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Das Wort Gottes hören – die Welt im Licht des Glaubens sehen

Vortrag an der Päpstlichen Universität Gregoriana anlässlich
des 50-jährigen Jubiläums der Promulgation der dogmatischen Konstitution
Dei Verbum
am 18. November 2015

Gerhard Card. Müller

 

1. Dei Verbum und die Rezeption des Konzils

Eminenzen, Exzellenzen, sehr geehrter Herr Rektor, Herr Dekan, sehr geehrte Damen und Herren!

Der Theologischen Fakultät der Päpstlichen Universität Gregoriana danke ich sehr für die Initiative dieses Kongresses, den sie auf Anregung der Kongregation für die Glaubenslehre organisiert.

Der Kongress steht in der Reihe von ganz verschiedenen Veranstaltungen weltweit, die seit 2012 aus Anlass des 50jährigen Jubiläums des Zweiten Vatikanischen Konzils an das jüngste Konzil der Kirche erinnert und seine Kenntnis vertieft haben. Fünf Jahrzehnte nach dieser großen Kirchenversammlung haben uns die Kongresse und Symposien geholfen, das Konzil selber wiederzuentdecken. Sie erinnern sich ohne Zweifel, wie eindrücklich uns Benedikt XVI. beim letzten großen Treffen mit den Priestern der Diözese Rom am 14. Februar 2013 das Konzil ans Herz legte, wie er in freier Rede aus dem unerschöpflichen Schatz seines Lebens und seiner theologischen Arbeit die großen Linien des Konzils zeigte, und wie er uns ermutigte, das Konzil der Väter, das Konzil der Kirche wiederzuentdecken, und nicht das „Konzil der Medien“ für das wahre Konzil zu halten.

In den vergangenen fünfzig Jahren wurde viel für das Konzil gehalten, was es nicht war, wurde selektiv gelesen und interpretiert, wurden Maßstäbe der Hermeneutik gewählt, die nicht im Konzil selber lagen. Einzelne Passagen und Dokumente wurden bevorzugt und gerne zitiert, andere wurden mit Stillschweigen übergangen.

Unter anderem wurde das wissenschaftstheoretische Ideal eines stilistisch und gedanklich einheitlichen Textes aus der Hand eines einzigen Autors höher geachtet als das Ergebnis eines langen, oft mühsamen, aber gemeinsamen Ringens des Konzils, das nicht nur eine synchrone Verständigung suchen muss, sondern auch diachron im Strom der Überlieferung stehen will. Texte des Konzils, die immer auch die Spuren dieses Ringens, der verschiedenen Strömungen und Entwicklungen an sich tragen, wurden von manchen Theologen als „Kompromisse der reziproken Unehrlichkeit“[1] diffamiert, die in einer Art Handel zwischen konservativen und progressiven Kräften entstanden seien und den sogenannten „Geist“ des von den Vätern Gewollten verraten hätten; besonders die Konstitution über die Offenbarung, die heute im Zentrum unserer Überlegungen steht, fiel unter dieses Verdikt. In solchen Urteilen machte sich eine falsche und verhängnisvolle Hermeneutik breit.

Ich möchte in diesem Zusammenhang an einen hilfreichen Hinweis erinnern, den der Liturgiewissenschaftler und Konzilstheologe Joseph Pascher schon bald nach dem Konzil gab. Er sagte: „So interessant der Geist derer ist, die am Konzil beteiligt waren, die Berufung auf diesen Geist bleibt nebelhaft und wäre selbst dann nicht unmittelbar theologisch relevant, wenn er durch statistische Untersuchung oder Meinungsanalyse aufgehellt würde. Theologisch bedeutsam wird der Geist dieser Menschen erst dadurch, dass er in den Konzilsbeschlüssen seinen Niederschlag gefunden hat.“[2]

Im Laufe der vergangenen Jahre, in denen die Jubiläen der Promulgation der einzelnen Konzilsdokumente den Weg des Konzils noch einmal nachzeichneten, klärte sich allerdings vieles. Das Konzil als Ganzes hat Autorität und alle seine Dokumente nehmen an dieser Lehrautorität, wenn auch in unterschiedlicher dogmatischer Verbindlichkeit, teil. Aber es zeigte sich in den letzten Jahren auch, dass vielleicht Texte, die zur Zeit des Konzils eine gewisse größere Aktualität und Modernität hatten als andere, und die natürlich oft angeführt wurden, um eine „Hermeneutik des Bruches“[3] zu stützen, dass solche Passagen mit dem Wechsel der Zeitumstände unter Umständen etwas an Leuchtkraft verloren haben, während andere Dokumente, die als schwierig galten, an Bedeutung wieder gewannen. Dei Verbum ist zweifellos ein solch differenzierter und anspruchsvoller Text, der überdeutlich die Spuren der langen Auseinandersetzungen um eine Konstitution De fontibus Revelationis, wie der ursprüngliche Titel hieß, noch an sich trägt. Wir brauchen die Details hier nicht aufzählen; es genügt der Hinweis, dass das Ringen um dieses Dokument das ganze Konzil durchzog. Vielleicht trug diese Dramatik des Reifens auch dazu bei, dass Dei Verbum heute eines der aktuellsten Konzilsdokumente ist.

Das Zweite Vatikanische Konzil wird immer wieder als das „Konzil über die Kirche“ bezeichnet.[4] Diese Kennzeichnung ist nur dann richtig, wenn wir mit einbeziehen, in welcher Weise das Konzil über die Kirche spricht. Die „erste Frucht des Konzils“[5], die 1963 nach nur einem Jahr Beratung verabschiedete Konstitution Sacrosanctum Concilium über die heilige Liturgie, beschreibt die Kirche als Ort der Anbetung des wahren Gottes, ja ihr Wesen und ihre Aufgabe besteht darin, jene anbetende Haltung einzunehmen, die Gott allein die Ehre gibt, und die Menschen in diesen wahren Gottesdienst mit hineinzunehmen. Nur unter diesem Aspekt konnte die Kirche Gegenstand des Konzils sein.[6]

Das Werden der dogmatischen Konstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung begann ebenfalls im Herbst 1962, zog sich aber bis in die VIII. öffentliche Sitzung am 18. November 1965 hin. Die Offenbarungskonstitution charakterisiert die Kirche bereits in ihren Anfangsworten programmatisch als hörende Kirche, als Kirche, die sich in Ehrfurcht dem Wort Gottes zuwendet: „Dei Verbum religiose audiens et fidenter proclamans…“. In seinem Kommentar zu Dei Verbum sagt Joseph Ratzinger: „Das Prooemium (…) zählt zu den glücklichsten Prägungen des Textes: Die Dominanz des Wortes Gottes, sein herrschaftliches Stehen über allem Reden der Menschen und über allem Tun auch der Kirche kommt schön zur Geltung. Die Kirche selbst wird in der Doppelgeste des Hörens und des Verkündigens gezeichnet. (…) Wenn es mitunter scheinen konnte, als tendiere das Konzil zu einer ekklesiologischen Selbstbespiegelung, in der die Kirche völlig in sich selber kreist und sich selbst zum zentralen Gegenstand ihrer Verkündigung erhebt, anstatt der ständige Verweis über sich selbst hinaus zu sein, so ist hier gleichsam das Ganze der kirchlichen Existenz nach oben aufgebrochen, ihr ganzes Sein in den Gestus des Hörens zusammengefasst, von dem allein ihr Reden kommen kann.“[7] Dieser Sicht kann man auch fünfzig Jahre nach Dei Verbum uneingeschränkt zustimmen. Durch die Hinordnung der Kirche auf das Wort Gottes ist Dei Verbum ein ekklesiologisches Schlüsseldokument des Zweiten Vatikanischen Konzils geworden.

Welche Wirkung hatte nun diese wichtige Konstitution in den Jahren seither?
 

2. Einige Momente aus der Wirkungsgeschichte von Dei Verbum

Dei Verbum entwickelte, wie man nach fünfzig Jahren ohne Zögern sagen kann, eine reiche und überaus positive Wirkungsgeschichte. Ich möchte fünf Momente herausgreifen, die heute als selbstverständliche Dimensionen der Lehre der Kirche wahrgenommen werden, deren unangefochtene Präsenz in der Kirche aber im Wesentlichen der Offenbarungskonstitution zu verdanken ist.

a. Offenbarung als „Aufklärung“ durch Gott – Glaube als Licht

Es ist heute allgemein anerkannt, dass das personalistische Denken, wie es besonders von Martin Buber und Ferdinand Ebner entwickelt wurde, auch auf Dei Verbum eingewirkt hat. René Latourelle hat in einem Vergleich der Aussagen über die Offenbarung im Ersten und im Zweiten Vatikanischen Konzil diese Einflüsse sehr überzeugend gezeigt.[8] In vielen gelungenen Formulierungen zeigt Dei Verbum das Offenbarungsgeschehen als ein Handeln Gottes in der Welt und als ein Sprechen des Vaters mit seinem Volk bzw. – in der christologischen Prägung – als ein Gespräch des Bräutigams mit seiner Braut. In vielen Aussagen der Konstitution finden wir die Überzeugung der Kirche wieder, dass Gott selber einen Zugang zu seinem Leben schafft, dass derjenige, der den Menschen erschaffen hat, durch die Gabe der Tora und durch die Sendung der „Tora in Person“[9], des Logos selbst, die menschliche Vernunft, die Gott suchen und als solchen erkennen kann, erleuchtet. Nicht wir legen etwas in Gott hinein, was uns wichtig wäre und was wir „vergöttern“, wie es die Projektionstheorie des 19. Jahrhunderts behauptete, sondern Gott selber ist der Urheber der Offenbarung.

Diese Zuversicht durchzieht Dei Verbum wie ein roter Faden – nicht weil der Mensch von sich heraus Gott erkennen könnte, sondern weil Gott in der Geschichte sich mitgeteilt hat und der Mensch diese Mitteilung vernehmen kann.

Der Offenbarungsbegriff von Dei Verbum verweist nun in der Nummer 3 auf die Geschichte des Gottesvolkes als den Ort, an dem Gott zu den Menschen spricht und sie „erzieht“. Aus heutiger Perspektive kann man etwas bedauern, dass dieser Abschnitt der Konstitution, der eine Art christliche Theologie des Alten Testamentes bietet, die Geschichte zwischen der Erschaffung der Welt und dem Auftreten Jesu sehr gerafft hat, und wesentliche Etappen – wie zum Beispiel die Gabe der Gebote am Sinai – nur andeutet. Der Katechismus der Katholischen Kirche von 1992 hat auf diesen Mangel reagiert, in dem er im Abschnitt über die Offenbarung Dei Verbum ausführlich zitiert, aber doch auch das Volkwerden Israels, den Bund am Sinai und zum Beispiel den wichtigen Beitrag heiliger Frauen wie Sara, Rebecca, Rachel, Mirijam, Debora, Hanna und anderen eigens beschreibt, bevor er den Faden von Dei Verbum wieder aufnimmt, auf die Offenbarung in Jesus Christus zu sprechen kommt und in der Nummer 4 den bekannten Anfang des Hebräerbriefes zitiert: „Nachdem Gott viele Male und auf viele Weisen durch die Propheten gesprochen hatte, ‚hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns gesprochen im Sohn‘ (Hebr 1,1-2)“.

In diesem Artikel tritt nun zur Terminologie vom Sprechen Gottes die wichtige Lichtmetapher bzw. – von seiten des Menschen – das Sehen: Die Offenbarungskonstitution nennt Christus „das Wort, das alle Menschen erleuchtet“ und im Anschluss an das Johannesevangelium hält Dei Verbum  fest, dass, wer Jesus sieht, auch den Vater sieht (vgl. Joh 14,9). Damit soll betont werden: Der biblische Glaube ist Erkennen, ist Einsicht. Er ist gleichsam licht, hell, nicht eine Mischung aus Licht und Dunkel. Er ist klar, nicht diffus und deswegen für die Vernunft offen und im wahren Wortsinn „einleuchtend“ (evidente). Diese Vorstellung stimmt nun mit dem Vorigen überein: Denn die Offenbarung ist nicht eine willkürliche Mitteilung Gottes an einem Punkt der Welt und zu einer bestimmten Zeit, die anderen Völkern und Kulturen dieses Privileg vorenthält. Sie ist re-velatio, das heißt das Wegziehen eines Schleiers, einer Verdunklung, und das Hinführen zu einer Erkenntnis der Welt. Die Nummer 3 spielte, wie bereits erwähnt, auf das patristische Motiv der paideia Gottes an.

Wir dürfen uns zur Beschreibung dieses Vorgangs der Vokabel „Aufklärung“ bedienen, eines Wortes, das zu Unrecht vom Rationalismus quasi beschlagnahmt und gegen das Christentum verwendet wurde. Offenbarung ist in einem gewissen Sinn „Aufklärung durch Gott“, welche in dem langen Prozess, den die Heilige Schrift abbildet, durch eine lange Kette von gläubigen Generationen und durch die kontinuierliche Sammlung der Einsichten im Raum eines unscheinbaren Volkes die Religionen reinigte und zum vernünftigen Gottesdienst, der logike latreia, formte (vgl. Röm 1,12).

Dass es sich wirklich um „Aufklärung“, um ein Heraustreten aus der Dunkelheit handelt, beschreibt die Heilige Schrift an unzähligen Stellen: Das Buch Numeri erzählt, wie der Seher Bileam trotz eines entgegenstehenden Auftrags einen „Stern aus Jakob“ aufgehen sieht (Num 24,17). Dieses alttestamentliche Bild kehrt wieder in der matthäischen Erzählung der Magier, deren Suchen vom Stern, vom Licht von Betlehem, geführt wird. Schließlich werden die Jünger von Jesus nicht nur „Salz der Erde“, „Stadt auf dem Berg“, sondern auch „Licht für die Welt“ (Mt 5,13 f.) genannt. Bei Johannes verheißt er ihnen: „Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12), denn er ist selber „das Licht der Welt“ Joh 8,12).

In der Liturgie der Kirche hat diese Metaphorik einen starken Widerschein gefunden, weil sie mehr ist als eine rhetorische Figur: Sie spiegelt die Erfahrung der Glaubenden aller Jahrhunderte wider. Die Beter wenden sich nach Osten, denn von dort erwarten sie den Herrn, das wahre Licht: lux ex oriente. Die Feier der Osternacht ist ganz vom Gedanken des Lichtes durchzogen, nicht aus Sentimentalität, sondern weil gerade den Menschen aus den vorchristlichen Kulturen und Religionen, die oft mit der Dämmerung und dem Diffusen spielten, dieser aufklärerische, erleuchtende Charakter der biblischen Offenbarung besonders aufging.

Hier ist vielleicht Gelegenheit, wenigstens kurz daran zu erinnern, dass Dei Verbum nicht ohne Bedacht – neben Lehre und Leben der Kirche – auch die Liturgie als eine der drei Vollzugsweisen der Überlieferung genannt hat: „So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt“ (Nr. 8). Liturgie ist nicht ein Luxus, den sich die Kirche auch noch leistet zur ihrer Selbstdarstellung, und die deswegen von uns mal so, mal anders, nach den Gesetzen der Plausibilität und Attraktivität geformt werden könnte. Liturgie ist vielmehr ein locus theologicus, an dem das Volk Gottes über das in eine Lehre zu Fassende hinaus die nicht beschreibbare Dimension der Treue und Gegenwart Gottes vergegenwärtigt.[10] Die Praxis des Glaubens in der Liturgie geht, auch geschichtlich, dem reflektierten Glaubensbekenntnis voraus und hat auch deshalb eine eigene Relevanz für die Glaubenserkenntnis.[11]

b. Die Einheit von Offenbarung in Schöpfung und Geschichte

Ich möchte – wenigstens kurz – einen zweiten Aspekt aus der Offenbarungstheologie von Dei Verbum nennen, das in seinem gesamten 1. Kapitel das Offenbarungshandeln Gottes in einer umfassenden heilgeschichtlichen Schau beschreibt, und – indem es die besten Elemente des personalistischen und dialogischen Denkens aufnimmt – ein rein intellektualistisches Offenbarungsverständnis überwindet. Was in den wenigen Nummern von Kapitel 1 als geschichtlich-personaler Offenbarungsbegriff entfaltet wird, gehört heute zum selbstverständlichen Kern der katholischen Theologie. Die innere Einheit des „logosbestimmten göttlichen Handelns“[12] in Offenbarung und Schöpfung, wie sie die Nummer 3 von Dei Verbum betont, überwindet endgültig einen offenbarungstheologischen Extrinsezismus. Ihren jüngsten Widerhall fand diese Sicht in der Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus, in der er auf dem inneren Zusammenhang von Natur und Offenbarung, von Schöpfung und Erlösung besteht.[13]

c. Die Schrift als „Seele der Theologie“

Sodann gehört zu diesen von Dei Verbum gehobenen Schätzen, dass der modernen Bibelkritik ein legitimer Platz in der katholischen Theologie eingeräumt wurde, der weit über das bloße Akzeptieren einer Entwicklung in der wissenschaftlichen Theologie hinausging, weil es dem Charakter des Glaubens selber als einer auf einem factum historicum aufruhenden Geschichte von innen her wirklich entspricht. Damit wurde der Weg, den Pius XII. mit der Enzyklika Divino afflante Spiritu (1943) eröffnet hatte, konsequent weitergeführt und Schriftstudium und Schriftauslegung wieder in das Zentrum der Theologie gerückt. Das Studium der Heiligen Schrift, so sagt Dei Verbum mit Leo XIII., muss wieder „die Seele der heiligen Theologie“ werden[14], und der Verkündigung, der Katechese und Predigt Kraft und Lebendigkeit verleihen. Die Offenbarungskonstitution Dei Verbum dokumentiert zugleich, dass die Anerkennung der historisch-kritischen Exegese nur innerhalb der Neukonzeption des Offenbarungsbegriffes möglich war.[15] In einer Art innerkonziliarer Rezeption wurde dieses Ziel bereits im Dekret über die Priesterausbildung Optatam totius (Art. 16) aufgenommen.

Man kann im Blick auf die vergangenen Jahre dankbar feststellen, dass die Forderung von Dei Verbum vielfach Wirklichkeit geworden ist. Die Exegese, wo sie als wissenschaftliche Schriftauslegung im Raum der Kirche und in ihrem Dienst betreiben wird, hat nicht nur Theologie und Liturgie stärker mit ihrem Ursprung verbunden und ihre Sprache frischer und lebendiger werden lassen, sie hat auch vielen Gläubigen den Reichtum der Heiligen Schrift, die Menschlichkeit des Wortes Gottes und seine geschichtliche Gestalt erschlossen und so den Gläubigen gestärkt, um in der heutigen Zeit leben und den vielen Fragen, die an den Glauben gestellt werden, sicherer begegnen zu können.

d. Die Einheit der Schrift

Nicht zuletzt – und dies möchte ich als vierte Wirkung nennen – hat Dei Verbum das Bewusstsein für die innere Einheit der Heiligen Schrift aus Altem und Neuem Testament neu ins Bewusstsein gehoben. Das Konzept der einen Heilsgeschichte, wie es im Vorwort und in Kapitel 1 der Konstitution entfaltet wird, bot dazu den Rahmen. Man kann die ganze sich daraus ergebende Entwicklung als eine Ausfaltung des in der Nummer 16 zitierten Wortes des Heiligen Augustinus lesen: Novum Testamentum in Vetere latet et in Novo Vetus patet – „Der neue Bund ist im Alten verborgen und der Alte im Neuen erschlossen.“[16] Diese vom Konzil gelegte Spur wurde unter anderem durch die Päpstliche Bibelkommission konsequent mit wichtigen Dokumenten weiterverfolgt: 1993 wurde das Dokument „Die Interpretation der Bibel in der Kirche“ veröffentlicht; 2001 folgte der große Text „Das jüdische Volk und seine Heiligen Schrift in der christlichen Bibel“[17], ergänzt wurde diese Thematik 2014 durch das Dokument derselben Kommission „Inspiration und Wahrheit der Heiligen Schrift“. Auch eines der wichtigsten nachkonziliaren Dokumente des Lehramts, der vom heiligen Papst Johannes Paul II. veröffentliche Katechismus der Katholischen Kirche von 1992, hat die Offenbarungstheologie von Dei Verbum bekräftigt.

Wenn wir bedenken, dass heute in der protestantischen Theologie, wenn auch vereinzelt und isoliert, aber dennoch selbstbewusst wieder der absurde Versuch unternommen wird, die Einheit der Schrift aus Altem und Neuem Testament aufzulösen, indem man mit unmittelbarer Berufung auf Harnack (und damit letztlich auf Markion) dem Alten Testament die kanonische Dignität abspricht, dann können wir ermessen, in welch glücklicher Lage wir durch die Konstitution über die göttliche Offenbarung sind, die ein sicheres Fundament bietet und uns eine verlässliche Orientierung für Ekklesiologie und Exegese, für unser Verhältnis zum Judentum und unsere Beziehungen zu den Religionen an die Hand gibt.

e. Offenbarung als Erbarmen

Bevor wir uns im letzten Teil den Herausforderungen widmen, die sich heute einer Rezeption von Dei Verbum stellen, möchte ich noch einen letzten Aspekt erwähnen, der uns an der Schwelle zum „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“, das Papst Franziskus in wenigen Tagen eröffnen wird, einen wichtigen Hinweis geben kann.

In seiner ersten Enzyklika Lumen fidei hat der Heilige Vater ein Wort des heiligen Irenäus von Lyon zitiert, welches das Offenbarungsgeschehen, in das Abraham hineingenommen wurde, beschreibt: „Abraham, bevor er die Stimme Gottes hörte, suchte Gott bereits mit brennender Sehnsucht im Herzen und, indem er sich fragte, wo Gott sei, durchstreifte er die ganze Welt, bis Gott Erbarmen mit dem hatte, der allein ihn suchte.“[18]

Aus diesem Wort des heiligen Irenäus dürfen wir nicht nur den wichtigen offenbarungstheologischen Hinweis auf den Zusammenhang von Tun Gottes und Tun des Menschen entnehmen. Wir können vor allem daraus lernen, dass die Barmherzigkeit Gottes nicht nur dieser oder jene einzelne Akt der Vergebung unserer Sünden ist (das ist sie auch), sondern im Tiefsten die Mitteilung Gottes selbst. Die Offenbarung ist die grundlegende Barmherzigkeit Gottes, weil sie nicht eine interessante Bekanntgabe überzeitlicher Wahrheiten, sondern ein Geschehen der Kommunikation zwischen Gott und seinem Volk ist.[19] Sie ist, wie wir sagten, die von Gott herkommende „Aufklärung“ über Welt und Mensch. Deswegen ist für das biblische Zeugnis „Gott erkennen“ und ihn als Zuwendung, Liebe und Treue zu erkennen, eine unauflösbare Einheit. Sich einem wankelmütigen Volk und dem suchenden Herzen der Menschen zu offenbaren, ist Barmherzigkeit. Die Offenbarung ist Ausdruck der  Weisheit und  Güte Gottes, wie der Beginn der Nummer. 2 in einer sehr glücklichen Formulierung sagt.

Ich möchte nun aber noch den Blick auf einige Herausforderungen richten, denen wir heute gegenüberstehen.

 

3. Herausforderungen, vor denen wir heute stehen

a. Vorbemerkung

Ein Jubiläum in der Kirche, auch das Jubiläum eines lehramtlichen Dokumentes wie Dei Verbum, kann sich freilich nie darauf beschränken, nur einen historischen Blick auf einen Text zu werfen. Wir sollten nicht eine Erfolgsgeschichte zeichnen, zu der man sich im Rahmen eines gelehrten Kongresses gegenseitig beglückwünscht. Es müssen auch die Schwierigkeiten benannt werden, denn ohne Auseinandersetzung mit den Problemen gibt es keinen Fortschritt. Neben einer genetischen und einer analytischen Betrachtung, die ihre Berechtigung haben und die wir als Ausgangsposition nehmen müssen, sind wir zu einer theologischen Sicht herausfordert, die versucht, den Text auch in seiner heutigen Bedeutung zu lesen.

Der junge Theologe Joseph Ratzinger und der spätere Kardinal Alois Grillmeier SJ haben uns im deutschsprachigen „Lexikon für Theologie und Kirche“ 1967 detailliert und „aus erster Hand“ die Entwicklungsgeschichte der Offenbarungskonstitution und ihre wesentlichen Aspekte aufgeschlossen. Diese erste, textanalytische Aufgabe, ist also getan. Wie aber lautet die Botschaft der Konstitution heute, ein halbes Jahrhundert nach ihrer Promulgation? Welche Aussagen treffen uns Heutige besonders, unsere Situation, fordern uns heraus, helfen uns, unsere Lage zu verstehen und auf die gegenwärtigen Probleme zu antworten?

b. Dei Verbum auf dem Hintergrund der pluralistischen Religionstheologie

Heute scheint das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Selbstmitteilung Gottes, der an seinem Leben Anteil geben will, in vielen Bereichen, auch in der Theologie, ins Wanken geraten zu sein. Die Skepsis, dass der Glaube nicht erleuchte, sondern verdunkle, prägt die Bewusstseinslage vieler Zeitgenossen. Ja, noch mehr: Für viele moderne Menschen ist selbst die Idee einer Offenbarung obsolet geworden und der konkrete Weg, den diese Aufklärung in Judentum und Christentum genommen hat, scheint ihnen  schädlich zu sein. Die Kritik der biblischen Offenbarung an den Religionen und ihren Göttern wird verantwortlich gemacht für eine ungehinderte technische Indienstnahme der Natur, das klare Bekenntnis zum einen und wahren Gott im Monotheismus wird mit dem Vorwurf der inhärenten Intoleranz und Gewalttätigkeit belegt.

Nicht wenige meinen: Wesen und Auftrag des Glaubens ist gar nicht Aufklärung und Erkenntnis. Der Glaube soll vielmehr den Menschen mit dem dunklen Geheimnis des Transzendenten „berühren“. Religion muss nun nicht vernunftgemäß, sondern als „Erlebnis“ erfahrbar sein. Dem „Licht des Glaubens“ wird – wie die Enzyklika Lumen fidei sagt – vielleicht noch ein kleiner Raum zugestanden, in den die Vernunft nicht erhellend eindringt, oder es wird zu einem kleinen subjektiven Licht, das neben vielen anderen kleinen Lichtern leuchtet und nur einen winzigen Teil der Wahrheit sichtbar zu machen vermag.[20] Diese mystische – heute könnte man sagen: erlebnisorientierte – Gestalt von Religion, die weitgehend auf Inhalte, Dogmen und die Frage nach der Wahrheit verzichtet, scheint für viele unserer Zeitgenossen die einzig akzeptable Manifestation von Glauben zu sein. Von einer „Offenbarung“ zu sprechen, die sich sogar in einer Schrift manifestiert, die als Überlieferung weiterwirkt und so eine überpersonale, institutionalisierte Autorität ausbildet, ist in dieser Sicht ausgeschlossen.

Diese Denkweise, die vor allem im Westen Verbreitung gefunden hat, geht davon aus, dass Gott ein Geheimnis bleibe und keine Religion ihn ganz zeigen und benennen könne. Judentum und Christentum, also die institutionalisierten Gestalten des biblischen Glaubens seit Abraham, werden dann als zwei Formen unter die vielen „Religionen“ subsumiert. So werden besonders die offenbarungstheologischen Aussagen, wie sie in Dei Verbum systematisch dargestellt sind, ausgeblendet. Aus Kants Kritik der Erkenntnisfähigkeit haben viele den Schluss gezogen, keine einzelne Religion könne die volle Wahrheit besitzen, jede, auch das Christentum, habe nur eine verzerrte Teilwahrheit, betrachte alles durch eine bestimmte Linse. Deswegen wissen auch viele Christen nicht mehr, warum es sinnvoll ist, in fremden Kulturen zu missionieren, ja sie bedauern dies eher als historischen Fehler und lehnen es als möglichen heutigen Auftrag ab. In dieser Denkweise muss der Anspruch auf Wahrheit und die Möglichkeit, sie zu finden, aufgegeben werden, um „Dialoge“ führen und in Frieden mit anderen leben zu können. Diese pluralistischen Religionstheologie und mit ihr auch in gewissen Sinn die neuere „komparative Theologie“ haben viele Bereiche von Theologie und Katechese und das Denken vieler Christen besonders im Westen erfasst und stellen eine Herausforderung von der Dimension des Arianismus dar. Damit steht aber die ganze biblische Idee der Offenbarung Gottes in Frage.

Gerade der in der Dei Verbum entfaltete geschichtlich-personale Offenbarungsbegriff fordert uns dazu heraus, in das Gespräch mit anderen Kulturen und mit den Religionen einzutreten. Gott hat nicht Geheimwissen an einem Ende der Welt als privilegierte Informationen hinterlassen, um sie anderen Teilen der Menschheit vorzuenthalten. Wenn die Offenbarung ein gott-menschliches Geschehen der Kommunikation ist, dann ist sie nicht denkbar, ohne dass sie gehört und angenommen wird. Wenn Dei Verbum das Studium der Schrift ans Herz der Kirche legt, dann aus dem Grund, dass wir den Weg kennen, den die Offenbarung in der Geschichte genommen hat, der gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass Israel immer neu dazu hingeführt wurde, in Freiheit das „Joch des Gesetzes“ auf sich zu nehmen: „Darauf nahm [Mose] die Urkunde des Bundes und verlas sie vor dem Volk. Sie antworteten: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun; wir wollen gehorchen“ (Ex 24,7).

Dieses „Wir wollen gehorchen“ ist der Beitrag des Gottesvolkes zum Offenbarungsgeschehen, und wegen der natürlichen Abwehr des Menschen gegen einen fremden Willen, nicht weil Gott wählerisch oder sparsam mit seiner Offenbarung ist, ist sie nur an einem Punkt in der Welt und Menschheitsgeschichte zu finden gewesen und an das factum historicum des Volkes Israel und Jesu von Nazareth gebunden – auch wenn sie universal das Heil aller anzielt. Die Konzilsväter haben in der Nummer 5 von Dei Verbum das Vertrauen der Kirche hervorgehoben, dass Gott seinem Evangelium den Weg durch die Zeiten so unzweideutig bahnt, dass der Mensch dem Willen Gottes totum libere (ganz frei) anhängen kann und der vernehmbaren Offenbarung aus freien Stücke (voluntarie) zustimmen kann. Die partikuläre praeparatio Evangelica, die Dei Verbum in der Nummer 3 nachzeichnet, ist deswegen Ausdruck der Freiheit, die Gott dem Menschen einräumt. Das Hören-wollen ist nie eine kollektive Kategorie, sondern impliziert personale Entscheidungen. Darum – und dies ist die Erfahrung von Glaubenden aller Jahrhunderte – ist die Offenbarung nicht fragmentarisch und nebulös, sondern klar und hörbar, und doch immer wieder nur von wenigen wirklich angenommen.

Ich denke, dass man auf diesem Hintergrund eine Art Zwischenbilanz ziehen kann: In den sechziger Jahren hatte man die Aussagen des ersten Kapitels über die Offenbarung noch für einen nützlichen hermeneutischen Rahmen halten können, um den Raum auszumessen, den das Konzil für die Heiligen Schrift und für ihr Studium eröffnen wollte. Und tatsächlich hat Dei Verbum auch in dieser Weise positiv in die Kirche hineingewirkt. Die umfassende Bedeutung der Offenbarungskonstitution, besonders ihres offenbarungstheologischen Beitrags, kann man aber vielleicht erst heute, angesichts der pluralistischen Religionstheologie, erkennen. Dann wird auch sichtbar, dass das mühsame Ringen der Konzilsväter um die Offenbarung und ihre Weitergabe nicht umsonst war.

c. Die Frage der „Lebenswirklichkeiten“ als locus theologicus nach Dei Verbum Nr. 8

Ich möchte als letzten Punkt noch eine zweite Frage berühren, die meines Erachtens eine Herausforderung für Theologie und Lehramt darstellt und die es verdient, im Licht von Dei Verbum betrachtet zu werden.

Das Christentum ist keine Buchreligion, wie gerne gesagt wird, sondern Offenbarung Gottes in der Geschichte des Volkes, das er dazu erwählt hat. Deswegen hat auch das sola scriptura – Prinzip nie ausgereicht, um ein Maß für ein gläubiges Leben zu finden. Die katholische Theologie hat dagegen die Formel „Schrift und Tradition“ geprägt, aber sie hat im Grunde damit nichts Neues erfunden, sondern nur jenes Prinzip angewandt, das schon das Judentum von einer schriftlichen und einer mündlichen Überlieferung sprechen ließ.

Allerdings zog sich das Missverständnis, die Tradition sei eine unabhängige, zweite Quelle, die der Schrift verborgenes Offenbarungswissen enthalte, von der nachtridentinischen Ära bis unmittelbar in die Debatte über De fontibus Revelationis und machte einen Großteil der Schwierigkeiten aus, die sich 1962 und 1963 in der Konzilsaula zeigten. Die Tradition ist nicht unabhängige Quelle, sondern eine Bezeugungsinstanz der Offenbarung, das heißt der Widerhall, den die Offenbarung Gottes im Leben der Glaubenden findet, die sich in der hörenden Kirche ganz dem offenbarten Wort anvertrauen, und die das Wort der Schrift „nicht als Menschenwort, sondern, was es in Wahrheit ist, als Gotteswort annehmen“ (vgl. 1 Thess 2,13). Die Tradition ist Ausdruck des Wissens der Kirche, dass in Jesus Christus Gott definitiv gesprochen, vor allem sich selber endgültig und zugleich menschlich wahrnehmbar mitgeteilt hat, und dass dennoch der Weg des Verstehens nicht aufhört, ein Weg, für den die Zusage Jesu gilt, der Geist werde die Jünger in die ganze Wahrheit einführen und die Präsenz des Auferstandenen verbürgen „alle Tage bis ans Ende der Welt“ (vgl. Mt 28,20).

Hier fällt nun das Licht auf das, was man heute „Lebenswirklichkeiten“ nennt und zu einem locus theologicus erheben will. Die Überlieferung der Kirche, auch jene, die sich lebendig weiterentwickelte, wird heute gerne als „allgemeines Prinzip“ und „abstrakte Lehre“ verstanden oder als unerreichbares „Ideal“ gekennzeichnet, das keine „Anschlussfähigkeit an heutige lebensweltliche Konstellationen“ und deswegen auch keine Relevanz für den Menschen in seiner konkreten Situation habe.

Als Maß christlicher Existenz gilt weithin nicht mehr das Maß göttlicher Offenbarung und Liebe, sondern die biographische Dimension der irdisch-geschichtlichen Existenz begrenzter und sündiger Menschen. Dabei wird gerne auf Dei Verbum, Nr. 8 verwiesen, wo von der Weitergabe der Offenbarung gesagt wird: „Die (…) apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt: es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben.“

Es ist meines Erachtens eine falsche Sicht, wenn die Lehre der Kirche, ihre Tradition und die gelebte Wirklichkeit der Menschen unserer Zeit als Alternative gegeneinander gestellt werden. Dei Verbum weist hier in eine andere Richtung. Ich möchte dies etwas näher ausführen.

Es gibt eine schöne Notiz in der Exoduserzählung, die berichtet, Mose habe beim Auszug aus Ägypten auch die Gebeine des Patriarchen Josef mitgenommen (vgl. Ex 13,19). Das wird in der späteren Tradition so gedeutet, dass Israel mit zwei Laden im Gelobte Land angekommen sei, mit der Lade der Tora, der Gesetzestafeln, die Mose am Sinai von Gott empfangen hatte, und mit der Lade, welche die Gebeine des Josef enthielt. Es wurde so verstanden, dass die Lehre allein nicht genügt habe, das Volk zum Gehorsam zu bewegen, dass es auch das gelebte Zeugnis gebraucht habe. Die Kirche hat diesen Gedanken immer lebendig gehalten in der Verehrung der Heiligen, die ein „lebendiges Evangelium“ sind.

Was bedeutet das? Die Hinweise sagen uns, dass die für uns relevante „Lebenswirklichkeit“ nicht irgendeine lebensmäßige Realität, nicht eine Sache der Statistik oder der veröffentlichten Meinung ist, sondern die Lebenswirklichkeit des verwirklichten und gelebten Glaubensgehorsams (vgl. Röm 1,5) oder – christologisch gewendet – der Nachfolge Christi. Es ist richtig: Die Biographien der Menschen mit ihren Entwicklungen und Brüchen müssen ernst genommen werden. Denn auch wir Christen sollen uns kein Trugbild von unserem Leben machen. Wir müssen uns unserer Realität stellen. Aber wir zimmern daraus nicht eine Norm, wie Gott uns und die Welt sehen sollte, sondern wir konfrontieren dieses unser schwaches, gebrechliches Leben mit dem Plan Gottes, wir stellen es in das „Licht des Glaubens“, der zwar nicht alles weiß, aber alles erleuchtet.

Die „innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt“ ist ein Leben im Gottesvolk und mit ihm, in der Kirche und mit ihr auf dem Weg. Der „Fortschritt“ in der Kirche und das Wachstum der Überlieferung der Kirche, von denen Dei Verbum spricht, sind nicht Wucherungen entlang unserer veränderten Lebensgewohnheiten und mehrheitsfähigen Ansichten. Sie bedeuten vielmehr „ein Wachstum im Verstehen der ursprungsgebenden Wirklichkeit“[21]. Hier zeigt sich die Auswirkung eines gewissen Schwachpunkts der Offenbarungskonstitution, auf den bereits in der Konzilsdiskussion von verschiedenen Richtungen her hingewiesen wurde: es ist zuwenig die Frage nach den Kriterien für eine authentische Tradition bedacht. Der „Fortschritt“ der Tradition, von dem Dei Verbum spricht, kann sich nur in einem Leben einstellen, das an der Schrift und ihrer Lebenswirklichkeit Maß nimmt.

Ich glaube, es gibt wenig passendere Überlegungen zu diesem Grundverständnis eines gläubigen Lebens, als sie Dietrich Bonhoeffer, der noch 1945 von den Nazis ermordete protestantische Theologe, in seiner Regel für ein „Gemeinsames  Leben“ vorgelegt hat. In einem Abschnitt dieses Büchleins spricht er über die Wirkung der täglichen gemeinsamen Schriftlesung, die uns (ich zitiere) „mitten hineinversetzt in die heilige Geschichte Gottes auf Erden“[22]. Dann führt er aus:

„Nicht dass Gott der Zuschauer und Teilnehmer unseres heutige Lebens ist, sondern dass wir die andächtigen Zuhörer und Teilnehmer an Gottes Handeln in der heiligen Geschichte, an der Geschichte des Christus auf Erden sind, ist wichtig, und nur sofern wir dort dabei sind, ist Gott auch heute bei uns.  Eine völlige Umkehrung tritt hier ein. Nicht in unserem Leben muss sich Gottes Hilfe und Gegenwart erst noch erweisen, sondern im Leben Jesu Christi hat sich Gottes Gegenwart und Hilfe für uns erwiesen. (… ) Dass Jesus Christus starb, ist wichtiger, als dass ich sterbe, und dass Jesus Christus von den Toten auferweckt wurde, ist der einzige Grund der Hoffnung, dass auch ich auferweckt werde am Jüngsten Tag. Unser Heil ist ‚außerhalb unser selbst‘ (extra nos), nicht in meiner Lebensgeschichte, sondern allein in der Geschichte Jesu Christi finde ich es.“[23]

Vielleicht ahnen wir in diesem ungewöhnlichen Text, der durch das Martyrium seines Autors bestätigt wurde, was Offenbarung für den Menschen heute bedeuten kann. Wer hat heute den Mut, uns genau dies zu sagen: Dass eine „Theologie der Biographie“ nicht die Absegnung unserer faktischen Lebensverhältnisse ist, sondern in erster Linie eine Einfügung in die Biographie Jesu, in seine Verkündigung des Reich Gottes und in seine Sammlungsbewegung bedeutet? Dass nicht unsere Lebensgeschichte die Norm ist, sondern die Lebensgeschichte Jesu Christi, in die wir hineingenommen sind?

Dei Verbum ist aktuell, weil es – besonders in seinem offenbarungstheologischen Teil – von dieser „Umkehrung“ spricht. Unsere Biographien, so gebrochen und wackelig sie sein mögen, können das Material sein, mit dem Gott seine Geschichte weiterschreibt, sein Reich weiterbaut, ja: an dem kommende Generationen sehen können, dass „das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte“ wächst. Die eigentliche Lebenswirklichkeit ist, dass wir gerufen sind, an dieser Geschichte teilzunehmen, sie weiterzutragen, und dass sie uns das, was in der Welt passiert, transparent macht, und das Leben erleuchtet.

4. Schluss

Am Ende von Dei Verbum, in der Nummer 26, haben die Konzilsväter den Wunsch formuliert, „der Schatz der Offenbarung, der der Kirche anvertraut ist, erfülle mehr und mehr die Herzen der Menschen“. Auch wenn man bezüglich der Wirksamkeit und Reichweite kirchlicher Dokumente nüchtern sein muss[24], kann man fünfzig Jahre nach der Promulgation von Dei Verbum die begründete Hoffnung haben, dass auch die Konstitution über die Offenbarung unter dem Beistand des Heiligen Geistes weiter dazu beiträgt, den Schatz der Offenbarung zu entfalten.

 

 
[1] Vgl. M. Seckler, Über den Kompromiss in Sachen der Lehre, in: M. Seckler  u. a. (Hrsg.), Begegnung. Beiträge zu einer Hermeneutik des theologischen Gesprächs, Graz – Wien – Köln 1972, 45-75; 56; vgl. auch P. Eicher, Offenbarung. Prinzip neuzeitlicher Theologie, München 1977, 484; zum Ganzen: vgl. A. Buckenmaier, „Schrift und Tradition“ seit dem Vatikanum II. Vorgeschichte und Rezeption (Konfessionskundliche und kontroverstheologische Studien LXII), Paderborn 1996, 247-251.

 

[2] J. Pascher, Der „Geist des Konzils“ in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums, in: H. Fleckenstein u. a. (Hrsg.), Ortskirche – Weltkirche (FS J. Döpfner), Würzburg 1973, 357-370; 358.

 

[3] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der Römischen Kurie beim Weihnachtsempfang, 22. Dezember 2005, in: AAS 98 (2006), 40-53; 46.

 

[4] Vgl. K. Rahner / H. Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg 292002, 25.

 

[5] So der Buchtitel von B. Fischer (Hrsg.), Die erste Frucht des Konzils, Freiburg – Basel – Wien 1964 .

 

[6] Der Liturgie, so sagt Sacrosanctum Concilium, ist es eigen, „zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs“ (Nr. 2). Durch diese Charakterisierung der Liturgie trägt die Konstitution selbst zu einer vertieften Ekklesiologie bei, denn sie beschreibt darin auch Wesen und Auftrag der Kirche.

 

[7] J. Ratzinger, Einleitung und Kommentar zum Prooemium, zu Kapitel I, II und VI der Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“, in: LThK2 Ergänzungsband II, 504-528; 504 (JRGS 7/1, 715-791; 732).

 

[8] Vgl. R. Latourelle, La Révélation et sa transmission selon la constitution „Dei Verbum“, in : Gr 47 (1966), 1-40 

 

[9] J. Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg – Basel – Wien 2007, 142 f.

 

[10] Vgl. R. Voderholzer, Dogmatik im Geist des Konzils. Die Dynamisierung der Lehre von den Loci theologici durch die Offenbarungskonstitution „Dei Verbum“, in: TThZ 115 (2006), 149-166.

 

[11] Vgl. G. L. Müller, Die Liturgie als Quelle des Glaubens, in: ders., Mit der Kirche denken. Bausteine und Skizzen zu einer Ekklesiologie der Gegenwart, Würzburg 2001, 55-62.

 

[12] J. Ratzinger, Einleitung und Kommentar 508 (JRGS 7/1, 736).

 

[13] Vgl. Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si über die Sorge für das gemeinsame Haus, bes. Nr. 84 f.

 

[14] Vgl. Leo XIII., Enz. Providentissimus Deus, 18. Nov. 1893: AAS 26 (1893-94) 283; L. Leloir, La Sainte Écriture, ame de toute la théologie, in: Seminarium 18 (1966), 880-892.

 

[15] Vgl. G. L. Müller, Art. Exegese: V. Exegese und Systematische Theologie, in: LThK3 Bd. 3, 1101-1103.

 

[16] Augustinus, Quæst. in Hept. 2, 73: PL 34, 623.

 

[17] Darin das wichtige Vorwort des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, in: Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel (24. Mai 2001) (VAS 152), Bonn 2001, 3-8.

 

[18] Irenäus von Lyon, Demonstratio apostolicae praedicationis 24; SC 406, 117; zit. in: Papst Franziskus, Enzyklika Lumen fidei, Nr. 35.

 

[19] Vgl. G. L. Müller, Art. Exegese V, 1102.

 

[20] Vgl. Papst Franziskus, Enzyklika Lumen fidei, Nr. 3.

 

[21] J. Ratzinger, Einleitung und Kommentar 521 (JRGS 7/1, 760).

 

[22] Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, München 1976, 43.

 

[23] Bonhoeffer, 43f.; Hervorhebungen vom Verf.

 

[24] Vgl. Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute (2013), Nr. 25.

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