 |
BENEDIKT XVI.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 25. Mai 2005
Lesung: Psalm 116,10–13.18–19
10 Voll Vertrauen war ich, auch wenn ich sagte: Ich bin so tief
gebeugt.
11 In meiner Bestürzung sagte ich: Die Menschen lügen alle.
12 Wie kann ich dem Herrn all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?
13 Ich will den Kelch des Heils erheben und anrufen den Namen des Herrn.
18 Ich will dem Herrn meine Gelübde erfüllen offen vor seinem ganzen Volk,
19 in den Vorhöfen am Hause des Herrn, in deiner Mitte, Jerusalem. Halleluja!
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Der Psalm 116, den wir soeben gebetet haben, war in der
christlichen Tradition immer gebräuchlich, beginnend mit dem hl. Paulus, der den
Anfang des Psalms in der griechischen Übersetzung der Septuaginta zitiert hat,
als er an die Christen in Korinth schrieb: »Doch haben wir den gleichen Geist
des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt, darum habe
ich geredet. Auch wir glauben, und darum reden wir« (2 Kor 4,13).
Der Apostel fühlt sich mit dem Psalmisten geistlich verbunden im
gelassenen Vertrauen und im aufrichtigen Zeugnis, trotz der Leiden und der
menschlichen Schwächen. Als er an die Römer schreibt, greift er den 2. Vers
dieses Psalms auf und schildert den Gegensatz zwischen Gott, der treu ist, und
dem Menschen, der inkohärent ist: »Gott soll sich als der Wahrhaftige erweisen,
jeder Mensch aber als Lügner« (Röm 3,4).
Die christliche Tradition hat den Text in unterschiedlichem
Kontext gelesen, meditiert und ausgelegt, und so ist der ganze Reichtum und die
ganze Tiefe des Wortes Gottes zutage getreten, das neue Dimensionen und neue
Situationen eröffnet. Anfangs wurde er zunächst als ein Text des Martyriums
gelesen, aber später, als die Kirche im Frieden lebte, wurde er immer mehr zu
einem eucharistischen Text aufgrund des Wortes vom »Kelch des Heiles«. In
Wirklichkeit ist Christus der erste Märtyrer. Er hat sein Leben in einem Kontext
von Haß und Lüge hingegeben, hat aber dieses Leiden und damit auch diesen
Kontext in Eucharistie verwandelt, in ein Fest des Dankes. Denn Eucharistie ist
Danksagung: »Ich will den Kelch des Heils erheben.«
2. Der Psalm 116 bildet im hebräischen Original mit dem
vorhergehenden Psalm 115 eine Einheit. Beide sind ein einziger Dank an den
Herrn, der vom Alptraum des Todes, von den Verstrickungen des Hasses und der
Lüge befreit.
In unserem Text taucht die Erinnerung an eine bedrückende
Vergangenheit auf: Der Beter hat die Fackel des Glaubens hochgehalten, auch als
bittere Worte der Verzweiflung und Erniedrigung über seine Lippen kamen (vgl.
Ps 116,10). Denn um ihn erhob sich gleichsam eine eisige Mauer des Hasses
und der Lüge, da sich der Nächste als falsch und untreu erwiesen hatte (vgl. V.
11). Aber das Gebet verwandelt sich jetzt in Dankbarkeit, weil der Herr in
diesem Kontext der Untreue treu geblieben ist und den Gläubigen aus der dunklen
Spirale der Lüge befreit hat (vgl. V. 12).
Der Beter schickt sich deshalb an, ein Dankopfer darzubringen,
bei dem er den rituellen Kelch, den Kelch des heiligen Trankopfers, trinkt, der
Zeichen der Dankbarkeit für die Befreiung ist (vgl. V. 13) und der seine letzte
Vollendung im Kelch des Herrn findet. Die Liturgie ist deshalb der bevorzugte
Ort, an dem wir Gott, den Retter, dankbar lobpreisen.
3. In der Tat wird nicht nur auf den Opferritus, sondern
ausdrücklich auf die Versammlung des »ganzen Volkes« hingewiesen, vor dem der
Beter das Gelübde erfüllt und seinen Glauben bezeugt (vgl. V. 14). Bei dieser
Gelegenheit zeigt er öffentlich seine Dankbarkeit, weil er weiß, daß der Herr
sich liebevoll zu ihm herabneigt, wenn der Tod bevorsteht. Gott bleibt
angesichts des Schicksals seines Geschöpfes nicht gleichgültig, sondern löst
seine Fesseln (vgl. V. 16).
Der vom Tod errettete Beter fühlt sich als »Knecht« seines
Herrn, »als Sohn seiner Magd« (ebd.), wie es in einer schönen
orientalischen Redewendung heißt, mit der diejenigen bezeichnet werden, die im
selben Haus wie ihr Herr geboren wurden. Der Psalmist bekennt demütig und voll
Freude seine Zugehörigkeit zum Haus Gottes, zur Familie der Geschöpfe, die mit
ihm in Liebe und Treue verbunden sind.
4. Der Psalm endet wieder mit den Worten des Betenden, wobei er
noch einmal an das Dankopfer erinnert, das im Rahmen des Tempels gefeiert werden
soll (vgl. V. 17–19). Sein Gebet wird so in den Rahmen der Gemeinschaft
gestellt. Sein persönliches Schicksal wird erzählt, damit es alle anregt, an den
Herrn zu glauben und ihn zu lieben. Im Hintergrund können wir deshalb das ganze
Volk Gottes erblicken, das dem Herrn des Lebens dankt, der den Gerechten nicht
der Dunkelheit des Leidens und des Todes überläßt, sondern ihn zur Hoffnung und
zum Leben führt.
5. Wir beenden unsere Reflexion, indem wir uns den Worten des
hl. Basilius des Großen anvertrauen, der in der Homilie über Psalm 116 die in
ihm enthaltene Frage und Antwort so kommentiert: »›Wie kann ich dem Herrn all
das vergelten, was er mir Gutes getan hat? Ich will den Kelch des Heils erheben…‹
Der Psalmist hat die vielen von Gott empfangenen Gaben erkannt: Er ist vom
Nichtsein ins Sein gerufen worden; er ist aus der Erde geformt und mit Vernunft
begabt; … er hat dann den Heilsplan für das Menschengeschlecht erfaßt, als er
erkannte, daß der Herr sich selbst zur Sühne an unser aller Statt geopfert hat;
er ist unsicher und sucht in allem, was ihm gehört, etwas zu finden, das des
Herrn würdig sein kann. ›Was kann ich also dem Herrn geben?‹ Weder
Speise- noch Brandopfer, sondern mein ganzes Leben. Deshalb sagt er: ›Ich
will den Kelch des Heils erheben‹, wobei er das Leiden im geistlichen Kampf
und den Widerstand gegen die Sünde bis zum Tod als den Kelch bezeichnet. Was
übrigens auch unser Erlöser im Evangelium gelehrt hat: ›Vater, willst du, so
nimm diesen Kelch von mir‹; und an seine Jünger gewandt: ›Könnt ihr den
Kelch trinken, den ich trinke?‹, womit er eindeutig auf den Tod hinwies, den
er für das Heil der Welt auf sich genommen hat« (PG XXX, 109), so daß er
die Welt der Sünde in eine erlöste Welt verwandelte, in eine Welt des Dankes für
das Leben, das der Herr uns geschenkt hat.
Die Inkohärenz des Menschen steht in eklatantem Kontrast zur Treue und
Wahrhaftigkeit Gottes. Vor dem Hintergrund dieser elementaren Erfahrung erklingt
das Danklied in Psalm 116: „Die Menschen lügen alle. – Wie kann ich dem Herr
all das vergelten, was er mir Gutes getan hat?“ (V. 11f). Die Antwort des
Beters ist umfassend: Er will den „Kelch des Heils erheben“, den „Namen des
Herrn anrufen“ und Ihm seine „Gelübde erfüllen“. Solcher Vorsatz verbindet
Liturgie und Leben. Nach einem Wort des heiligen Basilius des Großen steht der
„Kelch des Heils“, der uns Christen auf den eucharistischen Segenskelch des
Neuen Bundes verweist, für die Hingabe des Lebens an Gott. Was wir im großen
Lob- und Dankopfer rituell feiern, verlangt danach, im Leben vollzogen zu
werden. Dann redet der Glaube, den wir empfangen haben (vgl. 2 Kor 4,
13).
* * *
Ein herzliches Willkommen sage ich den Pilgern und Besuchern aus den Ländern
deutscher Sprache! Besonders grüße ich die Schwestern vom Göttlichen Erlöser,
die ihr Silbernes Profeßjubiläum feiern, sowie die Rom-Wallfahrer der
Vereinigung ehemaliger Schweizergardisten. Gott ist treu. Tragt darum seinen
Namen auf euren Lippen und in euren Herzen! Euch allen wünsche ich jetzt
gesegnete, frohe Urlaubstage und allezeit die Erfahrung der Güte Gottes.
Morgen, am Hochfest Fronleichnam, werde ich um 19 Uhr auf dem Platz vor der
Lateran-Basilika die heilige Messe feiern. Im Anschluß daran findet die übliche
Prozession nach Santa Maria Maggiore statt. Sie alle sind eingeladen, an dieser
Feier teilzunehmen, um gemeinsam unseren Glauben an den in der heiligsten
Eucharistie gegenwärtigen Christus öffentlich zu bekennen.
Copyright 2005 © Libreria
Editrice Vaticana
|