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PASTORALBESUCH VON PAPST BENEDIKT XVI.
IN VERONA ANLÄSSLICH DES
4. NATIONALEN KONGRESSES DER KATHOLISCHEN KIRCHE IN ITALIEN

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Stadion von Verona
Donnerstag, 19. Oktober 2006

 

Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt!
Liebe Brüder und Schwestern!

Mit dieser Eucharistiefeier erleben wir den Höhepunkt des 4. Nationalen Kongresses der Kirche in Italien, die sich heute um den Nachfolger Petri versammelt. Die Herzmitte jedes kirchlichen Ereignisses ist die Eucharistie, in der Christus, der Herr, uns versammelt, zu uns spricht, uns stärkt und aussendet. Es ist bezeichnend, daß für diese Liturgiefeier das Stadion von Verona ausgewählt wurde, ein Ort, an dem gewöhnlich keine religiösen Feiern, sondern sportliche Veranstaltungen stattfinden, die Tausende von Fans begeistern. Dieses Stadion nimmt heute den auferstandenen Herrn auf, der wahrhaft gegenwärtig ist in seinem Wort, in dem mit seinen Hirten versammelten Gottesvolk und vor allem im Sakrament seines Leibes und Blutes. Christus kommt heute in diesen modernen Areopag, um seinen Geist auszugießen über die Kirche in Italien, damit sie, vom Hauch eines neuen Pfingsten neu belebt, »das Evangelium in einer sich verändernden Welt weitergeben« kann, wie es die Pastoralen Empfehlungen der Italienischen Bischofskonferenz für das Jahrzehnt 2000–2010 vorschlagen.

Euch, den verehrten Brüdern im Bischofsamt mit den Priestern und Diakonen, euch, den lieben Vertretern der Diözesen und Laienverbände, euch, den Ordensleuten und engagierten Laien, gilt mein herzlicher Willkommensgruß, in den ich auch diejenigen einschließe, die über Hörfunk und Fernsehen mit uns verbunden sind. Ich grüße und umarme im Geiste die gesamte kirchliche Gemeinschaft Italiens, den lebendigen Leib Christi. Insbesondere möchte ich jenen meine Anerkennung zum Ausdruck bringen, die über einen langen Zeitraum hinweg für die Vorbereitung und Organisation dieses Treffens gearbeitet haben: der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, der Generalsekretär, Bischof Giuseppe Betori, und die Mitarbeiter der verschiedenen Ämter; Kardinal Dionigi Tettamanzi und die anderen Mitglieder des Vorbereitungskomitees; der Bischof von Verona, Flavio Roberto Carraro, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er zu Beginn der Eucharistiefeier auch im Namen dieser geliebten Gemeinschaft Veronas, die uns aufnimmt, an mich gerichtet hat. Einen ehrerbietigen Gruß richte ich ferner an den Regierungschef und die anderen hier anwesenden Obrigkeiten; mein herzlicher Dank gilt schließlich den Mitarbeitern der Medien, die die Arbeit dieser wichtigen Zusammenkunft der Kirche in Italien verfolgen.

Die soeben verkündeten biblischen Lesungen erhellen das Thema des Treffens: »Zeugen des Auferstandenen, Hoffnung der Welt«. Das Wort Gottes hebt die Auferstehung Christi hervor: ein Ereignis, das die Gläubigen zu einer lebendigen Hoffnung neu geboren hat, wie der Apostel Petrus zu Beginn seines Ersten Briefes schreibt. Dieser Text war das tragende Fundament für den Weg der Vorbereitung dieses großen nationalen Treffens. Als Nachfolger des hl. Petrus rufe auch ich mit Freude: »Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus« (1 Petr 1,3), denn durch die Auferstehung seines Sohnes hat er uns neu geboren, und im Glauben hat er uns eine unbesiegbare Hoffnung auf das ewige Leben geschenkt, so daß wir in der Gegenwart stets dem Ziel zustreben, der endgültigen Begegnung mit unserem Herrn und Erlöser. Kraft dieser Hoffnung fürchten wir die Prüfungen nicht, die, wie schmerzlich und schwer sie auch sein mögen, nie jene tiefe Freude beeinträchtigen können, die dem Geliebtsein von Gott entspringt. In seinem fürsorglichen Erbarmen hat er seinen Sohn für uns hingegeben, und wir glauben an ihn und lieben ihn, auch wenn wir ihn nicht sehen (vgl. 1 Petr 1,3–9). Seine Liebe genügt uns.

Aus der Kraft dieser Liebe, dem festen Glauben an die Auferstehung Jesu, auf dem die Hoffnung gründet, entspringt und erneuert sich beständig unser christliches Zeugnis. Hierin wurzelt unser »Credo«, das Glaubensbekenntnis, aus dem die Verkündigung in ihren Anfängen geschöpft hat und das stets unverändert das Volk Gottes nährt. Der Inhalt des »Kerygmas«, der Verkündigung, und der Kern der gesamten Botschaft des Evangeliums ist Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, der für uns gestorben und auferstanden ist. Seine Auferstehung ist das bezeichnende Geheimnis des Christentums, die überreiche Erfüllung aller Heilsverheißungen, auch jener, die wir in der Ersten Lesung gehört haben, die dem Schlußteil des Buches des Propheten Jesaja entnommenen war. Aus dem Auferstandenen – dem Anfang der neuen, erneuerten und erneuernden Menschheit – ging in Wahrheit, wie der Prophet verheißen hat, das Volk der »Armen« hervor. Sie haben dem Evangelium das Herz geöffnet; sie sind »Eichen der Gerechtigkeit« geworden und »die Pflanzung, durch die der Herr seine Herrlichkeit zeigt«, und sie werden es stets aufs neue; sie bauen Ruinen wieder auf und erbauen verödete Städte wieder neu, von allen geachtet als »Nachkommen, die der Herr gesegnet« hat (vgl. Jes 61,3–4.9). Das Geheimnis der Auferstehung des Sohnes Gottes, der in den Himmel zur Rechten des Vaters aufgefahren ist und über uns den Heiligen Geist ausgegossen hat, läßt uns Christus und die Kirche mit einem einzigen Blick erfassen: den Auferstandenen und die Auferstandenen, die Erstlingsfrucht und den Acker Gottes, den Eckstein und die lebendigen Steine, um ein weiteres Bild aus dem Ersten Petrusbrief zu gebrauchen (vgl. 2,4–8). So war es am Anfang in der Gemeinschaft der Apostel, und so muß es auch heute sein.

Seit dem Pfingsttag hat das Licht des auferstandenen Herrn nämlich das Leben der Apostel verwandelt. Sie sahen nun ganz klar, daß sie nicht lediglich Anhänger einer neuen und interessanten Lehre waren, sondern vielmehr die auserwählten und verantwortlichen Zeugen einer Offenbarung, an die das Heil ihrer Zeitgenossen und aller zukünftigen Generationen geknüpft war. Der Osterglaube erfüllte ihre Herzen mit Begeisterung und außerordentlichem Eifer, der sie bereit machte, allen Schwierigkeiten und selbst dem Tod entgegenzutreten, und der ihren Worten unwiderstehliche Überzeugungskraft verlieh. Und so nahm eine kleine Schar, ohne menschliche Mittel und allein auf ihren starken Glauben gestützt, schwere Verfolgungen und das Martyrium furchtlos auf sich. Der Apostel Johannes schreibt: »Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube« (1 Joh 5,4b). Die Wahrheit dieser Aussage wird auch in Italien durch fast 2000 Jahre christlicher Geschichte bestätigt, mit unzähligen Zeugnissen der Märtyrer, der Heiligen und Seligen, die unauslöschliche Spuren überall auf der schönen Halbinsel, auf der wir leben, hinterlassen haben. An einige von ihnen ist zu Beginn dieses Kongresses erinnert worden, und sie begleiten nun seine Arbeiten.

Wir sind heute die Erben dieser siegreichen Zeugen! Aber eben dieser Feststellung entspringt die Frage: Was ist aus unserem Glauben geworden? In welchem Maß sind wir heute in der Lage, ihn weiterzugeben? Die Gewißheit, daß Christus auferstanden ist, sichert uns zu, daß keine feindliche Kraft die Kirche je zerstören kann. Auch beseelt uns das Bewußtsein, daß allein Christus die tiefen Erwartungen des menschlichen Herzens vollkommen erfüllen und eine Antwort geben kann auf die uns am meisten beunruhigenden Fragen über den Schmerz, die Ungerechtigkeit und das Böse, den Tod und das Jenseits. Unser Glaube ist daher begründet, aber dieser Glaube muß in jedem von uns lebendig werden. Umfassende und eingehende Bemühungen sind also erforderlich, damit jeder Christ zu einem »Zeugen « wird, der fähig und bereit ist, stets jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die ihn erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15). Daher müssen wir erneut mit Kraft und Freude das Ereignis des Todes und der Auferstehung Christi verkünden; es ist das Herz des Christentums, der tragende Mittelpunkt unseres Glaubens, der mächtige Antrieb unserer Gewißheiten, der starke Wind, der alle Angst und Unsicherheit, jeden Zweifel und jede menschliche Berechnung vertreibt. Allein von Gott kann die entscheidende Veränderung der Welt kommen. Nur von der Auferstehung her versteht man das wahre Wesen der Kirche und ihres Zeugnisses, das nicht vom Ostergeheimnis getrennt ist, sondern vielmehr dessen Frucht, Offenbarung und Verwirklichung durch diejenigen ist, die den Heiligen Geist empfangen und von Christus ausgesandt werden, seine eigene Sendung fortzusetzen (vgl. Joh 20,21–23).

»Zeugen des Auferstandenen«: Diese Definition der Christen stammt unmittelbar aus dem heute verkündeten Abschnitt des Lukasevangeliums, aber auch aus der Apostelgeschichte (vgl. Apg 1,8.22). Zeugen des Auferstandenen. Dieses »des« muß richtig verstanden werden! Es bedeutet, daß der Zeuge »von« Jesus, dem Auferstandenen, ist, das heißt, daß er ihm gehört, und eben als solcher kann er ein gültiges Zeugnis für ihn ablegen, von ihm sprechen, ihn bekanntmachen, zu ihm hinführen, seine Gegenwart vermitteln. Das ist genau das Gegenteil von dem, was für die andere Aussage gilt: »Hoffnung der Welt«. Der Genitivartikel »der« bedeutet hier keineswegs Zugehörigkeit, denn Christus ist nicht von der Welt, so wie auch die Christen nicht von der Welt sein dürfen. Die Hoffnung, die Christus ist, ist in der Welt, ist für die Welt, aber sie ist es, weil Christus Gott, »der Heilige« (hebräisch: Kadosh), ist. Christus ist Hoffnung für die Welt, weil er auferstanden ist, und er ist auferstanden, weil er Gott ist. Auch die Christen können der Welt Hoffnung bringen, weil sie von Christus und von Gott sind, insoweit sie sich mit ihm von der Sünde abwenden und zum neuen Leben der Liebe, der Vergebung, des Dienstes, der Gewaltlosigkeit auferstehen. So wie der hl. Augustinus sagt: »Du hast geglaubt, du bist getauft worden: Das alte Leben ist gestorben, am Kreuz getötet, in der Taufe begraben worden. Das alte Leben, in dem du schlecht gelebt hast, ist begraben worden: das neue Leben möge auferstehen« (Sermo 229/E 9,3). Nur wenn sie wie Christus nicht von der Welt sind, können die Christen Hoffnung in der Welt und für die Welt sein.

Liebe Brüder und Schwestern, es ist mein und sicherlich auch euer aller Wunsch, daß die Kirche in Italien von diesem Kongreß ausgehend neu aufbricht, angetrieben vom Wort des auferstandenen Herrn, der jedem einzelnen und allen immer wieder sagt: Ihr sollt in der Welt von heute Zeugen meines Leidens und meiner Auferstehung sein (vgl. Lk 24,48). In einer sich verändernden Welt bleibt das Evangelium dasselbe. Die Frohbotschaft bleibt immer gleich: Christus ist gestorben und auferstanden um unseres Heiles willen! Bringt in seinem Namen allen die Botschaft von der Umkehr und der Vergebung der Sünden, aber gebt vor allem selbst als erste Zeugnis von einem bekehrten Leben, dem Vergebung geschenkt wurde! Wir wissen sehr wohl, daß das nicht möglich ist, ohne »mit der Kraft aus der Höhe erfüllt« zu sein (Lk 24,49), also ohne die innere Kraft des Geistes des Auferstandenen. Um sie zu empfangen, dürfen wir uns, wie Jesus zu den Jüngern sagte, nicht von Jerusalem entfernen; wir müssen in der Stadt bleiben, in der sich das Geheimnis der Erlösung, der höchste Beweis der Liebe Gottes zur Menschheit, vollzogen hat. Zusammen mit Maria, der Mutter, die Christus uns vom Kreuz herab geschenkt hat, müssen wir im Gebet verharren. In Jerusalem bleiben kann für die Christen, die Bürger der Welt sind, nur bedeuten, in der Kirche zu bleiben, in der »Stadt Gottes«, wo sie durch die Sakramente die »Salbung« des Heiligen Geistes empfangen. Dem Befehl des Auferstandenen folgend, hat sich die Kirche in Italien in diesen Tagen des Nationalen Kongresses der Kirche versammelt, sie hat die Anfangserfahrung des Abendmahlssaals wieder erlebt, um erneut die Gabe aus der Höhe zu empfangen. Brecht nun auf, durch seine »Salbung« geheiligt! Bringt den Armen die Frohe Botschaft, heilt alle, deren Herz zerbrochen ist, verkündet den Gefesselten die Befreiung und den Gefangenen die Entlassung, ruft ein Gnadenjahr des Herrn aus (vgl. Jes 61,1–2). Baut die uralten Trümmerstätten wieder auf, und richtet die Ruinen der Vorfahren wieder her, erbaut die verödeten Städte wieder neu (vgl. Jes 61,4). Viele schwierige Situationen warten auf eine Lösung! Bringt der Welt die Hoffnung Gottes, die der Herr Jesus Christus ist, der von den Toten auferstanden ist und lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

© Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana 

     

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