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HL. MESSE ZUM GEDENKEN AN DIE IM VERGANGENEN JAHR
VERSTORBENEN KARDINÄLE UND BISCHÖFE
PREDIGT VON BENEDIKT XVI.
Petersdom
Samstag, 4. November 2006
Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern!
In den vergangenen Tagen haben uns das Hochfest Allerheiligen
und der Gedenktag Allerseelen geholfen, über das Endziel unseres irdischen
Pilgerwegs nachzudenken. In dieser spirituellen Atmosphäre sind wir heute am
Altar des Herrn versammelt, um die heilige Messe zum Gedenken an die Kardinäle
und Bischöfe zu feiern, die Gott im Laufe des letzten Jahres zu sich gerufen
hat. Wir sehen ihre vertrauten Gesichter vor uns, wenn wir die Namen der
verstorbenen Purpurträger, die in den letzten zwölf Monaten von uns gegangen
sind, noch einmal hören: Leo Scheffczyk, Pio Taofinu’u, Raúl Francisco
Primatesta, Angel Suquía Goicoechea, Johannes Willebrands, Louis-Albert Vachon,
Dino Monduzzi und Mario Francesco Pompedda. Gern würde ich auch den Namen jedes
einzelnen Erzbischofs und Bischofs nennen, aber es genügt uns die tröstende
Gewißheit, daß – wie Jesus einmal zu den Aposteln sagte – ihre Namen »im Himmel
verzeichnet sind« (Lk 10,20).
Wenn wir die Namen dieser unserer Brüder im Glauben in
Erinnerung rufen, dann denken wir an das Sakrament der Taufe, die für jeden von
ihnen, wie für jeden Christen, den Eintritt in die Gemeinschaft der Heiligen
bedeutete. Am Ende des Lebens nimmt uns der Tod alles Irdische, aber er nimmt
uns nicht jene Gnade und jenen sakramentalen »character«, kraft derer wir
unlösbar mit dem Ostergeheimnis unseres Herrn und Erlösers verbunden sind. Der
Getaufte hat alles abgelegt, aber Christus angezogen: So überschreitet er die
Schwelle des Todes und tritt vor das Angesicht des gerechten und barmherzigen
Gottes. Um das bei der Taufe erhaltene weiße Gewand von jeder Unreinheit und
jedem Makel zu reinigen, bringt die Gemeinschaft der Gläubigen das
eucharistische Opfer für diejenigen dar, die der Tod gerufen hat, aus der Zeit
in die Ewigkeit hinüberzugehen, und betet für sie. Für die Verstorbenen zu
beten, ist ein edler Brauch, der den Glauben an die Auferstehung der Toten
voraussetzt, so wie es uns die Heilige Schrift und in ganzer Fülle das
Evangelium offenbart haben.
Wir haben gerade die Beschreibung der Vision des Propheten
Ezechiel von den ausgetrockneten Gebeinen (37,1–14) gehört. Zweifellos handelt
es sich hier um einen der bedeutungsreichsten und beeindruckendsten Abschnitte
der Bibel, der eine zweifache Interpretation zuläßt. Auf historischer Ebene ist
er eine Antwort auf das Verlangen nach Hoffnung für die nach Babylonien
verschleppten Israeliten, die entmutigt und betrübt waren, weil sie ihre
Angehörigen in fremder Erde bestatten mußten. Durch den Mund des Propheten
kündigt der Herr ihnen an, daß er sie aus diesem Alptraum herausführen und sie
in das Land Israel zurückkehren lassen wird. Das beeindruckende Bild der
Gebeine, die wieder lebendig werden und sich in Bewegung setzen, ist daher das
Bild dieses Volkes, das die Kraft der Hoffnung wiedergewinnt, um in die Heimat
zurückzukehren.
Aber die lange und anschauliche Prophezeiung des Ezechiel, der
die Macht des Wortes Gottes preist, für den nichts unmöglich ist, bedeutet
gleichzeitig einen entscheidenden Schritt weiter zum Glauben an die Auferstehung
der Toten hin. Dieser Glaube wird im Neuen Testament seine Erfüllung finden. Im
Lichte des Ostergeheimnisses Christi erhält die Vision von den ausgetrockneten
Gebeinen den Wert eines universalen Gleichnisses vom Menschengeschlecht, das in
der irdischen Verbannung pilgert und der Knechtschaft des Todes unterworfen ist.
In Jesus Fleisch geworden, wohnt das göttliche Wort in der Welt, die in
vielerlei Hinsicht ein Jammertal ist; es solidarisiert sich vollkommen mit den
Menschen und bringt ihnen die frohe Botschaft des ewigen Lebens. Diese Botschaft
der Hoffnung wird bis in die tiefste Grabesnacht hinein verkündet und der Weg,
der zum Gelobten Land führt, endgültig geöffnet.
Im Evangeliumsabschnitt haben wir die ersten Verse des
hohepriesterlichen Gebets Jesu, das im 17. Kapitel des Johannesevangeliums
wiedergegeben ist, noch einmal gehört. Die besorgten Worte des Herrn zeigen, daß
das letztendliche Ziel des ganzen »Werkes« des menschgewordenen Gottessohnes
darin besteht, den Menschen das ewige Leben zu schenken (vgl. Joh 17,2).
Jesus sagt auch, worin das ewige Leben besteht: »dich, den einzigen wahren Gott,
zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,3). In
diesen Worten ist die betende Stimme der kirchlichen Gemeinschaft zu vernehmen
sowie ihr Bewußtsein, daß die Offenbarung des vom Herrn empfangenen »Namens«
Gottes gleichbedeutend ist mit dem Geschenk des ewigen Lebens. Jesus zu kennen
bedeutet, den Vater zu kennen, und den Vater zu kennen bedeutet, in echte
Gemeinschaft zu treten mit dem Ursprung des Lebens, des Lichtes und der Liebe.
Liebe Brüder und Schwestern, wir danken heute Gott besonders
dafür, daß er diesen Kardinälen und Bischöfen, die von uns gegangen sind, seinen
Namen offenbart hat. Sie gehören zu jenen Menschen, die – um mit dem
Johannesevangelium zu sprechen – der Vater dem Sohn »aus der Welt« anvertraut
hat (vgl. Joh 17,6). Jedem von ihnen hat Christus »die Worte« des Vaters
gegeben, und sie »haben sie angenommen« und »sind zu dem Glauben gekommen«, sie
haben ihr Vertrauen in den Vater und in den Sohn gesetzt (vgl. Joh 17,8).
Für sie hat er gebetet (Joh 17,9) und sie so dem Vater anvertraut (Joh
17,15.17.20–21) und insbesondere gesagt: »Vater, ich will, daß alle, die du mir
gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit
sehen« (Joh 17,24). Mit diesem Gebet des Herrn, das das priesterliche
Gebet schlechthin ist, will sich heute unser Gebet für die Verstorbenen
vereinen. Christus hat sein Gebet zum Vater durch seine Selbsthingabe am Kreuz
bekräftigt; wir beten in Vereinigung mit dem eucharistischen Opfer, das die
reale Vergegenwärtigung jenes einzigen Erlösungsopfers ist.
Liebe Brüder und Schwestern, in diesem Glauben haben die
verehrten verstorbenen Kardinäle und Bischöfe gelebt, derer wir am heutigen
Vormittag gedenken. Jeder von ihnen war in der Kirche berufen, sich die Worte
des Apostels Paulus: »Für mich ist Christus das Leben« (Phil 1,21), zu
eigen zu machen und sie in die Praxis umzusetzen. Diese Worte wurden soeben in
der Zweiten Lesung verkündet. Diese Berufung, die sie in der Taufe erhalten
haben, wurde in ihnen gestärkt durch das Sakrament der Firmung und durch die
drei Weihegrade, und sie wurde ständig genährt durch die Teilnahme an der
Eucharistie. Durch jenen sakramentalen Weg hat sich ihr »In- Christus-Sein«
gefestigt und vertieft, so daß das Sterben kein Verlust mehr ist – da sie im
Geiste des Evangeliums für den Herrn und für das Evangelium bereits alles
»verloren« hatten (vgl. Mk 8,35) –, sondern ein »Gewinn«: der Gewinn,
endlich Jesus gegenüberzustehen und durch ihn die Fülle des Lebens zu haben.
Bitten wir den Herrn, daß er unseren lieben Brüdern, den verstorbenen Kardinälen
und Bischöfen, gewähre, zu dem so sehr ersehnten Ziel zu gelangen. Darum bitten
wir und stützen uns auf die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria und auf
die Gebete vieler Menschen, die unsere verstorbenen Kardinäle und Bischöfe zu
Lebzeiten kannten und ihre christlichen Tugenden schätzten. Jede Danksagung und
jede Bitte nehmen wir hinein in diese heilige Eucharistie, zum Heil ihrer Seelen
und der aller Verstorbenen, die wir dem göttlichen Erbarmen anvertrauen. Amen.
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Editrice Vaticana
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