ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II. WÄHREND DES ÖKUMENISCHEN TREFFENS MIT
DER
EVANGELISCH-LUTHERISCHEN GEMEINDE ROMS
Sonntag, 11.
Dezember 1983
Verehrte Brüder und Schwestern in Christus!
”Jesus Christus gestern und heute, und derselbe auch in Ewigkeit“, so steht es
unter dem Bild des Pantokrators in der Apsis dieser Christus-Kirche geschrieben.
Mit diesen Worten begrüße ich die evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom und
alle hier Anwesenden. Ich danke den Vertretern der Gemeinde für die brüderliche
Einladung zu diesem Besuch. Im Namen Jesu Christi und unter seinem Wort sind wir
hier versammelt, um in der Einheit unserer Herzen und gleichsam mit einer Stimme
unseren gemeinsamen Erlöser und Kyrios zu bekennen, zu loben und zu preisen.
Das ewige Wort Gottes ist Mensch geworden und hat sein Zelt mitten unter uns
aufgeschlagen. Ich möchte in dieser denkwürdigen Stunde am dritten
Adventssonntag mit Ihnen diesen unseren einzigen Herrn und Erlöser bezeugen, der
da ist gestern, heute und in Ewigkeit. In Dankbarkeit erinnern wir uns dabei
unserer gemeinsamen Herkunft, des Geschenkes unserer Erlösung und der
gemeinsamen Ausrichtung unseres Pilgerweges. Wir alle stehen unter der Gnade
unseres Herrn Jesus Christus. Er ist die Mitte und der Angelpunkt, in dem alles
Sein, der Sinn und das Heil dieser Welt und unseres Lebens beschlossen sind.
In dieser Heilszeit des Advents sind unsere Ohren und Herzen gleichgerichtet;
sie hören und vernehmen die frohe Botschaft dessen, der bereits gekommen ist und
endgültig wiederkommen wird. Wir erfahren im Alltag unseres Leben oft die
bedrängende Wirklichkeit dieser Zwischenzeit. Werden wir darin nicht immer
wieder an die Situation des Johannes des Täufers erinnert? Er stand – wie das
Evangelium uns berichtet – in einer Entscheidungssituation. Er mußte den
Widerspruch bewältigen zwischen seinen Vorstellungen vom Messias und der eigenen
persönlichen Lage, die durch Gefängnis und drohenden Tod bestimmt war. Die
Anfrage des Johannes war deshalb ernst und aus großer Not geboren: ”Bist du es,
der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“.
Jesus kommt der suchenden Unruhe seines Vorboten entgegen und führt dessen
Glauben zur Gewißheit: Die Heilszeit, die Gottesherrschaft ist gekommen! Der
Messias ist da! Gewiß haben die Zeichen und Wunder nichts unbedingt Zwingendes
an sich. Wer die Zeichen jedoch als Hinweis auf die Erfüllung der
alttestamentlichen Prophetien im jetzigen Kairos zu verstehen weiß, darf sich
freuen, Bürger des eschatologischen Reiches Gottes zu sein.
Jesus bekennt sich zu seinem Wegbereiter, der im Vorhof seiner Ankunft steht.
”Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer“,
so bezeugt es der Herr. ”Doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er“.
Jesus meint damit den in jeder Hinsicht armen und bedürftigen Menschen, der zum
Glauben an das Heil in Jesus Christus kommt. Ein solcher darf Herz und Mund
öffnen, um sich dem Lobgesang Mariens anzuschließen: ”Meine Seele preist die
Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“.
Verehrte Brüder und Schwestern in Christus! Das Geschenk dieser Zusammenkunft
bewegt mich im Grunde meines Herzens. Ich habe diese Begegnung gerade im Advent
gewünscht. Sie ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, gemeinsam nach dem Herrn
Ausschau zu halten und den Gott unserer Erlösung zu erwarten.
Wir stehen schon nahe am Jahr 2000. ”Wir befinden uns in gewisser Weise in der
Zeit eines neuen Advents, in einer Zeit der Erwartung“. Daher bin ich gleichsam
zu unseren Nachbarn gegangen, zu jenen Bürgern dieser Stadt, ”die durch das Band
besonderer Verwandtschaft verbunden sind“. Ich bin hierher gekommen, um mit
Ihnen das uns gemeinsame Glaubensgeheimnis des Advents, seinen tiefen und
vielfältigen Reichtum in Gebet und Meditation zu vergegenwärtigen. Ich bin
gekommen, da uns der Geist Gottes in unseren Tagen durch den ökumenischen Dialog
auf die Suche nach der vollen Einheit der Christen gewiesen hat. Wir wissen um
die schwierige Geschichte dieser evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom, ihre
mühseligen Anfänge und um Licht und Schatten ihrer Entwicklung unter den
Bedingungen dieser Stadt. Um so eindringlicher stellt sich uns die Frage:
”Dürfen wir – trotz aller menschlichen Schwachheit, trotz der Unzulänglichkeiten
der vergangenen Jahrhunderte – der Gnade unserer Herrn mißtrauen, die sich in
der letzten Zeit geoffenbart hat durch das Wort des Heiligen Geistes, das wir
während des Konzils vernommen haben?“.
So sehen wir uns denn inmitten aller offensichtlich noch bestehenden Trennungen
in Lehre und Leben zutiefst in der Solidarität aller Christen des Advents
verbunden. Wir sehnen uns nach Einheit, und wir bemühen uns um die Einheit, ohne
uns durch die Schwierigkeiten entmutigen zu lassen, die sich längs des Weges
anhäufen können. Schließlich meinen wir, im Jahr der Erinnerung an den
Geburtstag von Martin Luther vor 5. Jahrhunderten, wie von ferne die Morgenröte
des Advents einer Wiederherstellung unserer Einheit und Gemeinschaft zu sehen.
Diese Einheit ist eine Frucht der täglichen Erneuerung, Bekehrung und Buße aller
Christen im Licht des ewigen Wortes Gottes. Sie ist zugleich die beste
Wegbereitung für die Ankunft Gottes in unserer Welt.
Folgen wir der großen Gestalt der Adventszeit, folgen wir dem Leitbild Johannes
des Täufers, der Stimme des Rufers in der Wüste: ”Bereitet den Weg des Herrn“.
Folgen wir der Einladung zur Versöhnung mit Gott und untereinander! Christus,
der Allherrscher, ist nicht nur über, sondern mitten unter uns als der Kyrios,
der war, der ist und der in Ewigkeit sein wird.
Von Herzen wünsche ich Ihnen und Ihren Familien schon jetzt ein gesegnetes
Weihnachtsfest.
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Vaticana
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