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APOSTOLISCHES SCHREIBEN

Die heilige Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des heiligen Benedikt, wird zur Kirchenlehrerin ernannt

 

BENEDIKT PP. XVI
Zum ewigen Gedächtnis

 

1. »Licht ihres Volkes und ihrer Zeit«: Mit diesen Worten bezeichnete Unser ehrwürdiger Vorgänger, der sel. Johannes Paul II., die hl. Hildegard von Bingen im Jahr 1979 anläßlich des 800. Todestages der deutschen Mystikerin. Und tatsächlich hebt sich vor dem Horizont der Geschichte diese große Frauengestalt durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Originalität ihrer Lehre ab. Ja, wie bei jeder echten menschlichen und theologalen Erfahrung reicht ihr Ansehen weit über die Grenzen einer Epoche und einer Gesellschaft hinaus, und ungeachtet der zeitlichen und kulturellen Distanz erweist sich ihr Denken von bleibender Aktualität.

In der hl. Hildegard von Bingen offenbart sich eine außergewöhnliche Harmonie zwischen Lehre und täglichem Leben. In ihr kommt die Suche nach dem Willen Gottes in der Nachfolge Christi als eine ständige Übung der Tugenden zum Ausdruck, die sie mit höchster Großherzigkeit übt und die sie aus den biblischen, liturgischen und patristischen Wurzeln im Licht der Regel des hl. Benedikt nährt: In ihr erstrahlt auf besondere Weise ihre beharrliche Übung des Gehorsams, der Einfachheit, der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft. Die Benediktiner-Äbtissin versteht es, in diesen Willen zur vollkommenen Zugehörigkeit zum Herrn ihre ungewöhnlichen menschlichen Gaben, ihren scharfen Verstand und ihre Fähigkeit zur Durchdringung der himmlischen Wirklichkeit einzubringen.

2. Hildegard wurde 1089 in Bermersheim bei Alzey geboren; ihre Eltern waren vermögende adelige Großgrundbesitzer. Im Alter von acht Jahren wurde sie als Oblatin in der Benediktinerinnenabtei Disibodenberg aufgenommen, wo sie 1115 die Ordensprofeß ablegte. Nach dem Tod von Jutta von Sponheim um 1136 wurde Hildegard zu ihrer Nachfolgerin als magistra, Meisterin, ernannt. Von schwacher physischer Gesundheit, aber mit einem starken Geist ausgestattet, bemühte sie sich mit besonderer Sorgfalt um eine angemessene Erneuerung des Ordenslebens. Grundlage ihrer Spiritualität war die benediktinische Ordensregel, welche die spirituelle Ausgewogenheit und die asketische Mäßigung als Wege zur Heiligkeit aufzeigt. Infolge des zahlenmäßigen Zuwachses von Nonnen, der vor allem dem hohen Ansehen ihrer Person zuzuschreiben war, gründete sie um das Jahr 1150 auf einem Hügel – dem Rupertsberg bei Bingen – ein Kloster, wohin sie mit 20 Mitschwestern übersiedelte.

1165 errichtete sie in Eibingen, auf der anderen Seite des Rheins, ein weiteres Kloster. Sie war Äbtissin beider Klöster. Innerhalb der Klostermauern kümmerte sie sich um das geistliche und materielle Wohl der Mitschwestern, indem sie im besonderen das Gemeinschaftsleben, die Kultur und die Liturgie förderte. Außerhalb des Klosters bemühte sie sich aktiv um die Stärkung des christlichen Glaubens und die Festigung der religiösen Praxis, indem sie den häretischen Tendenzen der Katharer entgegentrat, mit ihren Schriften und der Predigt die Reform der Kirche förderte und zur Besserung der Disziplin und der Lebensführung des Klerus beitrug. Auf Einladung zuerst von Hadrian IV. und dann von Alexander III. übte Hildegard ein fruchtbares Apostolat aus – zur damaligen Zeit keineswegs üblich für eine Frau –, unternahm mehrere Reisen, die nicht ohne Gefahren und Schwierigkeiten waren, um sogar auf öffentlichen Plätzen und in verschiedenen Kathedralen zu predigen, wie unter anderem in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg. Die in ihren Schriften gegenwärtige tiefe Spiritualität übt einen beträchtlichen Einfluß sowohl auf die Gläubigen wie auf große Persönlichkeiten ihrer Zeit aus, indem sie sie in eine wirksame Erneuerung der Theologie, der Liturgie, der Naturwissenschaften und der Musik einbezieht. Nachdem Hildegard im Sommer 1179 von einer schweren Krankheit befallen worden war, starb sie im Kreise ihrer Mitschwestern, im Ruf der Heiligkeit am 17. September 1179 im Kloster von Rupertsberg bei Bingen.

3. In ihren zahlreichen Schriften widmete sich Hildegard ausschließlich der Darlegung der göttlichen Offenbarung und der Verkündigung Gottes in der Klarheit seiner Liebe. Hildegards Lehre gilt sowohl wegen der Tiefe und Korrektheit ihrer Auslegungen als auch wegen der Originalität ihrer Sichtweisen als herausragend. Die von ihr verfaßten Texte scheinen von einer echten »intellektuellen Liebe« beseelt zu sein und verdeutlichen die Dichte und Frische in der kontemplativen Betrachtung des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Menschwerdung, der Kirche, der Menschheit, der Natur, die als Geschöpf Gottes geschätzt und respektiert werden soll.

Diese Werke entstehen aus einer tiefen mystischen Erfahrung und bieten eine einprägsame Reflexion über das Geheimnis Gottes. Der Herr hatte sie bereits als Kind an einer Reihe von Visionen teilhaben lassen, von deren Inhalt sie dem Mönch Volmar, ihrem Sekretär und geistlichen Berater, und einer Mitschwester, der Nonne Richardis von Stade, erzählte. Aber besonders erhellend ist das Urteil des hl. Bernhard von Clairvaux, der ihr Mut machte, und vor allem jenes von Papst Eugen III., der sie 1147 dazu ermächtigte, zu schreiben und in der Öffentlichkeit zu reden. Das theologische Nachdenken erlaubt es Hildegard, den Inhalt ihrer Visionen zu thematisieren und wenigstens teilweise zu begreifen. Außer Bücher über Theologie und Mystik verfaßte sie auch Werke zu Medizin und Naturwissenschaften. Sehr zahlreich sind auch die von ihr hinterlassenen Briefe – ungefähr 400 –, die sie an einfache Menschen, an Ordensgemeinschaften, an Päpste, Bischöfe und weltliche Autoritäten ihrer Zeit gerichtet hat. Sie war auch Komponistin geistlicher Musik. Die Sammlung ihrer Schriften läßt sich hinsichtlich des Umfangs, der Qualität und der Vielfalt von Interessen mit keiner anderen Autorin des Mittelalters vergleichen.

Die Hauptwerke sind: Scivias (Wisse die Wege), Liber vitae meritorum (Buch der Verdienste des Lebens) und Liber divinorum operum (Buch der göttlichen Werke). Alle erzählen von ihren Visionen und von dem vom Herrn erhaltenen Auftrag, sie niederzuschreiben. Keine geringere Bedeutung haben im Bewußtsein der Verfasserin die Briefe, die von Hildegards Aufmerksamkeit für das Geschehen ihrer Zeit Zeugnis geben, das sie im Licht des göttlichen Geheimnisses deutet. Dazu kommen 58 Predigten, die ausschließlich an ihre Mitschwestern gerichtet sind. Es handelt sich um Expositiones evangeliorum, also Auslegungen der Evangelien, die einen wörtlichen und moralischen Kommentar zu den für die Hauptfeste des Kirchenjahres vorgesehenen Abschnitten der Evangelien enthalten.

Die Arbeiten künstlerischen und wissenschaftlichen Charakters konzentrieren sich in besonderer Weise auf die Musik, mit der Symphonia armoniae caelestium revelationum; auf die Medizin mit dem Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum und mit der Schrift Causae et curae; über die Naturwissenschaften mit der Physica. Schließlich sind auch Schriften sprachwissenschaftlichen Charakters zu nennen, wie die Lingua ignota und die Litterae ignotae, in denen Worte in einer unbekannten, von ihr erfundenen Sprache aufscheinen, die aber vorwiegend aus in der deutschen Sprache vorhanden Phonemen zusammengesetzt sind. Die von einem originellen und ausdrucksstarken Stil gekennzeichnete Sprache Hildegards greift gern zu poetischen Ausdrücken von starker Symbolkraft, mit treffenden Eingebungen, einprägsamen Analogien und beeindruckenden Metaphern.

4. Mit scharfsinniger, weiser und prophetischer Sensibilität richtet Hildegard den Blick auf das Ereignis der Offenbarung. Ihre Untersuchung entwickelt sich von dem biblischen Ereignis her, mit dem sie in den nachfolgenden Phasen fest verankert bleibt. Der Blick der Mystikerin aus Bingen beschränkt sich nicht darauf, einzelne Fragen anzugehen, sondern sie will eine Synthese des ganzen christlichen Glaubens bieten. In ihren Visionen und in der anschließenden Reflexion faßt sie deshalb die Heilsgeschichte vom Beginn des Universums bis zum Jüngsten Tag zusammen. Die Entscheidung Gottes, das Schöpfungswerk zu vollbringen, ist der erste Abschnitt dieses immensen Weges, der im Licht der Heiligen Schrift von der Errichtung der himmlischen Hierarchie bis zum Fall der Engel und zum Sündenfall der Stammeltern verläuft. Auf dieses Bild vom Anfang folgt die erlösende Menschwerdung des Gottessohnes, das Wirken der Kirche, das in der Zeit das Geheimnis der Menschwerdung fortsetzt, und der Kampf gegen Satan. Die endgültige Ankunft des Reiches Gottes und das Jüngste Gericht  werden die Krönung dieses Werkes sein.

Hildegard stellt sich selbst und uns die grundsätzliche Frage, ob es möglich ist, Gott zu erkennen: das ist die grundlegende Aufgabe der Theologie. Ihre Antwort ist ganz positiv: Der Mensch ist imstande, sich dieser Erkenntnis durch den Glauben wie durch eine Tür zu nähern. Dennoch bewahrt Gott immer seinen Nimbus des Geheimnisses und der Unergründlichkeit. Er wird erkennbar in der Schöpfung, aber diese wird ihrerseits nicht voll erkannt, wenn sie von Gott getrennt wird. Denn die Natur, an sich betrachtet, liefert nur Teilinformationen, die nicht selten Anlaß zu Irrtümern und Mißbrauch sind. Deshalb braucht es auch in der Dynamik der natürlichen Erkenntnis den Glauben, andernfalls ist die Erkenntnis eingeschränkt, unbefriedigend und irreführend. Die Schöpfung ist ein Akt der Liebe, durch den die Welt aus dem Nichts hervorgehen kann: Deshalb wird die ganze Schar der Geschöpfe wie der Lauf eines Flusses von der göttlichen Liebe durchströmt. Unter allen Geschöpfen liebt Gott besonders den Menschen und verleiht ihm eine außerordentliche Würde, indem er ihm jene Glorie schenkt, welche die gefallenen Engel verloren haben. So kann die Menschheit als der zehnte Chor der Engelshierarchie angesehen werden. Der Mensch vermag allerdings, Gott in sich selbst, das heißt sein Wesen als Individuum in der Dreifaltigkeit der göttlichen Personen, zu erkennen.

Hildegard nähert sich dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit auf der bereits vom hl. Augustinus vorgeschlagenen Linie: Durch Ähnlichkeit mit seiner Struktur als Vernunftwesen ist der Mensch imstande, wenigstens ein Bild von der innersten Wirklichkeit Gottes zu erhalten. Aber erst im Plan der Menschwerdung und der menschlichen Geschichte des Gottessohnes wird dieses Geheimnis dem Glauben und dem Bewußtsein des Menschen zugänglich. Die heilige und unaussprechliche Dreifaltigkeit in der höchsten Einheit blieb den Knechten des alten Gesetzes verborgen. Aber in der neuen Gnade wurde es den von der Knechtschaft Befreiten enthüllt.

Die Dreifaltigkeit ist in besonderer Weise am Kreuz des Sohnes offenbar geworden. Ein zweiter »Ort«, an dem sich Gott zu erkennen gibt, ist sein in den Büchern des Alten und des Neuen Testaments enthaltenes Wort. Eben deshalb, weil Gott »spricht«, ist der Mensch zum Hören aufgerufen. Diese Auffassung gibt Hildegard die Gelegenheit, ihre Lehre über den Gesang, besonders den liturgischen Gesang, darzulegen. Der Klang des Gotteswortes schafft Leben und offenbart sich in den Geschöpfen. Auch die nicht mit Vernunft ausgestatteten Wesen werden dank des Schöpfungswortes in die schöpferische Dynamik einbezogen. Aber natürlich ist der Mensch das Geschöpf, das mit seiner Stimme auf die Stimme des Schöpfers antworten kann. Und er kann das hauptsächlich auf zwei Weisen tun: in voce oris – mit der Stimme des Mundes, das heißt in der Feier der Liturgie – und in voce cordis, mit der Stimme des Herzens, das heißt durch ein tugendhaftes und heiligmäßiges Leben. Das ganze menschliche Leben kann daher als eine Harmonie und eine Symphonie interpretiert werden.

5. Hildegards Anthropologie geht vom biblischen Bericht über die Erschaffung des Menschen nach dem Abbild und Gleichnis Gottes (Gen 1,26) aus. Nach der auf die Bibel gegründeten Kosmologie Hildegards enthält der Mensch alle Elemente der Welt, weil in ihm, der aus derselben Materie wie die Schöpfung geformt ist, das gesamte Universum zusammengefaßt ist. Deshalb kann er bewußt zu Gott in Beziehung treten. Das geschieht nicht durch eine direkte Schau, sondern nach dem berühmten Pauluswort »wie in einem Spiegel« (1 Kor 13,12). Das göttliche Bild im Menschen besteht in seiner Vernunftbegabtheit, die in Verstand und Willen gegliedert ist. Dank des Verstandes ist der Mensch dazu fähig, gut und böse zu unterscheiden, dank des Willens wird er zum Handeln angespornt. Der Mensch wird als Einheit von Leib und Seele gesehen. Bei der deutschen Mystikerin stellt man eine positive Wertschätzung der Leiblichkeit fest, und auch in den Zeichen der Gebrechlichkeit, die der Leib aufweist, vermag sie einen von der Vorsehung bestimmten Wert zu erfassen: Der Leib ist nicht eine Last, von der man sich befreien muß, und selbst wenn er schwach und gebrechlich ist, »erzieht« er den Menschen zum Sinn für die Kreatürlichkeit und Demut, indem er ihn vor dem Hochmut und der Arroganz schützt. In einer Vision erschaut Hildegard die Seelen der Seligen des Paradieses, die darauf warten, sich wieder mit ihren Leibern zu vereinigen.

Denn wie beim Leib Christi werden auch unsere Körper durch eine tiefgreifende Umgestaltung für das ewige Leben auf die glorreiche Auferstehung ausgerichtet. Die Gottesschau, in der das ewige Leben besteht, kann ohne den Leib nicht endgültig erreicht werden. Der Mensch existiert in der Gestalt des Mannes und der Frau. Hildegard erkennt, daß in dieser Seinsstruktur des menschlichen Zustands eine Beziehung der Gegenseitigkeit und eine wesentliche Gleichheit zwischen Mann und Frau ihre Wurzel hat. Im Menschsein wohnt jedoch auch das Geheimnis der Sünde, und diese tritt zum ersten Mal in der Geschichte gerade in dieser Beziehung zwischen Adam und Eva zutage. Im Unterschied zu anderen mittelalterlichen Autoren, die die Ursache für den Sündenfall in der Schwäche Evas sahen, begreift Hildegard sie vor allem aus Adams maßloser Leidenschaft für Eva.

Auch in seinem Zustand als Sünder bleibt der Mensch weiterhin zum Empfänger der Liebe Gottes bestimmt, weil diese Liebe bedingungslos ist und nach dem Sündenfall das Antlitz der Barmherzigkeit annimmt. Selbst die Bestrafung, die Gott dem Mann und der Frau auferlegt, läßt die barmherzige Liebe des Schöpfers zum Vorschein kommen. In diesem Sinn ist die zutreffendste Beschreibung des Geschöpfes die eines Wesens, das unterwegs ist, eines homo viator. Auf dieser Pilgerschaft zur ewigen Heimat ist der Mensch zu einem Kampf aufgerufen, um ständig das Gute wählen und das Böse vermeiden zu können.

Die ständige Wahl des Guten bringt ein tugendhaftes Dasein hervor. Der Mensch gewordene Gottessohn ist der Träger aller Tugenden, weshalb die Nachahmung Christi in einem tugendhaften Leben in der Gemeinschaft mit Christus besteht. Die Kraft der Tugenden stammt von dem in die Herzen der Gläubigen ausgegossenen Heiligen Geist, der ein ständig tugendhaftes Verhalten möglich macht: Das ist das Ziel des menschlichen Daseins. Auf diese Weise erfährt der Mensch seine nach Christus gestaltete Vollkommenheit.

6. Um dieses Ziel erreichen zu können, hat der Herr seiner Kirche die Sakramente geschenkt. Das Heil und die Vollkommenheit des Menschen erfüllen sich nämlich nicht allein durch eine Willensanstrengung des Menschen, sondern durch die Gnadengabe, die Gott in der Kirche gewährt. Die Kirche selbst ist das erste Sakrament, das Gott in die Welt stellt, damit er den Menschen das Heil mitteilt. Sie ist das »aus den lebenden Seelen errichtete Gebäude« und kann mit Recht als Jungfrau, Braut und Mutter angesehen werden und wird daher in engen Vergleich mit der historischen und mystischen Gestalt der Muttergottes gestellt. Die Kirche vermittelt das Heil vor allem durch Verkündigung der zwei großen Geheimnisse der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung – gleichsam der zwei »wichtigsten Sakramente« – und dann durch die Verwaltung der anderen Sakramente. Der Höhepunkt des sakramentalen Charakters der Kirche ist die Eucharistie.

Die Sakramente sorgen für die Heiligung der Gläubigen, für die Rettung und Läuterung von den Sünden, für die Erlösung, für die Liebe und für alle anderen Tugenden. Aber noch immer lebt die Kirche, weil in ihr Gott seine innertrinitarische Liebe zum Ausdruck bringt, die in Christus offenbar geworden ist. Der Herr Jesus ist der Mittler schlechthin. Aus dem dreifaltigen Schoß kommt er dem Menschen und aus dem Schoß Mariens kommt er Gott entgegen: Als Sohn Gottes ist er die fleischgewordene Liebe, als Sohn Mariens ist er der Vertreter der Menschheit vor dem Thron Gottes.

Der Mensch kann schließlich sogar Gott erfahren. Die Beziehung zu ihm erschöpft sich nämlich nicht im bloßen Bereich des rationalen Denkens, sondern bezieht die ganze Person mit ein. Alle äußeren und inneren Sinne des Menschen sind an der Gotteserfahrung beteiligt: »Homo autem ad imaginem et similitudinem Dei factus est, ut quinque sensibus corporis sui operetur; per quos etiam divisus non est, sed per eos est sapiens et sciens et intellegens opera sua adimplere. […] Sed et per hoc, quod homo sapiens, sciens et intellegens est, creaturas conosci; itaque per creaturas et per magna opera sua, quae etiam quinque sensibus suis vix comprehendit, Deum cognoscit, quem nisi in fide videre non valet« [»Der Mensch ist nämlich nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen worden, damit er durch die fünf Sinne seines Leibes handle; dank ihrer ist er nicht abgetrennt und ist imstande zu erkennen, zu verstehen und zu begreifen, was er tun soll (…), und eben dadurch, das heißt aufgrund der Tatsache, daß der Mensch intelligent ist, erkennt er die Geschöpfe und durch die Geschöpfe und die großen Werke, die mit seinen fünf Sinnen zu verstehen ihm mühsam gelingt, kennt er Gott, jenen Gott, der nur mit den Augen des Glaubens gesehen werden kann«] (Explanatio Symboli Sancti Athanasii: PL 197,1066). Dieser Erfahrungsweg findet seine Erfüllung wiederum in der Teilnahme an den Sakramenten. Hildegard sieht auch die im Leben der einzelnen Gläubigen vorhandenen Widersprüche und prangert die am meisten beklagenswerten Situationen an. In besonderer Weise hebt sie hervor, daß der Individualismus in Lehre und Praxis sowohl der Laien wie der geweihten Personen ein Ausdruck von Hochmut ist und das Haupthindernis für den Evangelisierungsauftrag unter den Nichtchristen darstellt.

Einer der Höhepunkte von Hildegards Lehre ist die klare Aufforderung zur Tugendhaftigkeit gerade an jene, die in einem geweihten Stand leben. Ihr Verständnis des geweihten Lebens ist eine wahre »theologische Metaphysik«, weil es fest in der theologischen Tugend des Glaubens wurzelt, die Quelle und ständige Motivation dafür ist, sich gründlich in Gehorsam, Armut und Keuschheit zu engagieren. In der Verwirklichung der evangelischen Räte teilt die geweihte Person die Erfahrung des armen, keuschen und gehorsamen Christus und folgt im täglichen Leben seinen Spuren. Das ist das Wesensmerkmal des geweihten Lebens.

7. Die herausragende Lehre Hildegards spiegelt die Lehre der Apostel, die Literatur der Kirchenväter und die Werke von Autoren ihrer Zeit wider, während sie in der Regel des hl. Benedikt von Nursia einen ständigen Bezugspunkt findet. Die klösterliche Liturgie und die Verinnerlichung der Heiligen Schrift stellen die Leitlinien ihres Denkens dar, das sich auf das Geheimnis der Menschwerdung konzentriert und zugleich in einer tiefen stilistischen und inhaltlichen Einheit zum Ausdruck kommt, die alle ihre Schriften durchzieht.

Die Lehre der heiligen Benediktinerin stellt sich als ein Wegweiser für den homo viator dar. Ihre Botschaft erscheint außerordentlich aktuell in der heutigen Welt, die für das Gesamtbild der von ihr vorgeschlagenen und gelebten Werte besonders empfänglich ist. Wir denken zum Beispiel an Hildegards charismatische und spekulative Fähigkeit, die wie ein lebendiger Ansporn zur theologischen Forschung erscheint; an ihr Nachdenken über das in seiner Schönheit betrachtete Geheimnis Christi; an den Dialog der Kirche und der Theologie mit der Kultur, der Wissenschaft und der zeitgenössischen Kunst; an das Ideal des geweihten Lebens als Möglichkeit menschlicher Verwirklichung; an die Aufwertung der Liturgie als Feier des Lebens; an die Idee einer Reform der Kirche, nicht als sterile Veränderung der Strukturen, sondern als Umkehr des Herzens; an ihre Feinfühligkeit für die  Natur, deren Gesetze zu schützen sind und nicht verletzt werden dürfen.

Daher hat die Zuerkennung des Titels Kirchenlehrerin der Gesamtkirche an Hildegard von Bingen große Bedeutung für die heutige Welt und außerordentliche Bedeutung für die Frauen. In Hildegard kommen die edelsten Werte der Fraulichkeit zum Ausdruck: Deshalb werden von ihrer Gestalt her auch die Anwesenheit der Frau in der Kirche und in der Gesellschaft aus der Sicht sowohl der wissenschaftlichen Forschung wie des pastoralen Wirkens beleuchtet. Ihre Fähigkeit, zu denen zu sprechen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, machen Hildegard zu einer glaubwürdigen Zeugin der Neuevangelisierung. Kraft des Rufes der Heiligkeit und ihrer herausragenden Lehre hat am 8. März 1979 Kardinal Joseph Höffner, Erzbischof von Köln und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zusammen mit den Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen dieser Konferenz, der damals auch Wir als Kardinalerzbischof von München und Freising angehörten, dem sel. Johannes Paul II. die Bitte unterbreitet, daß Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erklärt werden möge. In der Bittschrift hob der hochwürdigste Purpurträger die im 12. Jahrhundert von Papst Eugen III. anerkannte Rechtgläubigkeit von Hildegards Lehre, ihre ständig ausgewiesene und vom Volk gefeierte Heiligkeit sowie das Ansehen ihrer Traktate hervor. Zu diesem Ersuchen der Deutschen Bischofskonferenz sind im Laufe der Jahre weitere hinzugekommen, als erstes jenes der Nonnen des nach ihr benannten Klosters von Eibingen. Zu dem gemeinsamen Wunsch des Gottesvolkes, Hildegard sollte offiziell als heilig ausgerufen werden, ist dann die Bitte hinzugekommen, sie möge auch zur »Kirchenlehrerin der Gesamtkirche« ausgerufen werden.

Mit Unserer Zustimmung bereitete deshalb die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse sorgfältig eine Positio super canonizatione et concessione tituli Doctoris Ecclesiae universalis für die Mystikerin aus Bingen vor. Da es sich um eine angesehene Lehrmeisterin der Theologie handelt, der viele und angesehene Studien gewidmet wurden, haben wir die von Artikel 73 der Apostolischen Konstitution Pastor bonus vorgesehene Dispens gewährt. Der Fall wurde also von den bei der Plenarsitzung am 20. März 2012 versammelten Kardinälen und Bischöfen unter Vorsitz des Referenten des Falles, des hochwürdigsten Herrn Kardinals Angelo Amato, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, mit einstimmig positivem Ausgang geprüft. In der Audienz vom 10. Mai 2012 hat uns Kardinal Amato selbst detailliert über den status quaestionis und über die einhellige Zustimmung der Bischöfe bei der erwähnten Plenarsitzung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse informiert.

Am 27. Mai 2012, dem Pfingstsonntag, hatten wir die Freude, auf dem Petersplatz der Menge der aus der ganzen Welt zusammengeströmten Pilger die Nachricht mitzuteilen, daß zu Beginn der Versammlung der Bischofssynode und am Vorabend des »Jahres des Glaubens« der heiligen Hildegard von Bingen und dem heiligen Johannes von Avila der Titel Kirchenlehrer zuerkannt wird. Das ist also heute mit Gottes Hilfe und unter dem Beifall der ganzen Kirche geschehen. Auf dem Petersplatz haben wir in Anwesenheit vieler Kardinäle und Bischöfe der Römischen Kurie und der katholischen Kirche, indem wir das Vollbrachte bestätigten, und mit großer Freude über die Befriedigung der Wünsche der Bittsteller, während des eucharistischen Opfers folgende Worte gesprochen: »Indem wir den Wunsch vieler Brüder im Bischofsamt und vieler Gläubigen der ganzen Welt annehmen, nachdem wir das Gutachten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse erhalten und lange darüber nachgedacht haben und zu einer vollen und sicheren Überzeugung gelangt sind, erklären wir mit der vollen apostolischen Autorität den hl. Johannes von Avila, Weltpriester, und die hl. Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des hl. Benedikt, zu Kirchenlehrern. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Das beschließen und ordnen Wir an, indem Wir festlegen, daß dieses Schreiben immer sicher, gültig und wirksam sei und bleibe und daß es seine vollen und unverkürzten Wirkungen erziele und erreiche, und daß man es dementsprechend beurteile und definiere. Außerdem wird entschieden und festgelegt, daß es vergeblich und zwecklos ist, hieran bewußt oder unbewußt etwas zu ändern, gleich von welcher Seite es ausgehen mag und mit welcher Autorität auch immer.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, mit dem Siegel des Fischers, am 7. Oktober 2012, dem achten Jahr Unseres Pontifikats.

BENEDIKT PP. XVI

  

 

© Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana

     

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