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ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN EINE DELEGATION DES
"CENTRE DE LIAISON DES ÉQUIPES DE RECHERCHE"

3. November 1979

 

Liebe Freunde!

1. Ich bin sehr glücklich, hier mit den Mitgliedern des "Centre de Liaison des Équipes de Recherche" (CLER) zusammenzutreffen. Im Familienapostolat, welches das Konzilsdekret Apostolicam actuositatem so eindringlich unterstrichen hat (Nr. 11), habt ihr bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Pionierrolle gespielt. Und jetzt spielen eure Gruppen, in denen Ärzte, Psychologen, Eheberater, Erzieher ihre Fähigkeiten und christlichen Überzeugungen gemeinsam einsetzen, eine sehr anerkennenswerte Rolle beim Studium der Fragen der Geburtenregelung und Fruchtbarkeit, vor allem aber um den Familien in allen Ehe- und Familienfragen konkret zu helfen und um in einem guten Sinn zur Sexualerziehung der Jugend beizutragen. Ihr habt euch euer Vertrauen in die Kirche und ihr Lehramt bewahrt, weil ihr wißt, daß euch die Zusammenarbeit mit ihr nicht enttäuschen wird. Eure Pilgerfahrt bietet Gelegenheit, dem Herrn zu danken, über die geleistete Arbeit nachzudenken, um sie mutig und frei weiterzuführen, eure Verbindung zur Kirche, der ihr dienen wollt, besonders in einem Augenblick enger zu knüpfen, wo diese sich auf die Bischofssynode über die Aufgaben der christlichen Familie vorbereitet. Mit dem Dank der Kirche bringe ich euch meine Glückwünsche und meine lebhafte Ermutigung zum Ausdruck.

2. Zugleich darf ich auch die Mitglieder des Verwaltungsrates der Internationalen Föderation der Familienaktion (FIDAP oder IFFLP) begrüßen, die in Rom zusammen mit den Mitgliedern und Beratern unseres Familienkomitees ihre Jahrestagung abhalten. Eure Föderation führt auch in großen internationalen Organisationen eine ähnliche Arbeit durch, an der das CLER dankbaren Anteil nimmt: die Erforschung und Förderung natürlicher Methoden der Familienplanung und der Erziehung zur Familie. Ich freue mich über die Ernsthaftigkeit und Ausweitung eurer Tätigkeit und über eure Zusammenarbeit mit der Pastoral der katholischen Kirche in diesen Bereichen.

Vor euch muß sich der Papst nicht mit Überlegungen aufhalten, die längst Gegenstand eurer festen Überzeugungen sind. Ich hatte in letzter Zeit wiederholt Gelegenheit, über Familienprobleme zu sprechen, zum Beispiel vor den Laien im irischen Limerick, vor den amerikanischen Bischöfen, vor den zur Messe versammelten Familien auf dem Kapitolplatz in Washington. Ich möchte jedoch einige wichtige Aspekte herausstellen.

3. Für Christen ist es zunächst wichtig, die Debatte mit dem theologischen Aspekt der Familie zu beginnen und dann über die sakramentale Wirklichkeit der Ehe nachzudenken. Die Sakramentalität kann nur im Licht der Heilsgeschichte verstanden werden. Diese Geschichte aber stellt sich zunächst als Geschichte des Bundes und der Gemeinschaft zwischen Jahwe und Israel dar, dann zwischen Jesus Christus und der Kirche in der Zeit, in der die Kirche den eschatologischen Bund erwartet. So sagt auch das Konzil: „So begegnet nun der Erlöser der Menschen und der Bräutigam der Kirche durch das Sakrament der Ehe den christlichen Gatten" (Gaudium et spes, Nr. 48). Diese Ehe ist daher zugleich Gedenken, Verwirklichung und Prophetie der Geschichte des Bundes. „Sie ist ein großes Geheimnis", sagt der hl. Paulus. Christliche Ehegatten beginnen, wenn sie heiraten, nicht nur ihr eigenes Wagnis, auch wenn sie die Ehe im Sinne der Heiligung und Sendung begreifen; sie beginnen ein Wagnis, das sie in verantwortlicher Weise in das große Geschehen der universalen Heilsgeschichte hineinnimmt. Sie ist Gedenken: das Sakrament schenkt ihnen Gnade und verpflichtet sie, der großen Werke Gottes zu gedenken und sie vor ihren Kindern zu bezeugen; sie ist Verwirklichung: sie schenkt ihnen Gnade und verpflichtet sie, hier und jetzt sich selbst und ihren Kindern gegenüber die Forderungen einer verzeihenden und erlösenden Liebe in die Tat umzusetzen, sie ist Prophetie: das Sakrament schenkt ihnen Gnade und verpflichtet sie, die Hoffnung auf die künftige Begegnung mit Christus zu leben und zu bezeugen.

4. Gewiß, jedes Sakrament bringt eine Teilnahme an der hochherzigen Liebe Christi zu seiner Kirche mit sich. Aber in der Ehe sind Weise und Inhalt dieser Teilnahme von besonderer Art. Die Eheleute nehmen als Paar, zu zweit, soweit daran teil, daß die erste und unmittelbare Wirkung der Ehe ("res et sacramentum") nicht die übernatürliche Gnade selbst ist, sondern der christliche Ehebund, eine typisch christliche Gemeinschaft zu zweit, weil sie das Geheimnis der Menschwerdung Christi und das Geheimnis seines Bundes darstellt. Und auch der Inhalt der Teilhabe am Leben Christi ist von besonderer Art: die eheliche Liebe bringt eine Totalität mit sich, die sämtliche Komponenten der Person enthält Appell des Körpers und des Instinkts, Macht des Gefühls und der Affektivität, Erwartungen des Geistes und des Willens; sie strebt eine zutiefst persönliche Einheit an, die über das Einswerden im Fleisch hinaus ein Herz und eine Seele werden will; sie fordert die Unauflöslichkeit und Treue in der ehelichen Hingabe, und sie öffnet sich der Fruchtbarkeit (vgl. Humanae vitae, Nr. 9). Mit einem Wort: es handelt sich um die normalen Merkmale jeder natürlichen ehelichen Liebe, aber mit einer neuen Bedeutung, die diese nicht nur läutert und festigt, sondern zum Ausdruck wirklich christlicher Werte erhebt. Das ist die Perspektive, auf die die christlichen Eheleute zugehen müssen: dort liegt ihre Größe, ihre Kraft, ihr Anspruch, aber auch ihre Freude.

5. Unter diesem Gesichtspunkt muß auch ihre verantwortliche Elternschaft betrachtet werden. Auf diesem Gebiet können die Gatten, die Eltern, einer Reihe von Problemen begegnen, die ohne eine tiefe Liebe, eine Liebe, die auch das Bemühen um Enthaltsamkeit einschließt, nicht gelöst werden können. Diese beiden Tugenden, Liebe und Enthaltsamkeit, wenden sich an eine gemeinsame Entscheidung der Ehegatten und ihren Willen, sich selbst der Lehre des Glaubens, den Weisungen der Kirche zu unterwerfen. Was dieses weite Thema angeht, will ich mich mit drei Bemerkungen begnügen.

6. Zunächst: Mit der Lehre der Kirche, wie sie vom Lehramt, vom Konzil, von meinen Vorgängern   ich denke vor allem an die Enzyklika Humanae vitae Pauls VI., an seine Ansprache an die Notre-Dame-Gruppen vom 4. Mai 1970, an seine zahlreichen anderen Interventionen mit aller Klarheit dargelegt wurde, läßt sich nicht betrügen. Am Ideal der gezügelten, die Natur und Zweckbestimmung des ehelichen Aktes respektierenden Beziehungen der Ehegatten muß man unaufhörlich festhalten und darf daraus keine mehr oder weniger weitgehende, mehr oder weniger eingestandene Konzession an das Prinzip und die Praxis der Empfängnisverhütung machen. Gott ruft die Eheleute zur Heiligung der Ehe auf: zu ihrem eigenen Wohl und zum Wert ihres Zeugnisses.

7. So sicher dieser Punkt durch den Gehorsam gegen die Kirche feststeht es gereicht euch zur Ehre, daran unter allen Umständen festzuhalten , ist es nicht weniger wichtig, den christlichen und den anderen Ehepaaren dabei zu helfen, ihre eigenen Überzeugungen zu festigen, indem sie mit ihnen nach den tiefmenschlichen Gründen für ein solches Handeln suchen. Es ist gut, wenn sie einsehen, wie sehr diese natürliche Ethik einer richtig verstandenen Anthropologie entspricht, und so die Fallstricke permissiver Meinungen oder Gesetze vermeiden und selbst in jeder möglichen Weise zur Aufklärung der Öffentlichen Meinung beitragen. Viele Überlegungen können zur Herausbildung gesunder Überzeugungen beitragen, die dem Gehorsam des Christen oder der Haltung der Menschen guten Willens zu Hilfe kommen. Ich weiß, daß das auch ein wichtiger Teil eurer Erziehungsaufgabe ist. Was soll man zum Beispiel in einer Zeit, wo so viele Umweltschützer die Achtung der Natur verlangen, von einer wahren Invasion künstlicher Methoden und Mittel in diesem eminent persönlichen Bereich denken? Oder deutet es etwa nicht auf einen Verfall menschlichen Edelmuts hin, wenn Techniken an die Stelle von Selbstbeherrschung, Selbstverzicht dem anderen zuliebe und das  gemeinsame Bemühen der Ehegatten treten? Sieht man denn nicht, daß die Natur des Menschen der Sittlichkeit untergeordnet ist? Hat man die ganze Tragweite einer unaufhörlich betonten Kinderfeindlichkeit auf die Psyche der Eltern, wenn sie den natürlichen Wunsch nach einem Kind haben, wie auf die Zukunft der Gesellschaft erwogen? Und was soll man von einer Sexualerziehung der Jugend halten, die diese nicht vor der Suche nach einem ungebundenen, selbstsüchtigen Vergnügen, losgelöst von verantwortlicher ehelicher Liebe und Zeugung, warnt? Ja, es braucht geeignete Wege, um zur wahren Liebe zu erziehen, um zu vermeiden, daß durch trügerische und falsche Vorstellungen in diesem entscheidenden Punkt die sittliche und geistige Haltung der menschlichen Gemeinschaft herabsinkt.

8.Die Achtung vor dem einmal empfangenen menschlichen Leben gehört in besonderer Weise zu den Überzeugungen, die klar beleuchtet und gestärkt werden müssen. Es gibt einen Punkt, wo die Verantwortung von Mann und Frau diese veranlassen muß, das menschliche Wesen, das sie gezeugt haben und das auszulöschen sie kein Recht haben, anzunehmen und zu schützen. Das ist ein Bereich, in dem das Umfeld, Gesellschaft, Ärzte, Eheberater, Gesetzgeber, die Pflicht haben, es den Ehepartnern möglich zu machen, trotz aller Schwierigkeiten diese Verantwortung wahrzunehmen, im Sinne der Achtung des menschlichen Lebens und der Hilfeleistung in schwierigen Fällen. Das ist ein Punkt, zu dem sich die Kirche in allen Ländern übereinstimmend geäußert hat, so daß er nicht besonders hervorgehoben werden muß. Die Legalisierung der Abtreibung kann verhängnisvollerweise dazu führen, diese Achtung und diese Verantwortung gegenüber dem menschlichen Leben nicht mehr zu empfinden und leichthin einen schweren Fehler zu begehen. Und man muß hinzufügen, daß auch die allgemeine Verbreitung der künstlichen Empfängnisverhütung zur Abtreibung hinführt, denn diese beiden Methoden erwachsen, wenn auch auf verschiedener Ebene, aus der gleichen Furcht vor dem Kind, der Verweigerung des Lebens, dem Mangel an Achtung vor dem Akt oder der Frucht der Vereinigung, so wie sie der Schöpfer der Natur zwischen Mann und Frau gewollt hat. Diejenigen, die diese Probleme gründlich studieren, wissen das gut im Gegensatz zu dem, was gewisse Redeweisen oder gewisse umlaufende Meinungen glauben machen. Ihr verdient Lob für das, was ihr tut und tun werdet, um in der Achtung vor dem Leben die Gewissen zu bilden.

9. Schließlich: Es muß alles aufgeboten werden, was den Ehepaaren konkret dabei helfen kann, ihre Elternschaft verantwortungsbewußt zu leben, und hier ist euer Beitrag unersetzlich. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die ihr durchführt und bekanntmacht, um zu einer genaueren Kenntnis des weiblichen Zyklus zu gelangen und eine zufriedenstellendere Anwendung der natürlichen Methoden der Geburtenregelung zu ermöglichen, verdienen es, daß sie noch bekannter werden, daß man dazu ermutigt und sie wirksam zur Anwendung vorschlägt. Es freut mich zu wissen, daß eine wachsende Zahl von Personen und Organisationen auf internationaler Ebene die Bemühungen um eine natürliche Geburtenregelung würdigen. An diese Männer der Wissenschaft, an diese Ärzte, an diese Fachleute richten sich all meine Wünsche und meine Ermutigung, denn es geht um das Wohl der Familie und der Gesellschaft in der berechtigten Sorge, die menschliche Fruchtbarkeit mit den gegebenen Möglichkeiten in Einklang zu bringen; und vorausgesetzt, daß immer an die Tugenden der Liebe und der Enthaltsamkeit appelliert wird, kommt es zu einem Fortschritt der menschlichen Selbstdisziplin, die dem Plan des Schöpfers entspricht.

Ich ermutige auch alle qualifizierten Laien, alle, die als Berater, Professoren oder Erzieher mitwirken, den Ehepaaren zu helfen, ihre eheliche Liebe und elterliche Verantwortung in würdiger Weise zu leben und die jungen Menschen darauf vorzubereiten.

Jedem einzelnen von euch, euren Mitarbeitern, euren Familien, euren lieben Kindern die Versicherung meines Gebets für euer großartiges Apostolat und meinen väterlichen Apostolischen Segen!

 

© Copyright 1979 - Libreria Editrice Vaticana

 

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