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VIDEOBOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER DIGITALEN KAMPAGNE
“TED COUNTDOWN” ZUR KLIMAKRISE

[Multimedia]


 

Guten Tag!

Wir leben in einem historischen Augenblick, der von schwierigen Herausforderungen gekennzeichnet ist. Die Welt ist erschüttert von der durch die Covid-19-Pandemie hervorgerufenen Krise, die eine weitere Herausforderung noch deutlicher macht: die sozio-ökologische Krise. Das stellt uns alle vor die Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen. Die Entscheidung zwischen dem, was zählt, und dem, was nicht zählt. Die Entscheidung, das Leiden der Armen weiterhin zu ignorieren und unser gemeinsames Haus, die Erde, zu misshandeln, oder uns auf allen Ebenen dafür einzusetzen, unser Handeln zu ändern. Die Wissenschaft sagt uns, jeden Tag mit größerer Genauigkeit, dass es dringend notwendig ist zu handeln – und ich übertreibe nicht, das sagt die Wissenschaft –, wenn wir eine Hoffnung haben wollen, radikale und katastrophale Klimaveränderungen zu vermeiden. Und dafür müssen wir dringend handeln. Das ist eine wissenschaftliche Tatsache.

Das Gewissen sagt uns, dass wir nicht gleichgültig sein dürfen gegenüber dem Leiden der Armen, den wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheiten und den sozialen Ungerechtigkeiten. Und auch die Wirtschaft selbst darf sich nicht auf Produktion und Verteilung beschränken. Sie muss unbedingt ihre Auswirkungen auf die Umwelt und die Würde des Menschen berücksichtigen. Wir könnten sagen, dass die Wirtschaft in sich selbst, in ihren Methoden, in ihrem Handeln kreativ sein muss. Kreativität. Ich möchte euch einladen, uns gemeinsam auf einen Weg zu machen. Auf einen Weg der Veränderung und des Handelns, der nicht so sehr aus Worten besteht, sondern vor allem aus konkretem und unaufschiebbarem Handeln. Ich nenne es »Weg«, weil es eine »Umstellung«, eine Veränderung erfordert!

Aus dieser Krise darf keiner von uns genauso hervorgehen wie vorher – kann keiner genauso hervorgehen wie vorher: Aus einer Krise kommt man nie genauso heraus wie vorher – und es wird Zeit und Mühe brauchen, um aus ihr herauszukommen. Man muss Schritt für Schritt gehen, den Schwachen helfen, die Zweifelnden überzeugen, sich neue Lösungen ausdenken und sich dafür einsetzen, sie voranzubringen. Aber das Ziel ist klar: im nächsten Jahrzehnt eine Welt aufzubauen, in der man auf die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen antworten kann, alle eingeschlossen, ohne die Möglichkeiten der zukünftigen Generationen zu gefährden. Ich möchte alle gläubigen Menschen, Christen und Nichtchristen, sowie alle Menschen guten Willens einladen, diesen Weg zu gehen, [ausgehend] von ihrem Glauben oder, wenn sie keinen Glauben haben, von ihrem Willen, vom eigenen guten Willen.

Eine jede und ein jeder von uns kann als Individuum und als Mitglied von Gruppen – Familien, Glaubensgemeinschaften, Unternehmen, Verbänden, Einrichtungen – einen bedeutsamen Beitrag leisten. Vor fünf Jahren habe ich die Enzyklika Laudato si’ geschrieben, die der Sorge um unser gemeinsames Haus gewidmet ist. Sie schlägt das Konzept der »ganzheitlichen Ökologie« vor, um gemeinsam auf die Klage der Erde, aber auch auf die Klage der Armen zu antworten. Die ganzheitliche Ökologie ist eine Einladung zu einer ganzheitlichen Auffassung vom Leben, aus der Überzeugung heraus, dass die ganze Welt miteinander verbunden ist und dass wir – wie die Pandemie uns in Erinnerung gerufen hat – voneinander abhängen, und dass wir auch von unserer Mutter Erde abhängen. Dieser Sichtweise entspringt die Notwendigkeit, andere Formen zu suchen, den Fortschritt zu verstehen und zu messen, ohne uns nur auf die wirtschaftliche, technologische, finanzielle Dimension und auf das Bruttosozialprodukt zu beschränken, sondern indem wir der ethischen, sozialen und erzieherischen Dimension zentrale Bedeutung geben.

Ich möchte heute drei Wege für das Handeln vorschlagen. Wie ich in der Enzyklika Laudato si’ geschrieben habe, erfordert die Veränderung und die richtige Orientierung für den Weg der ganzheitlichen Ökologie vor allem einen erzieherischen Schritt (vgl. Nr. 202). Der erste Vorschlag ist daher, auf allen Ebenen eine Erziehung zur Sorge für das gemeinsame Haus zu fördern, indem man das Verständnis entwickelt, dass die Umweltprobleme mit den menschlichen Nöten verbunden sind – das müssen wir von Anfang an verstehen: Die Umweltprobleme sind mit den menschlichen Nöten verbunden –; eine Erziehung, die auf den wissenschaftlichen Tatsachen und auf einem ethischen Ansatz gründet. Das ist wichtig: beide. Ich fühle mich ermutigt von der Tatsache, dass viele junge Menschen bereits eine neue ökologische und soziale Sensibilität besitzen und dass einige von ihnen großherzig für den Umweltschutz und für die Gerechtigkeit kämpfen. Als zweiter Vorschlag muss dann die Betonung auf Wasser und Nahrung gelegt werden. Der Zugang zu sicherem Trinkwasser ist ein wesentliches und allgemeines Menschenrecht. Er ist unverzichtbar, weil er über das Überleben von Menschen entscheidet und daher die Voraussetzung für die Ausübung jedes anderen Rechts und jeder anderen Verantwortung ist. Eine angemessene Ernährung für alle zu gewährleisten, durch Methoden nicht zerstörerischer Landwirtschaft, sollte außerdem das grundlegende Ziel des gesamten Zyklus der Nahrungsproduktion und -verteilung werden.

Der dritte Vorschlag betrifft die Energiewende: eine allmähliche, aber nicht zögerliche Ersetzung der fossilen Brennstoffe durch saubere Energiequellen. Wir haben wenige Jahre, die Wissenschaftler rechnen in etwa weniger als 30 – wir haben wenige Jahre, weniger als 30 –, um die Emissionen von Treibhausgasen in der Atmosphäre drastisch zu reduzieren. Dieser Übergang muss nicht nur rasch geschehen und in der Lage sein, den gegenwärtigen und zukünftigen Energiebedarf zu decken, sondern er muss auch auf die Auswirkungen auf die Armen, auf die Lokalbevölkerung und auf jene, die in den Sektoren der Energieproduktion tätig sind, achten. Ein Weg, um diesen Wandel zu fördern, besteht darin, die Unternehmen zur unaufschiebbaren Notwendigkeit zu führen, sich für die ganzheitliche Sorge für das gemeinsame Haus einzusetzen, indem sie Gesellschaften, die die Maßgaben der ganzheitlichen Ökologie nicht erfüllen, von Investitionen ausschließen und jene belohnen, die sich in dieser Übergangsphase konkret bemühen, Parameter wie Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und die Förderung des Gemeinwohls in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit zu stellen.

Viele katholische Organisationen und Organisationen anderer Glaubensgemeinschaften haben bereits die Verantwortung übernommen, sich in dieser Richtung einzusetzen. Denn die Erde muss bearbeitet und gepflegt, kultiviert und geschützt werden; wir können sie nicht weiter wie eine Orange auspressen. Und man kann sagen, dass es ein Menschenrecht ist, für die Erde Sorge zu tragen. Diese drei Vorschläge müssen als Teil eines großen Ganzen verstanden werden, eines gemeinsamen Handelns, um zu einer dauerhaften Lösung der Probleme zu gelangen

Das gegenwärtige Wirtschaftssystem ist unhaltbar. Wir stehen vor dem moralischen Imperativ und der praktischen Dringlichkeit, viele Dinge zu überdenken: wie wir produzieren, wie wir konsumieren. Wer müssen über unsere Kultur der Verschwendung, die Kurzsichtigkeit, die Ausbeutung der Armen, die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber, die Zunahme der Ungleichheit und die Abhängigkeit von schädlichen Energiequellen nachdenken. Alle Herausforderungen. Wir müssen darüber nachdenken. Die ganzheitliche Ökologie stellt uns ein neues Verständnis der Beziehungen untereinander und mit der Natur vor Augen. Das führt zu einer neuen Wirtschaft, in der die Produktion von Reichtum auf das ganzheitliche Wohlergehen des Menschen und auf die Verbesserung – nicht auf die Zerstörung – unseres gemeinsamen Hauses ausgerichtet ist. Sie bedeutet auch eine erneuerte Politik, verstanden als eine der höchsten Formen der Nächstenliebe. Ja, die Liebe ist zwischenmenschlich, aber die Liebe ist auch politisch. Sie bezieht alle Völker ein, und sie bezieht die Natur ein. Ich lade daher euch alle ein, diesen Weg einzuschlagen.

So habe ich es in Laudato si und auch in der neuen Enzyklika Fratelli tutti vorgeschlagen. Wie der Begriff »Countdown« schon sagt, müssen wir dringend handeln. Jeder von uns kann eine wertvolle Rolle ausüben, wenn wir uns alle auf den Weg machen, heute. Denn die Zukunft wird heute aufgebaut, und man baut sie nicht alleine auf, sondern in Gemeinschaft und in Eintracht. Danke!

 



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