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BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 6. Juli 2005

 

Lesung: Brief an die Epheser 1,3.7–8

3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott;
5 er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen,
6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn;
7 durch sein Blut haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.
8 Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt
9 und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im voraus bestimmt hat:
10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Heute haben wir keinen Psalm gehört, sondern einen Hymnus, der dem Brief an die Epheser entnommen ist (vgl. Eph 1,3–14) und der in der Liturgie der Vesper in jeder der vier Wochen wiederkehrt. Dieser Hymnus ist ein Segensgebet, das an Gott, den Vater, gerichtet wird. In seinem Verlauf beschreibt er die verschiedenen Etappen des Heilsplans, der durch das Werk Christi vollbracht wird.

Im Mittelteil des Lobliedes erklingt das griechische Wort mysterion, ein Ausdruck, der gewöhnlich mit den Verben der Offenbarung verbunden wird (»offenbaren«, »erkennen«, »kundtun«). Denn das ist der große, geheime Plan, den der Vater von Ewigkeit her bestimmt hat (vgl. V. 9) und den er »in der Fülle der Zeiten« (vgl. V. 10) in seinem Sohn Jesus Christus zu verwirklichen und zu offenbaren beschlossen hat.

In dem Lied werden die Stufen dieses Plans durch die verschiedenen Heilstaten Gottes durch Christus im Heiligen Geist verdeutlicht. Der Vater erwählt uns – das ist die erste Tat – schon von Ewigkeit her, damit wir in der Liebe heilig und untadelig leben (vgl. V. 4); dann bestimmt er uns dazu, seine Söhne zu sein (vgl. V. 5–6); im weiteren erlöst er uns und vergibt uns die Sünden (vgl. V. 7–8); er enthüllt uns vollkommen das Geheimnis der Erlösung in Christus (vgl. V. 9–10); schließlich gibt er uns das ewige Erbe (vgl. V. 11–12), indem er uns dessen ersten Anteil im Geschenk des Heiligen Geistes im Hinblick auf die endgültige Auferstehung anbietet (vgl. V. 13–14).

2. Die im Verlauf des Liedes aufeinanderfolgenden Heilsereignisse sind vielfältig. Sie beziehen die drei Personen der Heiligsten Dreifaltigkeit mit ein: Vom Vater wird ausgegangen, er ist der Urheber und höchste Schöpfer des Heilsplans; dann richtet sich der Blick auf den Sohn, der den Plan in der Geschichte verwirklicht; nun kommt der Heilige Geist, der dem ganzen Heilswerk sein »Siegel« einprägt. Wir verweilen kurz bei den ersten beiden Abschnitten, dem der Heiligkeit und dem der Sohnschaft (vgl. V. 4–6).

Die erste in Christus geoffenbarte und verwirklichte göttliche Geste ist die Erwählung der Gläubigen, die Frucht einer freien und ungeschuldeten Initiative Gottes ist. Am Anfang, »vor der Erschaffung der Welt« also (V. 4), in der Ewigkeit Gottes, ist die göttliche Gnade bereit zu handeln. Es berührt mich, über diese Wahrheit nachzudenken: Von Ewigkeit her sind wir vor den Augen Gottes, und er hat beschlossen, uns zu retten. Diese Berufung beinhaltet unsere »Heiligkeit «, ein tiefes Wort. Heiligkeit ist Teilhabe an der Reinheit des göttlichen Seins. Aber wir wissen, daß Gott Liebe ist. An der göttlichen Reinheit teilhaben heißt also an der »Liebe« Gottes teilhaben, Gott ähnlich zu werden, der »Liebe« ist. »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8.16). Das ist die tröstliche Wahrheit, die uns auch erkennen läßt, daß »Heiligkeit « keine unserem Leben fernliegende Wirklichkeit ist, sondern weil wir Personen werden können, die mit Gott lieben, treten wir in das Geheimnis der »Heiligkeit« ein. So wird die agape unsere tägliche Wirklichkeit. Wir werden dadurch in den heiligen und lebendigen Horizont Gottes hineingetragen.

3. Auf dieser Linie geht es weiter zum nächsten Abschnitt, der im göttlichen Plan auch schon von Ewigkeit her beschlossen war: unsere »Vorausbestimmung « zu Kindern Gottes.

Nicht nur zu menschlichen Geschöpfen, sondern zu Kindern, die Gott tatsächlich gehören. Paulus betont an anderem Ort (vgl. Gal 4,5; Röm 8,15.23) diese erhabene Stellung als Söhne, die sich aus der Verwandtschaft mit Christus, dem Sohn schlechthin, dem »Erstgeborenen von vielen Brüdern« (Röm 8,29), ergibt und sie einschließt; ebenso ergibt sich daraus die Vertrautheit gegenüber dem himmlischen Vater, der jetzt als abbá, »lieber Vater«, in einer spontanen und liebevollen Beziehung angerufen werden kann. Wir haben somit ein überaus großes Geschenk vor uns, das »nach dem gnädigen Willen« Gottes und »seiner Gnade« ermöglicht wurde, dem leuchtenden Ausdruck der Liebe, die heilt.

4. Zum Schluß widmen wir uns nun dem großen Bischof von Mailand, Ambrosius, der in einem seiner Briefe die Worte des Apostels Paulus an die Epheser kommentiert und genau bei dem Inhaltsreichtum unseres christologischen Hymnus verweilt. Er betont vor allem die überreiche Gnade, mit der Gott uns zu seinen Kindern in Jesus Christus gemacht hat. »Deshalb ist nicht daran zu zweifeln, daß die Glieder mit ihrem Haupt verbunden sind, vor allem weil wir von Anfang an zur Gotteskindschaft durch Jesus Christus bestimmt waren« (Lettera XVI ad Ireneo, 4: SAEMO, XIX, Mailand-Rom 1988, S. 161).

Der heilige Bischof von Mailand setzt seine Reflexion fort und bemerkt: »Wer ist denn reich, wenn nicht Gott allein, der Schöpfer von allem?« Und er schließt mit den Worten: »Aber er ist noch viel reicher an Erbarmen, denn er hat alle erlöst. Als Urheber der Natur hat er uns verwandelt – die wir der Natur des Fleisches nach Söhne des Zorns waren und der Strafe unterworfen –, damit wir Söhne des Friedens und der Liebe sind« (Nr. 7: ebd., S. 163).


Der Hymnus aus dem ersten Kapitel des Briefes an die Epheser, den wir zu Beginn dieser Audienz vernommen haben, ist ein Lobpreis auf den ewigen Heilsplan des Dreieinigen Gottes: Gott Vater ist der Urheber und Schöpfer dieses Plans, der Sohn verwirklicht ihn in der Geschichte, und der Heilige Geist verleiht dem ganzen Heilswerk sein Siegel.

Wir Christen sind zur Heiligkeit berufen, durch die wir teilhaben an der Reinheit des Seins Gottes. Die Liebe, die Gott selbst ist, wird so zu unserer eigenen tiefen moralischen Wirklichkeit. Gott hat uns schließlich dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden. In dieser Gotteskindschaft ist Christus unser Bruder und durch Ihn stehen wir in einer unbefangenen und liebevollen Gottesbeziehung. Daher dürfen wir Gott vertrauensvoll Abba, Vater, nennen.

***

Einen glaubensfrohen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern und aus Belgien. Besonders grüße ich heute die zahlreichen Jugendlichen, unter ihnen den Lateinkurs des Gymnasiums Schloß Neubeuern. Gott macht uns in Christus Jesus zu Erben seines Reiches. Bringt daher in Eurem Leben die Würde der Gotteskindschaft stets neu zum Leuchten! – Die kommenden Wochen des Sommers und der Ferien mögen Euch allen Erholung an Leib und Seele schenken. Gottes Geist geleite Euch!

 

© Copyright 2005 - Libreria Editrice Vaticana

 

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