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BENEDIKT XVI.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 4. Mai 2005
Lesung: Psalm 121,1–4.7–8
1 Der Wächter Israels [Ein Wallfahrtslied.] Ich hebe meine Augen
auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er läßt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht.
4 Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
7 Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben.
8 Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in
Ewigkeit.
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Wie ich am vergangenen Mittwoch schon angekündigt habe, will
ich in den Katechesen den Kommentar über die in der Vesper zusammengestellten
Psalmen und Cantica fortsetzen, wobei ich die Texte verwende, die von meinem
lieben Vorgänger Papst Johannes Paul II. vorgesehen waren.
Wir beginnen heute mit Psalm 121. Dieser Psalm gehört zur
Sammlung der »Wallfahrtslieder«, das heißt der Lieder auf der Pilgerfahrt
zur Begegnung mit dem Herrn im Tempel von Zion. Es ist ein Psalm des Vertrauens,
denn in ihm erklingt sechsmal das hebräische Verb »shamar«, »behüten,
beschützen«. Gott, dessen Name wiederholt angerufen wird, erweist sich als der
immer wache, aufmerksame und fürsorgliche »Hüter«, als der »Wächter«, der über
sein Volk wacht, um es vor jedem Unheil und jeder Gefahr zu bewahren.
Das Lied beginnt damit, daß der Beter den Blick nach oben, »zu
den Bergen« richtet, das heißt auf die Hügel, auf denen sich Jerusalem erhebt:
Von dort oben kommt Hilfe, denn dort oben wohnt der Herr in seinem Tempel (vgl.
V. 1–2). Aber die »Berge« können auch an die Orte erinnern, an denen die
götzendienerischen Heiligtümer stehen, die sogenannten »Höhen«, die im Alten
Testament oft verurteilt werden (vgl. 1 Kön 3,2; 2 Kön 18,4).
In diesem Fall bestünde ein Gegensatz: Während der Pilger nach Zion geht, fällt
sein Blick auf die heidnischen Tempel, die eine große Versuchung für ihn
darstellen. Aber sein Glaube wankt nicht, und seine Sicherheit ist nur eine:
»Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat« (Ps
121,2). Solche Dinge gibt es auch in unserem Leben. Wir sehen Höhen, die sich
öffnen und als vielversprechend im Leben erscheinen: Reichtum, Macht, Ansehen,
Bequemlichkeit. Aber in unserem Glauben erkennen wir, daß das nicht stimmt und
daß diese Höhen nicht das Leben sind. Das wahre Leben, die echte Hilfe kommen
vom Herrn. Und deshalb lenken wir unseren Blick zur wahren Höhe, zu dem wahren
Berg: Christus.
2. Dieses Vertrauen wird im Psalm durch die Bilder des Hüters
und des Wächters beschrieben, die wachen und beschützen. Es wird auch der Fuß,
der nicht wankt auf dem Lebensweg (vgl. V. 3), und vielleicht der Hirte
angedeutet, der auf dem nächtlichen Weideplatz über seine Herde wacht und nicht
schläft und nicht schlummert (vgl. V. 4). Der göttliche Hirt gönnt sich keine
Ruhe im Werk zum Schutz seines Volkes, also von uns allen.
Dann taucht im Psalm ein anderes Symbol auf, das des
»Schattens«, der vermuten läßt, daß der Weg während des heißen Tages fortgesetzt
wird (vgl. V. 5). Man denkt dabei an die historische Wanderung durch die Wüste
des Sinai, wo der Herr vor Israel herzog, bei »Tag in einer Wolkensäule, um
ihnen den Weg zu zeigen« (Ex 13,21). Im Psalter bittet man nicht selten:
»… birg mich im Schatten deiner Flügel« (Ps 17,8: vgl. Ps 91,1).
Auch hier tritt ein realistischer Aspekt unseres Lebens zutage. Oft bewegt sich
unser Leben unter einer unerbittlichen Sonne. Der Herr ist der Schatten, der uns
schützt, der uns hilft.
3. Nach dem Hüter und dem Schatten nun das dritte Symbol: der
Herr, der dem Glaubenden »zur Seite steht« (vgl. Ps 121,5). Das ist die
Stellung des Verteidigers beim Militär und bei Gericht. Es ist die Gewißheit,
nicht verlassen zu sein in Zeiten der Prüfung, des Angriffs des Bösen und der
Verfolgung. An dieser Stelle denkt der Psalmist wieder an die Wanderung während
eines heißen Tages, an dem Gott uns vor der brennenden Sonne schützt.
Aber auf den Tag folgt die Nacht. In der Antike herrschte die
Meinung, daß auch die Mondstrahlen schädlich seien und daß sie Fieber, Blindheit
oder sogar Wahnsinn hervorrufen könnten; deshalb behütet der Herr uns auch
während der Nacht (vgl. V. 6), in den Nächten unseres Lebens.
Der Psalm endet nun mit einer kurzen Vertrauenserklärung: Gott
wird uns in jedem Augenblick mit Liebe behüten und unser Leben vor allem Bösen
schützen (vgl. V. 7). All unser Tun, in den letzten beiden Verben »fortgehen«
und »wiederkommen« knapp zusammengefaßt, geschieht immer unter dem wachsamen
Auge des Herrn. Dies gilt für unser ganzes Handeln und unsere ganze Zeit, »von
nun an bis in Ewigkeit« (V. 8).
4. Wir wollen jetzt zum Schluß diese letzte Vertrauenserklärung
mit einem spirituellen Zeugnis der frühchristlichen Tradition kommentieren. Im
Epistolarium des Barsanuphios von Gaza (gestorben um die Mitte des 6.
Jahrhunderts), ein berühmter Asket, der wegen der Weisheit seines Urteils von
Mönchen, Priestern und Laien zu Rate gezogen wurde, finden wir wiederholt den
Psalmvers: »Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben.« Mit
diesem Psalm, mit diesem Vers wollte Barsanuphios diejenigen ermutigen, die ihm
von ihrer Mühe, den Prüfungen des Lebens, den Gefahren und Heimsuchungen
berichteten.
Als Barsanuphios einmal von einem Mönch um sein Fürbittgebet für
ihn und seine Gefährten gebeten wurde, antwortete er, indem er in seine guten
Wünsche das Zitat dieses Verses aufnahm: »Meine geliebten Söhne, ich umarme euch
im Herrn und bitte ihn, euch ›vor allem Bösen zu behüten‹ und euch Geduld
zu geben wie dem Hiob, Gnade wie dem Josef, Milde wie dem Mose und Tapferkeit im
Kampf wie dem Josue, Sohn des Nun, Beherrschung der Gedanken wie den Richtern,
Unterwerfung der Feinde wie den Königen David und Salomon und Fruchtbarkeit der
Erde wie den Israeliten … Er schenke euch die Vergebung eurer Sünden und die
Heilung des Leibes wie dem Gelähmten. Er rette euch vor der Flut wie Petrus, und
er entreiße euch der Bedrängnis wie Paulus und die anderen Apostel. Er ›behüte‹
euch als seine wahren Söhne ›vor allem Bösen‹, und er gewähre euch das,
um was euer Herz bittet in seinem Namen, zum Heil der Seele und des Leibes.
Amen« (Barsanuphios und Johannes von Gaza, Epistolario, 194: Collana
di Testi Patristici, XCIII, Rom 1991, S. 235–236).
Gott ist der Hüter seines Volkes. Diese Gewißheit bestimmt den Beter von Psalm
121: „Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht; er steht seinen
Getreuen zur Seite“ (vgl. V. 4 f). Ob bei Tag oder in der Nacht: Der Herr
ist immer zugegen und verabschiedet sich niemals aus dem Leben seines Volkes.
Festes Vertrauen in Gottes Gegenwart und Hilfe gibt unserem Tun zu jeder Zeit
Richtung und Sicherheit. Daher beten wir Christen gerne mit den Worten des
Psalmisten: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“
(Ps 121, 2).
***
Sehr herzlich heiße ich die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache willkommen.
Besonders grüße ich die Eltern, Freunde und Verwandten meiner
Schweizergardisten, die zur der Vereidigung der Rekruten nach Rom gekommen sind,
sowie eine Delegation des Bayerischen Landtags. Unsere Hilfe kommt vom Herrn.
Der gütigen Führung Gottes dürfen wir uns in jeder Lebenslage anvertrauen. Sein
Segen begleite euch! Euch allen eine frohe Zeit in der „Ewigen Stadt“!
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