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11 - 11.10.2012
INHALT
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SECHSTE GENERALKONGREGATION (DONNERSTAG, 11. OKTOBER 2012 -
NACHMITTAG)
SECHSTE GENERALKONGREGATION
(DONNERSTAG, 11. OKTOBER 2012 - NACHMITTAG)
-
ABSTIMMUNG ÜBER DIE KOMMISSION FÜR DIE ABSCHLUSSBOTSCHAFT (II)
- BEITRÄGE
IN DER SYNODENAULA (FORTSETZUNG)
- AUDITIO
DELEGATORUM FRATERNORUM (II)
Am heutigen Donnerstag, den 11. Oktober 2012, begann um 16.30 Uhr
mit dem Gebet von Psalm 116 (117) die Sechste
Generalkongregation, in deren Verlauf die Zweite Abstimmung über die
Kommission für die Abschlußbotschaft stattfand, gefolgt von der
Fortsetzung der Beiträge in der Synodenaula über das Synodenthema
«Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen
Glaubens».
Turnusmäßiger Delegierter Präsident: S. Em. Kard. John TONG HON,
Bischof von Hong Kong (CHINA).
Einige Bruderdelegierte ergriffen das Wort.
Daraufhin folgten weitere freie Wortmeldungen.
An dieser Generalkongregation, die um 19.00 mit dem Gebet des
Angelus Domini endete, nahmen 250 Synodenväter teil.
ABSTIMMUNG ÜBER DIE KOMMISSION FÜR DIE ABSCHLUßBOTSCHAFT (II)
Im Verlauf der Generalkongregation fand die Zweite Abstimmung zur
Wahl der Mitglieder der Kommission für die Abfassung der
Abschlußbotschaft statt.
BEITRÄGE IN
DER SYNODENAULA (FORTSETZUNG)
Die folgenden Synodenväter ergriffen das Wort:
-
P. Robert Francis PREVOST, O.S.A., Generaloberer des
Augustinerordens
-
S.Sel. Grégoire III LAHAM, B.S., griechisch-melkitischer
Patriarch von Antiochien, Vorsitzender der Synode der
griechisch-mekitisch- katholischen Kirche (SYRIEN)
-
S.Exz. José Dolores GRULLÓN ESTRELLA, Bischof von San Juan de
la Maguana (DOMINIKANISCHE REPUBLIK)
-
S.Exz. Joseph VU DUY THÔNG, Bischof von Phan Thiêt (VIETNAM)
-
P. Renato SALVATORE, M.I., Generaloberer des Ordo Clericorum
Regularium Ministrantium Infirmis (Kamillianer) (ITALIEN)
-
S.Exz. Gérald Cyprien LACROIX, Erzbischof von Québec (KANADA)
-
Kardinal Joachim MEISNER, Erzbischof von Köln (DEUTSCHLAND)
-
S.Exz. Yves LE SAUX, Bischof von Le Mans (FRANKREICH)
-
S.Exz. Ján BABJAK, S.I., Metropolitan-Erzbischof von Prešov
der Katholiken des byzantinischen Ritus, Präsident des Rates der
slowakischen Kirche (SLOWAKEI)
-
S.Exz. Bruno FORTE, Erzbischof von Chieti-Vasto (ITALIEN)
-
S.Exz. Tadeusz KONDRUSIEWICZ, Erzbischof von Minsk-Mohilev
(WEIßRUßLAND)
Wir drucken im Folgenden die Zusammenfassungen der Beiträge ab:
- P. Robert Francis PREVOST, O.S.A., Generaloberer des
Augustinerordens
Zumindest in der gegenwärtigen westlichen Welt, wenn auch nicht in
der ganzen Welt, wird das menschliche Denken hinsichtlich des
religiösen Glaubens und auch der Ethik weitgehend durch die
Massenmedien bestimmt, insbesondere durch Film und Fernsehen. Die
westlichen Massenmedien sind in hohem Masse effizient, wenn es darum
geht, Interesse beim Publikum zu wecken für Überzeugungen und
Praktiken, die mit der Frohen Botschaft in Konflikt stehen.
Offene Opposition gegenüber dem Christentum durch die Massenmedien
ist jedoch lediglich ein Teil des Problems. Die von den Massenmedien
forcierte Sympathie für einen antichristlichen Lebensstil, wird der
Öffentlichkeit mit soviel Geschick und Gerissenheit vermittelt, daß,
wenn die Leute die christliche Botschaft hören, sie oft
unvermeidlich ideologisch und emotional grausam erscheint im
Vergleich zu der scheinbaren Menschlichkeit der antichristlichen
Perspektive.
Wenn die ”Neue Evangelisierung” erfolgreich diesen durch die
Massenmedien verbreiteten Verdrehungen der religiösen und ethischen
Realität erfolgreich entgegentreten will, müssen Seelsorger,
Prediger, Lehrer und Katecheten weitaus besser informiert sein über
die Herausforderung einer Evangelisierung in einer durch die
Massenmedien beherrschten Welt.
Unter diesem Aspekt können die Kirchenväter, der Heilige Augustinus
eingeschlossen, eine wichtige Rolle als Mentoren für die Kirche
spielen, gerade weil sie Meister der Kunst der Rhetorik waren. Ihre
Evangelisierung war hauptsächlich erfolgreich, weil sie die
richtigen Grundlagen der sozialen Kommunikation der Welt kannten, in
der sie lebten.
Um die Herrschaft der Massenmedien über das religiöse und moralische
Denken der Menschen erfolgreich zu bekämpfen, reicht es nicht aus,
daß die Kirche ihre eigenen Fernsehsender besitzt oder religiöse
Filme sponsert. Die eigentliche Mission der Kirche ist es, die
Menschen in das göttliche Geheimnis einzuführen, als Gegengift gegen
das Spektakuläre. Auch das religiöse Leben spielt eine wichtige
Rolle in der Evangelisierung. Es geht darum, andere auf das
Geheimnis hinzuweisen und ein den evanglischen Räten gemäßes Leben
zu führen.
[00062-05.09] [IN039] [Originaltext: Englisch]
- S.Sel. Grégoire III LAHAM, B.S., griechisch-melkitischer
Patriarch von Antiochien, Vorsitzender der Synode der
griechisch-mekitisch- katholischen Kirche (SYRIEN)
Neuevangelisierung ist ein Synonym für “Aggiornamento”. Das Konzil
ist ein “Aggiornamento”. Die Konzilstexte sind ein Vorspiel zu
unserer Synode.
Ich werde in meinem Beitrag drei Punkte behandeln.
1.Bildung oder Formung von Kadern
Wir Christen im Orient leben inmitten einer nicht-christlichen Welt:
wir sind eine kleine Herde, ad extra im Verhältnis zum Islam
und ad intra aufgrund der Abnahme der religiösen Praxis.
Die Realpolitik zwingt uns dazu, bei unserer Arbeit diese
doppelte Realität des ad extra und ad intra im Auge zu
behalten. Das bedeutet, daß wir unsere seelsorgerische Arbeit der
Neuevangelisierung auf diese kleine Herde konzentrieren müssen, ohne
dabei diejenigen unserer Gläubigen auszuschließen, die - die einen
mehr, die anderen weniger - weniger praktizierend sind.
Diese kleine Herde muß hervorragend sein, um aus den eigenen Reihen
Führungspersönlichkeiten im Bereich der Neuevangelisierung
hervorzubringen.
Selbst wenn die Kirche solange wachsen würde, bis sie kolossale
Dimensionen erreichen würde, müßte sie die Strategie der kleinen
Herde beibehalten.
Das ist der Sinn, die Quintessenz, die Motivation, die
Daseinsberechtigung der kleinen Herde im Orient wie im Rest der Welt.
2. Leitfaden des christlichen Glaubens
Unser Glaube ist schön. Aber sein Inhalt und seine Aussagen sind
wahrhaftig schwierig.
Die Verkündigung des Glaubens im Islam kann in dem doppelten
Bekenntnis zusammengefaßt werden: “Es gibt keinen Gott außer Allah,
und Mohammed ist sein Gesandter.”
Bei den Juden drückt sich das Wesen des Glaubens in dem doppelten
Gebot aus: “Ich bin dein Gott! Du sollst neben mir keine anderen
Götter haben. Du sollst deinen Gott von ganzem Herzen lieben, und
deinen Nächsten wie dich selbst!”
Unser schöner christlicher Glaube ist allzu kompliziert: die
Begriffe, ihr Inhalt und ihre Erklärung. Wir schwimmen in einer
ganzen Reihe von Dogmen und Mysterien: die Heiligste Dreifaltigkeit,
die Inkarnation, die Erlösung, die Sakramente (die auf Griechisch
Mysterien heißen).
Es ist notwendig, daß die Dogmen in einer Form interpretiert werden,
die es ermöglicht, das Alltagsleben, die Bestrebungen der Menschen,
Glück und Reichtum, die Realität des Alltags unserer Gläubigen zu
berühren.
Deshalb ist es von großer Bedeutung und Notwendigkeit für die
Neuevangelisierung, daß ein konziser, präziser und klarer Text
verfaßt wird, der unseren Glauben zusammenfaßt. Das ist wichtig für
unsere Gläubigen ad intra, aber auch für unsere
nichtchristlichen Mitbürger ad extra.
Ich hoffe, daß dieser Vorschlag seinen Weg gehen kann, und daß
sich die Theologen nach der Verabschiedung des Synodentextes seiner
annehmen werden.
3. Ein praktisches Programm
Die Neuevangelisierung wird notwendigerweise durch die
Besonderheiten der Ortskirchen bedingt; ebenso auch durch die Zeiten,
den Kontext der Traditionen, der Gebräuche, der Kultur, der
Bedürfnisse. Ich habe deshalb versucht, die östliche, melkitische
griechisch-katholische, arabische Sicht der Neuevangelisierung mit
praktischen Vorschlägen vorzutragen.
Die Liste [dieser Vorschläge] ist in der Vollversion meines Beitrags
einzusehen.
[00084-05.04] [IN055] [Originaltext: Französisch]
- S.Exz. José Dolores GRULLÓN ESTRELLA, Bischof von San Juan
de la Maguana (DOMINIKANISCHE REPUBLIK)
Unter denen, die das Privileg haben, die Neuevangelisierung
durchzuführen, sind außer den Diözesen, Pfarrgemeinden und Familien
auch kleine Gemeinschaften, die von einer kleinen Anzahl von
Menschen gebildet werden, die sich wie Keimzellen einer kirchlichen
Struktur zusammenfinden, um den Glauben zu leben, sich
weiterzubilden, zu evangelisieren und gemeinsame Aktionen zu
unternehmen.
In der Dominikanischen Republik entstehen diese Gemeinschaften als
Früchte einer wirklichen pastoralen Umkehr, seitens verantwortlicher
Gemeindemitglieder, die sich dafür entscheiden, das ganze Gottesvolk
in lebendigen und dynamischen Evangeliesierungsgemeinschaften zu
strukturieren.
Der erste Schritt wird von Pastoralteams der Pfarrgemeinde unter der
Leitung der Priester unternommen, die die Gemeinde in Sektoren
unterteilen, so daß sie von großen zu kleinen Gruppen werden.
Der nächste Schritt ist der Aufruf, das Zusammenrufen aller
Gläubigen. Dieser Aufruf liegt im Zuständigkeitsbereich der
Visionäre, die vom Enthusiasmus über Gottes großes Projekt getragen
werden.
Die dritte Phase besteht darin, durch die Verkündigung des
Kerygma zur Begegnung mit Christus zu ermutigen. Diejenigen, die
sich dazu bereiterklären, die Animierung der Gemeinschaften zu
übernehmen, sind aufgefordert, sich auf diese Mission vorzubereiten.
Sie organisieren die Gemeinschaften in allen Bereichen,
Stadtvierteln und Wohnblocks.
Um brüderliche und evangelisierende christliche Gemeinschaften
bilden zu können, bedarf die Kirche der Priester und Laien, die an
Jesu Seite bleiben und ihm nichts verweigern; die zulassen, daß der
Geist Jesu sie ermutigt, der imstande ist, den Glauben neu zu
beleben und Inbrunst und Leidenschaft zu schenken; die mutig und als
Zeugen des Lebens das Kerygma verkündigen; die sich von Jesus dazu
berufen fühlen, Jünger zu sein; die die Freude leben, an der Seite
eines Volkes voranzugehen, das den Pfad zur Erlösung beschreitet;
die wissen, wie man in einem Team arbeitet, indem man ein
gemeinsames Projekt in diesselbe Richtung voranbringt; die Gott so
sehr lieben, daß sie alle anderen damit anstecken; die Christus und
seine Missionstätigkeit leidenschaftlich lieben; die Träger des
Evangeliums sind; die inmitten von Tränen aussäen können.
[00083-05.05] [IN056] [Originaltext: Spanisch]
- S.Exz. Joseph VU DUY THÔNG, Bischof von Phan Thiêt
(VIETNAM)
Bei der Lektüre von Nr. 81 des Instrumentum laboris möchte
ich eure Aufmerksamkeit auf die Rolle lenken, die die Pfarrei im
Kontext der Evangelisierung und der Weitergabe des Glaubens spielt.
Auf kirchlicher Ebene ist jede Pfarrgemeinde eine grundlegende
Einheit der Ortskirche, aber sie hat auch die Fähigkeit, die
Universalkirche sichtbar zu machen. Insofern sie Kirche ist, die der
Bevölkerung eines konkreten Ortes nahe ist, muß das Gemeindeleben
jeweils so organisiert werden wie dasjenige der Universalkirche,
damit sich die Bevölkerung, wenn sie die Vitalität ihrer Gemeinde
sieht, sich der Universalkirche nahe fühlt. Ganz unversehens stellt
sie fest, daß sie teilnehmendes und aktives Mitglied einer
Ortskirche ist. Wenn man im Wirtschaftsleben sagt “think globally,
work locally” [‘denke global, arbeite lokal’], sollte man dann
vielleicht nicht auch sagen können “man soll emotional denken wie
die Universalkirche und tatsächlich in der Ortskirche wirken?”
Auf pastoraler Ebene stellt jede einzelne Pfarrgemeinde einen ganz
konkreten Ort dar, an dem sich die Verantwortlichen des
Gemeindelebens treffen. Die Seelsorge wird als mehr oder weniger
lebendig betrachtet auf der Grundlage des tatsächlichen Austauschs,
der bei diesen Zusammenkünften zwischen den Gemeindemitgliedern
stattfindet. Ein gut vorbereitetes, gründlich durchgesprochenes und
gut entschiedenes Pastoralprogramm wird mit Sicherheit Früchte
tragen, die die ganze Gemeinde beleben. In meiner Diözese Phan Thiet
spielen die Pfarrgemeinden aus politischen Gründen in den pastoralen
Aktivitäten immer noch eine wichtige Rolle. Es ist nicht gestattet,
religiöse Versammlungen an einem anderen Ort als in den
Räumlichkeiten der Gemeinde abzuhalten, und deshalb stellen die
Kirche und das Pfarrhaus immer noch Orte dar, die für die Treffen
aller Gemeindeglieder zum Katecheseunterricht wie auch für die
Weitergabe des Glaubens bestens geeignet sind.
Auf missionarischer Ebene stellt jede Gemeinde immer noch eine
brüderliche Umgebung dar, in der sich die Menschen sehr gut kennen
und wiedererkennen. Man kennt den Menschen, seine Familie, seinen
Beruf und selbst seine intellektuellen und menschlichen Qualitäten.
Und man kennt sie in ihrer Gesamtheit. Die missionarischen Programme
werden innerhalb der Gemeinde gerade auf dieser Grundlage
vorgeschlagen.
[00085-05.04] [IN057] [Originaltext: Französisch]
- P. Renato SALVATORE, M.I., Generaloberer des Ordo
Clericorum Regularium Ministrantium Infirmis (Kamillianer) (ITALIEN)
Die Interesse für die Kranken ist ein grundlegender Aspekt für die
evangelisierende Mission der Kirche im Sinne von Jesus “(der) zog
durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete
das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden”(Mt9,35).
Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Personen, die vom Herrn
“geheilt” worden sind und die folglich zu einer “heilenden”
Gemeinschaft wird. Christus, Arzt der Seele und des Leibes, schenkt
dem Menschen Rettung/Heil im allumfassenden Sinne: Körper, Psyche
und Geist. In der Tat ist “Er gekommen, um den ganzen Menschen zu
heilen, an Leib und Seele” (Katechismus der Katholischen
Kirche1503).
Der Selige Johannes Paul II. sagte: “Die Kirche, ..., muss die
Begegnung mit dem Menschen vor allem auf dem Weg seines Leidens
suchen (Apostolisches Schreiben 3).“ Das Wissen, daß der Dienst an
den Kranken und den Leidenden integrierender Teil der Mission der
Kirche ist, macht es notwendig, in das Projekt der Evangelisierung
den Aspekt der Gesundheit, die Sorge für die Linderung des Leidens
und der Fürsorge für die Kranken im Sinne des Gebots Christi
einzubeziehen, das den Missionsauftrag und die Aufgabe der Heilung
der Kranken eng miteinander verbindet” (vgl. Italienische
Bischofskonferenz, pastorale Note, 2006, Anmerkung 2).
[00086-05.09] [IN058] [Originaltext: Italienisch]
- S.Exz. Gérald Cyprien LACROIX, Erzbischof von Québec
(KANADA)
Wir sind im Bereich der Neuevangelisierung tätig, weil wir Männer
und Frauen sind, die zuvor eine persönliche Begegnung mit Jesus, dem
Herrn und Erlöser, gehabt haben. Diese Begegnung zu bezeugen ist die
erste Anforderung an uns, damit sich auch die Herzen unserer Brüder
und Schwestern hinzugesellen können. Die neuerliche Rückkehr zu
dieser Erfahrung ermöglicht es uns, wieder mit der ursprünglichen
Gnade jener Begegnung und deren nie endender Erneuerung in Berührung
zu kommen. Die Evangelisierung ist die Aufgabe der gesamten Kirche
und jedes ihrer Mitglieder. Viel Glück bei unserer Evangelisierung!
[00087-05.04] [IN059] [Originaltext: Französisch]
- Kardinal Joachim MEISNER, Erzbischof von Köln (DEUTSCHLAND)
Es liegt in der Natur des Glaubens, dass er sich verbreitet, dass er
weitergegeben werden möchte. Die Apostelgeschichte zeigt uns das in
der Person des Philippus, den der Geist Gottes in Jerusalem an die
Straße nach Gaza führt (vgl. Apg 26-40). Er begegnet dem Hofbeamten
der Königin von Äthiopien, der in einem Wagen sitzt und an einer
Jesaja-Rolle studiert, die er bei einem Devotionalienhändler im
Tempelbereich erworben hat. Philippus fragt den vornehmen Herrn, ob
er überhaupt verstehe, was er da lese. Die Antwort ist bekannt: “Wie
könnte ich es, wenn mich niemand anleitet” (Apg 8,31). Philippus
steigt ein, er erklärt ihm die Schrift. und nach kurzer Zeit hält
der Hofbeamte den Wagen an und lässt sich in einem vorbeifließenden
Wasser taufen. Hier wird eine Kirche im Vormarsch sichtbar, die über
die Straßen geht und Fragen an die Menschen stellt.
Heute sind die meisten Christen froh, wenn ihnen niemand eine Frage
stellt. Von fünf Menschen, die wir auf den Straßen des Alltags
treffen, sind drei auf dem gleichen Weg wie der äthiopische
Regierungsbeamte, auf dem Rückweg von irgendeiner religiösen
Sozialisation in ihr gegenwärtiges Leben. Sie sind beladen mit einer
Auskunft über den Sinn ihres Lebens aus ihrer Vergangenheit, an der
sie nun traurig herumbuchstabieren, ohne zu verstehen, was das mit
ihrem Leben zu tun hat. Sie haben gleichsam ein Stück biblischer
Botschaft eingekauft, so wie dieser Reisende eine Jesaja-Rolle, aber
sie haben niemanden, der sie anleitet, der eine Brücke zwischen dem
Wort des Glaubens zu ihrem alltäglichen Leben schlägt. Es gehört
offenbar für viele Zeitgenossen zur Modernität, an religiösen Fragen
nicht interessiert zu sein.
Aber in Wirklichkeit schlägt sich ein übenwiegender Teil der
Menschen, zumindest in Europa, mit Fragen herum, von denen er nicht
weiß oder wahrhaben will, dass es religiöse Fragen sind. Darum ist
die Straße in unseren Städten und Dörfern der Ort für die Weitergabe
des Glaubens. Und es braucht dabei nicht das Engagement eines
hauptberuflichen Christentums, um Gottes Aufruf gehorsam zu sein.
Ein kleines Stück Weggenossenschaft genügt schon viel; es kann
vielleicht alles sein, wie wir das bei Philippus sehen. Wir lassen
uns oft nicht auf die Probleme eines anderen Menschen ein, weil wir
meinen sie für ihn lösen zu müssen. Vielleicht braucht er aber nur
ein wenig Zuhören, Mitdenken und die Wohltat, dass sich einer in
seine Lage hineinversetzt, in den Wagen seines Lebens einsteigt und
seine Fragen ernst nimmt. Das bedeutet, dort anzufangen und
mitzudenken, wo der andere steht. Zeugenschaft für Jesus Christus
braucht nicht zuerst eine komplette und kirchlich genehmigte
Christologie, sondern etwas viel Wichtigeres: Sie braucht immer
einen Deckungspunkt in der eigenen Existenz, und sei es nur ein
einziger, ganz kleiner. Das zählt!
In manchen geistlichen Gemeinschaften gibt es solche Zeugen des
Glaubens. Sie sind nötig, um das Evangelium in die Gegenwart
hineinzutragen.
[00088-05.09] [IN060] [Originaltext: Deutsch]
-
S.Exz. Yves LE SAUX, Bischof von Le Mans (FRANKREICH)
Es erscheint mir notwendig, den Inhalt des Begriffs
“Neuevangelisierung” zu klären. Es handelt sich nicht um eine
Verleugnung der Vergangenheit, noch um eine Abschottung der
Identität, noch um eine Rückgewinnung. Es handelt sich darum, die
Neuheit der Erlösung in Christus, des göttlichen Erbarmens, einer
Welt zu verkündigen, die ständigen Umwälzungen unterworfen ist, die
lebt, als ob Gott nicht existiere und in einer tiefen inneren Leere
versunken ist. Es ist insbesondere notwendig, den Mut aufzubringen,
über Gott zu reden und im Herzen der Menschen die Sehnsucht nach
Gott wiederzuerwecken.
Ich werde drei Sorgen hervorheben.
Das missionarische Gewissen aller Getauften zu wecken: Die
Evangelisierung, die Weitergabe des Glaubens erfolgt in erster Linie
von Mensch zu Mensch. Jeder Getaufte ist befähigt, vor Verwandten,
Nachbarn und Kollegen Zeugnis für die demütige Freude, Christus zu
kennen, abzulegen. Aber hier präsentiert sich ein ernsthaftes
Problem. Viele Menschen leben eine Art von Relativismus,über dessen
Tragweite sie sich nicht im klaren sind. Der Glaube wird auf eine
bloße persönliche Entscheidung reduziert.
Das Problem der “Getauften, die nicht gläubig sind”, die sich an die
Pfarrer wenden, um ihre Kinder taufen zu lassen oder die
Vorbereitungskurse für die Ehe zu besuchen. Der Sinn ihrerBitte ist
ihnen unbekannt. Manchmal definieren sie sich als
nicht-praktizierend, ungläubig - etwas, was die Priester zur
Verzweiflung treibt. Wie kann man auf ihre Bitten eingehen? Wie kann
man diese Bitte in einen katechumenalen Weg verwandeln, wobei man
sich am Ritus des Erwachsenenkatechumenats inspiriert?
Die Zukunft der Evangelisierung hängt von der Wiederentdeckung und
der Erfahrung des Bußsakraments ab, das eine zentrale Rolle spielt.
Es ist auch opportun, am korrekten Verständnis der
Initiationssakramente (Taufe, Firmung und Eucharistie) und ihrer
Einheit zu arbeiten.
Wir leben nicht mehr in einem christlichen Kontext, aber wir
organisieren uns so, als ob dies immer noch der Fall wäre. Wir
dürfen in Anbetracht der verschwindend kleinen Zahl von Priestern
nicht mehr in Begriffen der Abdeckung des Territoriums noch in
solchen der Rekrutierung des Personals denken. Wir müssen dafür
sorgen, daß lebendige, freudige christliche Gemeinschaften entstehen,
die sich durch missionarischen Elan auszeichnen.
Die eigentliche Herausforderung besteht in der Verkündigung der
Freude über die Erlösung und der erbarmende Liebe für alle. Es ist
erforderlich, daß neue Räume geschaffen werden, in denen es möglich
ist, mit denen einen Dialog aufzunehmen, die fern von Gott sind.
[00089-05.04] [IN061] [Originaltext: Französisch]
- S.Exz. Ján BABJAK, S.I., Metropolitan-Erzbischof von Prešov
der Katholiken des byzantinischen Ritus, Präsident des Rates der
slowakischen Kirche (SLOWAKEI)
“Gott ist die Liebe, laßt ihn uns lieben!” Dieses Motto des
seligen Bischofs und Märtyrers Pavel Peter Gojdic OSBM begleitete
die griechisch-katholische Kirche in der Slowakei in der Zeit der
Verfolgung unter dem Kommunismus. Diese Konkretisierung des Wortes
Gottes drückt die Erfahrung unserer Bischöfe, Priester, Ordensleute
und Gläubigen aus, die die Liebe Gottes in ihrem Leben so intensiv
erfuhren, daß sie in der Lage waren, auch in den schwierigen Zeiten
der erzwungenen Auflösung unserer Kirche ihren Glauben zu bezeugen.
Die bis zum Martyrium gehende heroische Bezeugung des Glaubens
unserer Vorfahren und ihre Fürbitte im Himmel haben dazu beigetragen,
daß wir in der griechisch-katholischen Kirche in der Slowakei heute
Gott danken für die Fülle der Berufungen zum Priestertum. In der Tat
kommen bei uns über 450 Priester auf 250 000 Gläubige und wir haben
ungefähr 90 Seminaristen in den Priesterseminaren. Wir können in den
Seminaren keine weiteren Kandidaten aufnehmen, weil wir nicht wissen,
wohin wir sie anschließend zum priesterlichen Dienst schicken sollen,
und wir können mit ihnen auch nicht anderen Kirchen außerhalb
unseres Landes aushelfen, da die Mehrheit von ihnen ihr Priestertum
mit dem Ehestand verbindet, weshalb ihnen die Länder des Westens
verschlossen sind.
Auch heute ist es wichtig, vor allem die Heiligkeit und den Eifer
der Priester zu betonen, die Bischöfe natürlich eingeschlossen. Wo
ein eifriger Priester wirkt, ein Mann, der ein heiligmäßiges Leben
führt, da wächst der Glaube, wogegen da, wo ein lauer Priester am
Werk ist, alles erlöscht. Die Priester und die Bischöfe müssen
Männer der Neuevangelisierung sein, und dieser Aspekt ihres Lebens
muß bereits während ihrer Ausbildung im Seminar angelegt werden.
Im byzantinischen Ritus kommen uns im Kontext der (alten oder neuen)
Evangelisierung auch die byzantinische Spiritualität, die Ikonen und
die Beteiligung des Volkes am liturgischen Leben zu Hilfe. Diese
Elemente einer geistlichen Kultur erinnern uns auch daran, daß auch
die Kultur und die Kunst das Herz des Menschen unserer Zeit für die
Aufnahme des Evangeliums öffnen können.
Aber bisher haben wir noch nicht genug Mut aufgebracht, um das
Evangelium außerhalb der Kirchen, außerhalb der Bildungszentren oder
der Wallfahrtsorte zu verkündigen.
Ich sehe eine Priorität im Eifer von uns Bischöfen, Priestern und
Personen, die das Gott geweihte Leben gewählt haben, damit wir durch
unser Beispiel auch den Eifer der Laien anregen mögen. Wir selbst
müssen darauf hören, was Gott uns sagt, denn “ der Glaube gründet in
der Botschaft” (Rm 10,17), damit wir die Liebe Gottes für die
Welt authentisch verkündigen können.
[00090-05.04] [IN062] [Originaltext: Italienisch]
- S.Exz. Bruno FORTE, Erzbischof von Chieti-Vasto (ITALIEN)
Die Relatio unterstreicht das anthropologische,
christologische und ekklesiologische Fundament der
Neuevangelisierung. Es wäre wichtig, die pneumatologische Dimension
auszuarbeiten, auch im Hinblick auf das, was IL 41 bekräftigt: der
Heilige Geist ist die erste Ursache der Neuevangelisierung. Er ist
es, der das Herz neu macht, damit es das neue Lied singt (“Novi
novum canamus canticum”: hl. Augustinus). Ihm ist es zu verdanken,
daß die Neuheit nicht zur Ordnung der chronologischen Neuheit gehört
(“neòs” im Griechischen des NT), sondern zu derjenigen der
eschatologischen, qualitativen Neuheit (“kainòs”). Das “mandatum
novum” ist die “kainé entolé”. Der Heilige Vater hat uns, als er das
Gebet der Terz kommentierte, daran erinnert: “Nunc, Sancte, nobis,
Spiritus, unum Patri cum Filio, dignare promptus ingeri nostro
refusus pectori.” Gott ergreift die Initiative, durch die Kraft des
Geistes.
Ich habe den Eindruck, daß in der Relatio die grundlegende
Rolle der Pfarrei, der das IL wichtige Reflexionen widmet (IL 81),
nur wenig betont wird. Die direkte Erfahrung des Bischofsamtes, vor
allem die Pastoralvisiten, die ich seit dreieinhalb Jahren
weitflächig in den Gemeinden der Erzdiözese durchführe, hat mich
davon überzeugt, daß es ohne einen neuen missionarischen Impuls der
Gemeinde, der von den Arbeitern in der Pastoral, die in der Gemeinde
arbeiten, selbst ausgeht, schwierig sein wird, eine radikale
Neuevangelisierung zu leben. In diesem Licht - und auch wenn ich die
Gaben des Geistes, die die neuen Bewegungen sind, schätze - bin ich
der Ansicht, daß die Katholische Aktion, auf die sich IL in Nr. 117
ganz klar bezieht, ein wertvolles Werkzeug ist, das ganz im Geist
der Mitarbeit der Laien am Sendungsauftrag der Hirten wirkt.
Schließlich, so denke ich, sollte auch die Bedeutung der
Jugendlichen als Adressaten der Neuevangelisierung hervorgehoben
werden: auch wenn ihre Abkehr von der religiösen Praxisvon vielen
als selbstverständliche Tatsache betrachtet wird, will das noch
lange nicht besagen, daß ihre Herzen nicht nach Gott dürsten. Wenn
ich ihnen in großer Zahl in den Universitäten und den Schulen
begegne, habe ich dafür ständig aufs Neue den Beweis. Manmuss auf
die Antwort auf den sogenannten “erzieherischen Notstand” setzen,
von dem IL Nr. 149 spricht. Man muß sie anhören, ihnen Zeit geben,
ihnen von Gott erzählen, und sie unter Rücksichtnahme auf ihr
Freiheitsbedürfnis aufnehmen.Hier sieht man, wie entscheidend die
Rolle der Familie ist (IL 110ff.), aber auch, wie dramatisch die
Lage der Kinder geschiedener Wiederverheirateter ist, die oft
dadurch, daß ihre Eltern nicht daran teilnehmen können, den
Sakramenten entfremdet werden. Hier ist eine ganz entschiedene Wende
in der pastoralen Nächstenliebe angesagt, wie Papst Benedikt XVI.
mehrfach bekräftigt hat (beispielsweise beim Weltfamilientreffen in
Mailand). Außerdem ist es notwendig, eine Reflexion über die
Verfahrensweisen und die erforderlichen Wartezeiten in Gang zu
bringen, die erforderlich sind, die Nichtigkeitserklärung des
Ehebandes anerkannt zu bekommen: als Bischof und Moderator eines
Regionalen Kirchengerichts muß ich zugeben, daß einige Anforderungen
(wie etwa die Erfordernis eines doppelten konformen Urteilsspruchs,
auch wenn es keinen Einspruch gibt) zahlreichen bereits verletzten
Menschen, die ihre Lage in Ordnung bringen wollen, wenig
nachvollziehbar erscheinen.
[00091-05.05] [IN063] [Originaltext: Italienisch]
- S.Exz. Tadeusz KONDRUSIEWICZ, Erzbischof von Minsk-Mohilev
(WEIßRUßLAND)
Auf ihrer Suche nach neuen Mitteln für die Evangelisierung richtet
die Kirche ihre Aufmerksamkeit auf die sozialen Kommunikationsmittel.
In Weißrußland gibt es derzeit zwei Verlage und es werden drei
Tageszeitungen und sieben Zeitschriften veröffentlicht. Das Internet
wird immer mehr für die Aktivitäten der Kirche herangezogen. Die
Webseite www.catholic.by der Bischofskonferenz bietet Informations-,
Katechese- und Kulturmaterialien in fünf verschiedenen Sprachen an.
Da wir über keine eigenen Radio- und Fersehkanäle verfügen, nutzen
wir diejenigen des Staates. Der zentrale staatliche Fernsehsender
strahlt ca. drei Stunden im Monat katholische Programme aus. Derzeit
sind wir im Begriff, mit der Übertragung der Sendungen von “Radio
Maria” anzufangen.
Das Potential der Medien muß genutzt werden, um den Menschen zu
helfen, Christus zu finden und aus Seiner Wahrheit zu leben. Sie
sind dazu aufgerufen, in jedem von uns das Feuer der Hoffnung zu
entzünden, damit eine glückliche Zukunft verwirklicht werden kann,
wobei die Würde des Menschen gewahrt werden muß. Die Kirche muß,
wenn sie Trägerin der Evangelisierung sein will, mediatisch sein.
Im neuen Lebensbereich, den die Informationstechnologien geschaffen
haben, sind wir dazu aufgerufen, das Wort Gottes zu predigen und
Christus zu verkünden, dem wir begegnet sind und der unser Leben
verändert hat: hierin liegt der eigentliche Sinn der
Neuevangelisierung.
In der neuen säkularisierten Kultur müssen die sozialen
Kommunikationsmittel dazu in der Lage sein, die Kirche dabei zu
unterstützen, eine wahre Trägerin der Evangelisierung und
Missionierung zu sein, als Antwort auf die Erfordernisse der Zeit,
in der es notwendig ist, nicht nur die Konvertiten zu taufen,
sondern auch die Getauften zu konvertieren.
[00092-05.07] [IN064] [Originaltext: Italienisch]
AUDITIO
DELEGATORUM FRATERNORUM (II)
Die folgenden Brüderlichen Delegierten ergriffen das Wort:
-
S. Em. LEO [Makkonen], Erzbischof von Karelia und von ganz
Finnland (FINNLAND)
-
Prof. EMMANUEL [Adamakis], Metropolit von Frankreich,
Präsident der Konferenz der Europäischer Kirchen (FRANKREICH)
-
S. Em. NIFON [Mihăiţă], Metropolit und Erzbischof von
Targovistis (RUMÄNIEN)
Wir drucken im Folgenden die Zusammenfassungen der Beiträge ab:
- S. Em. LEO [Makkonen], Erzbischof von Karelia und von ganz
Finnland (FINNLAND)
Es ist für mich ein hohes Privileg, eine Ehre und eine Freude, Ihnen
die Grüße von Seiner Heiligkeit Bartholomaios I., Erzbischof von
Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch, zu überbringen. Ich wende
mich also an diese Versammlung nicht nur als Repräsentant und Gast,
denn die Dringlichkeit der “neuen Evangelisierung” ist ein ebenso
wichtiges Thema für die Christen im Osten wie sie dies für die
Kirche von Rom ist.
Wir lesen mit Freude die Lineamenta, insbesondere ihre
Wertschätzung der Tatsache, auf welche Weise die Tradition, die
Mystagogie und die neueren Erfahrungen der östlichen Christenheit
Einsichten schenkt in die neuen Bemühungen der Evangelisierung heute.
Am meisten haben wir die Einsicht zu schätzen gewusst, dass die
Evangelisierung nicht mit der Predigt beginnt, sondern mit dem Hören.
Nicht zufällig zeigt die Ikone den größten Evangelisten und Apostel
Johannes, der bei uns im Osten als “der Theologe” bekannt ist, mit
einem Finger an den Lippen, um auf die Stille hinzuweisen. Diese
Stille, wie die Lineamenta so bedeutungsvoll feststellen, ist
nicht begründet in Müdigkeit, Furcht, Scham oder Mangel an Glauben:
vielmehr anerkennt sie, dass wir, wenn wir wirklich echte Partner
“im Dialog mit der Welt sein wollen”, wenn wir wirklich “Teilhaber
an derselben menschlichen Natur und nach der Wahrheit über das Leben
Suchende” sein wollen, dort beginnen müssen, wo die wahre
Menschlichkeit beginnt - in der Erfahrung des Staunens, die uns zur
Transzendenz erhebt.
Still zu sein, zuzuhören und dann die Frohe Botschaft mitzuteilen,
ist der beste Weg unsere Liebe und Sorge für die Welt von heute zum
Ausdruck zu bringen - so wie Gott selbst seine Heilsökonomie als
Antwort auf unser Versagen, unsere Suche und Not zum Ausdruck
gebracht hat. Nur dann, wenn wir die Probleme unseres
Gesprächspartners ebenso ernst nehmen, wie wir ihnen die Lösungen
Gottes anempfehlen, können wir Vertrauen aufbauen und wiedergewinnen,
so dass unsere Worte erneut in all ihrer lebensspendenden Macht
offenbar werden - ganz gleich ob sie gesprochen, als SMS versendet
oder getwittert werden.
Und jetzt, Heiliger Vater, Eminenzen, Gnaden, Brüder und Schwestern
in Christus, werde ich anfangen zuzuhören - so wie die ganze Welt es
tun wird.
[00159-05.10] [DF005] [Originaltext: Englisch]
- Prof. EMMANUEL [Adamakis], Metropolit von Frankreich,
Präsident der Konferenz der Europäischer Kirchen (FRANKREICH)
Bei der Vorbereitung dieses bescheidenen Vortrags habe ich mich
gefragt, welche Verbindung hergestellt werden kann zwischen dem
ökumenischen Engagement als Aufgabe des zeitgenössischen
Christentums und der Evangelisierung als Weitergabe des christlichen
Glaubens. Diese beiden Themen schöpfen ihre Substanz aus dem
Geheimnis der Inkarnation. Es kann also nicht darum gehen, sich
allein mit der theologischen oder sogar intellektuellen Erarbeitung
dieses Geheimnisses zufrieden zu geben. Es scheint mir von
wesentlicher Bedeutung zu sein, dieses Geheimnis der Menschwerdung
in der Art und Weise des heiligen Irenäus von Lyon zu verstehen, das
heißt als eine “erneuernde” Kraft für das ganze Menschengeschlecht,
ja für die gesamte Schöpfung. Die Lehre der Kirchenväter schlägt uns
also vor, die Übereinstimmung zwischen dem theologischen Bemühen und
der Erfahrung eines in der Welt Fleisch gewordenen und in der Zeit
verwurzelten Christentums zu betrachten. Diese Erfahrung besteht
nicht nur in der Wiederholung bestimmter Weisheiten, sondern in
einer vollkommenen Umgestaltung, um nicht zu sagen einer
ganzheitlichen Umgestaltung des Menschen, als Leib, Seele und Geist.
Wie soll man also Ökumenismus, Evangelisierung und Weitergabe des
Glaubens definieren? In der Tat ist das nicht einfach und würde
Überlegungen erfordern, die ich aufgrund der zeitlichen Grenzen, die
mir gesetzt sind, nicht eingehender anstellen kann. Dennoch muss man
anerkennen, dass wir durch die drei Begriffe meiner anfänglichen
Fragestellung einen hervortretenden Aspekt entdecken können, der uns
erlaubt den Sinn hervorzuheben. Denn der Kern der uns
interessierenden Problematik verweist nicht so sehr auf den Glauben
an sich, sondern auf die Antworten, die der Glaube in unserer
zeitgenössischen Welt geben kann. Kurz gesagt, was beim Thema dieser
Begegnung den Vorrang hat, ist zu wissen, auf welches semantische
Feld der Begriff “neu” verweist. Nur so werden wir in der Lage sein,
eine angemessene Antwort auf die Fragen unserer Brüder und
Schwestern zu geben. Globalisierung und Konsumgesellschaft sind nur
die Begleiterscheinungen eines tiefer liegenden Problems: die
Umwandlung, Mutation der Hoffnung in eine Suche nach Glück. Unsere
Zeitgenossen haben die Hoffnung verloren und sind nur auf der Suche
nach dem Glück. Einige könnten sich nun fragen, wie diese Umwandlung
vonstatten gehen konnte und wie man darauf antworten kann. Die
“Wieder-Verzauberung” der Hoffnung besteht darin, die Verbindung zu
bestimmen, die zwischen Gott und Mensch, zwischen den verschiedenen
Menschen und innerhalb der einzelnen Persönlichkeit besteht. Wenn
Christus erklärt, dass er “die Wahrheit, der Weg und das Leben” ist,
spricht er nicht von abstrakten Begriffen, sondern vielmehr von
dynamischen Prinzipien, die auf das Fundament des einen Logos
gegründet sind. Folglich ist der Logos sowohl Verbindung als auch
Beziehung. So verwandelt sich das Glück in Hoffnung in dem Maße, in
dem jeder Mensch lernt, sich selbst zu erkennen als ein Wesen der
Beziehung, um nicht zu sagen als ein Wesen der Gemeinschaft.
Christus ist Objekt der Gemeinschaft und er ist zugleich Band der
Gemeinschaft. Wenn das persönliche Glück an die Bestimmung der
Gemeinschaft, der Kirche, geknüpft ist, verwandelt es sich unter dem
Einfluss der Eschatologie, dem Kommen der letzten Zeiten in Hoffnung.
Diese Überlegungen sind nicht so weit entfernt von meiner
Anfangsabsicht, die den Stellenwert des Ökumenismus innerhalb der
neuen Formen der Evangelisierung verstehen will. In der Tat ist der
Ökumenismus eine Verpflichtung, unsere persönlichen Vorstellungen
hinter uns zu lassen, die sich häufig auf reine Lokalkonflikte
beschränken. Aber eine solche Haltung bezeugt nicht mehr die
Heilsbotschaft Christi. Die ökumenische Erfahrung, so wie wir sie im
Rahmen der Konferenz der Europäischen Kirchen erleben, denkt aktiv
über die Art und Weise nach, die Spaltung der Christen durch die
Evangelisierung zu überwinden. Deshalb haben sich die Kirchen und
christlichen Gemeinschaften, die Mitglieder des KEK sind,
verpflichtet, ich zitiere: “von unseren Evangelisierungsinitiativen
mit den anderen Kirchen zu sprechen, Vereinbarungen zu diesem Thema
abzuschließen und so eine schädliche Konkurrenz zu vermeiden wie
auch die Gefahr neuer Spaltungen”. Angesichts dieser Überlegungen
scheint mir, daß eine ganze Reihe von “Baustellen” auf pastoraler
Ebene zu erkunden zu bleiben. Sie sind die notwendigen
Vorbedingungen für die Wiederherstellung der Einheit der Christen,
die es uns ermöglichen würde, unseren gemeinsamen Glauben in
adäquater Weise zu bezeugen. Ich empfehle Ihnen also, in ihren
Reflexionen die ökumenische Dimension der Evangelisierung in
Betracht zu ziehen.
[00157-05.09] [DF002] [Originaltext: Französisch]
- S. Em. NIFON [Mihăiţă],
Metropolit und Erzbischof von Targovistis (RUMÄNIEN)
Grußworte des Generalsekretärs des ÖRK [Ökumenischer
Rat der Kirchen],
Pastor D. Olav Fykse Tveit,an die XIII. Ordentliche
Generalversammlung der Bischofssynode
Heiliger Vater,
verehrte Eminenzen und Exzellenzen,
sehr geehrte Delegierte und Beobachter,
“Denn ich hatte mich entschlossen, bei
euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den
Gekreuzigten” (1 Kor 2,2).
Das lebendige Wort Gottes, das uns im Kreuz und in der Auferstehung
Jesu Christi offenbart wurde, ist die Frohbotschaft, das
euangelion, das all jene, die Jesus Christus als Herrn und
Retter bekennen, in allen Bereichen ihres Lebens verkünden müssen.
Es liegt eine Logik in der Weiterführung des Themas, das für die XII.
Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode gewählt worden
war, und an Johannes 1,14, erinnerte: Und das Wort ist
Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine
Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit, und dem Thema dieser XIII. Ordentlichen
Generalversammlung, das den Schwerpunkt auf .die neue
Evangelisierung legt.
Die Rechtfertigung in Christus, die Verkündigung des Evangeliums und
der Ruf zur Heiligkeit sind in der Gemeinschaft der Gläubigen,
Glieder des einen Leibes Christi (1 Kor 12,12 ff), untrennbar
miteinander verbunden .
Die Kirche wird dann gebaut, wenn die Menschen verwandelt werden,
die Christus empfangen, das fleischgewordene Wort Gottes, in der
Kraft des Heiligen Geistes. Die Menschen werden glaubwürdige und
sichtbare Jünger Christi, wenn sie die Heilige Eucharistie feiern,
Bibeltexte meditieren und in ihrem Heim und bei ihren Familien, auf
den Straßen oder am Arbeitsplatz, wo sie als Arbeiter, Unternehmer,
Forscher und vielen anderen Berufen Zeugnis ablegen für das
Evangelium.
Das Zweite Vatikanische Konzil erklärt im Dogmatischen Konstitution
Dei Verbum: “Der Heilige Geist, durch den die lebendige
Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt
widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und läßt das
Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen (vgl. Kol 3,16)”
[Nr.8].
Wir haben das Zweite Vatikanische Konzil als einen außergewöhnlichen
Moment der Erneuerung der katholischen Kirche im Geiste des
Evangeliums erlebt. Das hat der Generalsekretär des
ÖRK-Zentralausschusses, Pastor Dr. Walter Altmann, in seiner
Grußadresse anläßlich der letzten Tagung im September dieses Jahres
in Kreta betont. Wir haben unsere Dankbarkeit und Freude darüber zum
Ausdruck gebracht, daß sich die katholische Kirche durch das Dekret
über den Ökumenismus (Unitatis Redentegratio) der
ökumenischen Bewegung geöffnet hat, und der Suche nach einer
sichtbaren Einheit neuen Elan gegeben hat. Das Dekret gab den
Christen auf der ganzen Welt Hoffnung und Neuanstösse.
Die dogmatischen Konstitutionen, Stellungnahmen und Dekrete des
Konzils waren und sind nicht nur relevant für die Erneuerung der
katholischen Kirche, sondern auch für die Ökumene. Das Zweite
Vatikanische Konzil war auch in der positiven Rezeption der
damaligen ökumenischen und theologischen Forschung ökumenisch, die
die Ergebnisse der Arbeit der “Faith and Order Commission” [Kommission
für Glauben und Kirchenverfassung] miteinschloss. Sehr
bedeutungsvoll war die Einladung, die auf alle brüderlichen
Beobachter ausgedehnt wurde, wie auch die ihnen gegebenen
Möglichkeiten, zu interagieren. Das erscheint heute
selbstverständlich. Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils war
das jedoch ein bemerkenswertes Zeichen der Aufgeschlossenheit
Christen anderer Traditionen gegenüber. Ihre Präsenz trug dazu bei,
die trennende Wand der Feindschaft niederzureißen (Eph 2,
14).
Dank der Lektüre der Texte und der neuen Initiativen des Zweiten
Vatikanischen Konzils, wuchs meine Überzeugung, daß die Einheit ein
Geschenk des Lebens ist, das uns als Leib Christi gegeben wird, in
dem wir alle einander brauchen. Für die Einheit der Kirche zu wirken
bedeutet, für die Einheit des Lebens zu wirken; die Verschiedenheit,
die uns Gott in den vielen Kulturen, Kontexten und Sprachen gegeben
hat, anzuerkennen und wertzuschätzen. Als Leib Christi ist die
Kirche solidarisch mit der ganzen Menschheit und der ganzen
Schöpfung verbunden, und betet darum, dass Gott sie zu Gerechtigkeit
und Frieden führen möge.
Wir haben in den letzten 50 Jahren einen weiten Weg zurückgelegt.
Das von Kardinal Kasper veröffentlichte Buch Die Früchte ernten,
die Studie über das Thema Reception der gemeinsamen
Arbeitsgruppe des ÖRK und der katholischen Kirche, und andere
ähnliche Initiativen haben gezeigt, wieviel schon erreicht werden
konnte, aber sie verweisen auch auf wichtige Aufgaben, die wir auf
dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche in einem Glauben und einer
eucharistischen Gemeinschaft noch bewältigen müssen.
Wenn wir an all das denken, was in den letzten 50 Jahren erreicht
werden konnte, erkennen wir auch, wie sehr sich der Kontext und
damit auch die Bedingungen für die Verkündigung des Evangeliums in
den verschiedenen Kulturen und Gesellschaften der Welt verändert
haben. Die Realität, der wir uns stellen müssen, ist schnellen
Veränderungen unterworfen, sie ist voller Widersprüche, die nicht
verallgemeinert werden können, und uns vor neue Herausforderungen
stellen. Ihr Wirken für die neue Evangelisierung und das nun
beginnende Jahr des Glaubens werden uns allen helfen, mehr
über die Verkündigung des Evangeliums in den verschiedenen heutigen
Kontexten zu lernen, und hoffentlich viele Gelegenheiten zur
Zusammenarbeit schaffen als Zeichen der Einheit, die uns bereits in
Christus gegeben ist und nach der sich so viele Christen sehnen.
Möge Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist allzeit mit
euch sein und alle eure Beratungen segnen:
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem
Herrn Jesus Christus (1 Kor 1,3).
[00158-05.11] [DF003] [Originaltext: Englisch]
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