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BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 22. Juni 2005

 

Lesung: Psalm 124,1–6.8

1 Israels Dank für die Befreiung [Ein Wallfahrtslied Davids.] Hätte sich nicht der Herr für uns eingesetzt – so soll Israel sagen –,
2 hätte sich nicht der Herr für uns eingesetzt, als sich gegen uns Menschen erhoben,
3 dann hätten sie uns lebendig verschlungen, als gegen uns ihr Zorn entbrannt war.
4 Dann hätten die Wasser uns weggespült, hätte sich über uns ein Wildbach ergossen.
5 Dann hätten sich über uns die Wasser ergossen, die wilden und wogenden Wasser.
6 Gelobt sei der Herr, der uns nicht ihren Zähnen als Beute überließ.
7 Unsre Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.
8 Unsre Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Vor uns haben wir Psalm 124, ein Danklied, das von der ganzen betenden Gemeinde angestimmt wird, um Gott für das Geschenk der Befreiung zu preisen. Der Psalmist fordert zu Beginn auf: »So soll Israel sagen« (V. 1), und er spornt das ganze Volk an, dem Gott und Retter lebhaft und aufrichtig Dank zu sagen. Wenn der Herr sich nicht auf die Seite der Opfer gestellt hätte, wären diese mit ihren beschränkten Kräften unfähig gewesen, sich zu befreien, und die Feinde, die Ungeheuern ähneln, hätten sie gequält und zermalmt.

Auch wenn man zunächst an ein besonderes geschichtliches Ereignis wie das Ende der Babylonischen Gefangenschaft gedacht hat, ist es wahrscheinlicher, daß der Psalm ein Lied sein soll, mit dem man dem Herrn für die überstandenen Gefahren danken und ihn um die Befreiung von jedem Übel bitten will. In diesem Sinn ist der Psalm immer noch aktuell.

2. Nach dem anfänglichen Hinweis auf gewisse »Menschen«, die die Gläubigen bedrängten und imstande gewesen wären, sie »lebendig zu verschlingen« (vgl. V. 2–3), folgen zwei Abschnitte des Liedes. Im ersten Teil herrschen die Wasserfluten vor, für die Bibel das Symbol des zerstörerischen Chaos, des Bösen und des Todes: »Dann hätten die Wasser uns weggespült, hätte sich über uns ein Wildbach ergossen. Dann hätten sich über uns die Wasser ergossen, die wilden und wogenden Wasser« (V. 4–5). Der Beter hat jetzt das Gefühl, an einem Strand zu sein, wie durch ein Wunder gerettet vor der wilden Flut des Meeres.

Das Leben des Menschen ist von Feinden umringt, die ihm auflauern und ihm nicht nur nach dem Leben trachten, sondern auch alle menschlichen Werte zerstören wollen. Wir sehen, daß auch heutzutage diese Gefahren bestehen. Aber der Herr erhebt sich – dessen können wir auch heute sicher sein – zum Schutz des Gerechten und rettet ihn, wie es in Psalm 18 heißt: »Er griff aus der Höhe herab und faßte mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern. Er entriß mich meinen mächtigen Feinden, die stärker waren als ich und mich haßten … Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen« (vgl. V. 17–20). Der Herr hat wirklich an uns Gefallen. Das ist unsere Sicherheit und der Grund unseres großen Vertrauens.

3. Im zweiten Teil unseres Dankliedes geht man vom maritimen Bild zu einer Jagdszene über, die für viele Bittpsalmen typisch ist (vgl. Ps 124,6–8). Denn hier findet sich der Hinweis auf ein wildes Tier, das eine Beute zwischen seinen Zähnen hat, oder auf ein Netz des Jägers, das einen Vogel fängt. Aber der im Psalm ausgesprochene Segen gibt uns zu verstehen, daß die Bestimmung der Gläubigen, die der Tod war, radikal umgekehrt wurde durch ein heilbringendes Eingreifen: »Gelobt sei der Herr, der uns nicht ihren Zähnen als Beute überließ. Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei« (V. 6–7).

Das Gebet wird hier zum Seufzer der Erleichterung, der aus dem Innersten der Seele aufsteigt. Auch wenn alle menschlichen Hoffnungen zerstört werden, kann die befreiende göttliche Macht noch erscheinen. Der Psalm kann man also mit einem Bekenntnis des Glaubens schließen, das seit Jahrhunderten in der christlichen Liturgie Eingang gefunden hat als ideale Einleitung zu allen unseren Gebeten: »Adiutorium nostrum in nomine Domini, qui fecit caelum et terram – Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat« (V. 8). Der Allmächtige stellt sich besonders auf die Seite der Opfer und der Verfolgten, »die Tag und Nacht zu ihm schreien«, und »er wird ihnen unverzüglich Recht verschaffen« (vgl. Lk 18,7–8).

4. Der hl. Augustinus gibt zu diesem Psalm einen ausführlichen Kommentar. Zunächst merkt er an, daß dieser Psalm in angemessener Weise von den »Gliedern Christi, die das Glück erlangt haben«, gesungen wird. Insbesondere »haben ihn die heiligen Märtyrer gesungen, die diese Welt verlassen haben und mit Christus in die Herrlichkeit eingegangen sind, bereit, die unvergänglichen Leiber, die zuvor vergänglich waren, anzunehmen. In ihrem Erdenleben erlitten sie Qualen am Körper, aber in der Ewigkeit verwandeln sich diese Qualen in eine Zierde der Gerechtigkeit«. Augustinus spricht von den Märtyrern aller Zeiten, auch unseres Jahrhunderts.

In einem zweiten Teil sagt uns der Bischof von Hippo jedoch, daß nicht nur die Seligen im Himmel, sondern auch wir diesen Psalm voll Hoffnung singen können. Er erklärt: »Auch wir sind von sicherer Hoffnung beseelt und singen jubelnd. Denn die Sänger dieses Psalms sind uns nicht fremd … Deshalb singen wir alle in Einheit der Herzen. Die Heiligen besitzen schon die Krone; wir vereinen uns in Liebe und hoffen auf ihre Krone. Gemeinsam ersehnen wir das Leben, das wir hier unten nicht haben können und das wir nie haben können, wenn wir es nicht zuvor ersehnen.«

Augustinus kehrt dann zum ersten Ausblick zurück und erklärt: »Die Heiligen erinnern sich der Leiden, die sie ertragen haben, und vom Ort der Seligkeit und Ruhe, wo sie jetzt sind, schauen sie auf den Weg, den sie zurücklegen mußten, um dorthin zu kommen; und weil es schwierig gewesen wäre, die Befreiung zu erlangen, wenn ihnen nicht die Hand des Befreiers zu Hilfe gekommen wäre, rufen sie voll Freude: ›Hätte sich nicht der Herr für uns eingesetzt.‹ So beginnt ihr Lied. Sie erwähnen nicht einmal, wem sie entronnen sind, so groß ist ihr Jubel« (Esposizione sul Salmo 123,3: Nuova Biblioteca Agostiniana, XXVIII, Rom 1977, S. 65).


Das rettende Eingreifen Gottes in Situationen der Bedrängnis ist eine Grunderfahrung des alttestamentlichen Gottesvolkes. Psalm 124, der uns zu Beginn dieser Audienz zu Gehör gebracht wurde, lädt dazu ein, in der Gesinnung froher Danksagung die Errettung durch Gott zu besingen: „Hätte sich nicht der Herr für uns eingesetzt ... – so soll Israel sagen“. In der Bedrängnis, die der Psalmist in den Bildern der Wasserfluten und der Jagd beschreibt, erweist sich der Herr als Retter aus der Not.

Diese Erfahrung Israels teilt das Gottesvolk des neuen Bundes. Der Christ weiß: Gott steht auf der Seite der Bedrängten, Verfolgten und Unterdrückten, die Tag und Nacht zu ihm rufen (vgl. Lk 18, 7). Gerade wo menschliche Hoffnungen zerbrechen, wird die Größe seiner erlösenden Macht sichtbar. Die Antwort darauf ist das Bekenntnis des Psalmisten, das in die Liturgie Eingang gefunden hat: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, der Himmel und Erde erschaffen hat“.

***

Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher deutscher Sprache. Gott ist mit uns und sieht auf uns. In Not und Gefahr ist er uns Schutz und Hilfe. Vertraut ihm alles an, was Euch bedrückt. Euer Leben werde zu einem frohen Lobpreis Gottes und seiner Heilstaten. – Euch allen wünsche ich eine angenehme Zeit der Erholung und der geistlichen Erbauung hier in Rom. Der Herr segne Euch alle!

 

© Copyright 2005 - Libreria Editrice Vaticana

 

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