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HEILIGSPRECHUNG DER 4 SELIGEN:
RAFAEL
GUÍZAR VALENCIA (1878 – 1938)
FILIPPO SMALDONE (1848 – 1923)
ROSA VENERINI (1656 – 1728)
THÉODORE GUÉRIN (1798 – 1856)
PREDIGT VON
BENEDIKT XVI.
Petersdom Sonntag, 15. Oktober 2006
Liebe Brüder und Schwestern!
Vier neue Heilige werden heute der Gesamtkirche zur Verehrung
vorgestellt: Rafael Guízar y Valencia, Filippo Smaldone, Rosa Venerini
und Théodore Guérin. Ihrer Namen wird für immer gedacht werden. Im
Gegensatz dazu muß man sofort an den »reichen Jüngling« denken, von dem das eben
verkündete Evangelium spricht. Dieser junge Mann ist namenlos geblieben; hätte
er die Aufforderung Jesu positiv beantwortet, wäre er sein Jünger geworden, und
die Evangelisten hätten seinen Namen wahrscheinlich aufgezeichnet. Aus dieser
Tatsache läßt sich sofort das Thema des Wortgottesdienstes dieses Sonntags
erahnen: Wenn der Mensch seine Sicherheit auf die Reichtümer dieser Welt setzt,
gelangt er nicht zum vollen Sinn des Lebens und zur wahren Freude; wenn er
hingegen im Vertrauen auf das Wort Gottes um des Himmelreiches willen auf sich
selbst und auf seine Güter verzichtet, verliert er anscheinend viel, gewinnt
aber in Wirklichkeit alles. Die Heiligen sind eben jene Männer und Frauen, die
voll Freude und großzügig auf den Ruf Christi antworten und alles verlassen, um
ihm nachzufolgen. Wie Petrus und die anderen Apostel, wie die hl. Teresa von
Jesus, derer wir heute gedenken, und zahllose andere Freunde Gottes, so sind
auch die neuen Heiligen diesen anspruchsvollen, aber Erfüllung schenkenden Weg
des Evangeliums gegangen und haben schon im irdischen Leben »das Hundertfache«
empfangen, wenn auch unter Prüfungen und Verfolgungen, und dann das ewige Leben.
Jesus kann also wirklich ein glückliches Dasein und das ewige
Leben garantieren, allerdings auf eine andere Weise, als der reiche Jüngling es
sich vorstellte: nämlich nicht durch ein gutes Werk, eine Gesetzeserfüllung,
sondern in der Entscheidung für das Reich Gottes als »kostbare Perle«, für die
es sich lohnt, alles zu verkaufen, was man besitzt (vgl. Mt 13,45–46).
Dem reichen Jüngling gelingt es nicht, diesen Schritt zu tun. Obwohl ihn der
liebevolle Blick Jesu getroffen hatte (vgl. Mk 10,21), gelang es ihm
nicht, sich in seinem Herzen von den vielen Gütern, die er besaß, zu trennen.
Das ist nun die Lehre für die Jünger: »Wie schwer ist es für Menschen, die viel
besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!« (Mk 10,23). Die irdischen
Reichtümer nehmen Geist und Herz in Beschlag und versetzen sie in Unruhe. Jesus
sagt nicht, daß sie schlecht seien, aber daß sie von Gott wegführen, wenn sie
nicht sozusagen »investiert« werden für das Himmelreich, das heißt also verwandt
werden, um dem zu Hilfe zu kommen, der in Armut lebt.
Das zu begreifen ist Frucht jener Weisheit, von der die erste
Lesung spricht. Sie ist – wurde dort gesagt – kostbarer als Silber und Gold, ja
als Schönheit, Gesundheit und selbst das Licht, »denn niemals erlischt der
Glanz, der von ihr ausstrahlt« (Weish 7,10). Natürlich läßt sich diese
Weisheit nicht allein auf die intellektuelle Dimension verkürzen. Sie ist weit
mehr; sie ist »die Weisheit des Herzens«, wie sie der 89. Psalm nennt. Sie ist
ein Geschenk von oben (vgl. Jak 3,17), von Gott, und man erhält sie durch
das Gebet (vgl. Weish 7,7). Sie ist nämlich nicht weit weg vom Menschen,
sie ist seinem Herzen ganz nahe gekommen (vgl. Dtn 30,14), als sie im
Gesetz des Ersten Bundes, der durch Mose zwischen Gott und Israel geschlossen
wurde, Gestalt angenommen hat. In den Zehn Geboten ist die Weisheit Gottes
enthalten. Deshalb sagt Jesus im Evangelium, daß es notwendig ist, die Gebote zu
halten, »um das Leben zu erlangen« (vgl. Mk 10,19). Das ist notwendig, es
genügt aber nicht! Denn, wie der hl. Paulus sagt, kommt das Heil nicht durch das
Gesetz, sondern aus der Gnade. Und der hl. Johannes erinnert uns daran, daß das
Gesetz durch Mose gegeben wurde, während die Gnade und die Wahrheit durch Jesus
Christus kamen (vgl. Joh 1,17). Um zum Heil zu gelangen, muß man sich
daher im Glauben der Gnade Christi öffnen, der dem, der sich an ihn wendet,
allerdings eine anspruchsvolle Bedingung stellt: »Komm und folge mir nach!« (Mk
10,21). Die Heiligen hatten die Demut und den Mut, ihm mit »Ja« zu antworten,
und haben auf alles verzichtet, um seine Freunde zu sein. So haben es auch die
vier neuen Heiligen getan, die wir heute besonders verehren. In ihnen finden wir
die Erfahrung des Petrus vergegenwärtigt: »Du weißt, wir haben alles verlassen
und sind dir nachgefolgt« (Mk 10,28). Ihr einziger Schatz ist im Himmel:
es ist Gott. [Nachdem der Heilige Vater seine Predigt auf italienisch begonnen
hatte, fuhr er auf spanisch fort:]
Das Evangelium, das wir gehört haben, hilft uns, die Gestalt des
hl. Rafael Guízar y Valencia, Bischof von Veracruz in der geliebten
mexikanischen Nation, als ein Beispiel für diejenigen zu verstehen, die alles
verlassen haben, um »Jesus nachzufolgen«. Dieser Heilige war dem »lebendigen und
kraftvollen« Wort Gottes treu, das bis in die Tiefe des Geistes dringt (vgl.
Hebr 4,12). Er ahmte den armen Christus nach, verzichtete auf seine Güter
und nahm niemals Geschenke der Mächtigen an oder verschenkte sie sofort weiter.
Dafür erhielt er »das Hundertfache« und konnte so den Armen helfen, wenn auch
unter beständigen »Verfolgungen« (vgl. Mk 10,30). Seine in heroischem
Grad gelebte Liebe bewirkte, daß man ihn den »Bischof der Armen« nannte. In
seinem Dienst als Priester und später als Bischof war er ein unermüdlicher
Prediger der Volksmissionen – zu jener Zeit die geeignetste Form, um den
Menschen das Evangelium zu verkünden –, bei denen er seinen Katechismus der
christlichen Lehre verwendete. Da eine seiner Prioritäten die
Priesterausbildung war, stellte er das Seminar wieder her, das er als »seinen
Augenstern« betrachtete, und deshalb pflegte er zu sagen: »Einem Bischof kann
die Mitra, der Bischofsstab und sogar die Kathedrale fehlen, aber das
Priesterseminar darf ihm nicht fehlen, denn vom Seminar hängt die Zukunft seiner
Diözese ab«. Mit diesem tiefen Sinn priesterlicher Väterlichkeit nahm er neue
Verfolgungen und Verbannungen auf sich, gewährleistete aber immer die Ausbildung
der Studenten. Möge das Beispiel des hl. Rafael Guízar y Valencia für die Brüder
im bischöflichen und im priesterlichen Amt eine Aufforderung sein, in den
Pastoralprogrammen neben dem Geist der Armut und dem Bemühen um die
Evangelisierung auch die Förderung von Priester- und Ordensberufen und deren
Formung nach dem Herzen Christi als grundlegende Priorität anzusehen. Papst
Benedikt XVI. sagte wieder in italienischer Sprache:
Der hl. Filippo Smaldone, der aus dem Süden Italiens
stammte, verstand es, die besten Tugenden seiner Heimat in sein Leben zu
übertragen. Als Priester mit einem großen Herzen, genährt durch das ständige
Gebet und die eucharistische Anbetung, war er vor allem Priester und Diener der
Nächstenliebe, die er in herausragender Weise im Dienst an den Armen zum
Ausdruck brachte, besonders an den Taubstummen, denen er sich selbst ganz
widmete. Das Werk, das er begonnen hat, wird dank der von ihm gegründeten
Kongregation der Salesianerinnen der Heiligen Herzen weitergeführt und ist
inzwischen in verschiedenen Teilen Italiens und der Welt verbreitet. In den
Taubstummen sah der hl. Filippo Smaldone den Widerschein des Bildes Jesu, und
wiederholt pflegte er zu sagen, daß man sich vor einem Taubstummen so
niederknien solle, wie man sich vor dem Allerheiligsten Sakrament niederkniet.
Entnehmen wir seinem Vorbild die Aufforderung, die Liebe zur Eucharistie und die
Liebe zum Nächsten immer als untrennbar anzusehen. Ja, die wirkliche Fähigkeit,
die Brüder zu lieben, kann nur aus der Begegnung mit dem Herrn im Sakrament der
Eucharistie entstehen.
Die hl. Rosa Venerini ist ein weiteres Beispiel einer
treuen Jüngerin Christi, die bereit war, alles zu verlassen, um den Willen
Gottes zu erfüllen. Sie wiederholte gern den Satz: »Ich finde mich derart an den
göttlichen Willen gefesselt, daß für mich weder Leben noch Tod Bedeutung hat:
Ich will leben, wie er will, und ich will ihm dienen, wie es ihm gefällt, und
nicht mehr« (Biografia Andreucci, S. 515). Daraus, daß sie sich ganz Gott
überließ, entsprang die weitblickende Aktivität, die sie mit viel Mut zugunsten
der geistigen Förderung und der echten Emanzipation der jungen Frauen ihrer Zeit
entfaltete. Die hl. Rosa gab sich nicht damit zufrieden, den Mädchen einen
angemessenen Unterricht zu bieten, sondern sie sorgte für die Sicherstellung
einer ganzheitlichen Formung, unter fester Bezugnahme auf die Lehre der Kirche.
Ihr apostolischer Stil prägt noch heute das Leben der von ihr gegründeten
Gemeinschaft der »Maestre Pie Venerini«. Und wie aktuell und wichtig ist auch
für die heutige Gesellschaft der Dienst, den sie im Bereich der Schule und
besonders der Bildung der Frau leisten! [Auf englisch sagte der Papst:]
»Geh, verkaufe, was du hast, und gib das Geld den Armen…; dann
komm und folge mir nach!« Diese Worte haben im Laufe der Kirchengeschichte
unzählige Christen dazu inspiriert, Christus nachzufolgen in einem Leben
radikaler Armut und im Vertrauen auf die göttliche Vorsehung. Zu diesen
hochherzigen Jüngerinnen Christi gehörte eine junge Französin, die vorbehaltlos
auf den Ruf des göttlichen Lehrers antwortete. Mutter Théodore Guérin
trat 1823 in die Kongregation der Schwestern der Vorsehung ein und widmete sich
dem Schulunterricht. 1839 wurde sie von ihren Oberinnen beauftragt, in die
Vereinigten Staaten zu reisen und Oberin einer neuen Kommunität im Bundesstaat
Indiana zu werden. Nach ihrer langen Reise auf dem Land- und Seeweg traf die aus
sechs Schwestern bestehende Gruppe in Saint Mary-of-the-Woods ein. Dort fanden
sie mitten im Wald eine einfache Kapelle in Form einer Blockhütte vor. Sie
knieten vor dem Allerheiligsten nieder, dankten Gott und baten um seine Führung
bei der Neugründung. Mit großem Vertrauen in Gottes Vorsehung überwand Mutter
Théodore viele Herausforderungen und fuhr unbeirrt in der Arbeit fort, zu der
sie der Herr berufen hatte. Als sie 1856 starb, betrieben die Schwestern Schulen
und Waisenhäuser überall im Bundesstaat Indiana. Mit ihren Worten: »Wieviel
Gutes ist von den Schwestern von Saint Mary-of-the-Woods geleistet worden!
Wieviel mehr Gutes werden sie noch tun können, wenn sie ihrer heiligen Berufung
treu bleiben!« [Auf französisch fügte der Papst hinzu:]
Mutter Théodore Guérin ist eine schöne geistliche Gestalt und
ein Vorbild christlichen Lebens. Sie war immer für die Aufgaben bereit, die die
Kirche ihr anvertraute, und sie fand die Kraft und den Mut, um sie
durchzuführen, in der Eucharistie, im Gebet und in einem unendlichen Vertrauen
in die göttliche Vorsehung. Ihre innere Kraft drängte sie zu einer besonderen
Sorge für die Armen, ganz besonders die Kinder. [Der Heilige Vater schloß seine
Predigt auf italienisch:]
Liebe Brüder und Schwestern, danken wir dem Herrn für das
Geschenk der Heiligkeit, die heute in der Kirche mit einzigartiger Schönheit
erstrahlt! Jesus lädt auch uns wie diese Heiligen ein, ihm nachzufolgen, um als
Erbe das ewige Leben zu erhalten. Das beispielhafte Zeugnis dieser Heiligen
erleuchte und ermutige besonders die Jugendlichen, damit sie sich von Christus,
von seinem liebevollen Blick gewinnen lassen. Maria, die Königin der Heiligen,
erwecke im christlichen Volk Männer und Frauen wie den hl. Rafael Guízar y
Valencia, den hl. Filippo Smaldone, die hl. Rosa Venerini und
die hl. Théodore Guérin, die bereit sind, um des Reiches Gottes willen
alles zu verlassen und sich die Logik der Hingabe und des Dienstes zu eigen zu
machen, die allein die Welt rettet. Amen!
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