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APOSTOLISCHES SCHREIBEN

Der heilige Johannes von Ávila, Weltpriester,
wird zum Kirchenlehrer ernannt

Benedikt PP. XVI
Zum ewigen Gedächtnis

 

1.»Caritas Christi urget nos – Die Liebe Christi drängt uns« (2 Kor 5,14). Die in Jesus Christus offenbar gewordene Liebe Gottes ist der Schlüssel der persönlichen Erfahrung und der Lehre des heiligen Lehrmeisters aus Ávila, eines »Verkünders des Evangeliums«, der, da er immer in der Heiligen Schrift verankert und von der Leidenschaft für die Wahrheit erfüllt blieb, ein qualifizierter Gewährsmann für die »Neuevangelisierung « ist.

Der Primat der Gnade, die dazu anspornt, das Gute zu tun, die Förderung einer Spiritualität des Vertrauens und der universale Aufruf zu der als Antwort auf die Liebe Gottes gelebten Heiligkeit sind zentrale Punkte der Lehre dieses Weltpriesters, der sein Leben der Ausübung seines priesterlichen Amtes widmete.

Am 4. März 1538 erließ Papst Paul III. die Bulle Altitudo Divinae Providentiae, die an Johannes von Ávila gerichtet war und ihn dazu ermächtigte, die Universität von Baeza (Jaén) zu gründen, und in der er ihn als »praedicatorem insignem Verbi Dei« (herausragenden Prediger des Wortes Gottes) bezeichnete. Am 14. März 1565 erließ Pius IV. eine Bulle zur Bestätigung der dieser Universität 1538 gewährten Fakultäten, in welcher er ihn als »Magistrum in theologia et verbi Dei praedicatorem insignem« (»hervorragenden Lehrer in Theologie und Prediger des Gotteswortes« bezeichnete (vgl. Biatiensis Universitas, 1968). Seine Zeitgenossen zögerten nicht, ihn »Maestro« (Lehrmeister) zu nennen, ein Titel, mit dem er seit 1538 aufscheint, und in der Homilie bei seiner Heiligsprechung am 31. Mai 1970 pries Papst Paul VI. seine herausragende Gestalt als Priester und seine Lehre und stellte ihn als Vorbild für Predigt und Seelenführung hin; er bezeichnete ihn als Verfechter der Kirchenreform und unterstrich seinen ständigen, bis zum heutigen Tag andauernden historischen Einfluß.

2. Johannes von Ávila lebte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er wurde am 6. Januar 1499 oder 1500 in Almodóvar del Campo (Ciudad Real, Diözese Toledo) als einziger Sohn von Alonso Ávila und Catalina Gijón geboren; die Eltern waren sehr christlich und hatten eine hohe wirtschaftliche und soziale Stellung. Mit 14 Jahren brachten sie den Sohn zum Studium des Rechts an die angesehene Universität von Salamanca; er gab aber dieses Studium am Ende des vierten Kurses auf, weil er infolge einer sehr tiefgehenden Bekehrungserfahrung beschloß, an den Sitz der Familie zurückzukehren, um sich der Betrachtung und dem Gebet zu widmen.

Mit dem Vorsatz, Priester zu werden, ging er 1520 zum Studium der »Artes liberales« und der Theologie an die Universität von Alcalá de Henares, die allen großen theologischen Schulen der Zeit und der Strömung des Humanismus der Renaissance offenstand. 1526 empfing er die Priesterweihe und feierte in der Pfarrkirche seines Heimatortes die erste feierliche Messe; mit der festen Absicht, als Missionar nach Indien zu gehen, beschloß er, sein beträchtliches Erbe unter den Armen zu verteilen. Im Einvernehmen mit dem Priester, welcher der erste Bischof von Talxcala in Neuspanien (Mexiko) sein sollte, begab er sich nach Sevilla, um dort auf seine Einschiffung für die Fahrt in die Neue Welt zu warten.

Während der Vorbereitung auf die Reise widmete er sich dem Predigen in der Stadt und in den Nachbarorten. Dort begegnete er dem ehrwürdigen Diener Gottes Fernando de Contreras, Gelehrter an der Universität Alcalá und angesehener Katechet. Dieser war begeistert vom Lebenszeugnis und der Redekunst des jungen Priesters Johannes und erreichte, daß der Erzbischof von Sevilla bereit war, diesen von seinem Vorhaben, nach Amerika zu gehen, abzubringen und zum Verbleiben in Andalusien zu überreden. Johannes blieb in Sevilla, teilte mit Contreras Unterkunft, Armut und Gebetsleben und setzte, während er sich dem Predigen und der geistlichen Führung widmete, am Thomas-Kolleg das Theologiestudium fort und erlangte wohl den Magistertitel.

Doch 1531 wurde er wegen einer Predigt, die ihm falsch ausgelegt worden war, eingekerkert. Im Gefängnis begann er die erste Fassung von Audi, filia niederzuschreiben. In jenen Jahren empfing er die Gnade, mit einzigartiger Tiefe in das Geheimnis der Liebe Gottes und der großen Wohltat vorzudringen, die der Menschheit von Jesus Christus, unserem Erlöser, zuteil geworden ist. Von da an sollte das die tragende Achse seines geistlichen Lebens und das zentrale Thema seiner Verkündigung sein.

Nachdem er 1533 freigesprochen worden war, nahm er den Predigtdienst unter dem Volk und vor den Autoritäten mit beachtlichem Erfolg wieder auf, zog es aber dann vor, nach Cordoba zu gehen und sich in diese Diözese inkardinieren zu lassen. Kurz danach, 1536, rief ihn der Erzbischof von Granada, um seinen Rat einzuholen; dort setzte er nicht nur seine Verkündigungstätigkeit fort, sondern schloß an der dortigen Universität auch seine Studien ab.

Als guter Kenner seiner Zeit und durch seine ausgezeichnete akademische Ausbildung war Johannes von Ávila ein hervorragender Theologe und ein echter Humanist. Er schlug die Einrichtung eines Internationalen Schiedsgerichtshofes vor, um Kriege zu vermeiden, und es gelang ihm sogar, einige Werke der Ingenieurkunst zu erfinden und patentieren zu lassen. Während er persönlich in großer Armut lebte, konzentrierte er seine Aktivität auf die Förderung des christlichen Lebens derjenigen, die seine Predigten gern hörten und ihm überallhin folgten. Da ihm die Erziehung und die Unterweisung der Kinder und Jugendlichen – besonders derjenigen, die sich auf das Priestertum vorbereiteten – ein besonderes Anliegen war, gründete er mehrere Knabenseminare und Gymnasien, die nach dem Konzil von Trient zu Konzilsseminaren werden sollten. Außerdem gründete er die Universität von Baeza (Jaén), die Jahrhunderte lang ein wichtiges Zentrum für die qualifizierte Ausbildung von Klerikern und Laiengläubigen war.

Nachdem er, bereits krank, predigend und betend Andalusien und andere Regionen Mittelund Westspaniens durchwandert hatte, zog er sich 1554 endgültig in ein einfaches Haus in Montilla (Cordoba) zurück, wo er sein Apostolat in der Form ausübte, daß er mit Hilfe einer reichen Korrespondenz einige seiner Werke entwarf.

Der Erzbischof von Granada wollte ihn als theologischen Berater bei den zwei letzten Sitzungen des Trienter Konzils haben; da Johannes aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nicht reisen konnte, verfaßte er die Memoriales, die großen Einfluß bei jener Kirchenversammlung ausübten.

Von starken Schmerzen gequält und mit einem Kruzifix in den Händen, gab er in seinem bescheidenen Haus in Montilla am Morgen des 10. Mai 1569 im Beisein seiner Schüler und Freunde seine Seele an den Herrn zurück.

3. Johannes von Ávila war Zeitgenosse, Freund und Ratgeber großer Heiliger und einer der angesehensten und am meisten um Rat gefragten geistlichen Lehrer seiner Zeit. Der hl. Ignatius von Loyola, der ihn sehr schätzte, wünschte lebhaft, daß er in die im Entstehen begriffene Gesellschaft Jesu eintrete; das geschah zwar nicht, aber der Meister führte dreißig seiner besten Schüler zu ihr hin. Johannes Ciudad, der spätere hl. Johannes von Gott, Gründer des Hospitalordens, bekehrte sich, als er den heiligen Lehrmeister hörte, und vertraute sich seither seiner geistlichen Führung an. Der aus hoher Adelsfamilie stammende – später heiliggesprochene – Francisco Borja, ist ein weiterer, durch die Vermittlung von Pater Ávila bekehrter großer Konvertit, der dann sogar Generaloberer der Gesellschaft Jesu wurde.

Der hl. Thomas von Villanova, Erzbischof von Valencia, verbreitete in seinen Diözesen und in der ganzen spanischen Levante dessen katechetische Methode. Zu seinen Freunden gehörten auch der hl. Petrus von Alcántara, Provinzial der Franziskaner und Reformer seines Ordens; der hl. Johannes de Ribera, Bischof von Badajoz, der ihn um Prediger für die Erneuerung seiner Diözese bat und dann als Erzbischof von Valencia in seiner Bibliothek eine Handschrift mit 82 Predigten des Johannes von Ávila aufbewahrte; Theresia von Jesus, heute Kirchenlehrerin, die unter großen Seelenqualen litt, ehe sie dem Meister das Manuskript ihrer Lebensbeschreibung – Vida – zukommen lassen konnte; der hl. Johannes vom Kreuz, gleichfalls Kirchenlehrer, der mit seinen Schülern in Baeza Kontakt aufnahm, die ihm bei der Reform des Karmel halfen; der sel. Bartholomaeus a Martyribus, der dank gemeinsamer Freunde sein Leben und seine Heiligkeit kennenlernte, und noch andere, die die moralische und spirituelle Autorität des Meisters anerkennen.

4. Auch wenn »Pater Meister Ávila« vor allem Prediger war, versäumte er es nicht, von seiner Feder meisterhaft Gebrauch zu machen, um seine Lehren vorzulegen. Tatsächlich sind sein Einfluß und sein postumes Gedächtnis bis in unsere Tage nicht nur eng mit dem Zeugnis seiner Person und seines Lebens, sondern auch mit seinen untereinander so verschiedenen Schriften verbunden.

Sein Hauptwerk Audi, filia, ein Klassiker der Spiritualität, ist sein am stärksten systematischer, umfassendster und vollständigster Traktat, dessen endgültige Ausgabe von seinem Verfasser in dessen letzten Lebensjahren vorbereitet worden ist. Der Katechismus oder Doctrina christiana, das einzige Werk, das er zu seinen Lebzeiten drucken ließ (1554), ist eine pädagogische Zusammenfassung der Glaubensinhalte für Kinder und Erwachsene. Der Traktat von der Gottesliebe, literarisch und inhaltlich eine Kostbarkeit, spiegelt wider, mit welcher Tiefe er in das Geheimnis Christi, des fleischgewordenen Wortes und Erlösers, vorzudringen vermochte. Der Traktat über das Priestertum ist eine kurze Zusammenfassung, ergänzt und vervollständigt durch die Gespräche, Predigten und Briefe. Es gibt noch weitere kleinere Schriften, die in Orientierungen oder Anweisungen für das spirituelle Leben bestehen.

Die Reformtraktate hängen eng mit dem Trienter Konzil und mit den Provinzsynoden zusammen, die es umsetzen und sich sehr treffend auf die persönliche und kirchliche Erneuerung beziehen. Die Predigten und Gespräche sowie die Briefsammlung umfassen den ganzen liturgischen Bogen und den weiten Zeitraum seines priesterlichen Dienstes. Die biblischen Kommentare – vom Galaterbrief bis zum Ersten Johannesbrief und andere – sind systematische Darstellungen von bemerkenswerter biblischer Tiefe und großem pastoralem Wert.

Alle diese Werke bieten sehr tiefe Inhalte, vertreten einen klaren pädagogischen Ansatz bei der Verwendung von Bildern und Beispielen und lassen uns die damaligen soziologischen und kirchlichen Zeitumstände erahnen. Der Ton ist voller Vertrauen in die Liebe Gottes, die den Menschen zur Vervollkommnung der Liebe aufruft. Seine Sprache ist das klassische, nüchterne Kastilisch seines Herkunftslandes La Mancha, manchmal vermischt mit der Phantasie und Wärme des Südens, dem Umfeld, in dem er den Großteil seines apostolischen Lebens verbracht hat.

Er war darauf bedacht, das zu erfassen, was damals – in einer komplizierten, von kulturellen Umwälzungen erschütterten, von verschiedenen humanistischen Strömungen erfaßten, von der Suche nach neuen Wegen der Spiritualität, nach klaren Kriterien und Begriffen aufgewühlten Zeit – der Heilige Geist der Kirche eingeben wollte.

5. In seinen Lehren verwies Meister Johannes von Ávila stets auf die Taufe und auf die Erlösung, um einen Impuls zur Heiligkeit zu geben, und erklärte, daß das christliche spirituelle Leben, das Teilhabe am trinitarischen Leben ist, vom Glauben an Gott, der Liebe ist, ausgeht, auf der göttlichen Güte und Barmherzigkeit beruht, in den Verdiensten Christi zum Ausdruck kommt und ganz vom Geist, das heißt von der Liebe zu Gott und zu den Brüdern, bewegt wird. Und weiter: »Möge eure Barmherzigkeit sein kleines Herz zu jener Unermeßlichkeit der Liebe steigern, mit welcher der Vater uns seinen Sohn und mit ihm sich selbst und den Heiligen Geist und alle Dinge geschenkt hat« (Brief 160). Und weiter: »Euer Nächster ist etwas, das Jesus Christus betrifft« (ebd. 62), deshalb ist »der Beweis der vollkommenen Liebe unseres Herrn die vollkommene Liebe des Nächsten« (Ebd. 103). Er beweist auch große Wertschätzung für die geschaffenen Dinge, indem er sie in die Perspektive der Liebe einordnet.

Daß wir Tempel der Dreifaltigkeit sind, ermutigt in uns das Leben Gottes selbst als Prozeß der Vereinigung mit Gott und mit den Brüdern. Der Weg des Herzens ist ein Weg der Einfachheit, der Güte, der Liebe, der kindlichen Haltung. Dieses dem Heiligen Geist gemäße Leben ist stark kirchlich in dem Sinn, daß es Ausdruck der bräutlichen Liebe Christi zu seiner Kirche ist – das zentrale Thema von Audi, filia. Und es ist auch marianisch: Die Gleichgestaltung mit Christus unter dem Wirken des Heiligen Geistes ist ein Prozeß von Tugenden und Gaben, der auf Maria als Vorbild und Mutter blickt.

Die missionarische Dimension der Spiritualität als Ableitung der kirchlichen und marianischen Dimension ist in den Schriften des Meisters von Ávila offenkundig, der von der Kontemplation und von einem größeren Bemühen um die Heiligkeit her zum apostolischen Eifer auffordert. Er rät dazu, die Verehrung für die Heiligen zu stärken, weil sie uns allen »einen großen Freund zeigen, der Gott ist, der die Herzen in seiner Liebe gefangenen hält […] und der uns aufträgt, noch viele andere Freunde zu haben, die seine Heiligen sind« (Brief 222).

6. Da der Meister Ávila ein Wegbereiter in der Bestätigung der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit ist, ergibt das auch ein unverzichtbares Glied in dem historischen Prozeß der Systematisierung der Lehre über das Priesteramt. Seine Schriften sind jahrhundertelang Inspirationsquelle für die priesterliche Spiritualität gewesen, und er kann als Förderer der mystischen Bewegung unter den Weltpriestern angesehen werden. Sein Einfluß ist bei vielen nachfolgenden spirituellen Autoren offenkundig.

Die zentrale Aussage des Meisters Ávila lautet, daß die Priester »sich bei der Messe an der Stelle von Christus an den Altar stellen, um das Amt des Erlösers selbst zu vollziehen« (Brief 157), und daß in persona Christi zu handeln einschließt, voll Demut die väterliche und mütterliche Liebe Gottes zu verkörpern. Das alles erfordert gewisse Lebens- und Verhaltensweisen, wie die Vertrautheit mit dem Wort Gottes und der Eucharistie, den Geist der Armut, die Vorschrift, »mit Angemessenheit, das heißt durch Studium und Gebet vorbereitet«, auf die Kanzel zu steigen, und die Kirche zu lieben, weil sie die Braut Jesu Christi ist. Die Suche und die Beschaffung von Mitteln, um die Priesteramtsanwärter besser auszubilden, die Forderung nach größerer Heiligkeit des Klerus und die Reform im kirchlichen Leben sind die tiefste und ständige Sorge des Heiligen Lehrmeisters.

Um die Kirche zu reformieren, ist die Heiligkeit des Klerus unverzichtbar. Deshalb war die Auswahl und die angemessene Ausbildung derjenigen, die den Priesterberuf anstrebten, dringend notwendig. Als Lösung schlug der Meister die Errichtung von Seminaren vor und konnte sich schließlich mit der notwendigen Gründung eines Fachkollegs zum Studium der Heiligen Schrift in der Ausbildung der künftigen Priester durchsetzen. Diese Vorschläge erreichten die gesamte Kirche.

Für ihn selbst stellte die Gründung der Universität von Baeza, der sein ganzes Interesse und sein Enthusiasmus galt, eine seiner gelungensten Bestrebungen dar, weil es ihm gelang, den Klerikern eine hervorragende Grundausbildung und ständige Weiterbildung zu bieten, wobei er dem Studium der sogenannten »positiven Theologie« mit pastoraler Ausrichtung besonderes Augenmerk schenkte. Diese von ihm gegründete Universität war jahrhundertelang eine hochangesehene Ausbildungsstätte für den Priesternachwuchs.

7. Angesichts seines über jeden Zweifel erhabenen und wachsenden Rufes der Heiligkeit wurde das Selig- und Heiligsprechungsverfahren des Meisters Johannes von Ávila 1623 in der Erzdiözese Toledo in die Wege geleitet. Sogleich wurden die Zeugen in Almodóvar del Campo und Montilla, dem Geburts- bzw. Sterbeort des Dieners Gottes und ebenso in Cordoba, Granada, Jaén, Baeza und Andújar befragt. Aber wegen verschiedener Probleme blieb der Prozeß bis 1731 unterbrochen, dem Jahr, in dem der Erzbischof von Toledo die bereits durchgeführten Informationsprozesse nach Rom übersandte. Mit Dekret vom 3. April 1742 approbierte Papst Benedikt XIV. die Schriften von Meister Ávila und lobte seine Lehre, und am 8. Februar 1759 erkannte Clemens XIII. ihm für sein Tun und Handeln den heroischen Tugendgrad zu. Die Seligsprechung fand durch Papst Leo XIII. am 6. April 1894 und die Heiligsprechung durch Paul VI. am 31. Mai 1970 statt. Angesichts der Bedeutung seiner Gestalt als Priester ernannte ihn Pius XII. 1946 zum Schutzpatron der Weltpriester in Spanien.

Der Titel »Meister«, mit dem Johannes von Ávila sein ganzes Leben lang und die Jahrhunderte hindurch bekannt gewesen ist, begründete nach seiner Heiligsprechung die Möglichkeit, daß er zum Kirchenlehrer ernannt wurde. So beschloß auf Ersuchen von Kardinal Don Benjamin de Arriba y Castro, Erzbischof von Tarragona, die XII. Vollversammlung der Spanischen Bischofskonferenz (Juli 1970), den Heiligen Stuhl darum zu bitten, ihn zum Lehrer der Universalkirche zu ernennen. Es folgten zahlreiche Ersuche, besonders anläßlich des 25. Jahrestages seiner Heiligsprechung (1995) und seines 500. Geburtstags (1999). Die Erklärung eines Heiligen zum Lehrer der Gesamtkirche hat zur Voraussetzung die Anerkennung eines vom Heiligen Geist zum Wohl der Kirche verliehenen und durch den segensreichen Einfluß seiner Lehre auf das Volk Gottes begründeten Charismas, Tatsachen, die in der Person und im Werk des Johannes von Ávila klar zutage treten. Sehr häufig wandten sich seine Zeitgenossen an ihn als Theologieprofessor, der als Spiritual die Unterscheidung der Geister beherrschte.

An ihn wandten sich bei der Suche um Hilfe und Orientierung große Heilige und bekannte Sünder, Weise und Unwissende, Arme und Reiche, und mit seinem Ruf als Ratgeber verband sich sowohl sein aktives Eingreifen bei bedeutenden Bekehrungen als auch sein tägliches Handeln, um das Glaubensleben und das Verständnis der christlichen Botschaft aller zu verbessern, die sich an ihn wandten, um seine Lehren zu hören. Auch Bischöfe und Gelehrte, gut vorbereitete Ordensmänner wandten sich an ihn als Ratgeber, Prediger und Theologen, der auf alle, die mit ihm in Kontakt kamen, und auf alle Bereiche, die er aufsuchte, einen beachtlichen Einfluß ausübte.

8. Meister Ávila wirkte nicht als Professor an Universitäten, auch wenn er Organisator und erster Rektor der Universität von Baeza war. Er erklärte die Theologie nicht von einer Lehrkanzel aus, sondern erteilte Lesungen der Heiligen Schrift für Laien, Ordensleute und Kleriker. Er hat nie eine systematische Synthese seiner theologischen Unterweisung ausgearbeitet, sondern seine Theologie ist eine Gebets- und Weisheitstheologie.

In seinem II. Memoriale an das Trienter Konzil gibt er zwei Gründe für die Verknüpfung von Theologie und Gebet an: die Heiligkeit der theologischen Wissenschaft und das Wohl und der Aufbau der Kirche. Als authentischer Humanist und guter Kenner der Wirklichkeit vertritt er auch eine Theologie, die lebensnah ist, die auf die zu jenem Zeitpunkt gestellten Fragen antwortet, und er tut das auf didaktische und verständliche Weise.

Die Lehre des Johannes von Ávila erschließt sich durch ihre Vorzüglichkeit und Klarheit und durch ihren Umfang und ihre Tiefe, Ergebnis eines methodischen Studiums, der Kontemplation und einer tiefen Erfahrung der übernatürlichen Wirklichkeiten. Zudem konnte man damit rechnen, daß seine umfangreiche Briefsammlung schon sehr bald in italienischen, französischen und englischen Übersetzungen erscheinen würde.

Besonders ins Auge fällt seine gründliche Kenntnis der Bibel, die er in den Händen aller sehen wollte, weshalb er unverzüglich daran ging, sie sowohl in seiner täglichen Predigt zu erklären als auch Lektionen über bestimmte Bücher der Heiligen Schrift anzubieten. Er war gewohnt, die verschiedenen Versionen zu vergleichen und den jeweiligen literarischen und geistig-spirituellen Sinn zu analysieren; er kannte die wichtigsten Kommentare der Kirchenväter und war davon überzeugt, daß für den angemessenen Empfang der Offenbarung das Studium und das Gebet notwendig waren und daß man mit Hilfe der Tradition und des Lehramtes in ihren Sinn vordringen konnte. Aus dem Alten Testament zitiert er vor allem die Psalmen, Jesaja und das Hohelied. Aus dem Neuen Testament sind es der Apostel Johannes und der hl. Paulus; dieser wird zweifellos am häufigsten zitiert. »Getreues Abbild des hl. Paulus« nennt ihn Papst Paul VI. in der Bulle zu seiner Heiligsprechung.

9. Die Lehre des Meisters Johannes von Ávila enthält zweifellos eine sichere und bleibende Botschaft und vermag zur Bestätigung und Vertiefung des Glaubensschatzes dadurch beizutragen, daß sie neue Lehr- und Lebenseinsichten ins Licht rückt. Die Tatsache, daß er sich an das Päpstliche Lehramt hält, macht seine Aktualität offenkundig, was beweist, daß seine eminens doctrina, seine herausragende Lehre, ein echtes Charisma, Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche von gestern und heute, darstellt.

Der Primat Christi und der Gnade, der in Begriffen wie der »Gottesliebe« die gesamte Lehre des Meisters Ávila durchzieht, ist eine der sowohl von der Theologie wie von der Spiritualität heute hervorgehobenen Dimensionen, von denen auch Konsequenzen für die Pastoral erwachsen, wie Wir in der Enzyklika Deus caritas est unterstrichen haben. Das Vertrauen, das auf die Zusage und die Erfahrung der Liebe Gottes und der göttlichen Güte und Barmherzigkeit gegründet ist, wurde in jüngster Zeit auch vom Päpstlichen Lehramt aufgegriffen: So in der Enzyklika Dives in misericordia und in dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Ecclesia in Europa, das eine echte Verkündigung des Evangeliums der Hoffnung ist, wie Wir es auch in der Enzyklika Spe salvi tun wollten. Und wie Wir in dem Apostolischen Schreiben Ubicumque et semper, mit dem Wir den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung errichtet haben, sagten: »Um das Wort des Evangeliums auf fruchtbare Weise zu verkündigen, braucht es zuallererst eine tiefgehende Gotteserfahrung«, ragt die ruhige und demütige Gestalt dieses »Verkünders des Evangeliums«, dessen hervorragende Lehre von großer Aktualität ist, heraus.

10. Im Jahr 2002 wurde die Spanische Bischofskonferenz darüber in Kenntnis gesetzt, daß die zusammenfassende Untersuchung der Glaubenskongregation über die in den Werken des hl. Johannes von Ávila festgestellte herausragende Lehre mit klarem positivem Urteil abgeschlossen wurde; und 2003 schlossen sich eine beachtliche Anzahl von Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen, Vorsitzende von Bischofskonferenzen, Generalobere von Instituten des geweihten Lebens, Verantwortliche kirchlicher Vereinigungen und Bewegungen, Universitäten und andere Institutionen und einzelne herausragende Persönlichkeiten mit Postulierungsschreiben der Bitte der Spanischen Bischofskonferenz an, die Papst Johannes Paul II. das Interesse und die Angemessenheit, den hl. Johannes von Ávila zum Kirchenlehrer zu erklären, zum Ausdruck brachten.

Nachdem das Dossier an die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse zurückgegangen und ein Relator für diese Causa ernannt worden war, mußte die entsprechende Positio erarbeitet werden. Nachdem das geschehen war, haben der Vorsitzende und der Sekretär der Spanischen Bischofskonferenz, zusammen mit dem Leiter der Gruppe Pro Doctorado und der Postulatorin der Causa, am 10. Dezember 2009 die endgültige Bitte (Supplex libellus) um die Ernennung von Meister Johannes zum Kirchenlehrer unterzeichnet. Am 18. Dezember 2010 wurde die Sonderversammlung der Theologischen Konsultoren der Kongregation für die Ernennung des Heiligen Meisters zum Kirchenlehrer abgehalten. Am 3. Mai 2011 hat die Plenarsitzung der Mitglieder der Kongregation – Kardinäle und Bischöfe – wiederum einstimmig beschlossen, Uns die Erklärung vorzulegen, mit welcher – wenn Wir es wünschen – der hl. Johannes von Ávila zum Lehrer der Gesamtkirche ausgerufen werden soll. Am 20. August 2011 haben Wir während des Weltjugendtages in Madrid dem Volk Gottes verkündet: »Ich werde demnächst den heiligen Priester Johannes von Ávila zum Kirchenlehrer erklären.« Am 27. Mai 2012, dem Pfingstsonntag, hatten Wir die Freude, auf dem Petersplatz der Menge der dort versammelten Pilger aus der ganzen Welt zu sagen: »Der Geist, der durch die Propheten gesprochen hat, inspiriert auch weiterhin mit den Gaben der Weisheit und der Wissenschaft Frauen und Männer, die sich für die Suche nach der Wahrheit einsetzen und dabei originelle Wege der Erkenntnis und der Vertiefung des Geheimnisses Gottes, des Menschen und der Welt aufzeigen. In diesem Sinn freut es mich anzukündigen, daß ich am kommenden 7. Oktober zu Beginn der Ordentlichen Versammlung der Bischofssynode den hl. Johannes von Ávila und die hl. Hildegard von Bingen zu Lehrern der universalen Kirche erheben werde […]. Die Heiligkeit des Lebens und die Tiefe der Lehre machen sie immerwährend aktuell: die Gnade des Heiligen Geistes brachte sie nämlich zu jener Erfahrung des durchdringenden Verstehens der göttlichen Offenbarung und des intelligenten Dialogs mit der Welt, die den bleibenden Horizont des Lebens und Wirkens der Kirche bilden. Vor allem im Licht des Projekts der Neuevangelisierung, dem die gerade erwähnte Versammlung der Bischofssynode gewidmet sein wird, und im Vorfeld des Jahres des Glaubens erscheinen diese beiden Gestalten von Heiligen und Lehrern von großer Wichtigkeit und Aktualität. «

Das ist also heute mit Gottes Hilfe und unter dem Beifall der Gesamtkirche geschehen. Auf dem Petersplatz haben Wir – in Anwesenheit vieler Kardinäle und Bischöfe der Römischen Kurie und der katholischen Kirche nach Bestätigung dessen, was vollbracht worden ist, und mit großer Freude über die Befriedigung der Wünsche der Antragssteller – während des Eucharistischen Opfers mit diesen Worten verkündet: »Indem Wir nach Erhalt des Gutachtens der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse den Wunsch vieler Brüder im Bischofsamt und vieler Gläubigen auf der ganzen Welt entgegennehmen, erklären Wir, nachdem Wir nach langer Überlegung zu einer vollen und sicheren Überzeugung gelangt sind, mit der Fülle Unserer apostolischen Autorität den hl. Johannes von Ávila, Diözesanpriester, und die hl. Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des hl. Benedikt, zu Lehrern der Gesamtkirche, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Das beschließen und ordnen Wir an, indem Wir festlegen, daß dieses Schreiben immer sicher, gültig und wirksam sei und bleibe und daß es seine vollen und unverkürzten Wirkungen erziele und erreiche, und daß man es dementsprechend beurteile und definiere. Außerdem wird entschieden und festgelegt, daß es vergeblich und zwecklos ist, hieran bewußt oder unbewußt etwas zu ändern, gleich von welcher Seite es ausgehen mag und mit welcher Autorität auch immer.

Gegeben zu Rom bei Sankt Peter, mit dem Siegel des Fischers, am 7. Oktober 2012, dem achten Jahr Unseres Pontifikats.

 

BENEDIKT XVI.

  

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