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KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST
UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

"NOTITIAE"

2015/2

 

Zur Wiederentdeckung des „Ritus der Buße“

 

Das vom Jubiläum der Barmherzigkeit ausgelöste Interesse ist auf vielfältige Weise zum Ausdruck gekommen. Dazu wollte auch die Zeitschrift Notitiae mit einer Reihe von Artikeln beitragen, die darauf zielen, in den liturgischen Handlungen die Tragweite der verkündeten, zelebrierten und gelebten Barmherzigkeit Gottes hervorzuheben.

Wenn die gesamte sakramentale Ökonomie, beginnend mit der Taufe „zur Vergebung der Sünden“, von der göttlichen Barmherzigkeit durchdrungen ist, so wird das versöhnende Werk Gottes im Sakrament der Buße auf besondere Weise gespendet, in dem es sich fortwährend offenbart.[1] Daher hat Papst Franziskus in der Einberufungsbulle des Jubiläums Misericordiae vultus dazu aufgefordert, mit Überzeugung „das Sakrament der Versöhnung“ ins Zentrum zu stellen, „denn darin können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen“ (MV 17).

  Die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden und zu feiern, hilft dem Menschen, sich ehrlich seinem eigenen Gewissen zu stellen und die Notwendigkeit anzuerkennen, mit dem Vater versöhnt zu werden, der den Sünder geduldig zu erwarten weiß, um mit seiner Umarmung seine Würde wiederherzustellen. Die eigenen Sünden erkennen und bereuen, ist nicht eine Demütigung. Im Gegenteil, es ist das Wiederentdecken des wahren Antlitzes Gottes, indem man sich mit Vertrauen dem Plan seiner Liebe hingibt, und es ist gleichzeitig das Wiederentdecken des wahren Antlitzes des Menschen, der geschaffen ist nach dem Bild und Gleichnis Gottes. Ihn wiederzuentdecken, der Ursprung und Ziel des eigenen Lebens ist, stellt die schönste Frucht der Barmherzigkeit dar, die man im Sakrament der Buße erfährt.

In diesem Geist soll hier eine Reflexion über den Ordo Poenitentiae angeboten werden, die zunächst einige theologisch-liturgische Aspekte streift und sich dann mit der zelebrativen Dynamik des Ritus selbst beschäftigt. Es ist erhellend, dieses liturgische Buch wieder zur Hand zu nehmen, die Praenotanda wieder zu lesen, den Texten und Gesten näherzukommen, sich die empfohlenen Einstellungen anzueignen, in aller Kürze zu verstehen, wie die Kirche durch die Riten und Gebete die Barmherzigkeit Gottes vermittelt.

1.  REUE UND UMKEHR DES HERZENS         

Am 2. Dezember 1973 wurde der Ordo Paenitentiae promulgiert, in dem nach dem Auftrag des Konzils Ritus und Formulierungen so überarbeitet sind, „dass sie Natur und Wirkung des Sakramentes deutlicher ausdrücken“ (SC 72).

Nach einigen Jahrzehnten müssen muss jedoch feststellt werden, dass einige Vorschläge für die Feier – vielleicht weil sie für unangebracht oder zu beschwerlich gehalten wurden – häufig unbeachtet bleiben, Vorschläge, die zwar nicht essentiell für die Gültigkeit des Sakramentes sind, aber doch einen Reichtum darstellen für eine Feier, in der sich jene volle, bewusste und tätige Teilnahme des Priesters und der Gläubigen ereignet, die „bei der Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten“ (SC 14) ist.

Der Verlust des Gefühls für die Sünde

Wie sich bei den Ad-limina-Besuchen bestätigt, berichten Bischöfe aus allen Teilen der Welt mit Sorge über eine andauernde Abneigung der Gläubigen und der Priester gegenüber dem Sakrament der Versöhnung. Ohne Zweifel hat dies seine Wurzeln in einer Verunsicherung, über eine bloß allgemeine Anerkennung der eigenen Sündhaftigkeit hinaus, die Natur der Sünde erkennen und schließlich im konkreten Bekenntnis die Vergebung Gottes anzurufen zu können. Schon vor mehr als 50 Jahre beobachtete der selige Papst Paul VI. in einer Predigt: „In der Sprache des anständigen Menschen von heute, in Büchern, in Dingen, die vom Menschen sprechen, werdet ihr nicht mehr dieses schreckliche Wort finden, das in der religiösen Welt, in unserer Welt, dennoch so häufig ist, insbesondere in der Nähe zu Gott: das Wort Sünde. Nach heutiger Sichtweise werden die Menschen nicht mehr für Sünder gehalten. Sie sind eingeteilt in Gesunde, Kranke, Brave, Gute, Starke, Schwache, Reiche, Arme, Wissende und Unwissende; aber auf das Wort Sünde trifft man hier niemals. Es kehrt auch nicht wieder, denn durch die Loslösung des menschlichen Intellekts von der göttlichen Weisheit ist das Konzept der Sünde verlorengegangen. Eines der eindringlichsten und gewichtigsten Worte von Papst Pius XII., seligen Angedenkens, ist dies: ,Die moderne Welt hat den Sinn für die Sünde verlorenʻ; also [den Sinn dafür,] was es bedeutet, die Beziehungen zu Gott abzubrechen, eben durch die Sünde“[2]. Das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit kann eine günstige Zeit für die Wiederentdeckung der wahren Bedeutung der Sünde im Licht des Sakramentes der Vergebung sein, wobei zu bedenken ist, dass sich dieses in den dialektischen Rahmen der Geheimnisse der Sünde des Menschen einerseits und der unendlichen, die ganze biblische Geschichte durchdringenden Barmherzigkeit Gottes andererseits einfügt.

Umkehr des Herzens

Um den vollen Wert des Ritus der Buße[3] wiederzuentdecken ist es notwendig, unter anderem einige Elemente des theologischen Hintergrunds des Sakramentes, wie sie den Praenotanda zum Ritus selbst entnommen werden können, neu zu würdigen. „Die Sünde ist eine Gott zugefügte Beleidigung, die die Gemeinschaft mit ihm zerstört. Daher ,zieltʻ die Buße ,letztlich darauf hin, dass wir Gott lieben und uns ihm ganz anvertrauenʻ“ (RP 5). Andererseits schädigt die Sünde des Einzelnen alle und „deshalb führt die Buße immer auch zur Versöhnung mit den Brüdern“ (RP 5). Wir dürfen nicht vergessen, dass die sakramentale Erfahrung verlangt, genau jene Einladung Jesu anzunehmen, mit der er seinen Dienst eröffnet hat: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).

Das Konzil von Trient zählt vier Akte der Buße auf – drei Akte des Pönitenten (Reue, Bekenntnis, Genugtuung) und die durch den Priester gegebene Absolution –, und es hält diesen letzten Teil für den wichtigsten des Sakraments.[4] Der Ritus der Buße nimmt die Lehre von Trient auf, wobei er einen besonderen Schwerpunkt auf die Handlungen des Pönitenten legt, deren erste und wichtigste die Reue oder "die innere Umwandlung des Herzens" (RP 6) ist. Ein Vorbild dafür ist der verlorene Sohn, der mit reumütigem und zerknirschtem Herzen entscheidet, umzukehren in das Haus seines Vaters.  Das Sakrament wird in direkter Kontinuität mit dem Werk Christi erklärt, weil dieser die metanoia als Bedingung für den Zugang zum Reich Gottes verkündet hat. Ohne Umkehr /  metanoia verliert der Pönitent die Früchte des Sakraments, weil "von dieser inneren Reue […] die Echtheit der Buße ab[hängt]“ (RP 6). Man beachte, dass die Praenotanda, auch wenn sie den Text von Trient zitieren, der unter Reue den Schmerz der Seele und die Abscheu über die begangene Sünde versteht, die Reue in einem reicheren und biblischen Sinn als Bekehrung des Herzens interpretieren: „Die Bekehrung muss nämlich den Menschen innerlich erfassen, um ihn zu immer tieferer Einsicht zu führen und ihn Christus immer mehr gleichzugestalten"(RP 6).

Gemäß der umfassenden und konkreten Anthropologie der Bibel ist das Herz des Menschen die Quelle seines Bewußtseins, seiner Intelligenz und seiner Freiheit, das Zentrum seiner Entscheidungsmöglichkeiten und des geheimnisvollen Handelns Gottes. Der Gerechte geht seinen Weg mit „lauterem Herzen“ (Ps 101,2), aber [ebenso] „kommen aus dem Herzen der Menschen die bösen Gedanken“ (Mk 7,21). Daher verachtet Gott nicht „ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz“ (Ps 51,19). Das Herz ist der Ort, an dem der Mensch Gott begegnet. In der biblischen Sprache bezeichnet das Herz das Ganze der menschlichen Person im Unterschied zu den einzelnen Fähigkeiten, den einzelnen Handlungen der Person selbst: sein inneres und unwiederholbares Sein, das Zentrum der menschlichen Existenz, den Zusammenfluss von Vernunft, Willen, Temperament und Empfindungsvermögen, in dem die Person ihre Einheit und die innere Orientierung von Verstand und Herz, Wille und Gefühl findet. Der Katechismus der Katholischen Kirche bekräftigt: „Die geistliche Tradition der Kirche legt auch Wert auf das Herz im biblischen Sinn des ,Wesensgrundesʻ, worin sich die Person für oder gegen Gott entscheidet“ (Nr. 368). Das Herz ist demnach die ungeteilte Seele, mit der wir Gott und die Schwestern und Brüder lieben.

Die Umkehr des Herzens ist nicht allein das Hauptelement, sie ist auch jenes, das alle anderen Akte des Pönitenten, die für das Sakrament wesentlich sind, vereint, insofern ja jedes einzelne Element auf die Umkehr des Herzens ausgerichtet ist. „Diese innere Umkehr schließt die Reue über die Sünde und den Vorsatz zu einem neuen Leben ein und kommt durch das Bekenntnis vor der Kirche, durch eine angemessene Genugtuung und durch die Besserung des Lebens zum Ausdruck“ (RP 6). Die Umkehr des Herzens ist demnach nicht als ein einzelner, separater Akt zu verstehen, der ein für alle Mal vollzogen ist, sondern als eine entschiedene Loslösung von der Sünde und als einen fortschreitenden und ununterbrochenen Weg des Anvertrauens an Christus und der Freundschaft mit ihm. Die einzelnen Elemente des Ritus der Buße sind sozusagen Ausdruck der verschiedenen Momente und Etappen eines Weges, der sich nicht im Moment der Feier des Sakramentes erschöpft, sondern das ganze Leben des Pönitenten prägt.

In diesem Kontext sind die nichtsakramentalen Bußgottesdienste hervorzuheben. Wenn nämlich das Sakrament der Buße auf der Umkehr des Herzens gründet, ist es notwendig, diesen Feiern den größtmöglichen Wert zu geben, die – wie wir in den Praenotanda lesen – Feiern sind, „bei denen sich das Volk Gottes versammelt, um das Wort Gottes zu hören, das zur Umkehr und zur Erneuerung des Lebens ruft und die Erlösung von der Sünde durch den Tod und die Auferstehung Christi verkündet“ (RP 36). Diese nichtsakramentalen Feiern führen zur Feier des Sakramentes der Buße hin, da die Umkehr des Herzens das Wissen darüber, was Sünde ist, und entsprechend das Bewusstsein über die begangenen Sünden voraussetzt. Erinnern wir uns an die Rolle, die das Wort Gottes bei der Bekehrung des Hl. Augustinus gespielt hat: „Domine, amo te. Percussisti cor meum verbo tuo, et amavi te[5]. Auf die barmherzige Liebe Gottes antwortet man mit Liebe.

Der Spender des Sakramentes

Es ist wichtig, auch die Rolle des Spenders des Sakramentes zu bedenken, der nach der Verkündigungsbulle Misericordiae vultus „ein wahres Zeichen der Barmherzigkeit des Vaters“ (MV 17) sein soll. Da auch er ein Sünder ist, vergisst er nicht, selbst als Pönitent die Freude der Vergebung im Sakrament zu erfahren. Die katholische Tradition hat die dem Beichtpriester zukommende Aufgabe in vier Bildern ausgedrückt. Er ist Lehrer und Richter – um die Objektivität des Gesetzes anzuzeigen –, aber er ist auch Vater und Arzt – um auf die Liebe des Hirten gegenüber dem Pönitenten hinzuweisen. Verschiedene Epochen und verschiedene theologische Strömungen haben das eine oder das andere dieser Bilder mehr betont. Das Konzil von Trient bestätigt, dass die Priester die Funktion der Sündenvergebung „als Diener Christi“ ausüben, indem sie diese Aufgabe „nach Art eines richterlichen Aktes“ (ad instar actus iudicialis)[6] vollziehen. Auch der Ritus der Buße spricht vom Beichtvater als Richter und Arzt, wenn es heißt: „Damit der Beichtvater seine Aufgabe sachgerecht erfüllen kann, d. h. die Krankheiten der Seele erkennen, geeignete Hilfsmittel anwenden und sein richterliches Amt weise ausüben kann, muss er sich das notwendige Wissen und die erforderliche Klugheit erwerben“(RP 10). Etwas weiter wird dann unterstrichen, dass er handelt „wie ein Vater. Denn er offenbart den Menschen das Herz Gottes, des Vaters, und ist so ein Abbild Christi, des Guten Hirten“ (RP 10). Der Beichtvater ist Zeuge der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem reumütigen Sünder[7]. Im Alten Testament ist die Barmherzigkeit das erbarmungsvolle und mütterliche Mitgefühl Gottes für seine Geschöpfe, trotz ihrer Untreue (vgl. Ez 34,6; Ps 51,3; Ps 131, Jer 12,15; 30,18). Im Neuen Testament zeigt sich Jesus als „ein barmherziger und treuer Hoherpriester vor Gott“, um „die Sünden des Volkes zu sühnen“ (vgl. Hebr 2,17).

Der Katechismus der Katholischen Kirche fasst alle diese Aufgaben des Beichtvaters sehr gut zusammen: „Wenn der Priester das Bußsakrament spendet, versieht er den Dienst des Guten Hirten, der nach dem verlorenen Schaf sucht; den des guten Samariters, der die Wunden verbindet; den des Vaters, der auf den verlorenen Sohn wartet und ihn bei dessen Rückkehr liebevoll aufnimmt; den des gerechten Richters, der ohne Ansehen der Person ein zugleich gerechtes und barmherziges Urteil fällt. Kurz, der Priester ist Zeichen und Werkzeug der barmherzigen Liebe Gottes zum Sünder“ (Nr. 1465). Die rituellen Worte und Gesten der Feier des Sakramentes lassen die barmherzige Gegenwart des Vaters, die selbstlose Hingabe des Sohnes und die reinigende und heilende Liebe des Heiligen Geistes durchscheinen. Der Beichtvater muss zum Ausdruck und zum menschlichen Werkzeug dieser Liebe werden, die sich durch ihn hindurch über den Pönitenten ergießt und die ihn neu zum Leben, zur Hoffnung und zur Freude führt.

Die bis hierher angestellten Überlegungen finden ihre konkrete Verwirklichung in der Feier des Sakramentes selbst, das Pönitenten und Spender per ritus et preces an der Hand nimmt und zur Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes führt. So ist jede Feier des Sakramentes ein „Jubiläum der Barmherzigkeit“.

Es gibt auch andere Bereiche spirituellen, disziplinäre oder pastoralen Charakters, die in Verbindung mit der Feier des Sakramentes stehen und nicht in diesen Reflexionen berücksichtigt sind, es aber verdienen, dass ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Man denke zum Beispiel an die Sorge um die beständige Fortbildung des Klerus, die in den Seminaren und in den Instituten der Formation beginnt; als auch an die Beachtung der Disziplin in Bezug auf die Generalabsolution (vgl. CIC can. 961-963). Oder man schenke Aufmerksamkeit den Risiken bezüglich der Diskretion und der Zurückhaltung, dem Schutz der Anonymität und der Schweigepflicht, die heute bedroht sind durch das einfache und sakrilegische Abhören, Aufzeichnen und Verbreiten des Inhalts der Beichte (vgl. CIC can. 983).

2. FÜR EINE MYSTAGOGIE DES ORDO PAENITENTIAE

Wenn wir uns der mystagogischen Lesart der „Feier zur Versöhnung für Einzelne“ (Kap. I) zuwenden, müssen wir die gemeinschaftliche Dimension des Sakraments beachten, die im Kapitel II („Gemeinschaftliche Feier der Versöhnung mit Bekenntnis und Lossprechung der Einzelnen“) näher beleuchtet wird. Die zutiefst personale Natur des Sakramentes der Buße ist jedoch mit dem ekklesialen eng verbunden als ein Akt, der versöhnt mit Gott und mit der Kirche (vgl. KKK 1468-1469). In dieser Perspektive erklären die Praenotanda, dass „die gemeinsame Feier […] den kirchlichen Charakter der Buße klarer zum Ausdruckt [bringt]“. Nach der konziliaren Bestimmung sind die liturgischen Handlungen „nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche […] daher gehen diese Feiern den ganzen mystischen Leib der Kirche an, machen ihn sichtbar und wirken auf ihn ein“ (SC 26).

Das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit bietet der Gemeinschaft der Diözese und den Pfarrgemeinden die große Chance, die „gemeinschaftliche Feier der Versöhnung mit Bekenntnis und Lossprechung der Einzelnen“[8] wiederzuentdecken. Die Abfolge der Riten im zweiten Kapitel des Ritus der Buße hilft, zwei wichtige Aspekte der ekklesialen Natur der Feier zu entdecken. Hierzu gehört vor allem das Hören des Wortes Gottes, das die Struktur der Liturgie des Wortes annimmt und somit ein echter Akt des Kultes ist (vgl. SC 56). Hier erklingen die Verkündigung des Evangeliums der Barmherzigkeit und der Ruf zur Umkehr in einer Versammlung, in der „die Gläubigen […] gemeinsam das Wort Gottes [hören], das die göttliche Barmherzigkeit verkündet und zur Umkehr einlädt: miteinander überdenken sie die Übereinstimmung ihres Lebens mit Gottes Wort und helfen einander durch das gemeinsame Gebet“ (RP 22). In der Tat lädt der Apostel Jakobus dazu ein: „Bekennt einander eure Sünden, und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (Jak 5,16).

Das gemeinsame Hören des Wortes, welches das „Herz erschüttert“, und die gegenseitige Unterstützung im Gebet sind bedeutsam. Dasselbe gilt für den gemeinsamen Lobpreis und die Danksagung, die den Ritus abschließen (vgl. RP 29). Denn „nachdem jeder einzelne seine Sünden bekannt und die Lossprechung empfangen hat, preisen alle miteinander Gott wegen der Wundertaten an seinem Volk, das er sich durch das Blut seines Sohnes erworben hat“ (RP 22).

Diese knappen Hinweise zum Kapitel II des Ritus der Buße bringen die soziale Dynamik ebenso wie die personale der Sünde und der Umkehr zum Ausdruck. Die ekklesiale und personale Dimension vereinigen sich in ganz besonderer Weise in diesem Sakrament, in dem hervorgehoben wird, dass „die Buße […] nicht rein innerlich und privat verstanden werden darf. Weil (nicht: obwohl!) sie ein personaler Akt ist, hat sie auch eine soziale Dimension. Dieser Gesichtspunkt ist auch von Bedeutung für die Begründung des ekklesialen und sakramentalen Aspekts der Buße“[9].

Wir durchschreiten nun die Abfolge der Riten des Kapitels I: „Feier der Versöhnung für Einzelne“ mit dem Ziel, nicht bloß ein erneuertes Verständnis des Sakraments zu begünstigen, sondern vor allem eine noch authentischere Feier desselben. Denn es gilt die Überzeugung, dass in den Handlungen des Pönitenten und des Priesters, in den Gesten und Worten, die Gnade der Vergebung übermittelt wird. Gerade weil mens concordet voci („das Herz mit der Stimme zusammenklingen muss“), braucht es eine würdige Feier. Die Form des Ritus ist bedeutsam, weil in der Liturgie das Wort dem Hören vorausgeht und die Handlung das Leben prägt.[10]

Der Empfang des Pönitenten

Die Rubrik Nr. 41 des Ritus zeigt an, wie der Pönitent empfangen werden soll: „Der Priester empfängt gütig den Gläubigen, der zum Bekenntnis seiner Sünden zu ihm kommt, und begrüßt ihn freundlich“. Dies ist die Schwelle, die zur rituellen Handlung führt. Der Ritus der Buße sorgt dafür, dass der Spender des Sakramentes, der Christus vergegenwärtigt, den Anfangsmoment für den Pönitenten so einfach und vertrauensvoll wie möglich macht. Wir alle wissen, wie schwierig es sein kann, zur Beichte zu gehen. Wenn es aber gelingt, den ersten Schritt zu tun, dann ist die Gnade schon am Werk. Deshalb ist der Priester dazu angehalten, den, der kommt, zu empfangen wie der Vater den verlorenen Sohn: Er läuft dem Reumütigen entgegen, sowie er ihn in der Ferne sieht. Die Priester müssen sich für diesen Dienst vorbereiten im Bewusstsein, dass sie Christus vergegenwärtigen; dieser zeigt uns im Gleichnis das Antlitz des himmlischen Vaters, der ein Fest bereitet und den empfängt, der zu ihm zurückkehrt (vgl. Lk 15,11-32). Der Anfang des Ritus der Buße hilft zu verstehen, dass Gott, der Vater, jedes Mal ein „Jubiläum“ feiert, wenn ein Sünder zu diesem Sakrament tritt: „Ich sage Euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lk 15,7).

Nachdem er empfangen wurde, macht der Pönitent das Kreuzzeichen mit den Worten: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (RP 42). Es ist der enterscheidend christliche Akt des Glaubens[11]. Diese Eröffnung ist aus praktischen wie theologischen Gründen wichtig. Das vertraute rituelle Zeichen betont – zusammen mit den Worten - den Moment, in dem die Liturgie wahrhaft beginnt. Auch in seiner Krönung durch die sakramentale Absolution wird das Zeichen des Kreuzes gegenwärtig. Die trinitarische Formel erinnert an die Taufe, in der wir zum Ewigen Leben wiedergeboren sind, und zugleich an die Feier der Eucharistie, die in uns das Leben der Gnade bewahrt, mehrt und erneuert.

Dieser rituelle Moment öffnet fortschreitend auf das hin, was folgt. Der Priester darf nicht einfach zum Pönitenten sagen: „Nun sag mir deine Sünden“. Seine empfangenden Worte müssen im Gegenteil sofort eine Atmosphäre tiefer Ernsthaftigkeit schaffen sowie Vertrauen auf Gott wecken. Der Priester sagt: „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit“ (RP 42). Wie stark und mild werden solche Worte im Herzen des Pönitenten erklingen, wenn der Priester sie mit Überzeugung und aus tiefem Herzen ausspricht und sich des Dienstes bewusst ist, den die Weihe ihn ermächtigt auszuüben!

Die Paragraphen 67-71 des Ritus der Buße enthalten alternative Formulierungen, um den Ritus zu eröffnen. Alle sind reich an biblischen Anklängen und theologisch prägnant. Diese Formeln, die in unterschiedlicher Art und Weise das Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes beleben, können die Predigt oder die Katechese inspirieren und dazu einladen, das Sakrament mit Freude, Ernst und Zuversicht zu feiern. Bedenken wir etwa, wie die Worte des Propheten Ezechiel auf den Pönitenten wirken, wenn der Priester sie an ihn richtet: „Nähere dich mit Vertrauen Gott, dem Vater: er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umkehrt und lebt“ (vgl. Ez 33,11). Hier spricht der Priester mit der Autorität des Wortes Gottes und nicht einfach mit Worten, die er eben zu diesem Anlass sagt.

Lesung des Wortes Gottes

Auch wenn das Wort Gottes schon in den verschiedenen Formeln der Eröffnung zum Bekenntnis der Sünden durchklingt, so setzt sich der Ritus mit dem Hören des Wortes Gottes fort. Obgleich dies im Ritus als „ad libitum“ gekennzeichnet ist, sollte ein vollständiges Weglassen nur bei einem wahren Hindernis vorkommen. In der Ökonomie des Ritus der Buße scheint die Verkündigung des Wortes Gottes als wesentlicher Moment auf (vgl. RP 17). So sind die angebotenen Schriftstellen durch Ausdrücke gekennzeichnet, die die Barmherzigkeit Gottes ankündigen und zur Umkehr einladen (vgl. RP 43). Das Rituale schlägt zwölf biblische Stellen vor (vgl. RP 72-83), aber man kann auch auf andere Schriftstellen zurückgreifen, die der Priester oder der Pönitent für geeignet halten (vgl. RP 84).

Die Form des Ritus legt den Schwerpunkt auf das Hören des Wortes und betont damit, dass sich das Wort, wenn es verkündet wird, hier und jetzt in der Feier erfüllt. Vom Pönitenten wird das verkündete Wort mit absoluter Neuheit und Frische erfahren, weil es dank des sakramentalen Momentes, den der Pönitent mit Glauben erlebt, im Erklingen mit neuer Bedeutung angereichert wird. Das Jubiläum der Barmherzigkeit ist ein geeigneter Anlass für die Priester und Gläubigen, die Verwendung des Wortes Gottes neu schätzen zu lernen. In den einzelnen biblischen Schriftstellen des Rituale mögen die Priester die Größe des ihnen anvertrauten Dienstes neu entdecken und die Pönitenten mit Überraschung das Licht entdecken, das sie zur Begegnung mit Christus im Sakrament führt.

Zum Beispiel ermöglicht die Wahl der Schriftstelle aus Ezechiel 11,19-20 (vgl. RP 73) dem Pönitenten zu hören, dass das göttliche Worte gerade ihm gilt: „Ich werde ihnen ein neues Herz geben und einen neuen Geist in ihr Inneres legen und werde entfernen das Herz aus Stein aus ihrem Leibe und ihnen ein Herz von Fleisch geben…“. Wenn der Pönitent erkennt, dass diese Verheißung ihm gilt, dann kann sich in diesem Moment sein Herz der Tröstung und dem Vertrauen öffnen, seine Sünden zu bekennen. Wenn man hingegen den Abschnitt bei Markus 1,14-15 (vgl. RP 75) gebraucht, mögen der Priester und der Pönitent erfahren, dass Christus hier und jetzt selbst gegenwärtig ist, um kraftvoll dem Beichtenden zu verkünden: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium“. Die Antwort auf die Gegenwart Christi und auf seine Worte wird das Bekenntnis der Sünden sein. Oder aber der Abschnitt bei Lukas 15,1-7 (vgl. RP 77): Hier sollte der Pönitent erkennen, dass Christus sich auch für ihn verteidigt gegen die Vorwürfe des Essens mit den Sündern. Tatsächlich steht in der Feier Jesus an der Seite des Pönitenten – eines Sünders – und erklärt, dass er die Gemeinschaft mit ihm wiederherstellen will, dass er ihn sucht wie der Hirte das verlorene Schaf. Denn ist nicht das Wort Gottes die Ankündigung des Jubiläums der Barmherzigkeit, unsere Sünden mit Hoffnung und Vertrauen zu bekennen?

Das Sündenbekenntnis und das Annehmen der Wiedergutmachung

Der nun folgende Moment im Ritus ist ein essenzieller Teil der sakramentalen Feier: das Bekenntnis der Sünden vonseiten des Pönitenten sowie das Annehmen eines Aktes der Genugtuung, den der Priester aufgibt (vgl. RP 44). Beachtung verdienen hier einige Aspekte der rituellen Form des Bekenntnisses. Im Unterschied zu anderen Momenten unterbleiben hier vorgegebene Texte oder Worte, die der Pönitent sprechen soll; sondern er ist gerufen, seine Sünden zu bekennen. Alles, was diesem Moment rituell voranging, besonders die Verkündigung des Wortes Gottes, zeigt, dass das Bekenntnis der Sünden nicht nur auf die ursprüngliche Initiative des Pönitenten zurückgeht. Vielmehr verwurzelt es sich in der Gnade, das Wort Gottes gehört zu haben, woraufhin der Beichtende sich zu Reue und Zerknirschung bewegt fühlt.

Auch wenn keine Texte für diesen Moment vorgegeben sind, so verdeutlichen doch die sorgfältig ausgearbeiteten Rubriken seine tiefe theologische Bedeutung. Es ist nicht so, dass der Beichtende einfach mit lauter Stimme eine Liste von Sünden vorzutragen hätte, die ins Leere fallen, als sei niemand da. Man beichtet vor dem Priester. Der Priester für seinen Teil ist gerufen, in tiefe Beziehung mit dem Beichtenden einzutreten. „Wenn nötig, hilft ihm der Priester, seine Sünden vollständig zu beichten [und] bietet ihm seinen Rat an“ (RP 44). Dieser andauernde Wechsel vom Pönitenten zum Priester ist nichts anderes als die rituelle Form der Begegnung des Pönitenten mit Christus, der durch den Priester wirkt. Daher ist der Beichtvater eingeladen, dem Pönitenten zu helfen, den tiefe Sinn dieser Begegnung zu erfassen: „Der Priester […] ermahnt ihn [den Pönitenten] zur Reue über seine Sünden. Deshalb erinnert er ihn daran, dass der Christ durch das Bußsakrament am Tod und an der Auferstehung Christi teilhat und dass sein Leben durch das Ostergeheimnis erneuert ist“ (RP 44). Dies ist ein theologisch wesentliches Element, um das Sakrament richtig zu verstehen. Alles, was darin geschieht, ist verwurzelt im Ostergeheimnis. Der Pönitent wird nach dem Urbild der Taufe erneuert, wo er als Sünder mit Christus stirbt und mit ihm zum neuen Leben auferweckt wird.

Es ist erstrebenswert, unterstützt durch das Jubiläumsjahr, dass sowohl die Priester wie die Pönitenten dieses Sakrament mit umso größerem Bewusstsein als tiefe Begegnung feiern. Wir erinnern an die starken Worte des heiligen Papstes Johannes Paul II., der in seiner ersten Enzyklika Redemptor hominis schrieb: „Die Kirche verteidigt also, indem sie die jahrhundertealte Praxis des Bußsakramentes bewahrt - die Praxis der individuellen Beichte in Verbindung mit dem persönlichen Akt der Reue und dem Vorsatz, sich zu bessern und wiedergutzumachen -, das besondere Recht der menschlichen Seele. Es ist das Recht zu einer mehr persönlichen Begegnung des Menschen mit dem gekreuzigten Christus, der verzeiht, mit Christus, der durch den Spender des Sakramentes der Versöhnung sagt: ,Deine Sünden sind dir vergebenʻ (Mk 2,5); ,Geh und sündige von jetzt an nicht mehrʻ (Joh 8,11)“ (Nr. 20). Es ist ungewöhnlich und sehr prägnant, dass der Papst die Begegnung zwischen Pönitent und Priester als ein menschliches „Recht“ beschreibt. Damit bezieht er sich auf etwas, das in der Tiefe des verwundeten Herzen der sündigen Menschheit ist. Indem er vom Erlöser der Menschheit spricht, bekräftigt Johannes Paul, dass jeder Mensch sich eine intensive und personale Begegnung mit Christus wünscht, „mit dem gekreuzigten Christus, der verzeiht“ (RH 20). Die liturgische Gestalt des Sakramentes möchte diesem Wunsch eine Form geben und ihn erfüllen.

Nachdem der Pönitent seine Sünden bekannt hat, schlägt der Priester „ihm ein Bußwerk vor, das der Beichtende zur Genugtuung für seine Sünden und zur Besserung seines Lebens auf sich nimmt“ (RP 44). In dieser Weise unterstreicht die Rubrik aufs Neue die Bedeutung der starken Begegnung und des Austausches zwischen Priester und Pönitent. In allem, was er tut, ist der Priester darauf verwiesen, „sich […] auf den Beichtenden einzustellen, sei es in der Art zu sprechen, sei es in den Ratschlägen, die er erteilt“ (RP 44). Hier und jetzt begegnet der Pönitent „dem gekreuzigten Christus, der verzeiht“ (RH 20) und der den Weg weist zu einem Kurswechsel und zu einem neuen Lebensstil.

Gebet des Pönitenten  

Der Priester führt seinen Dialog mit dem Pönitenten fort, indem er ihn einlädt, mit einem Gebet „seine Reue zum Ausdruck zu bringen“ (RP 45). Dies bringt erneut die liturgische Dimension des Sakramentes zum Vorschein. Der Ritus fordert das klare Bekunden der Reue in Form des Gebetes; dazu bietet er eine breite Möglichkeit von Formeln an. Das Rituale schlägt zehn mögliche Gebete vor (vgl. RP 45, 85-92). Obwohl - wie auch für die biblischen Texte - in jeder Feier nur eines ausgewählt wird, sind die vorgeschlagenen Texte zur Meditation empfohlen, um die vielen Facetten des Edelsteins zu erfassen, der in diesen sakramentalen Moment eingearbeitet ist. Die Meditation hilft, sich auf die Beichte vorzubereiten und mit ganzem Herzen die Worte der Reue während der sakramentalen Feier zu sprechen.

Die erste Formel im RP 45 ist ein traditionelles Gebet, das viele als „Akt der Reue“ kennen. Es hat die Prüfung der Jahrhunderte bestanden und bedarf vielleicht gar keines Kommentars. Doch ist das Jubiläum ein Anlass, die theologische Tiefe hervorzuheben, mit der dieses Gebet in seiner lateinischen Fassung abschließt. Dort wird bittend gebetet: „Per merita passionis Salvatoris nostri Iesu Christi, Domine, miserere“. Die Barmherzigkeit, die wir feiern, wurzelt im Kern in den Verdiensten der Passion Jesu Christi.

Die anderen angebotenen Möglichkeiten (vgl. RP 85-92) sind alle von der Heiligen Schrift inspiriert. Die ersten beiden legen geradewegs einige Psalmverse auf die Lippen des Pönitenten: „Denke an dein Erbarmen, Herr, und an die Taten deiner Huld, sie sind ja von Ewigkeit“ (Ps 25,6). Oder: „Wasche ab meine Schuld…“ (Ps 51,4). Als Antwort auf die Einladung des Priesters, die Reue auszudrücken, spricht der Pönitent dieselben Worte aus, die seit Jahrtausenden von den Israeliten und von der Kirche gebraucht werden. Heute diese Formeln zu beten, lassen die Beichtenden erfahren, dass ihre Geschichte der Sünde und der Vergebung Teil des großen Dramas ist, wie die Bibel es erzählt. Das Drama der Sünde und der Vergebung setzt sich jetzt in unserer Existenz fort und die Gebete, die vom Heiligen Geist herkommen, erleuchten diesen Moment.

Dasselbe kann man von jenem Gebet sagen, das auf die Lippen des Pönitenten die Worte des verlorenen Sohnes legt, als dieser in das Haus seines Vaters zurückkehrt: „Vater, ich habe gegen dich gesündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Sei mir Sünder gnädig“ (RP 87). Ermutigt vom Gleichnis, keine Angst zu haben und zur Reue bewegt, zeigt der Pönitent die Umkehr des Herzens, indem er die Worte des Sohnes spricht, der vertrauensvoll ins Haus des Vaters zurückkehrt.

Eine weitere Formel von besonderer Tiefe ist ein Gebet, das sich mit Bildern des Neuen Testamentes an die Personen der Dreifaltigkeit richtet, so dass der Pönitent sich in ihnen erkennen kann (RP 88). Dieses Gebet ist vor allem an den „heiligen Vater“ gerichtet und greift abermals die Worte des verlorenen Sohnes nach, die mit einem ausdrücklichen Bezug zum Gleichnis eingeleitet werden: „…wie der verlorene Sohn…“. Dann wendet er sich an „Jesus Christus, [den] Retter der Welt“, und der Pönitent bittet, dass ihm jetzt geschehe wie dem guten Schächer, dem die Pforten des Paradieses geöffnet wurden, als Jesus starb. Der Pönitent macht sich die Worte des guten Schächers zu Eigen: „Herr, denke an mich, wenn du in der Macht als König kommst“. Die letzte Anrufung ist gerichtet an den Heiligen Geist, der als „Quelle der Liebe“ angerufen wird. Der Pönitent betet zum Heiligen Geist: „Mach mich rein; gib, dass ich als Kind des Lichtes meinen Weg gehe.“

Das Ritual bietet dem Pönitenten noch weitere Formeln an, die wir hier nicht kommentieren. Es ist aber wünschenswert, dass, begünstigt  auch durch das Jubiläumsjahr, alle Formeln mehr bekannt und gebraucht werden. Mit ihnen lernen wir, mit den Worten und Bildern der Heiligen Schrift zu beten und in ihnen unsere Reue und die Bitte um Vergebung ausdrücken. Mit ihnen erfahren wir, dass wir auch hineingenommen sind in die wunderbaren Ereignisse der Barmherzigkeit, die in der Bibel erzählt werden. Wie der Zöllner, der von Jesus im Gleichnis gelobt wird, schlagen auch wir uns an die Brust, und wir beten mit ähnlichen Worten wie der blinde Bartimäus: „Herr Jesus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir“ (RP 92).

Lossprechung

Im Ritus der Buße sind das Gebet des Gläubigen und die Lossprechung durch den Priester unter einer einzigen Überschrift verzeichnet. Wir unterscheiden sie hier, um das Kommentieren zu erleichtern, ohne dabei zu vergessen, wie wichtig die tiefe Verbindung zwischen den beiden Momenten ist. Im Gebet an Gott bringt der Pönitent die Reue zum Ausdruck und erbittet Barmherzigkeit. Die unmittelbare Antwort auf diese Bitte erreicht ihn von Gott her durch den Dienst des Priesters.

Die liturgische Atmosphäre verdichtet sich. Der Priester streckt seine Hände über dem Pönitenten aus und beginnt die Worte der Lossprechung. Diese Geste muss mit derselben Aufmerksamkeit und Intensität erfüllt sein wie jeder ähnliche Gestus in irgendeiner liturgischen Handlung. Der Pönitent muss in der Lage sein zu erkennen, dass durch den Wechsel der Körperhaltung und des Gestus des Priesters sich hier ein feierlicher sakramentaler Akt erfüllt. Die ausgestreckten Hände zeigen die ganze Barmherzigkeit Gottes – die unsichtbare, aber grenzenlose und gegenwärtige Macht – die sich jetzt über den reuigen Pönitenten ergießt.

Auch die vom Priester verkündeten Worte der Lossprechung verdienen die rechte Aufmerksamkeit. Obgleich sie kurz sind, haben sie doch eine reiche theologische Bedeutung und drücken den zentralen Sinn des Sakramentes aus. Der Ritus der Buße führt die wesentlichen theologischen Elemente in der Formel an (vgl. RP 19). Als erstes sollte man die auffällige trinitarische Struktur beachten. Die Versöhnung, die in diesem Sakrament gespendet wird, kommt von Gott, der angerufen wird als „Vater der Barmherzigkeit“, und bringt zum Ausdruck, was er schon erfüllt hat: „Gott, der barmherzige Vater, hat die Welt mit sich versöhnt“. Diese Versöhnung hat sich „durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes“ ereignet und die Formel verbindet es unmittelbar mit der Ausgießung des Heiligen Geistes, der gesandt ist „zur Vergebung der Sünden“. In diesem ersten Teil der Formel geschieht liturgische anamnesis, die an den Tod und die Auferstehung Jesu erinnert, ausgerufen und verkündet wird. Die anamnesis geschieht in trinitarischen Begriffen und mit einer Sprache, die sofort die Bedeutung dieses feierlichen Aktes Gottes anzeigt, der sich für den Sünder erfüllt. Gott hat die Welt mit sich versöhnt, und er hat über uns den Heiligen Geist ausgegossen zur Vergebung der Sünden.

Die Worte der Formel verlagern sich dann auf den gegenwärtigen Moment, und der Priester wendet sich unmittelbar dem Pönitenten zu. Dieser Übergang vom Vergangenen zum Gegenwärtigen bedeutet, dass das große Ereignis, das Gott im Ostergeheimnis bewirkt, sich mit all seinen Früchten über diesen einzelnen Pönitenten ergießt, hier und jetzt, durch die Worte des Priesters. Zugleich verdeutlicht die Formel: wenn Gott am Werk ist, dann hat das eine starke ekklesiale Dimension, denn „die Versöhnung mit Gott [wird] durch den Dienst der Kirche erbeten und gewährt“ (RP 19).

Gewandt zum Pönitenten, sagt der Priester zunächst: „Gott schenke Dir Verzeihung und Frieden“. Das ist eine Sprache, die als Anrufung oder Segnung charakterisiert ist. Das Verb ist im Lateinischen ein Konjunktiv mit optativer Bedeutung (tribuat), charakteristisch für viele Anrufungen und Segnungen der Kirche, die immer wirksam sind. Sodann wechselt der Sprachstil, und der Priester fährt verkündigend fort mit jenen Worten, die gemäß Ritus die „wesentlichen Worte“ (vgl. RP 19) sind. Direkt zum Pönitenten gewandt, macht er das Kreuzzeichen und sagt: „Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Mit den Worten: „Ich spreche dich los“ zeigt der Priester an, dass er in persona Christi handelt.

Durch die Worte und Handlungen des Priesters und kraft der Vollmacht, Sünden zu vergeben, die Christus der Kirche verliehen hat (vgl. Joh 20,23), wird der Sünder der ursprünglichen Unschuld der Taufe zurückgegeben. Der Pönitent sieht auf diese Weise seine Sehnsucht nach der personalen und tiefen Begegnung mit Christus, dem Gekreuzigten, erfüllt, der bereit zur Vergebung ist. Der Herr ist gekommen, und er begegnet dem Sünder in diesem Schlüsselmoment seines Lebens, der gekennzeichnet ist von der Umkehr und von der Vergebung. Diese Begegnung begründet das wahre Wesen des Jubiläums, ein Jubiläum für die bereuenden Sünder und ein Jubiläum für Christus selbst.

Danksagung und Entlassung des Pönitenten

Das Gesetz der rituellen Sprache erfordert es, dass ein so intensiver und reicher Moment wie die Absolution einen Abschluss benötigt. Es wäre unangebracht, in Eile und ohne einen Moment des Übergangs aus einem so geistlichen Bereich in das Alltagsleben zurückzukehren. Doch manchmal wird, den offenkundigen liturgische Sinn nicht beachtend, die sakramentale Feier allzu schnell beendet: „Wir sind fertig, Sie können gehen“. Der Ritus der Buße besagt deutlich, was zu tun ist: „Der Gläubige, der Vergebung seiner Sünden empfangen hat, preist die Barmherzigkeit Gottes und sagt Gott Dank mit einem Gebetsvers aus der Heiligen Schrift. Dann entlässt ihn der Priester in Frieden“ (RP 20).

Wir finden diesen knappen Ritus im RP 47. Der Priester und der Pönitent sprechen nicht mit eigenen Worten, sondern in Ausdrücken der Heiligen Schrift. Die Worte des Priesters sind inspiriert durch Psalm 118,1, wenn er sagt: „Danket dem Herrn, denn er ist gut“. Und der Pönitent beschließt mit dem darauffolgenden Vers aus demselben Psalm: „Sein Erbarmen währt ewig“ (vgl. auch Psalm 136,1). Diese Worte des Lobes, die vom Volk Israel und von der Kirche seit Jahrtausenden gebraucht werden, sind in diesem konkreten Moment, hier und jetzt, in wunderbarer Frische und vollkommener Neuheit erfüllt.

Jede Liturgie der Kirche schließt mit der Aussendung in die Welt aller jener, die daran teilgenommen haben und nun von neuer, göttlicher Kraft erfüllt und dazu bestimmt sind, die Menschheit zu beleben. Die Entlassung ist nichts anderes als die rituelle Einladung Christi selbst: „Wie der Vater auch mich gesandt hat, so sende ich euch“ (vgl. Joh 20,21). Im Ritus der Buße geschieht dies mit der kurzen Formel: „Der Herr hat dir die Sünden vergeben. Geh hin in Frieden“, oder: „Geh hin in Frieden und verkünde in der Welt die großen Taten Gottes, der dir vergeben hat“. Der Priester verkündet es als Diener Christi, der Pönitent erfährt sich als von der Kirche gesandt.

„Barmherzig wie der Vater“

Papst Franziskus lädt die Kirche unaufhörlich ein, die Freude des Evangeliums wiederzuentdecken und „im Aufbruch“ zu sein, missionarisch und wagemutig, furchtlos die Initiative zu ergreifen und so zu zeigen, dass sie – die Kirche – „einen unerschöpflichen Wunsch [empfindet], Barmherzigkeit anzubieten – eine Frucht der eigenen Erfahrung der unendlichen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und ihrer Tragweite“[12].

Die Berufung der Kirche ist auch die eines jeden Jüngers Christi, gestärkt durch das Sakrament der Buße. Die Barmherzigkeit per ritus et preces gefeiert, verpflichtet jedoch die Lehre Jesu in die Praxis umzusetzen: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“(Lk 6,36).


 
[1] Franziskus, Audienz für die Teilnehmer des Kurses, den der Gerichtshof der Apostolischen Pönitentiarie organisiert hat, 12. März 2015. „Wie wir wissen, sind die Sakramente der Ort der Nähe und der Zärtlichkeit Gottes gegenüber den Menschen; sie sind die konkrete Form, die Gott erdacht und gewollt hat, um uns entgegenzugehen und uns zu umarmen, ohne sich unser und unserer Begrenztheit zu schämen. Unter den Sakramenten vergegenwärtigt das Sakrament der Versöhnung das barmherzige Antlitz Gottes natürlich mit besonderer Wirkkraft: Es macht dieses Antlitz konkret sichtbar und offenbart es beständig, ohne Unterlass. Sowohl als Büßer, als auch als Beichtväter dürfen wir nie vergessen: Es gibt keine Sünde, die Gott nicht vergeben kann! Keine! Nur das, was der göttlichen Barmherzigkeit entzogen ist, kann nicht vergeben werden – so wie jemand, der sich der Sonne entzieht, weder erleuchtet noch gewärmt werden kann“.
 
[2] Paul VI., Homilie, 20. September 1964. Vgl. auch Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Reconciliatio et Paenitentia, 2. Dezember 1984, 18.
 
[3] Rituale Romano, Ritus der Buße, Libreria Editrice Vaticana, 1974 (im Folgenden abgekürzt RP mit der Nummer des entsprechenden Paragraphen)
 
[4] Vgl. Konzil von Trient, 14. Sitzung, Lehre über das Sakrament der Buße, Kap. IV-VI, in: Enchiridion symbolorum definitonum et declarationum de rebus fidei et morum, lat-.dt. Freiburg 421991, 1676-1685.
 
[5] Hl. Augustinus, Bekenntnisse 10,6.8: CCL 27, 158 f.: „Nicht mit zweifelndem, sondern mit gewissem Gewissen liebe ich dich, Herr. Du hast erschüttert mein Herz durch dein Wort, und ich liebe dich“.
 
[6] Konzil von Trient, 14. Sitzung, Lehre über das Sakrament der Buße, Kap. VI., in: Enchiridion symbolorum definitonum et declarationum de rebus fidei et morum, 1685.
 
[7] „Vergessen wir nie, dass Beichtvater zu sein bedeutet, an der Sendung Jesu teilzuhaben und ein greifbares Zeichen der bleibenden göttlichen Liebe zu sein, die verzeiht und rettet“ (MV 17).
 
[8] Johannes Paul II., Reconciliatio et Paenitentia, 32: „Die zweite Form der Feier unterstreicht gerade wegen ihres Gemeinschaftscharakters und der besonderen Art ihrer Gestaltung einige andere Aspekte von großer Bedeutung. Das Wort Gottes, das man gemeinsam hört, hat gegenüber der privaten Bibellesung eine besondere Wirkung und verdeutlicht besser den kirchlichen Charakter von Bekehrung und Versöhnung. Diese Form erweist sich als besonders geeignet für die verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres und im Zusammenhang mit Ereignissen von besonderer pastoraler Bedeutung“
 
[9] Internationale Theologische Kommission, Versöhnung und Buße, 29. Juni 1983, A,II,2.
 
[10]Benedikt XVI, Katechese bei der Generalaudienz, 26. September 2012: „Gott hat uns das Wort geschenkt, und die heilige Liturgie bietet uns das Wort an; wir müssen ins Innere der Worte, in ihre Bedeutung eintreten, sie in uns aufnehmen, uns in Einklang bringen mit diesen Worten; so werden wir zu Kindern Gottes, Gott ähnlich“.
 
[11] J. Ratzinger, Vom Geist der Liturgie, in: Gesammelte Schriften XI, Freiburg 22008, 152f.: „Das Kreuz ist ein Passionszeichen, es ist zugleich ein Auferstehungszeichen; es ist sozusagen der rettende Stab, den Gott uns hinhält, die Brücke, auf der wir den Abgrund des Todes und alle Drohungen des Bösen überschreiten und zu ihm gelangen können. […] So können wir sagen, das im Kreuzzeichen mit der trinitarischen Anrufung das ganze Wesen des Christentums zusammengefasst, das unterscheidend Christliche dargestellt ist.“
 
[12] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 24. November 2013, 24.