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BENEDIKT XVI.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 3. August 2005
Lesung: Psalm 125
1 Wer auf den Herrn vertraut, steht fest wie der Zionsberg, der
niemals wankt, der ewig bleibt.
2 Wie Berge Jerusalem rings umgeben, so ist der Herr um sein Volk, von nun an
auf ewig.
3 Das Zepter des Frevlers soll nicht auf dem Erbland der Gerechten lasten, damit
die Hand der Gerechten nicht nach Unrecht greift.
4 Herr, tu Gutes den Guten, den Menschen mit redlichem Herzen!
5 Doch wer auf krumme Wege abbiegt, den jage, Herr, samt den Frevlern davon!
Frieden über Israel! Brüder und Schwestern!
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Bei unserer heutigen Begegnung, die nach meinem Urlaub im
Aosta-Tal stattfindet, wollen wir unseren Weg durch die Liturgie der Vesper
wiederaufnehmen. Diesmal befassen wir uns mit Psalm 125, der zu jener
bedeutsamen und eindrucksvollen Sammlung von Texten gehört, die als
»Wallfahrtslieder« bezeichnet werden, ein ideales Gebetbüchlein für die
Pilgerfahrt auf den Berg Zion im Hinblick auf die Begegnung mit dem Herrn im
Tempel (vgl. Ps 120–134).
Der Text, den wir nun kurz betrachten wollen, ist ein
Weisheitslied, das Vertrauen in den Herrn weckt und einen kurzen Bittruf enthält
(vgl. Ps 125,4). Der erste Satz verweist auf die Standhaftigkeit dessen,
der »auf den Herrn vertraut «, und vergleicht sie mit der »festen« und sicheren
Standhaftigkeit des »Zionsberges«, die offensichtlich der Gegenwart Gottes zu
verdanken ist, der Fels, Burg, Retter, Feste, Schild und sicheres Heil ist, wie
es in einem anderen Psalm heißt (vgl. Ps 18,3). Auch wenn der Glaubende
sich alleingelassen und von Gefahren und Feindseligkeiten bedrängt fühlt, soll
sein Glaube immer unbeschwert bleiben. Denn der Herr ist immer bei uns. Seine
Stärke umgibt und beschützt uns.
Auch der Prophet Jesaja bezeugt, aus dem Munde Gottes diese an
die Gläubigen gerichteten Worte vernommen zu haben: »Seht her, ich lege einen
Grundstein in Zion, einen harten und kostbaren Eckstein, ein Fundament, das
sicher und fest ist: Wer glaubt, der braucht nicht zu fliehen« (28,16).
2. Das Vertrauen aber – so fährt der Psalmist fort –, das für
den Gläubigen zur Glaubensatmosphäre gehört, stützt sich auf ein weiteres
Element: Der Herr hat sich zur Verteidigung seines Volkes gleichsam in Stellung
gebracht, so wie die Berge Jerusalem umgeben und es dadurch zu einer von
natürlichen Schutzwällen befestigten Stadt werden lassen (vgl. Ps 125,2).
In einer Weissagung Sacharjas sagt Gott über Jerusalem: »Ich selbst … werde für
die Stadt ringsum eine Mauer von Feuer sein und in ihrem Innern ihr Ruhm und
ihre Ehre« (2,9). In dieser Atmosphäre radikalen Vertrauens, die für die
Glaubensatmosphäre bezeichnend ist, beruhigt der Psalmist »die Gerechten«, die
Gläubigen. Ihre Situation könnte an sich besorgniserregend erscheinen angesichts
der anmaßenden Haltung der Frevler, die ihnen ihre Herrschaft aufzwingen wollen.
Auch bestünde für die Gerechten die Gefahr, sich am Bösen mitschuldig zu machen,
um schwerwiegenden Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, doch der Herr
beschützt sie vor der Unterdrückung: »Das Zepter des Frevlers soll nicht auf dem
Erbland der Gerechten lasten…« (Ps 125,3); zugleich bewahrt er sie vor
der Versuchung, daß »die Hand der Gerechten … nach Unrecht greift« (ebd.).
Der Psalm flößt dem Herzen also tiefes Vertrauen ein. Er ist
eine machtvolle Hilfe, wenn es darum geht, sich schwierigen Situationen zu
stellen, wenn nämlich zur äußeren Krise des Ausgeschlossenseins, der Ironie und
der Verachtung gegenüber den Glaubenden die innere Krise der Mutlosigkeit,
Mittelmäßigkeit und Müdigkeit hinzukommt. Wir kennen diese Situation, aber der
Psalm läßt uns wissen, daß wir stärker sind als diese Übel, wenn wir uns vom
Vertrauen tragen lassen.
3. Im Schlußteil des Psalms findet sich ein Bittruf zum Herrn
zugunsten der »Guten« und der »Menschen mit redlichem Herzen« (vgl. V. 4), und
es wird jenen Unheil angekündigt, »die auf krumme Wege abbiegen« (V. 5).
Einerseits bittet der Psalmist darum, der Herr möge sich als liebevoller Vater
erweisen gegenüber den Gerechten und Glaubenden, die die Fackel eines
rechtschaffenen Lebens und eines guten Gewissens hochhalten. Andererseits wird
erwartet, daß er sich als gerechter Richter all jener erweist, die auf den
verschlungenen Pfaden des Bösen gingen, die letztlich zum Tod führen.
Besiegelt wird der Psalm vom traditionellen Gruß des Schalom,
des »Frieden über Israel«, eines Grußes, der in lautlicher Anlehnung an das Wort
Jerushalajim gebildet wurde, Jerusalem also (vgl. V. 2), die symbolische Stadt
des Friedens und der Heiligkeit. Dieser Gruß wird zu einem Wunsch, der reich ist
an Hoffnung. Wir können ihn veranschaulichen durch die Worte des hl. Paulus:
»Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten
lassen, und über das Israel Gottes« (Gal 6,16).
4. In seinem Kommentar zu diesem Psalm stellt der hl. Augustinus
jene, »die auf verschlungenen Wegen gehen«, denjenigen gegenüber, »die ein
rechtschaffenes Herz haben und sich nicht von Gott entfernen«. Wenn erstere »das
gleiche Los wie die Frevler treffen wird«, wie wird dann das Schicksal der
Menschen mit »rechtschaffenem Herzen« sein? In der Hoffnung, daß er selbst und
seine Zuhörer am glücklichen Los letzterer Anteil haben dürfen, stellt sich der
Bischof von Hippo die Frage: »Was werden wir besitzen? Worin wird unser Erbteil
bestehen? Wie wird unsere Heimat aussehen? Welchen Namen wird sie tragen?« Er
selbst antwortet und nennt ihren Namen – wobei ich mit seinen Worte sprechen
will: »Friede. Mit dem Wunsch nach Frieden grüßen wir euch; den Frieden
verkünden wir euch; die Berge tragen den Frieden und die Höhen Gerechtigkeit
(vgl. Ps 72,3). Unser Friede ist nun Christus: ›Denn er ist unser Friede‹
(Eph 2,14) (Esposizioni sui Salmi, IV, Nuova Biblioteca Agostiniana,
XXVIII, Rom 1977, S. 105).
Der hl. Augustinus schließt mit einer Mahnung, die zugleich auch
einen Wunsch beinhaltet: »Wir sind das Israel Gottes und halten am Frieden fest,
denn Jerusalem ist gleichbedeutend mit einer Friedensvision und wir sind Israel:
jenes Israel, über dem der Friede ruht« (ebd., S. 107), und der Friede
ist Christus.
Psalm 125, den wir zu Beginn dieser Audienz vernommen haben, führt uns in den
anschaulichen Bildern der Berge und Felsen die schützende Treue Gottes vor
Augen: Der gläubige Mensch kann stets auf Gottes Zusage bauen und weiß sich in
seiner Liebe geborgen. In dieser Gewißheit wendet er sich an den Herrn mit der
vertrauensvollen Bitte um das unschätzbare Geschenk des Friedens.
Auf ihrem Weg durch die Zeit teilen die Christen die Nöte und Ängste aller
Menschen und sind denselben Bedrohungen ausgesetzt. Nicht selten werden wir auch
wegen unserer Überzeugungen belächelt und stoßen auf das Unverständnis der Welt.
Doch mit Paulus, Augustinus und vielen anderen Glaubenszeugen wissen wir, daß
Christus unser Friede ist (vgl. Eph 2,14). Wer auf seinen Wegen geht,
wird Gottes Güte erfahren und kann aus der Kraft des Glaubens auch anderen
Geborgenheit und Zuversicht schenken.
***
Einen frohen Gruß richte ich an die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache.
Gott ist der Fels, der uns festen Halt schenkt, selbst wenn in unserer Welt oder
im eigenen Leben manches ins Wanken gerät. Bleibt standhaft im Glauben und in
der Liebe und bringt Eure Sorgen und Mühen vertrauensvoll vor den Herrn. Er
begleitet Euch mit seinem Frieden. Euch allen wünsche ich eine gute und
erholsame Ferienzeit!
© Copyright 2005 - Libreria
Editrice Vaticana
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