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BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 9. November 2005

 

Lesung: Psalm 136,1–9

1 Danklitanei für Gottes ewige Huld
Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig!
2 Danket dem Gott aller Götter, denn seine Huld währt ewig!
3 Danket dem Herrn aller Herren, denn seine Huld währt ewig!
4 Der allein große Wunder tut, denn seine Huld währt ewig,
5 der den Himmel geschaffen hat in Weisheit, denn seine Huld w ährt ewig,
6 der die Erde über den Wassern gegründet hat, denn seine Huld währt ewig,
7 der die großen Leuchten gemacht hat, denn seine Huld währt ewig,
8 die Sonne zur Herrschaft über den Tag, denn seine Huld währt ewig,
9 Mond und Sterne zur Herrschaft über die Nacht, denn seine Huld währt ewig.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. »Das große Hallel« hieß der feierliche und festliche Lobgesang, den das Judentum in der Paschaliturgie anstimmte. Wir sprechen von Psalm 136, dessen ersten Teil wir soeben gehört haben (vgl. V. 1–9), denn für die Liturgie der Vesper wurde er geteilt.

Wir betrachten zunächst den Kehrvers: »… denn seine Huld währt ewig«. Die Betonung in diesem Satz liegt auf dem Substantiv »Huld«, das die richtige, aber unvollständige Übersetzung des ursprünglichen hebräischen Wortes »hesed« ist. Dieses Wort gehört zum besonderen Sprachgebrauch der Bibel und drückt den Bund zwischen dem Herrn und seinem Volk aus. Der Terminus soll die Verhaltensweisen zeigen, die für diese Verbindung bezeichnend sind: die Treue Gottes, seine Aufrichtigkeit, seine Liebe und natürlich seine Huld.

Wir haben hier eine synthetische Darstellung des tiefen und interpersonalen Bandes vor uns, das der Schöpfer mit seinem Geschöpf geknüpft hat. In dieser Verbindung erscheint Gott in der Bibel nicht als ein gleichgültiger und unnachsichtiger Herr, ebensowenig als ein dunkles, unerforschliches Wesen, ähnlich dem Schicksal, gegen dessen geheimnisvolle Kraft nicht anzukämpfen ist. Gott erweist sich vielmehr als eine Person, die ihre Geschöpfe liebt, über sie wacht, sie auf dem Weg durch die Geschichte begleitet und unter der Untreue leidet, die das Volk seinem »hesed«, seiner barmherzigen und väterlichen Liebe, oft entgegensetzt.

2. Das erste sichtbare Zeichen dieser göttlichen Liebe – sagt der Psalmist – ist in der Schöpfung zu suchen. Danach ist die Geschichte an der Reihe. Der Blick richtet sich zunächst bewundernd und staunend auf die Schöpfung: Himmel, Erde, Wasser, Sonne, Mond und Sterne.

Noch vor der Erkenntnis, daß Gott sich in der Geschichte eines Volkes offenbart, gibt es eine für alle zugängliche kosmische Offenbarung, die der ganzen Menschheit von dem einen Schöpfer, dem »Gott der Götter« und dem »Herrn aller Herren«, angeboten wird (vgl. V. 2–3).

Deshalb heißt es in Psalm 19: »Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund« (V. 2–3). Es gibt also eine göttliche Botschaft, die der Schöpfung auf verborgene Weise eingeprägt ist als Zeichen des »hesed«, der liebevollen Treue Gottes, der seinen Geschöpfen Sein und Leben, Wasser und Nahrung, Licht und Zeit schenkt.

Man muß offene Augen haben, um diese göttliche Offenbarung zu sehen, während man sich die Mahnung des Buches der Weisheit in Erinnerung ruft, das uns einlädt, »von der Größe und Schönheit der Geschöpfe auf ihren Schöpfer zu schließen« (vgl. Weish 13,5; Röm 1,20). Der Lobpreis geht dann von der Betrachtung der »großen Wunder« Gottes aus (vgl. Ps 136,4), die sich in der Schöpfung entfalten, und verwandelt sich in ein frohes Lob- und Danklied an den Herrn.

3. Von den geschaffenen Werken steigt man also auf zur Erhabenheit Gottes, zu seiner liebevollen Barmherzigkeit. Das lehren uns die Kirchenväter, in deren Stimme die beständige christliche Tradition erklingt.

Der hl. Basilius der Große verweilt auf einer der ersten Seiten seiner ersten Homilie über das Hexameron, wo er die Schöpfungsgeschichte nach dem ersten Kapitel der Genesis kommentiert, bei dem weisen Handeln Gottes und erkennt in der göttlichen Güte das Antriebszentrum der Schöpfung. Hier einige Sätze aus der langen Reflexion des heiligen Bischofs von Cäsarea in Kappadozien:

»›Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.‹ Mir fehlen die Worte, denn ich bin überwältigt von diesem erstaunlichen Gedanken« (1,2,1: Sulla Genesi [Omelie sull’Esamerone], Mailand 1990, S. 9.11). Denn obwohl einige, die »von der Gottlosigkeit im Innersten getäuscht worden waren, sich das Universum ohne Führung und ohne Ordnung wie dem Zufall überlassen vorstellten«, hat der heilige Schriftsteller »uns mit dem Namen Gottes am Anfang der Erzählung sofort den Sinn erhellt, indem er sagte: ›Im Anfang schuf Gott…‹ Wie schön ist doch diese Ordnung!« (1,2,4: ebd., S. 11). »Wenn also die Welt einen Anfang hat und erschaffen wurde, dann suche nach dem, der den Anfang gemacht hat und wer ihr Schöpfer ist … Mose ist dir durch seine Lehre vorausgegangen, indem er in unsere Herzen den heiligsten Namen Gottes als Siegel und Gebetsriemen eindrückte, als er sagte: ›Im Anfang schuf Gott….‹ Die selige Natur, die neidlose Güte, Er, der von allen vernunftbegabten Lebewesen geliebt wird, Er, der die höchste ersehnenswerte Schönheit ist, der Ursprung der Lebewesen, die Quelle des Lebens, das Licht der Vernunft, die unerreichbare Weisheit, Er ist es, der »im Anfang Himmel und Erde schuf« (1,2,6–7: ebd., S. 13).

Ich finde, daß die Worte dieses Vaters aus dem 4. Jahrhundert von überraschender Aktualität sind, wenn er sagt: »Einige, von der Gottlosigkeit im Innersten getäuscht, stellten sich das Universum ohne Führung und ohne Ordnung vor, wie dem Zufall überlassen.« Wie zahlreich sind heute diese »einigen« geworden. Vom Atheismus getäuscht, meinen sie und suchen sie zu beweisen, daß es weise ist, zu denken, daß alles ohne Führung und ohne Ordnung ist, gleichsam dem Zufall überlassen. Der Herr weckt durch die Heilige Schrift die schlafende Vernunft, die uns sagt: Am Anfang ist das schöpferische Wort. Und das schöpferische Wort am Anfang – dieses Wort, das alles geschaffen hat, das diesen intelligenten Plan, den Kosmos geschaffen hat – ist auch Liebe.

Lassen wir uns also von diesem Wort Gottes wecken. Bitten wir, daß es unseren Geist erhellt, damit wir diese Botschaft, die auch in unsere Herzen eingeschrieben ist, erfassen, das heißt, daß der Anfang von allem die schöpferische Weisheit ist und daß diese Weisheit Liebe und Güte ist: Denn »seine Huld währt ewig«.


„Gottes Huld währt ewig!“ Dieser Kehrvers prägt den Psalm 136, der der heutigen Katechese zugrunde liegt. Der Kernbegriff „Huld“ (hebräisch: „hesed“) drückt die Haltung des allmächtigen Gottes aus, der dem Menschen seinen Bund anbietet und ihn durchs Leben führt.

Gottes Huld erkennt der Psalmist bereits in der Schöpfung. Aus Liebe hat Gott in seiner Weisheit den Himmel und die Erde geschaffen. Darum lehren die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche, daß „sich von der Schönheit der Geschöpfe auf ihren Schöpfer schließen läßt“ (Weish 13, 5).

***

Die Huld Gottes begleitet auch euch, liebe Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache, die ich herzlich willkommen heiße. Öffnet die Augen für die Wunder der Schöpfung, in denen wir Gottes große Güte erkennen können! Mit besonderer Freude begrüße ich heute die Österreichische Bischofskonferenz, die zu ihrem Ad-limina-Besuch nach Rom gekommen ist und jetzt ihre Herbstvollversammlung im Vatikan abhält. Liebe Brüder im bischöflichen Dienst, übermittelt den Katholiken und allen Menschen in Eurer Heimat meine herzlichsten Segenswünsche. Ich weiß, wie sehr Bischöfe, Priester und Laien in Österreich bemüht sind, das Evangelium Christi in den konkreten Alltag zu übersetzen. Ich bin dankbar für so viele sichtbare Zeichen lebendigen Glaubens und die missionarischen Aufbrüche in der Kirche, für die Allianz zum Schutz des Sonntags und die große Bereitschaft, Menschen in Krankheit, Sterben und Not beizustehen. Euch allen, liebe Brüder und Schwestern, wünsche ich einen gesegneten Aufenthalt in der Ewigen Stadt und eine gute Heimreise. Der Herr segne euch alle!

 

© Copyright 2005 - Libreria Editrice Vaticana

 

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