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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 21. Juli 2004

 

Lesung: Psalm 119,105–112

105 (Nun) Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.
106 Ich tat einen Schwur, und ich will ihn halten: Ich will deinen gerechten Entscheidungen folgen. 107 Herr, ganz tief bin ich gebeugt. Durch dein Wort belebe mich!
108 Herr, nimm mein Lobopfer gnädig an, und lehre mich deine Entscheide!
109 Mein Leben ist ständig in Gefahr, doch ich vergesse nie deine Weisung.
110 Frevler legen mir Schlingen, aber ich irre nicht ab von deinen Befehlen.
111 Deine Vorschriften sind auf ewig mein Erbteil; denn sie sind die Freude meines Herzens.
112 Mein Herz ist bereit, dein Gesetz zu erfüllen bis ans Ende und ewig.

1. Nach der Unterbrechung wegen meines Aufenthaltes im Aosta-Tal nehmen wir jetzt in dieser Generalaudienz unsere Betrachtungen über die in der Vesperliturgie vorgeschlagenen Psalmen wieder auf. Wir befassen uns heute mit der 14. von 22 Strophen, aus denen sich Psalm 119 zusammensetzt, das herrliche Loblied auf das Gesetz Gottes, Ausdruck seines Willens. Die Anzahl der Strophen entspricht den Buchstaben des hebräischen Alphabets und bedeutet »Fülle«; jede Strophe besteht aus acht Versen und aus Worten, die mit dem jeweiligen im Alphabet nachfolgenden Buchstaben beginnen.

In unserem Fall ist der hebräische Buchstabe nun der Anfangsbuchstabe der Verse, die wir soeben gehört haben. Diese Strophe wird vom lichtreichen Bild ihres ersten Verses erhellt: »Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade« (V. 105). Der Mensch geht oft seinen Lebensweg in Dunkelheit, aber plötzlich wird die Finsternis vom Glanz des Wortes Gottes durchbrochen.

Auch Psalm 19 vergleicht das Gesetz Gottes mit der Sonne, wenn er bekräftigt: »Das Gebot des Herrn ist lauter, es erleuchtet die Augen« (19,9). Im Buch der Sprichwörter wird noch betont: »Denn eine Leuchte ist das Gebot und die Lehre ein Licht« (6,23). Und Christus stellt mit demselben Vergleich seine Person als endgültige Offenbarung vor: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Joh 8,12).

2. Der Psalmist setzt dann sein Gebet fort, indem er auf die Leiden und Gefahren des Lebens hinweist, das er führen muß und das erhellt und gestützt werden soll: »Herr, ganz tief bin ich gebeugt. Durch dein Wort belebe mich! … Mein Leben ist ständig in Gefahr, doch ich vergesse nie deine Weisung« (Ps 119,107.109).

Die ganze Strophe wird von einem dunklen Faden durchzogen: »Frevler legen mir Schlingen« (V. 110), bekennt der Beter noch, indem er sich eines dem Psalter wohlbekannten Bildes aus dem Bereich der Jagd bedient. Der Gläubige weiß, daß er auf den Wegen der Welt von Gefahren, Mühsal und Verfolgungen umgeben ist; er weiß, daß er immer auf Prüfungen gefaßt sein muß. Der Christ seinerseits weiß, daß er jeden Tag sein Kreuz nach Golgota tragen muß (vgl. Lk 9,23).

3. Dennoch bewahrt der Gerechte seine Treue: »Ich tat einen Schwur, und ich will ihn halten: Ich will deinen gerechten Entscheidungen folgen … Ich vergesse nie deine Weisung … Ich irre nicht ab von deinen Befehlen« (Ps 119,106.109.110). Ein ruhiges Gewissen ist die Stärke des Gläubigen: Seine Ausdauer im Gehorsam gegenüber den göttlichen Geboten ist die Quelle der Gelassenheit.

Dem entspricht dann die Schlußerklärung: »Deine Vorschriften sind auf ewig mein Erbteil; denn sie sind die Freude meines Herzens« (V. 111). Das ist die wertvollste Wirklichkeit, das »Erbteil«, das der Psalmist »bis ans Ende« (V. 112) mit wachsamer Sorgfalt und glühender Liebe bewahrt: die Weisungen und die Gebote des Herrn. Er will den Willen seines Gottes treu befolgen. Auf diese Weise wird er den Frieden der Seele finden, die dunkle Wirrnis der Prüfungen überwinden können und zur wahren Freude gelangen.

4. Erhellend sind in dieser Hinsicht die Worte des hl. Augustinus, der den Kommentar zu Psalm 119 mit einer Reflexion über das Thema der Freude beginnt, die aus der Befolgung des Gesetzes des Herrn erwächst: »Von Anfang an ermahnt uns dieser große Psalm zur Seligkeit, die jeder Mensch erwartet. Gibt es denn jemand (oder hat es jemand gegeben oder wird es jemand geben), der nicht selig sein will? Wenn es aber so ist, warum gibt es dann Einladungen auf ein Ziel hin, das der menschliche Sinn spontan anstrebt? … Liegt es vielleicht nicht daran, daß alle die Seligkeit erstreben, aber den meisten die Weise, sie zu erlangen, unbekannt ist? Ja, genau das ist die Lehre dessen, der mahnt: Selig die Makellosen auf dem Weg, die im Gesetz des Herrn wandeln.

Als wollte man sagen: Ich weiß, was du willst; du suchst die Seligkeit: willst du also selig sein, so sei makellos. Das erste suchen alle, wenige sorgen sich aber um das andere: ohne welches man aber das, was allgemeines Bestreben ist, nicht erlangen kann. Wo wird man dann makellos sein, wenn nicht auf dem Weg? Dieser ist nichts anderes als das Gesetz des Herrn. Selig deshalb diejenigen, die auf dem Weg ohne Makel sind, die im Gesetz des Herrn wandeln! Keine überflüssige, sondern eine notwendige Mahnung an unseren Geist« (Esposizioni sui Salmi, III, Roma, 1076, S. 1113).

Machen wir uns die Schlußfolgerung des großen Bischofs von Hyppo zu eigen, der die ständige Aktualität der Seligkeit hervorhebt, die denen verheißen ist, die sich bemühen, den Willen Gottes treu zu befolgen«.


„Herr, dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte" (Psalm 119, 105). In den Dunkelheiten irdischer Wege ist das Wort Gottes ein Licht, das nicht trügt und nicht erlischt. „Ein Licht für seine Pfade" braucht der Mensch, denn oft genug trüben Leiden und Zweifel seinen Blick. In Gottes Verheißungen finden wir Führung und Sicherheit.

Die Weisung Gottes verlangt Gehorsam auf Seiten des Menschen. Die Gebote des Herrn sind ein kostbares Erbe. Sie zu beachten schafft Freude und Zukunft. Die Kraft dazu verleiht uns Gott selbst. In Jesus Christus zeigt er uns den Weg, um die Prüfungen des Lebens zu überstehen und zur wahren Freude zu gelangen.

***

Von Herzen heiße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Christus sagt uns: „Ihr seid das Licht der Welt" (Mt 5, 14). Schenkt allen Menschen das Licht eurer guten Taten! Die Gnade des Herrn begleite euch allezeit.      

 



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