Liebe Schwestern!
1. »Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war
und der kommt« (Offb 1,4). Mit ganz besonderer Freude begrüße ich euch zu
dem in diesem Jahr des Großen Jubiläums stattfindenden 21. Generalkapitel der
Kongregation der Schwestern vom hl. Felix von Cantalice. In diesem Jubiläumsjahr
preist die gesamte Kirche Gott für das Geschenk des fleischgewordenen Wortes und
feiert die Inkarnation nicht lediglich als Ereignis der Vergangenheit, sondern
als Ausdruck der immer und überall gegenwärtigen Liebe Gottes. Auch unter den
Schwestern vom hl. Felix hat das Wort auf tiefe und machtvolle Art und Weise
gelebt und gewirkt; laßt uns dem Vater der Erbarmungen für die großen Werke
danken, die er unter euch vollbracht hat.
2. Eure Kongregation wurde in einer sorgenvollen, unruhigen Zeit
Polens gegründet. Die Nation hatte ihre Unabhängigkeit verloren, und in den
polnischen Herzen brannte der Wunsch, die Freiheit zurückzugewinnen. Für viele
war der bewaffnete Kampf die einzige Antwort; aber jeder Versuch, das Joch der
Unterdrückung mit Gewalt abzuschütteln, führte lediglich zu noch größerem Leid.
In dieser Situation wählte Gott die sel. Maria Angela Truszkowska, die,
inspiriert vom hl. Franz von Assisi und vom hl. Felix von Cantalice, auf die
Frage nach der Freiheit eine völlig andere Antwort gab. Von diesen beiden
Heiligen lernte eure Gründerin, daß nicht Gewalt, sondern freudige Selbsthingabe
der Weg zu wahrer Freiheit ist. Das entsprach nicht der Logik der Welt, sondern
der des Gottessohnes, der »sich entäußerte und wie ein Sklave wurde« (vgl.
Phil 2,7); das war es, was das gesamte Leben der sel. Maria Angela prägen
und eine Nation aus ihrer spirituellen Lethargie erwecken sollte.
Für den großen Heiligen von Assisi bedeutete die Logik der
Menschwerdung Entsagung von allen weltlichen Dingen, um all das zu besitzen, was
Gottes ist. Es bedeutete, die Wunden des Kreuzes in freudigem Nacheifern des
leidenden Erlösers anzunehmen. Für den hl. Felix bedeutete die Logik der
Inkarnation, als »Kapuzineresel« auf den Straßen Roms um Nahrung für seine
Brüder zu betteln, stets mit seinem bekannten »Deo gratias« zu danken und den
Hunger der Armen mit Gaben aus seinem Almosenbeutel zu stillen.
Für die sel. Maria Angela bedeutete es, an der Not ihrer Zeit
intensiv Anteil zu nehmen und sich in einem aktiven, zutiefst in Kontemplation
verwurzelten Leben den »Kleinen« zu widmen. Dieses Leben gab ihr einen festen
Platz in einer über die hll. Felix und Franz hinaus auf den gekreuzigten Herrn
selbst zurückgehenden Tradition der Heiligkeit.
Häufig brachte eure Gründerin die ihr anvertrauten Kinder zur
Kapuzinerkirche in Warschau, wo der hl. Felix, das Jesuskind in den Armen
haltend, dargestellt ist. In der Gestalt des göttlichen Kindes erkannte Maria
Angela all jene Kleinen, denen zu dienen sie berufen war. Sie wußte, daß der hl.
Felix mit dem Jesuskind in den Armen dargestellt war, weil er, die Last der
Notleidenden auf sich nehmend, den armen Christus selbst getragen hatte; und
darin erkannte sie auch ihre eigene Berufung.
Die Last der Schwächsten auf sich nehmend, würden sie und ihre
Schwestern den »kleinen« Herrn Jesus tragen. Die sel. Angela wußte auch, daß es
Maria war, die das Gotteskind in die Arme des hl. Felix gelegt hatte und daß
wiederum Maria nun ihren kleinen Sohn den Schwestern vom hl. Felix anvertraute.
Wie sinnvoll war es daher, daß sie die Kongregation dem Unbefleckten Herzen
Marias weihte!
3. Doch das Schwert, das die Seele Mariens durchdringen sollte
(vgl. Lk 2,35), durchbohrte auch die eurer Gründerin. »Liebe bedeutet
geben«, schrieb sie, »all das, was Liebe verlangt, geben ohne Zögern, ohne
Bedauern, mit Freude und dem Wunsch, daß noch mehr von uns verlangt wird.« Der
Logik der Menschwerdung folgend, und mit dem Herrn selbst auf ihren Armen wurde
die sel. Maria Angela ein Opfer der Liebe. Schritt für Schritt erstieg sie den
Kalvarienberg auf einem Weg physischen und spirituellen Leidens, bis ihr Leben
vollends im Mysterium des Kreuzes erglühte.
Je tiefer sie in die Finsternis von Golgotha eindrang, um so
mehr beharrte sie darauf, daß vor allem die heilige Eucharistie und die
Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens Mittelpunkt im Leben der Kongregation
sein sollten. Ihren Mitschwestern hinterließ sie das Motto: »Alles durch das
Herz Mariens zu Ehren des heiligsten Sakraments.« In langen Stunden des Gebets
vor dem Altarssakrament erfuhr sie, daß sie und ihre Schwestern berufen waren,
»durch den Tod Christi geprägt zu werden« (vgl. Phil 3,10), um ihrerseits
Eucharistie zu sein.
In der Mutter Christi erkannte Maria Angela diejenige, die mit
dem Leiden und dem Tod ihres Sohnes zutiefst verbunden war, und sie wußte, daß
auch das die Berufung der Schwestern sein würde. In Maria, der Unbefleckten,
erkannte sie die Frau des Magnifikats, die Frau, deren Selbsthingabe Gott
erlaubte, sie mit der Freude des Heiligen Geistes zu erfüllen. Das würde das
Leben der Schwestern vom hl. Felix sein.
4. Wir leben in einer gänzlich anderen Welt, aber auch uns
stellt sich heute das Problem geistlicher Teilnahmslosigkeit und die Frage nach
wahrem Frieden. Es ist die heilige Pflicht der Kirche, der Welt die wahre
Antwort auf diese Frage zu verkünden; eine Aufgabe, für deren Erfüllung
gottgeweihte Männer und Frauen von entscheidender Bedeutung sind. Für die
Schwestern vom hl. Felix bedeutet das noch tiefergehendere Treue zu jener
Lebensregel, die eure Gründerin euch hinterlassen hat, denn ohne diese absolute
Zustimmung könnt auch ihr zum Opfer der geistlichen Verwirrung unseres
Zeitalters werden, was unweigerlich zu Unruhe und Zwietracht unter euch führen
würde.
Daher, liebe Schwestern, möchte ich euch in dieser kritischen
Zeit im Leben eurer Kongregation nachdrücklich auffordern, in diesem
Generalkapitel eure Verpflichtung zu innigerer Verehrung des heiligsten
Sakraments, zu tieferer Hingabe an Maria, der makellosen Jungfrau, und radikaler
Treue zu eurem Gründungscharisma zu erneuern.
Nehmt das Kreuz des Herrn ebenso bereitwillig an wie die sel.
Angela! Dann werdet ihr Eucharistie sein und mit eurem ganzen Leben Magnifikat
singen; eure Armut wird von dem »unergründlichen Reichtum Christi« (Eph
3,8) erfüllt sein. Das Generalkapitel und die gesamte Kongregation Maria, Mutter
all unseres Leids und all unserer Freuden, und der Fürsprache des hl. Franz, des
hl. Felix und eurer seligen Gründerin anvertrauend, erteile ich von Herzen
meinen Apostolischen Segen als Zeichen unermeßlicher Gnade und des Friedens in
Jesus Christus, »der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten« (Offb 1,5).