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BENEDIKT XVI.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 21. September 2005
Lesung: Psalm 132, 11–18
11 Der Herr hat David geschworen, einen Eid, den er niemals
brechen wird: »Einen Sproß aus deinem Geschlecht will ich setzen auf deinen
Thron.
12 Wenn deine Söhne meinen Bund bewahren, mein Zeugnis, das ich sie lehre, dann
sollen auch ihre Söhne auf deinem Thron sitzen für immer.«
13 Denn der Herr hat den Zion erwählt, ihn zu seinem Wohnsitz erkoren:
14 »Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich hab’ ihn
erkoren.
15 Zions Nahrung will ich reichlich segnen, mit Brot seine Armen sättigen.
16 Seine Priester will ich bekleiden mit Heil, seine Frommen sollen jauchzen und
jubeln.
17 Dort lasse ich Davids Macht erstarken und stelle für meinen Gesalbten ein
Licht auf.
18 Ich bedecke seine Feinde mit Schande; doch auf ihm erglänzt seine Krone.«
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Soeben ist der zweite Teil von Psalm 132 erklungen, ein Lied,
das ein Schlüsselereignis aus der Geschichte Israels in Erinnerung ruft: die
Überführung der Bundeslade des Herrn nach Jerusalem.
David war der Urheber dieser Übertragung, die im ersten Teil des
Psalms bezeugt wird, den wir bereits betrachtet haben. In der Tat hatte der
König geschworen, daß er den Königspalast nicht betreten werde, bis nicht eine
Wohnung für die Bundeslade Gottes, das Zeichen der Gegenwart des Herrn unter
seinem Volk, gefunden sei (vgl. V. 3–5).
Auf diesen Schwur des Königs antwortet jetzt Gott selbst mit
einem Eid: »Der Herr hat David geschworen, einen Eid, den er niemals brechen
wird« (V. 11). Diese feierliche Verheißung ist im wesentlichen die gleiche, die
auch der Prophet Natan König David im Namen Gottes gegeben hatte; sie betrifft
die künftige Nachkommenschaft Davids, deren Herrschaft ewigen Bestand haben soll
(vgl. 2 Sam 7,8–16).
2. Der göttliche Eid enthält aber auch eine Verpflichtung des
Menschen, denn er ist an ein »Wenn«, an eine Bedingung gebunden: »Wenn deine
Söhne meinen Bund bewahren« (Ps 132,12). Der Verheißung und dem Geschenk
Gottes, das nichts Magisches an sich hat, muß die treue und tätige Zustimmung
des Menschen in einem Dialog antworten, in dem die göttliche und die menschliche
Freiheit miteinander verflochten sind.
An dieser Stelle wird der Psalm zu einem Gesang, der die
wunderbaren Wirkungen des göttlichen Geschenkes und der Treue Israels preist.
Denn man wird in der Tat die Gegenwart Gottes unter seinem Volk erfahren (vgl.
V. 13–14): Er wird wie ein Mitbewohner unter den Bewohnern Jerusalems sein, wie
ein Mitbürger, der mit den anderen Bürgern den Lauf der Geschichte erlebt, aber
die Kraft seines Segens anbietet.
3. Gott wird die Ernte segnen und sich um die Sättigung der
Armen kümmern (vgl. V. 15); er wird seinen schützenden Mantel über die Priester
breiten und sie mit seinem Heil bekleiden; er wird dafür sorgen, daß alle
Gläubigen in Freude und Zuversicht leben (vgl. V. 16).
Ein besonderer Segen ist wieder David und seinen Nachkommen
vorbehalten: »Dort lasse ich Davids Macht erstarken und stelle für meinen
Gesalbten ein Licht auf. Ich bedecke seine Feinde mit Schande; doch auf ihm
erglänzt seine Krone« (V. 17–18).
Wie es schon im ersten Teil des Psalms geschehen ist (vgl. V.
10), tritt nun wieder der »Gesalbte«, auf hebräisch »Messias«, in Erscheinung,
so daß er Davids Nachkommenschaft mit dem Kommen des Messias verbindet, das aus
christlicher Perspektive in Christus Wirklichkeit wird. Die verwendeten Bilder
sind lebendig: David wird als fruchtbringender Sproß dargestellt. Gott verleiht
dem Nachkommen Davids strahlendes Licht, das Symbol der Lebenskraft und
Herrlichkeit, und die glänzende Krone soll den Triumph über die Feinde und damit
den Sieg über das Böse andeuten.
4. In Jerusalem verwirklicht sich im Tempel, der die Bundeslade
birgt, und in der Dynastie Davids die zweifache Gegenwart des Herrn im Raum und
in der Geschichte. Psalm 132 wird also eine Feier Gottes, des Immanuel, der bei
seinen Geschöpfen ist, bei ihnen lebt und ihnen Wohltaten erweist, wenn sie mit
ihm in der Wahrheit und in der Gerechtigkeit vereint sind. Der spirituelle Kern
dieses Hymnus ist bereits eine Ankündigung der johanneischen Botschaft: »Das
Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt« (Joh 1,14).
5. Abschließend erinnern wir daran, daß die Kirchenväter den
Anfang dieses zweiten Teils von Psalm 132 gewöhnlich dazu verwendet haben, um
die Menschwerdung des Wortes im Schoß der Jungfrau Maria zu beschreiben.
Schon der hl. Irenäus hat, anknüpfend an die Prophetie von
Jesaja über die Jungfrau, die gebären sollte, erklärt: »Die Worte ›Hört her, ihr
vom Haus David!‹ (Jes 7,13) bedeuten, daß der ewige König, den Gott – wie
er David verheißen hatte – aus dem ›Sproß seines Geschlechts‹ erwecken wollte (Ps
132,11), derjenige ist, der aus der Jungfrau geboren wurde und von David
abstammt. Denn Gott hatte ihm einen König verheißen, der aus dem ›Sproß seines
Geschlechts‹ geboren werden sollte, ein Ausdruck, mit dem eine schwangere
Jungfrau bezeichnet wird. Die Schrift … betont und bekräftigt den Sproß des
Geschlechts, um zu verkünden, daß der, welcher kommen soll, aus der Jungfrau
geboren wird. Das bezeugte Elisabet, als sie, erfüllt vom Heiligen Geist, zu
Maria sagte: ›Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist
die Frucht deines Leibes‹ (Lk 1,42). So weist der Heilige Geist
diejenigen, die ihn hören wollen, darauf hin, daß sich in der Geburt aus der
Jungfrau, also aus Maria, Gottes Verheißung an David erfüllt hat, das heißt, daß
er aus dem Sproß seines Geschlechts einen König erwecken werde« (Contro le
eresie, 3,21,5: Già e Non Ancora, CCCXX, Mailand 1997, S. 285).
So können wir anhand dieses großen Bogens, der sich vom frühen
Psalm bis zur Menschwerdung des Herrn spannt, die Treue Gottes erkennen. Aus dem
Psalm strahlt bereits das Geheimnis eines Gottes durch, der unter uns wohnt und
der in der Menschwerdung eins mit uns wird. Diese Treue Gottes schenkt uns
Zuversicht in den Wechselfällen der Geschichte, und sie ist Grund unserer
Freude.
Der Einzug der Bundeslade in Jerusalem ist der thematische Rahmen von Psalm
132, dessen zweiten Teil wir heute betrachten. Darin ist die Rede von einem
„Eid“ des Herrn, den er „niemals brechen wird“ (V. 11). Das Treueversprechen
Gottes bezieht sein Volk mit ein, dessen tätige Antwort Teil jenes Bundes ist,
in dem göttliche und menschliche Freiheit sich treffen.
Die wunderbare Frucht der Bundestreue ist das Wohnen Gottes unter seinem Volk.
Der Herr ist gleichsam Mitbewohner Jerusalems; seine Gegenwart in Raum und Zeit
ist Quelle des Segens für alle, die zu ihm gehören. In diesem alttestamentlichen
Lobpreis auf den „Gott-mit-uns“ erklingt ein Präludium der im
Johannesevangelium verkündeten Botschaft vom Heil: Das Wort ist Fleisch
geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1, 14).
***
Mit diesen Gedanken heiße ich gerne alle deutschsprachigen Pilger und Besucher
willkommen. Mein besonderer Gruß gilt heute dem Bund der Historischen Deutschen
Schützenbruderschaften, den Schwestern von der Heiligen Elisabeth sowie den
zahlreichen Jugendlichen hier auf dem Petersplatz. Denkt alle daran: Gott will
in unserer Mitte wohnen. Sein Segen ist uns gewiß, wenn wir seine Gegenwart
suchen. Denn seine Nähe macht uns heil. – Euch allen wünsche ich eine glückliche
Zeit in Rom!
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