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"Das Christentum und die Religionen":
VORSTELLUNG des Dokuments der
Internationalen Theologischen Kommission
+ Luis F. Ladaria
1996 veröffentlichte die Internationale Theologische Kommission das Dokument
„Das Christentum und die Religionen“. Als sich im Dezember 1992 die Mitglieder
der Kommission trafen, sprachen sie sich mit großer Mehrheit für eine
theologische Untersuchung des theologischen Problems der Religionen in ihrem
Quinquennium (1992-1997) aus. Das Thema war zu dieser Zeit bereits in Diskussion. Ganz offensichtlich handelte es sich um eine theologische Frage, die
einer weiteren Klärung bedurfte; so erklärt sich das Interesse der
Theologischen Kommission. Auch wenn seit der Veröffentlichung des Dokumentes bereits
einige Jahre vergangen sind, bleibt doch das Interesse an der Frage lebendig und
der Text ist nach wie vor aktuell. Daher kommt es, dass er nach wie vor übersetzt
und in verschiedenen Sprachen neu herausgegeben wird. Diese kurze Einführung
möchte den Kontext des Dokumentes herausstellen und eine knappe Lesehilfe anbieten.
Historischer und lehramtlicher Kontext
Das
Zweite Vatikanische Konzil stellt einen großen Fortschritt in der Vertiefung
der katholischen Sicht auf andere Religionen dar. Deutlich mehr als zuvor wurden
diese nun in einem positiven Licht gesehen, zumindest in den offiziellen
kirchlichen Dokumenten. Das Konzil konnte nicht umhin, eine bessere Kenntnis der
Kulturen und der verschiedenen religiösen Traditionen widerzuspiegeln, die
offenbar dazu beigetragen hatte, die neue Mentalität herbeizuführen. Man braucht
nur die Nummern 16 und 17 der dogmatischen Konstitution
Lumen
gentium zu lesen, sowie die Konzilserklärung
Nostra
aetate oder das Dekret
Ad
gentes
9 und 11. Ganz entgegen der Intention und dem tatsächlichen Wortlaut der
Dokumente machte sich in der Folge allerdings ein gewisser religiöser
Relativismus breit in einigen Umfeldern der nachkonziliaren Jahre, als ob alle
Religionen im Bezug auf das Heil von gleichem Wert wären; der missionarische
Eifer ließ nach, und die einzige und universale Mittlerschaft Christi wurde
in Frage gestellt. In dieser Situation gab Papst Johannes Paul II.
1986, 25 Jahre nach Abschluß des
Zweiten Vatikanischen Konzils und des
Dekrets
Ad
gentes
und 15 Jahre nach der Veröffentlichung des Nachsynodalen
Apostolischen Schreibens
Evangelii
nuntiandi, die Enzyklika
Redemptoris
missio über die bleibende Gültigkeit des Missionsgebots
heraus. Dieses
Dokument bestätigt ebenso die Pflicht der Kirche, Christus zu verkünden, wie es
auch eine tiefe Wertschätzung von Kulturen und Religionen im Kontext der
einzigen und universalen Mittlerschaft Christi bezeugt. 1992 veröffentlichten
der Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog und die Kongregation für die
Evangelisation der Völker gemeinsam die Instruktion Dialog und Verkündigung.
Wenn die Theologische Kommission ihrem Auftrag nachkommen wollte, musste sie
notwendigerweise auf diese Bezugspunkte, besonders
Redemptoris
missio,
eingehen. Die offenere und positivere Wertschätzung anderer Religionen musste
unterdessen in keiner Weise dazu führen, die eigenen Glaubensinhalte zu
relativieren. Eine aufmerksame Betrachtung der lehramtlichen Äußerungen zu
diesem Thema seit dem
Zweiten Vatikanischen Konzil zeigt vielmehr, dass der
Ausgangspunkt aller Überlegungen stets das unbezweifelbare Faktum von Gottes
universalem Heilswillen und der einzigen und universalen Mittlerschaft Christi
ist. Näherhin geht es darum zu überlegen, wie dieses Heil alle Menschen
erreichen kann und auf welche Weise Christus und sein Geist in der ganzen Welt
wirken. Im Ausgang dieser Überlegungen steht die Überzeugung, dass es keinen
anderen Weg als Christus zum Vater gibt und dass nur in der Kirche, die in
Christus Sakrament, das heißt Zeichen und Instrument der Einheit der Menschen
mit Gott und miteinander (vgl.
LG 1), ist und die in der Katholischen
Kirche subsistiert (vgl. ebd. 8), die Fülle der Heilsmittel zu finden ist, die
Gott den Menschen in seiner unendlichen Güte gewährt. Gegründet auf diese
grundsätzlichen Wahrheiten begann die Internationale Theologische Kommission ihre Arbeit. Es ging
ihr darum zu ergründen, ob sich in der Linie der lehramtlichen Hinweise ein
positiver Beitrag anderer Religionen für das Heil ihrer Mitglieder finden ließe,
in vollem Bewusstsein der Zweideutigkeit eines solchen Beitrags. Im Jahr 2000,
vier Jahre nach der Veröffentlichung des Dokuments Das Christentum und die
Religionen, gab die
Kongregation für die Glaubenslehre die Erklärung
Dominus Iesus über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und
der Kirche heraus. In direkter und klarer Sprache weist die Erklärung auf einige
wesentliche und unwiderrufliche Punkte der katholischen Lehre zu diesen Fragen
hin und zeigt verschiedene Studienfelder auf, die noch einer weiteren Vertiefung
bedürfen. Der Text gehört literarisch zu einer anderen Gattung und unterscheidet
sich deshalb
im Stil vom Dokument der Internationalen Theologischen Kommission, das eine größere Menge
an Daten sammelt, verschiedene Positionen diskutiert und sich erlaubt, einige Hypothesen
anzubieten. Es ist selbstverständlich, dass ein lehramtliches
Dokument nüchterner und direkterer Natur sein muss.
Nach diesen allgemeinen Überlegungen und der Darstellung des geschichtlichen
Kontextes des Dokuments sollen nun die einzelnen Teile des Dokuments beleuchtet werden. Zuvor aber noch ein Gedanke zum Titel:
Das Christentum und die Religionen. Die Formulierung umging die Schwierigkeit, ob das Christentum
als eine mit anderen Religionen vergleichbare Religion behandelt werden kann oder nicht. Wenn
hier dabei von „Religionen“ gesprochen wird, statt den Begriff
„nicht-christliche Religionen“ zu verwenden, so sollte auf diese Weise eine
„negative“ Definition vermieden werden, die sie über das definiert, was sie
nicht sind.
Erster Teil: Status quaestionis
Bei der Erstellung des Dokumentes war es nötig, auf die verschiedenen Versuche
einer Klassifikation der gängigen theologischen Positionen zum Problem der
Religionen hinzuweisen. Einige sprachen von der Beziehung des Christentums zu
den Religionen unter dem Aspekt der „Erfüllung“ der menschlichen Sehnsüchte und
sahen so in ihnen sowohl Momente der Hoffnung wie auch Schwierigkeiten. Andere
hingegen sprachen mit einem größeren Optimismus von der „Gegenwart“ von
Elementen des Heils in den Religionen, sofern diese nämlich als sozialer
Ausdruck von Gottesbeziehung gesehen werden, die auf ihre Weise die Annahme des
Heils erleichtern können. Dieser größere „Optimismus“ verhinderte nicht, dass
man nicht zugleich auch Elemente der Unwissenheit, der Sünde oder gar der
Verderbnis (Nr. 4) benannte. Die besten Theologen waren sich einig, dass das
Phänomen der Religion in all seinen Schattierungen immer zweideutig ist.
Die Mehrzahl der katholischen Theologen, neben den erwähnten Ausnahmen, bewegt
sich auf einer christozentrischen Linie, das heißt sie haben als Ausgangspunkt die
Überzeugung, dass Christus der Erlöser aller ist und dass sich nur in ihm der
Heilswille Gottes erfüllt. Deshalb kann seine Mittlerschaft auch alle Menschen
in jedweder, auch religiöser, Situation erreichen. Aus diesem Grund sprach man
von einer „inklusivistischen“ Tendenz, insofern das Heil Christi prinzipiell
allen Menschen zugänglich ist, weil Gottes Gnade in der einen oder anderen Weise
alle erreicht (Nr. 11).
Dieser Tendenz steht die „exklusivistische“ Linie
gegenüber, von anderen auch „ekklesiozentrische“ Linie genannt, die zu jener Zeit nicht von allen Theologen
vertreten wurde, weil die lehramtlichen Äußerungen keine enge Interpretation des
Prinzips extra Ecclesiam nulla salus erlaubten (Nr. 10). Als
problematisch wurde allerdings auch die entgegengesetzte, „pluralistische“
Richtung erachtet, die in unterschiedlicher Weise eine Vielzahl von Heilswegen
vertrat. Diese Auffassung wurde von jenen vertreten, die den Christozentrismus
als unzureichend erachteten und meinten, dass daher nur ein „Theozentrismus“ der
Unbegreiflichkeit und Transzendenz Gottes Rechnung tragen könne. Kein konkreter
Heilsweg könne eine Exklusivität der Offenbarung für sich beanspruchen. Es gebe
verschiedene Ausdrucksformen des göttlichen Logos, der sich aber in keiner
Religion vollständig manifestiert habe (Nr. 12). Ganz offensichtlich trat man
hier mitten ins Herz der christologischen und soteriologischen Diskussionen. Die
Frage nach der Wahrheit (Nr. 13-15) und der ausdrücklichen Verkündigung Christi
(Nr. 23-26) konnte nicht zugunsten einer momentären Dialogsituation beiseite
gelegt werden.
Vor diesem Hintergrund entwickelte die Internationale Theologische Kommission drei grundlegende
Aufgaben als Empfehlung für eine christliche Theologie der Religionen (vgl. Nr.
7): (a) das Christentum wird sich selbst im Kontext einer Vielzahl von
Religionen verstehen und besonders über seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit
nachdenken müssen. (b) Es wird die Bedeutung und den Wert der anderen Religionen
für die Heilsgeschichte zu bedenken haben. (c) Man wird die konkreten Inhalte
der Religionen untersuchen müssen, um sie mit dem christlichen Glauben zu
konfrontieren. Dieser dritten Empfehlung konnte das Dokument selbst nicht
nachkommen, weil es an Experten in der Internationalen Theologischen Kommission fehlte, die diese
tiefere Untersuchung hätten vornehmen können. Auch die anderen beiden Themen
wurden nicht systematisch behandelt; man erarbeitete aber wesentliche Elemente
für ein solches Studium. Beides, die Bedeutung der Universalität des
Christentums und der Wert der anderen Religionen für die Heilsgeschichte, wird an
verschiedenen Stellen der Ausführungen erwähnt.
Zweiter Teil: Die grundlegenden theologischen Voraussetzungen
Die Antwort auf die benannten Fragen zum Verhältnis des Christentums zur
Vielzahl der Religionen und ihrer Wertung hängt von einer Reihe
fundamentaltheologischer Fragestellungen ab. Das Dokument behandelt diese in
folgender Reihenfolge: die Initiative des Vaters im Erlösungswerk, die
Einzigkeit der Mittlerschaft Christi, die Universalität des Wirkens des Heiligen
Geistes und die Kirche als universelles Sakrament des Heils.
Es ist an dieser Stelle nicht nötig, näher auf den ersten Punkt einzugehen, und
auch das Dokument (Nr. 28-30) verzichtet darauf. Wir wollen daher nur auf die
Wichtigkeit des biblischen Kontextes von 1 Tim 2,3-6 hinweisen: der erlösende
Gott möchte, dass alle Menschen zum Heil und zur Wahrheit gelangen. Dieser
universale Wille ist verknüpft mit der alleinigen Mittlerschaft Jesu Christi.
Der Vater hat bereits vor der Erschaffung der Welt seinen Heilsplan in Christus
entworfen und möchte alles in ihm neu beginnen (vgl. Eph 1,4-10). Der Vater
zeigt sich nicht nur als Ursprung seines Heilswerkes, sondern auch als das Ziel,
auf das es zuläuft (vgl. 1 Kor 15,28).
Das Thema der Mittlerschaft Christi nimmt einen größeren Platz ein (Nr. 32-49).
Einige Tendenzen der 90er Jahre wiesen die universale Heilsmittlung nur dem
ewigen Logos zu, nicht dem fleischgewordenen, gestorbenen und
auferstandenen Sohn. Diese These steht im Widerspruch zu einigen zentralen
Texten des Neuen Testaments (vgl. 1 Tim 2,5; Apg 4,12). So ist es notwendig, die
universale Heilsmittlung Jesu, des fleischgewordenen Sohnes, festzuhalten. Die
universale Bedeutung Christi wird auf verschiedenen Ebenen unterstrichen.
Zunächst wendet sich das Heil Christi an alle Menschen: uns allen muss das
Evangelium verkündet werden (vgl. Mt 28,16-20; Mk 16,15-18; Apg 1,8). Allerdings
können wir fragen, ob diese Universalität auch noch auf einer anderen Ebene
entdeckt werden kann, nämlich in den Menschen, denen die Botschaft verkündet
werden soll, und zwar noch bevor sie die Botschaft annehmen. Im Neuen Testament
lassen sich einige Hinweise darauf finden: Jesus ist nicht nur der Mittler der
Erlösung, sondern auch der Schöpfung, und beide Dimensionen sind miteinander
verbunden (vgl. Kol 1,15-20). Die paulinische Parallele von Christus und Adam
zeigt die allgemeine Bedeutung Jesu (vgl. Röm 5,12-21; 1 Kor 15,20-22.44-49).
Nach Joh 1,9 ist Jesus das Licht, das in die Welt gekommen ist, um jeden
Menschen zu erleuchten. Auf 1 Tim 2,5 haben wir bereits hingewiesen. In einer
Begrifflichkeit, die sicherlich noch zu definieren und zu präzisieren ist,
spricht das Neue Testament über die Bedeutung Jesu von Nazareth, des
fleischgewordenen Sohnes, für alle Menschen. Aus diesem Grund schließt das
Dokument: „Weder die Einschränkung des Heilswillens Gottes noch die Annahme von
Mittlerschaften parallel zu der Jesu, noch die Zuweisung dieser universalen
Mittlerschaft an den ewigen und nicht mit Jesus identifizierten Logos ist mit
der neutestamentlichen Botschaft verträglich“ (Nr. 39).
Das Dokument fährt fort, indem es einige Hinweise der patristischen Theologie
wiedergibt, die das jüngere Lehramt, besonders das Zweite Vatikanum und der sel.
Johannes Paul II., verschiedentlich aufgegriffen hat, um über die universale
Gegenwart Christi zu sprechen: die semina Verbi. Wir finden das Prinzip
beim hl. Justinus und dem hl. Clemens von Alexandrien. Es weist darauf hin, dass
zu jedem Menschen stets nur ein Bruchstück jener Wahrheit gelangt ist, deren
Fülle allein in Jesus, dem Logos, gefunden werden kann. Außerdem findet sich der
Gedanke der Vereinigung des Gottessohnes mit allen Menschen durch seine
Menschwerdung und die christologische Dimension der Gottebenbildlichkeit, die
das Konzil in GS 22 mit einem bekannten Passus von Tertullian [1]wieder
ins Gedächtnis ruft. All diese Hinweise der Überlieferung scheinen darauf
hinzudeuten, dass die heilbringende Bedeutung Christi nicht auf jene beschränkt
ist, die ihn kennen. Deshalb weist das Dokument darauf hin, dass nur im Kontext
der universalen Wirkmacht Christi und des Geistes Wert und Bedeutung der anderen
Religionen erfasst werden kann. In diesem Sinne unterstreicht es auch mit aller
Deutlichkeit, dass das Heil für alle Menschen dasselbe ist, und dass es keine
unterschiedliche Heilsökonomie gibt für diejenigen, die an Jesus glauben, und
solche, die einer anderen Religion zugehören oder nicht an ihn glauben. Es gibt
keinen gesonderten Weg zu Gott, der nicht über den Weg führt, der Christus
selber ist (vgl. Joh 14,6) (vgl. Nr. 49).
Im Anschluss richtet die Internationale Theologische Kommission ihre Aufmerksamkeit auf die
Universalität der Gabe des Heiligen Geistes (Nr. 50-61). Tatsächlich kann die
universale Aufgabe Christi nicht verstanden werden ohne das Wirken des Geistes,
durch das das Christi Werk erst universal wird. Der Heilige Geist war schon
gegenwärtig im Alten Testament, aber erst als Gabe des auferstandenen Herrn wird
er der Kirche und der Menschheit in seiner Fülle mitgeteilt. Bei Christi Taufe
im Jordan war der Geist auf ihn als Haupt der Menschheit herabgekommen, damit
er durch diese Salbung auch auf die Glieder seines Leibes übergehen konnte. Ohne
den Geist erreicht Christi Heil die Menschen nicht. Die Kirche ist der
privilegierte Ort für das Wirken des Geistes, aber bereits im Neuen Testament
lässt sich sehen, dass dieses Wirken auch der Verkündigung vorausgeht (vgl. Apg
10,19.44-47). Betrachtet man das Pfingstfest (Apg 2,1ff.) in diesem Kontext, so
zeigt es sich als Ereignis, das die Zerstreuung von Babel (vgl. Gen 11,54)
überwindet und so als Hefeteig der Einheit unter den Völkern wirksam wird. Diese
Gabe hat daher eine universale Bedeutung. Vor allem aber unterstreicht das
Dokument nachdrücklich, dass die Gabe des Geistes vom auferstandenen Herrn
stammt, der zur Rechten des Vaters aufgefahren ist. So lautet die beständige
Lehre des Neuen Testaments. Der Geist wurde uns gegeben als Geist Christi, des
gestorbenen und auferstandenen Sohnes. Der „Wirkungskreis“ des Geistes ist nicht
größer als der Christi; man „kann also nicht an ein universales Wirken des
Heiligen Geistes denken, das mit dem universalen Wirken Christi nicht in
Verbindung stünde“ (Nr. 58). Auf diesem besonderen Punkt bestand auch die
Erklärung Dominus Iesus. Der Geist kommt von Christus und führt jeden zu
Christus. Die Menschheit Christi ist der Ort der Anwesenheit des Geistes in der
Welt und der Beginn seiner Ausgießung. Das Wirken des Geistes in der Kirche und
seine universale Gegenwart müssen zwar unterschieden, dürfen aber in keinem Fall
getrennt werden.
Gerade diese Universalität erhebt die Kirche zum universalen Heilssakrament (Nr.
62-79). Es ergibt sich die Frage, ob sich die Bedeutung der Kirche auch auf jene
erstreckt, die ihr nicht zugehören. Weil dies auf den ersten Blick verneint zu
werden scheint, wird die Heilsnotwendigkeit der Kirche in zwei Weisen
verstanden: die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu ihr und die Notwendigkeit
ihres Dienstes für das Kommen des Gottesreiches. Erleuchtet durch die neuen
Perspektiven des Zweiten Vatikanischen Konzils ergibt sich ein neuer Blickwinkel
auf den alten Satz des extra Ecclesiam nulla salus: er betrifft die Frage
nach der Zugehörigkeit aller Erlösten zur Kirche als Leib Christi und besonders
ihren Heilsauftrag in seiner dreifachen Ausprägung als martyria,
leitourgia und diakonia. Durch ihr Zeugnis verkündet die
Kirche die Frohe Botschaft an alle Menschen. In der Liturgie, „der Feier des
österlichen Geheimnisses, erfüllt die Kirche stellvertretend für das ganze
Menschengeschlecht ihre Sendung eines priesterlichen Dienstes. Auf eine Art, die
nach dem Willen Gottes für alle Menschen wirksam ist, macht sie Christus
gegenwärtig, der für uns ‚zur Sünde gemacht“ wurde‘ (2 Kor 5,21)“ (Nr. 77). In
der Diakonie ihrer Nächstenliebe bezeugt sie das Liebesgeschenk Gottes an
die Menschen. Es ist offensichtlich, dass in der Darstellung dieser Aspekte des
kirchlichen Wirkens als universales Heilssakrament nicht die gesamte Komplexität
des Themas erschöpft werden kann.
Dritter Teil: Einige Folgerungen für eine christliche Theologie der Religionen
Bis hierhin wurde noch nichts Konkretes über den Wert der Religionen an sich
gesagt. Indessen wurden die Grundlagen gelegt für die Behandlung des Problems.
Von hier ausgehend möchte die Kommission Richtlinien zur Vertiefung anbieten,
die noch nicht als definitive Lösungen verstanden werden wollen.
Die Frage, die in der Theologie der Religionen am meisten Aufmerksamkeit fand,
drehte sich um den möglichen Heilswert, der ihnen zukommt. Dies ist daher der
erste Punkt, dem sich die Internationale Theologische Kommission widmet (Nr. 81-87). Weder die
Konzilsdokumente noch die Enzyklika
Redemptoris
missio hatten die Frage
explizit behandelt, wenngleich die Anwesenheit von „Samen des Wortes“ in
Kulturen und Religionen zur Sprache kam, und auch die „Strahlen der Wahrheit“
und das Wirken des Geistes diskutiert wurden. Die Internationale Theologische
Kommission fragte, ob
dieser Art der Gegenwart und des Wirkens Christi und des Geistes in ihnen eine
Funktion zukommt, die über die Erfassung des letzten Ziels des Menschen, also
über die Erkenntnis seiner Heilsbedürftigkeit hinausgeht. Zu dieser
grundlegenden Überlegung zieht die Kommission vorsichtig einige
Schlussfolgerungen. Wörtlich sollen einige bedeutungsvolle Absätze zitiert
werden:
„Nach dieser ausdrücklichen Anerkennung der Gegenwart des Geistes Christi in den
Religionen kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, daß sie als solche
eine gewisse Heilsfunktion haben, das heißt, daß sie den Menschen helfen, ihr
letztes Ziel zu erreichen, und zwar trotz ihrer Ambiguität. In den Religionen
wird die Beziehung des Menschen zum Absoluten, seine transzendente Dimension,
thematisiert“ (Nr. 84). „In den Religionen ist derselbe Heilige Geist am Werk,
der die Kirche lenkt. Doch darf die universale Gegenwart des Heiligen Geistes
nicht mit seiner besonderen Gegenwart in der Kirche Christi gleich gestellt
werden. Auch wenn die Heilsrelevanz der Religionen nicht ausgeschlossen werden
kann, bedeutet dies nicht, daß alles in ihnen dem Heil dient. Man darf
die Gegenwart des Geistes des Bösen, das Erbe der Sünde, die Unvollkommenheit
der menschlichen Antwort auf das Handeln Gottes usw. nicht vergessen. Nur die
Kirche ist der Leib Christi, und nur in ihr ist die Gegenwart des Geistes in
ihrer ganzen Intensität gegeben. Daher kann niemandem die Zugehörigkeit zur
Kirche Christi und die Teilnahme an der Fülle der Heilsmittel, die sich nur in
ihr finden, gleichgültig sein (RM 55). Die Religionen können die Aufgabe einer
‚praeparatio evangelica‘ erfüllen, sie können die verschiedenen Völker und
Kulturen auf die Annahme des Heilsereignisses vorbereiten, das bereits
stattgefunden hat. In diesem Sinne läßt sich ihre Aufgabe nicht mit der des
Alten Testamentes vergleichen, die ja in der Vorbereitung auf
das Ereignis Christi selbst bestand (Nr. 85). „Das Heil wird
erlangt durch die Gabe Gottes in Christus, aber nicht ohne die
menschliche Antwort und Annahme. Die Religionen können auch zur
menschlichen Antwort beitragen, sofern sie den Menschen zur
Gottessuche bewegen, zum Handeln nach seinem Gewissen […]. In oben
Gesagtem
können die Religionen also ein Mittel sein, das zur Rettung ihrer Anhänger
hilft, aber sie dürfen nicht mit der Funktion gleichgestellt werden, die die
Kirche für die Rettung der Christen und der Nichtchristen wahrnimmt“ (Nr. 86).
„Die Aussage über die Möglichkeit der Präsenz von Heilselementen in den
Religionen schließt noch kein Urteil über die Gegenwart dieser Elemente in jeder
einzelnen konkreten Religion ein“ (Nr. 87).
Wenn auf der einen Seite die lehramtlichen Äußerungen von einer möglichen
Gegenwart des Geistes und der Samen des Wortes in den Religionen sprechen und so
die Möglichkeit von Elementen des Heils in ihnen bestätigen, so bedarf es doch
auf der anderen Seite der Vorsicht, die Ambivalenz des religiösen Phänomens
nicht zu vergessen. In jedem Fall ist eine eindeutige Benennung dieser Elemente
in den einzelnen Religionen zu vermeiden. Nur im besonderen Fall der Religion
Israels, wo eine wahrhaft göttliche Offenbarung erkennbar ist, lässt sich die
Anwesenheit solcher Elemente mit Sicherheit bestätigen.
Damit kommen wir zum Thema der Offenbarung, das eines der zentralen
Themen einer Theologie der Religionen ist und mit der sich der dritte Teil des
Dokuments befasst (Nr. 82-92). Die Grundposition lautet hier: „Nur in Christus
und in seinem Geist hat sich Gott voll und ganz dem Menschen mitgeteilt; nur
wenn sich diese Selbstmitteilung zu erkennen gibt, findet also die volle
Offenbarung Gottes statt“ (Nr. 88). Neben den Büchern des Neuen Testaments
gewähren nur die Bücher des Alten Testaments eine authentische Offenbarung. Sie
sind „Wort Gottes“, gelangen aber nur im Lichte Christi zu ihrer vollen
Bedeutung. Nur kanonische Bücher können daher als „inspiriert“ und „Wort Gottes“
gelten.
Die pluralistische Position, die bereits erwähnt wurde, nötigt dazu, sich mit
dem Problem der „Wahrheit“ im Kontext der Beziehungen und des Dialogs der
Religionen zu beschäftigen (Nr. 93-104). Sollte je der Eindruck aufgekommen
sein, dass dieses Thema beiseite gedrängt worden wäre, so beharrt das
vorliegende Dokument darauf, wie nötig es ist, diese Frage direkt in die
Überlegungen miteinzubeziehen und jeden Relativismus zu vermeiden. Die
kirchliche Lehre zur Frage der Religionen geht immer vom Zentrum der Wahrheit
des christlichen Glaubens aus. Die Wertschätzung von Gutem in anderen Religionen
gibt deren Anspruch auf Wahrheit nicht den gleichen Wert wie die Wahrheit des
eigenen Glaubens. Im Bezug auf die „pluralistische“ Theologie ruft die
Internationale Theologische Kommission die Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung:
auch wenn sich alle Religionen darin vereinen, Antworten auf die tiefsten Fragen
des Menschen zu geben, so lassen sich doch die Unterschiede zwischen ihnen nicht
einfach ignorieren. Auch wenn die Kirche nichts von dem verstößt, was wahr und
heilig in den Religionen ist, hat sie doch die Pflicht, Christus als den Weg,
die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6) zu verkündigen, als den Einzigen, in
dem die Menschen zur Fülle des religiösen Lebens gelangen können (vgl. Nr. 100).
Die einzige Grundlage eines ernsthaften interreligiösen Dialogs kann nur eine
differenzierte Theologie der Religionen sein. Die Inhalte des eigenen Glaubens
und seine ethische Grundlage können nicht durch den Dialog ihrer
Allgemeingültigkeit beraubt werden. Der Respekt vor der Verschiedenheit des Anderen
führt den Christen nicht dazu, das Herz seines eigenen Glaubens an den dreieinen
Gott zu vergessen, der sich in Christus offenbart hat. Manchmal wird diese
Haltung als Dünkel und Arroganz missverstanden. Doch weil die Wahrheit Jesu
Christi immer im Dienst des Menschen steht, kann sie eigentlich nie in
dünkelhafter oder herrschsüchtiger Weise vertreten werden.
Als letztes widmet sich das Dokument dem interreligiösen Dialog (Nr. 105-113),
der bereits implizit in den Überlegungen zur Wahrheitsfrage eine Rolle spielte.
Er wird an dieser Stelle nicht ausführlich diskutiert, weil andere Dokumente
sich bereits dazu geäußert hatten. Der Christ wird mit zwei Themen konfrontiert:
Gott und Mensch. Im Bewusstsein um die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit
der Gottesvorstellungen oder des Absoluten in den verschiedenen Religionen geht
es darum zu verstehen, wie Gott und sein Verhältnis zum Menschen bei anderen
verstanden werden. Auch der Blick auf den Menschen kann dabei
durchaus differieren. Dabei ist es jedoch wichtig festzuhalten, dass der Dialog
immer eine Begegnung zwischen ganzen Menschen ist und mehr als ein bloß verbaler
Austausch. Die Begegnung findet statt in der allgemein-menschlichen Situation
auf der Suche nach Heil. So wird ein tieferes Verhältnis der Gleichheit erzeugt,
dass über den bloß menschlichen Dialog hinausgeht. Die Probleme des Menschen
sind nämlich keineswegs eine Ablenkung vom interreligiösen Dialog, sondern
vielmehr sein Nährboden. Als gemeinsamer Nenner aller Probleme der menschlichen
Verfasstheit zeigt sich der Tod. Vor diesem Hintergrund hallt der Ruf des
lebendigen Gottes besonders kraftvoll wider. Das grundlegende Zeugnis der
Christen gilt dem auferstandenen Christus und der Hoffnung auf seine Wiederkehr.
Schlussfolgerung: Dialog und Sendung der Kirche
Der Dialog hat seinen Ort im Kontext des kirchlichen Sendungsauftrags (Nr.
114-117), dessen Ausgangs- und Zielpunkt die Heilige Dreifaltigkeit ist. In ihr
manifestiert und verwirklicht sich die Sendung des ewigen Logos und des
Heiligen Geistes in der Heilsökonomie. Der Sendungsauftrag ergeht nicht so sehr
an die einzelnen Christen, sondern zunächst an die Kirche als ganze. Daher kann
es auch nicht darum gehen, Meinungen mitzuteilen, sondern Jesus Christus
anzubieten. Der Heilige Geist wird dabei stets die Herzen tiefer treffen als
alle menschliche Überzeugungskraft. Auch wenn ein Unterschied gemacht werden
muss zwischen dem Dialog und der Verkündigung des Evangeliums, darf doch auch
der Dialog nie seines Zeugnischarakters beraubt werden. Auf diese Weise kann er
praeparatio evangelica sein: „Das christliche Zeugnis ist hier noch nicht
die Verkündigung des Evangeliums, aber es ist ein integraler Bestandteil der
Sendung der Kirche als Ausstrahlung der in ihr durch den Heiligen Geist
ausgegossenen Liebe“ (Nr. 117).
AbschlieSSende Überlegungen
Das Dokument bewegt sich in zwei Richtungen: zum einen stellt es sich dar als
eine respektvolle Annahme der Werte anderer Religionen, ganz auf der Linie der
lehramtlichen Beispiele. Zum anderen geht es ihm darum, jeden Relativismus zu
vermeiden, indem es diese Religionen eben nicht als Heilsweg bezeichnet
– wenngleich die Möglichkeit nicht bestritten wird, dass einige ihrer Aspekte
ihren Anhängern durchaus zu Hilfsmitteln auf dem Weg des Heils werden können.
Dabei wird allerdings auch deutlich, dass es in den Religionen nicht nur Gutes
gibt, sondern auch Mängel, Unklarheiten und Fehler. Mögen sie auch einige
Strahlen der Wahrheit widerspiegeln, so sind sie doch nie von ihrer Fülle
erleuchtet.
Letztlich geht es vor allem darum, deutlich zu machen, dass alles, was in ihnen
gut und wertvoll ist, von Christus kommt und auf den Geist zurückzuführen ist,
der nach seiner Auferstehung vergossen wurde. An der Einzigkeit der
Mittlerschaft „des Menschen Jesus Christus“ (1 Tim 2,5) muss unter allen
Umständen festgehalten werden. Er ist der einzige Weg zum Vater (vgl. Joh 14,6),
und kein Weg, der nicht mit diesem konvergiert, kann wahr sein. Komplementäre
oder parallele Wege gibt es nicht. Aus diesem Grund kann niemand gleichgültig
bleiben vor der Begegnung mit Christus und der Eingliederung in seinen Leib, die
Kirche. Und darum hat auch die Kirche die ungebrochene Pflicht, Christus denen
zu verkünden, die ihn noch nicht kennen, bis zu seiner herrlichen Wiederkunft am
Ende der Zeit, wenn er kommt, zu richten die Lebenden und die Toten.
[1] De res. mort. 6,3: „Quodcumque limus exprimebatur, Christus cogitabatur,
homo futurus“.
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