleich als Opfer und
als Mörder anderer Zivilpersonen sieht in direkte bewaffnete Kampfhandlungen
hineingezogen werden.
Zu zahlreich und zu schrecklich waren und sind noch immer die
düsteren Szenarien, wo Kinder, Frauen und wehrlose alte Männer völlig
schuldlos und gegen ihren Willen zu Opfern der Konflikte gemacht werden, die
unsere Tage mit Blut beflecken; es sind in der Tat zu viele Konflikte, um
nicht den Augenblick für gekommen zu halten, mit Entschlossenheit und großem
Verantwortungsbewußtsein einen anderen Weg einzuschlagen.
Das Recht auf humanitäre Hilfe
9. Gegen alle mutmaßlichen "Gründe" für den Krieg muß
angesichts ebenso dramatischer wie komplexer Situationen der herausragende
Wert des humanitären Rechtes und damit die Pflicht, das Recht auf humanitäre
Hilfe für die leidende Bevölkerung und die Flüchtlinge zu
gewährleisten, bekräftigt werden.
Die Anerkennung und die tatsächliche Erfüllung dieser Rechte dürfen
nicht den Interessen einer Konfliktpartei unterliegen. Es ist im Gegenteil
dringend geboten, alle jene institutionellen und nicht institutionellen
Möglichkeiten ausfindig zu machen, die die humanitären Zielsetzungen am
besten verwirklichen können. Die moralische und politische Legitimation
dieser Rechte beruht nämlich auf dem Grundsatz, wonach das Wohl der
menschlichen Person vor allem den Vorrang hat und jede menschliche Institution
überragt.
10. Ich möchte hier noch einmal meine tiefe Überzeugung bekräftigen,
daß angesichts der modernen bewaffneten Konflikte das Mittel der Verhandlung
zwischen den Parteien - mit geeigneten Vermittlungs- und
Befriedungsinterventionen von seiten internationaler und regionaler Stellen
allergrößte Bedeutung gewinnt, sei es, um den Konflikten selbst
zuvorzukommen, oder sie, wenn sie einmal ausgebrochen sind, dadurch
beizulegen, daß durch eine unparteiische Abwägung der auf dem Spiel
stehenden Rechte und Interessen der Friede wiederhergestellt wird.
Diese Überzeugung von der positiven Rolle von Vermittlungs- und
Befriedungsorganen muß auf die humanitären Organisationen, die nicht einer
Regierung zugeordnet sind, und auf die religiösen Einrichtungen ausgeweitet
werden, die diskret und ohne Berechnung den Frieden zwischen den
unterschiedlichen Gruppen fördern und helfen, alte Gefühle der Verbitterung
zu überwinden, Feinde zu versöhnen und den Weg in eine neue und gemeinsame
Zukunft zu eröffnen. Während ich ihnen für ihre edle Hingabe an die Sache
des Friedens meine Hochachtung ausspreche, möchte ich mit tiefbewegter
Anerkennung all derer gedenken, die ihr Leben hingegeben haben, damit andere
leben können: für sie erhebe ich mein Gebet zu Gott und lade auch die
Gläubigen ein, dasselbe zu tun.
"Einmischung aus humanitären Gründen"
11. Wenn die Zivilbevölkerung Gefahr läuft, unter den Schlägen eines
ungerechten Angreifers zu erliegen, und die Anstrengungen der Politik und die
Mittel gewaltloser Verteidigung nichts fruchteten, ist es offensichtlich
legitim und sogar geboten, sich mit konkreten Initiativen für die Entwaffnung
des Aggressors einzusetzen. Diese Initiativen müssen jedoch zeitlich begrenzt
und in ihren Zielen klar bestimmt sein, sie müssen unter voller Achtung des
internationalen Rechtes durchgeführt und von einer auf übernationaler Ebene
anerkannten Autorität garantiert werden. Keinesfalls dürfen sie der reinen
Logik der Waffen überlassen bleiben.
Daher wird man umfassend und bestmöglich das anwenden müssen, was
von der Charta der Vereinten Nationen vorgesehen ist. Zusätzlich gilt es,
wirksame Mittel und Möglichkeiten einer Intervention im Rahmen des
internationalen Rechts festzulegen. In diesem Zusammenhang muß die
Organisation der Vereinten Nationen selbst allen Mitgliedsstaaten eine
angemessene Gelegenheit zur Beteiligung an den Entscheidungen bieten, indem
sie Bevorzugungen und Diskriminierungen überwindet, die ihre Rolle und
Glaubwürdigkeit schwächen.
12. Hier öffnet sich ein sowohl für die Politik wie für das Recht neues
Feld der Überlegung und Beratung, ein Feld, von dem wir alle wünschen, daß
es mit Leidenschaft und Weisheit bestellt wird. Dringend notwendig und
unaufschiebbar ist eine Erneuerung des internationalen Rechtes und der
internationalen Institutionen, die als Ausgangspunkt und grundlegendes
Organisationskriterium den Vorrang des Wohles der Menschheit und der einzelnen
menschlichen Person vor allem anderen hat. Diese Erneuerung ist um so
dringender, wenn wir das Paradoxon des Krieges in unserer Zeit betrachten, wie
es auch in den jüngsten Konflikten zutage getreten ist, wo der
größtmöglichen Sicherheit für die Soldaten erschütternde ständige
Gefahrensituationen für die Zivilbevölkerung gegenüberstanden. Es gibt
keine Art des Konflikts, die das Recht der Zivilpersonen auf Unversehrtheit zu
verletzen legitimiert.
Grundlegend bleibt jenseits der juristischen und institutionellen
Perspektiven die Verpflichtung aller Männer und Frauen guten Willens, die
dazu berufen sind, sich für den Frieden einzusetzen: die Verpflichtung, zum
Frieden zu erziehen, Friedensstrukturen und Mittel der Gewaltlosigkeit zu
entwickeln, alle nur möglichen Anstrengungen zu unternehmen, um
Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bringen.
Der Friede in der Solidarität
13. "Friede auf Erden den Menschen, die Gott liebt!" Von
der Problematik des Krieges wendet sich der Blick naturgemäß einer anderen
Dimension zu, die mit dieser in besonderer Weise verbunden ist: die Frage
der Solidarität. Die vornehme und anspruchsvolle Aufgabe des Friedens,
die der Berufung der Menschheit, Familie zu sein und sich als Familie zu
bekennen, innewohnt, hat ihre Stärke in dem Prinzip von der universalen
Bestimmung der Güter der Erde, ein Prinzip, das dem Menschen das Recht auf
Privateigentum nicht abspricht, sondern dessen Verständnis und Verwaltung
für seine unabdingbare soziale Funktion erschließt, zum allgemeinen und
besonders zum Wohl der schwächsten Glieder der Gesellschaft.(2) Dieses
Grundprinzip bleibt leider weitgehend unbeachtet: Das beweist das
fortbestehende und sich noch ausweitende Gefälle zwischen dem Norden der
Welt, wo eine steigende Übersättigung mit Gütern und Ressourcen ebenso
festzustellen ist wie eine wachsende Überalterung, und dem Süden, wo sich
inzwischen die große Mehrheit der jungen Generationen konzentriert, die noch
immer ohne glaubwürdige Aussicht auf soziale, kulturelle und wirtschaftliche
Entwicklung sind.
Niemand möge sich der Täuschung hingeben, die bloße Abwesenheit
von Krieg, so wünschenswert sie ist, sei gleichbedeutend mit dauerhaftem
Frieden. Es gibt keinen echten Frieden, wenn mit ihm nicht Gleichheit,
Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität einhergehen. Jedes Vorhaben, das zwei
untrennbare und voneinander abhängige Rechte, das Recht auf Frieden und das
Recht auf eine unverkürzte und solidarische Entwicklung, auseinanderhalten
möchte, ist zum Scheitern verurteilt. "Ungerechtigkeiten, krasse
Unterschiede in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht sowie Neid, Mißtrauen
und Stolz, die unter den Menschen und den Nationen wüten, bedrohen
unablässig den Frieden und führen zu Kriegen. Alles, was unternommen wird,
um diese Übel zu besiegen, trägt zum Aufbau des Friedens und zur Vermeidung
des Krieges bei".(3)
14. Am Beginn eines neuen Jahrhunderts ist die Armut von
Milliarden Männern und Frauen die Frage, die mehr als jede andere an
unser menschliches und christliches Gewissen appelliert. Die Dramatik dieser
Frage wird noch erhöht durch das Wissen darum, daß die größten
wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit nicht auf den Mangel an Ressourcen,
sondern darauf zurückgehen, daß die heutigen wirtschaftlichen, sozialen und
kulturellen Strukturen Mühe damit haben, den Anforderungen einer echten
Entwicklung zu entsprechen.
Mit Recht verlangen die Armen - sowohl jene der Entwicklungsländer
wie auch jene der wohlhabenden, reichen Länder - "das Recht, an der
Nutzung der materiellen Güter teilzuhaben und ihre Arbeitsfähigkeit
einzubringen, um eine gerechtere und für alle glücklichere Welt aufzubauen.
Die Hebung der Armen ist eine große Gelegenheit für das sittliche,
kulturelle und wirtschaftliche Wachstum der gesamten Menschheit".(4)
Sehen wir die Armen nicht als ein Problem an! Sie können in unseren Augen zu
Trägern und Vorkämpfer einer neuen und menschlicheren Zukunft für die ganze
Welt werden.
Die Wirtschaft muß umdenken
15. Aus dieser Perspektive muß man sich auch die Frage über jenes
wachsende Unbehagen stellen, das heutzutage viele Gelehrte und
Wirtschaftsexperten spüren, wenn sie über die Rolle des Marktes, über die
alles durchdringende Währungs- und Finanzdimension, über das
Auseinanderklaffen zwischen dem ökonomischen und dem sozialen Bereich sowie
über andere ähnliche Themen wirtschaftlicher Aktivität nachdenken. Es geht
dabei um Probleme, die sich im Hinblick auf die Armut, den Frieden, die
Ökologie und die Zukunft der Jugend stellen.
Vielleicht ist der Augenblick für eine neue und vertiefte
Reflexion über den Sinn der Wirtschaft und ihrer Ziele gekommen. In
diesem Zusammenhang scheint es dringend notwendig, daß das Verständnis
dessen, was Wohlstand eigentlich ist, neu überdacht wird, damit es nicht von
einer verengten Nützlichkeitsperspektive beherrscht wird, die Werten wie
Solidarität und Altruismus nur abseits und ganz am Rande Raum läßt.
16. Hier möchte ich die Vertreter der Wirtschaftswissenschaften und die
Manager selbst sowie auch die verantwortlichen Politiker auffordern, die
dringende Notwendigkeit zur Kenntnis zu nehmen, daß das wirtschaftliche
Handeln und die entsprechenden politischen Maßnahmen das Wohl eines jeden
Menschen in seiner Ganzheitlichkeit anstreben sollen. Das ist nicht nur eine
Forderung der Ethik, sondern auch einer gesunden Wirtschaft. Die Erfahrung
scheint nämlich bestätigt zu haben, daß der wirtschaftliche Erfolg
zunehmend davon abhängt, daß die Menschen und ihre Fähigkeiten aufgewertet,
die Beteiligung gefördert, Kenntnisse und Informationen stärker und besser
vermittelt werden und die Solidarität wächst.
Es handelt sich dabei um Werte, die der Wirtschaft in Wissenschaft
und Praxis keineswegs fremd sind und dazu beitragen, daraus eine Wissenschaft
und eine Praxis zu machen, die ganz und gar "human" sind. Eine
Wirtschaft, welche die ethische Dimension unbeachtet läßt und sich nicht
darum kümmert, dem Wohl eines jeden Menschen in seiner Ganzheitlichkeit zu
dienen, kann sich eigentlich gar nicht "Ökonomie" nennen, wenn man
diese im Sinne einer vernünftigen und wohltätigen Verwaltung des materiellen
Reichtums versteht.
Für welche Entwicklungsmodelle soll man sich entscheiden?
17. Obgleich die Menschheit dazu berufen ist, eine einzige Familie zu sein,
wird sie noch immer auf dramatische Weise von der Armut in zwei Teile
gespalten: Am Beginn des 21. Jahrhunderts leben mehr als eine Milliarde und
vierhundert Millionen Menschen in äußerster Armut. Deshalb ist ein
Überdenken der Modelle, welche die Entscheidungen für die Entwicklung
inspirieren, besonders dringend geboten.
In diesem Zusammenhang wird man die berechtigten Forderungen nach
wirtschaftlicher Effizienz besser mit den Forderungen nach politischer
Beteiligung und sozialer Gerechtigkeit in Einklang bringen müssen, ohne
wieder in die im 20. Jahrhundert begangenen ideologischen Fehler zu verfallen.
Konkret bedeutet das: Das Netz der gegenseitigen wirtschaftlichen, politischen
und sozialen Abhängigkeiten, auf dessen Verstärkung die stattfindenden
Globalisierungsprozesse abzielen, sollte mit Solidarität verknüpft werden.
Diese Prozesse verlangen ein Umdenken der internationalen
Zusammenarbeit, die sich in einer neuen Kultur der Solidarität buchstabiert.
Als Same des Friedens verstanden, darf sich die Zusammenarbeit nicht auf Hilfe
und Beistand beschränken und dabei gar noch auf Vorteile abzielen, die auf
die zur Verfügung gestellten Finanzmittel zurückfließen. Statt dessen muß
sie ein konkretes und greifbares Bemühen um Solidarität zum Ausdruck
bringen, das die Armen zu Vorkämpfern ihrer eigenen Entwicklung macht und es
möglichst vielen Personen erlaubt, in den konkreten wirtschaftlichen und
politischen Verhältnissen, in denen sie leben, die Kreativität zu entfalten,
die ein typisches Merkmal der menschlichen Person ist und von der auch der
Reichtum der Nationen abhängt.(5)
Besonders ist es geboten, endgültige Lösungen für das alte Problem
der internationalen Verschuldung der armen Länder zu finden und gleichzeitig
auch die Bereitstellung der nötigen finanziellen Mittel für den Kampf gegen
Hunger, Unterernährung, Krankheiten, Analphabetismus und den Verfall der
Umwelt zu gewährleisten.
18. Dringender als in der Vergangenheit stellt sich heute die
Notwendigkeit, das Gewissen für universale moralische Werte zu bilden,
um sich den Problemen der Gegenwart stellen zu können. Deren gemeinsames
Merkmal besteht ja in der weltweiten Dimension, die sie annehmen. Die
Förderung des Friedens und der Menschenrechte; die Beilegung der bewaffneten
Konflikte innerhalb und außerhalb der Staaten; der Schutz der ethnischen
Minderheiten und der Migranten; der Umweltschutz; der Kampf gegen furchtbare
Krankheiten; das Vorgehen gegen Drogen- und Waffenhändler und gegen
politische und wirtschaftliche Korruption: das sind Probleme, die heute keine
Nation allein zu bewältigen vermag. Da sie die gesamte menschliche
Gemeinschaft betreffen, müssen sie durch gemeinsames Handeln angegangen und
gelöst werden.
Man muß einen Weg finden, um in einer verständlichen und
gemeinsamen Sprache die Probleme zu diskutieren, die von der Zukunft des
Menschen aufgeworfen werden. Grundlage dieses Dialogs ist das allgemeine
Sittengesetz, das dem Menschen ins Herz eingeschrieben ist. Wenn die
menschliche Gemeinschaft dieser "Grammatik" des Geistes folgt, kann
sie die Probleme des Zusammenlebens anpacken und sich unter Achtung des Planes
Gottes auf die Zukunft hinbewegen.(6)
Aus der Begegnung zwischen Glaube und Vernunft, zwischen religiösem
Sinn und sittlichem Bewußtsein leitet sich ein entscheidender Beitrag ab, um
dem Dialog und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern, Kulturen und
Religionen eine Richtung zu geben.
Jesus, das Geschenk des Friedens
19. "Friede auf Erden den Menschen, die Gott liebt!" Auf
der ganzen Welt sind die Christen im Hinblick auf das Große Jubiläum damit
beschäftigt, in feierlicher Form das Gedächtnis der Menschwerdung Gottes zu
begehen. Während sie die Botschaft der Engel über dem Himmel von Betlehem
neu hören (vgl. Lk 2,14), gedenken sie des Ereignisses aus dem
Bewußtsein heraus, daß Jesus "unser Friede ist" (Eph 2,14).
Er ist das Geschenk des Friedens für alle Menschen. Seine ersten Worte an die
Jünger nach der Auferstehung lauteten: "Friede sei mit euch!" (Joh
10,19.21.26). Er ist gekommen, um zu einen, was getrennt war. Er hat die
Sünde und den Haß zunichte gemacht und so in der Menschheit die Berufung zu
Einheit und Geschwisterlichkeit wiedererweckt. Deshalb ist er "Ursprung
und Urbild dieser erneuerten, von brüderlicher Liebe, Lauterkeit und
Friedensgeist durchdrungenen Menschheit, nach der alle verlangen".(7)
20. In diesem Jubiläumsjahr will die Kirche im lebendigen Gedenken an
ihren Herrn ihre Berufung und Sendung bekräftigen. Sie will in Christus
"Sakrament" sein, das heißt Zeichen und Werkzeug des Friedens in
der Welt und für die Welt. Erfüllung ihrer evangelisatorischen Sendung
bedeutet für die Kirche Arbeit für den Frieden. "So ist die Kirche,
Gottes alleinige Herde, wie ein unter den Völkern erhobenes Zeichen. Indem
sie dem ganzen Menschengeschlecht den Dienst des Evangeliums des Friedens
leistet, pilgert sie in Hoffnung dem Ziel des ewigen Vaterlandes
entgegen".(8)
Der Einsatz zum Aufbau von Frieden und Gerechtigkeit ist für die
katholischen Christen daher keine nebensächliche, sondern eine wesentliche
Aufgabe, der sie mit Offenheit gegenüber den Brüdern und Schwestern der
anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, gegenüber den Gläubigen
anderer Religionen und gegenüber allen Männern und Frauen guten Willens, mit
denen sie dieselbe Sorge um Frieden und Brüderlichkeit teilen, nachkommen
sollen.
Sich hochherzig für den Frieden einsetzen
21. Anlaß zu Hoffnung gibt die Feststellung, daß trotz vielfältiger und
schwerwiegender Hindernisse weiterhin durch die hochherzige Zusammenarbeit so
vieler Menschen täglich Friedensinitiativen und Friedensprojekte entstehen.
Der Friede ist ein Gebäude, an dem ständig gearbeitet wird. An seinem Aufbau
wirken mit:
- die Eltern, die in der Familie den Frieden leben und bezeugen und so ihre
Kinder zum Frieden erziehen;
- die Lehrer, die es verstehen, echte Werte weiterzugeben, die sich auf
jedem Wissensgebiet sowie im historischen und kulturellen Erbe der Menschheit
finden;
- die Männer und Frauen in der Arbeitswelt, die sich darum bemühen,
ihren jahrhundertelangen Kampf für die Würde der Arbeit weiterzuführen im
Angesicht der neuen Verhältnisse, die auf internationaler Ebene Gerechtigkeit
und Solidarität erfordern;
- die Regierenden, die als Mittelpunkt ihres eigenen und des politischen
Handelns ihrer Länder die feste Überzeugung gewählt haben, sich für
Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.
- alle, die in den internationalen Organisationen oft mit wenigen Mitteln
an vorderster Front tätig sind, wo es auch im Hinblick auf die persönliche
Unversehrtheit ein gefährliches Unterfangen ist, als
"Friedensstifter" zu wirken;
- die Mitglieder der regierungsunabhängigen Organisationen, die sich durch
Studium und aktiven Einsatz in verschiedenen Teilen der Welt und in den
unterschiedlichsten Situationen der Vorbeugung und der Lösung von Konflikten
widmen;
- die Gläubigen, die aus der Überzeugung, daß der echte Glaube niemals
Quelle für Krieg oder Gewalt sein kann, durch den ökumenischen und den
interreligiösen Dialog die Argumente fördern, die für den Frieden und die
Liebe sprechen.
22. Meine Gedanken wenden sich besonders Euch zu, liebe Jugendliche. Ihr
erfahrt ja in besonderer Weise den Segen des Lebens, das Ihr nicht vergeuden
dürft. Laßt Euch in den Schulen und an den Universitäten, in der
Arbeitswelt, in Freizeit und Sport, in allem, was Ihr tut, ständig von diesem
Gedanken leiten: Friede sei in Euch und um Euch. Immer sei Friede, Friede mit
allen und Friede für alle. Die jungen Menschen, die leider die tragische
Erfahrung des Krieges erlebt haben und Gefühle des Hasses und der Vergeltung
empfinden, flehe ich an: Tut Euer Möglichstes, um auf den Weg der Versöhnung
und Vergebung zurückzufinden! Dieser Weg ist steinig. Doch es ist der einzige
Weg, der es Euch erlaubt, hoffnungsfroh in die Zukunft zu blicken für Euch,
für Eure Kinder, Eure Länder und für die ganze Menschheit.
Ich werde Gelegenheit haben, diesen Dialog mit Euch, liebe
Jugendliche, fortzuführen, wenn wir uns im kommenden August in Rom treffen
anläßlich des Jugendtages im Jubeljahr, der eigens Euch gewidmet ist.
Papst Johannes XXIII. hat sich in einer seiner letzten Ansprachen
noch einmal an "die Menschen guten Willens" gewandt, um sie
einzuladen, sich für ein Friedensprogramm einzusetzen, das auf dem
"Evangelium des Gehorsams gegenüber Gott, der Barmherzigkeit und des
Verzeihens" ruht. Und er fügte hinzu: "Dann wird sich ohne Zweifel
die helle Fackel des Friedens ihre Bahn brechen. Sie wird ihren Weg gehen,
während sie auf der ganzen Erde in den Menschen die Freude entzündet und das
Licht und die Gnade in deren Herzen ausgießt. Über alle Grenzen hinweg
dürfen sie Gesichter von Brüdern und Schwestern, Gesichter von Freunden
entdecken".(9) Mögt Ihr, Jugendliche des Jahres 2000, Gesichter von
Brüdern und Schwestern, Gesichter von Freunden entdecken und entdecken
lassen!
In diesem Jubiläumsjahr, in dem sich die Kirche durch besondere
Fürbitten dem Gebet für den Frieden widmen wird, wenden wir uns in
kindlicher Verehrung an die Mutter Jesu und rufen sie an als Königin des
Friedens. In reichem Maß möge sie die Gaben ihrer mütterlichen Güte
ausspenden und der Menschheit helfen, eine einzige Familie zu werden in
Solidarität und Frieden.
Aus dem Vatikan, am 8. Dezember des Jahres 1999.
(1) Vgl. JOHANNES PAUL II., Botschaft zum Weltfriedenstag 1999, Nr.
1. (2) Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Centesimus annus (1. Mai
1991), 30-43: AAS 83 (1991), 830-848. (3) Katechismus der
Katholischen Kirche, Nr. 2317. (4) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Centesimus
annus (1. Mai 1991), 28: AAS 83 (1991), 828. (5) Vgl. JOHANNES PAUL
II., Ansprache vor den Vereinten Nationen am 50. Jahrestag ihres Bestehens (5.
Oktober 1995), 13: Insegnamenti 18/2 (1995), 739-740. (6) Vgl.
ebd., 3: a.a.O., 732. (7) II. VAT. KONZIL, Dekret über die
Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, 8. (8) II. VAT. KONZIL,
Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio, 2. (9)
Anläßlich der Überreichung des Balzanpreises am 10. Mai 1963: AAS 55
(1963), 455.
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