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PASTORALBESUCH IN SAVONA UND GENUA

EUCHARISTIEFEIER AUF DER PIAZZA DELLA VITTORIA IN GENUA

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Sonntag, 18. Mai 2008

    

Liebe Brüder und Schwestern!

Am Ende eines erfüllten Tages, den ich in eurer Stadt verbracht habe, haben wir uns gemeinsam um den Altar versammelt, um am Hochfest der Allerheiligsten Dreifaltigkeit die Eucharistie zu feiern. Von dieser zentral gelegenen Piazza della Vittoria aus, die uns aufnimmt, um Gott zum Abschluß meines Pastoralbesuches einstimmig zu loben und ihm zu danken, sende ich meinen herzlichsten Gruß an die gesamte kirchliche und zivile Gemeinschaft Genuas. Mit Zuneigung grüße ich zunächst euren Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco, dem ich für die Freundlichkeit danke, mit der er mich empfangen hat, sowie für die bewegenden Worte, die er zu Beginn der Heiligen Messe an mich gerichtet hat. Wie sollte man dann nicht Kardinal Tarcisio Bertone grüßen, meinen Staatssekretär, der zuvor Hirte dieser alten und edlen Kirche war? Ihm gilt mein aufrichtiger Dank für seine geistliche Nähe und seine wertvolle Zusammenarbeit. Ich grüße zudem Weihbischof Luigi Ernesto Palletti, die Bischöfe von Ligurien und alle weiteren Bischöfe. Mein ehrerbietiger Gedanke geht an die zivilen Obrigkeiten, denen ich für ihren Empfang sowie für die tatkräftige Unterstützung danke, die sie der Vorbereitung und Verwirklichung meiner Apostolischen Pilgerreise entgegengebracht haben. Mein besonderer Gruß geht an Minister Claudio Scajola als Vertreter der neuen Regierung, die gerade in diesen Tagen ihre vollen Aufgaben im Dienst der geliebten italienischen Nation übernommen hat. Ich wende mich ferner mit tiefer Dankbarkeit an die Priester, die Ordensmänner und Ordensfrauen, die Diakone, die engagierten Laien, die Seminaristen und die Jugendlichen. An euch alle, liebe Brüder und Schwestern, geht mein herzlicher Gruß. Ich schließe in meinen Gedanken all jene ein, die nicht anwesend sein konnten, insbesondere die Kranken, die Einsamen und alle, die sich in Schwierigkeiten befinden. Bei dieser feierlichen eucharistischen Konzelebration, die uns wie jeden Sonntag dazu einlädt, gemeinschaftlich am zweifachen Tisch des Wortes der Wahrheit und des Brotes des ewigen Lebens teilzunehmen, vertraue ich dem Herrn die Stadt Genua und all ihre Bewohner an.

In der ersten Lesung (Ex 34,4b–6.8–9) haben wir einen biblischen Text gehört, der uns die Offenbarung des Namens Gottes darlegt. Gott selbst ist es, der Ewige und Unsichtbare, der ihn verkündet, als er auf dem Berg Sinai in der Wolke an Mose vorüberzieht. Und sein Name lautet: »Jahwe […] ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue«. Der hl. Johannes faßt im Neuen Testament diesen Ausdruck in einem einzigen Wort zusammen: »Liebe« (vgl. 1 Joh 4,8.16). Dies bezeugt auch das heutige Evangelium: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16). Dieser Name bringt somit klar zum Ausdruck, daß der Gott der Bibel nicht eine Art Monade ist, die in sich selbst verschlossen und mit ihrer eigenen Selbstgenügsamkeit zufrieden wäre, sondern Leben, das sich mitteilen will, er ist Offenheit, Beziehung. Worte wie »barmherzig«, »gnädig«, »reich an Huld« sprechen alle von einer Beziehung, insbesondere von einem lebendigen Wesen, das sich hingibt, das jeden Leerraum, jeden Mangel füllen will, das schenken und vergeben will, das eine feste und dauerhafte Verbindung eingehen möchte. Die Heilige Schrift kennt nur den Gott des Bundes, der die Welt erschaffen hat, um seine Liebe auf alle Geschöpfe auszugießen (vgl. Missale Romanum, 4. Hochgebet), und der sich ein Volk gewählt hat, um mit ihm einen hochzeitlichen Bund zu schließen, es zum Segen für alle Völker werden zu lassen und so aus der ganzen Menschheit eine große Familie zu machen (vgl. Gen 12,1–3; Ex 19,3–6). Diese Offenbarung Gottes zeichnete sich in Fülle im Neuen Testament dank des Wortes Christi ab. Jesus hat uns das Antlitz Gottes gezeigt, der einer im Wesen und dreifaltig in den Personen ist: Gott ist Liebe, Liebe ist der Vater – Liebe ist der Sohn – Liebe ist der Heilige Geist. Und eben gerade im Namen dieses Gottes grüßt der Apostel Paulus die Gemeinde von Korinth: »Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!« (2 Kor 13,13).

In diesen Lesungen findet sich also eine grundlegende Aussage, die Gott betrifft, und in der Tat lädt uns das heutige Fest ein, ihn, den Herrn zu betrachten, es lädt uns ein, gewissermaßen »auf den Berg« zu steigen, wie Mose es tat. Dies scheint uns auf den ersten Blick weit weg von der Welt und ihren Problemen zu führen, aber in Wirklichkeit entdeckt man, daß gerade in der genaueren Kenntnis Gottes auch praktische Weisungen empfangen werden, die für das Leben wertvoll sind: in ähnlicher Weise wie es Mose geschah, der auf den Sinai hinaufstieg und in der Gegenwart Gottes verblieb und so das auf Steintafeln geschriebene Gesetz empfing, das dem Volk zur Richtschnur wurde, um die Freiheit zu finden und sich in Freiheit und Gerechtigkeit als Volk Gottes zu formieren. Vom Namen Gottes hängt unsere Geschichte ab; vom Licht seines Antlitzes unser Weg.

Dieser Wirklichkeit Gottes, die er selbst uns kundgetan hat, indem er uns seinen »Namen«, das heißt sein Antlitz, offenbarte, entstammt ein gewisses Bild vom Menschen, nämlich der Begriff der Person. Wenn Gott dialogische Einheit ist, Substanz in Relation, so spiegelt der Mensch, der nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen ist, diese Konstitution wider: er ist daher dazu berufen, sich im Dialog, im Gespräch, in der Begegnung zu verwirklichen: er ist ein Wesen, das in Beziehung zu anderen steht. Jesus hat uns im Besonderen offenbart, daß der Mensch wesentlich »Sohn« ist, ein Geschöpf, das in der Beziehung mit Gottvater und somit in Beziehung mit all seinen Brüdern und Schwestern lebt. Der Mensch verwirklicht sich nicht in einer absoluten Autonomie, indem er sich der Illusion hingibt, Gott zu sein, sondern indem er sich im Gegenteil als Sohn erkennt, als offenes Geschöpf, das auf Gott und die Brüder ausgerichtet ist, in deren Antlitz er das Bild des gemeinsamen Vaters wiederfindet. Man sieht gut, daß dieser Gottes- und Menschenbegriff die Grundlage eines entsprechenden Modells von menschlicher Gemeinschaft und somit der Gesellschaft ist. Es ist ein Modell, das vor jeder normativen, juridischen und institutionellen Regelung steht, aber, ich würde sagen, auch vor den kulturellen Sonderheiten. Ein Modell der Menschheit als Familie, die alle Zivilisationen durchquert und das wir Christen dadurch zum Ausdruck bringen, daß wir sagen: die Menschen sind alle Kinder Gottes und somit Brüder. Es handelt sich um eine Wahrheit, die von Anfang an in uns ist und die gleichzeitig stets vor uns steht als Vorhaben, nach dem in jedem sozialen Werk zu streben ist.

Besonders reichhaltig ist das Lehramt der Kirche, das sich ausgehend von eben dieser Sicht Gottes und des Menschen entwickelt hat. Es genügt, die wichtigsten Kapitel der Soziallehre der Kirche durchzugehen, zu denen meine verehrten Vorgänger insbesondere in den letzen 120 Jahren wesentliche Beiträge geleistet haben, indem sie zu maßgeblichen Interpreten und Leitgestalten der christlich inspirierten sozialen Bewegung wurden. Ich möchte heute nur an die Pastorale Note der italienischen Bischöfe erinnern mit dem Titel: »Neu geboren zu einer lebendigen Hoffnung«: Zeugen des großen »Ja« Gottes zum Menschen (29. Juni 2007). Diese Note zeigt zwei Grundentscheidungen auf: vor allem die Wahl des »Primates Gottes«: Das ganze Leben und Wirken der Kirche hängen davon ab, daß Gott an die erste Stelle gesetzt wird, nicht aber irgendein Gott, sondern der Herr mit seinem Namen und seinem Antlitz, der Gott des Bundes, der das Volk aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt, der Christus von den Toten erweckt hat und die Menschheit zur Freiheit im Frieden und in der Gerechtigkeit führen will. Die andere Entscheidung besteht darin, in den Mittelpunkt die Person und die Einheit ihres Daseins in den verschiedenen Bereichen zu stellen, in denen sie sich entfaltet: dem Gefühlsleben, der Arbeit und dem Fest, der ihr eigenen Zerbrechlichkeit, der Tradition, der Staatszugehörigkeit. Der eine und dreifaltige Gott und die in Beziehung stehende Person: dies sind die beiden Bezugspunkte, die die Kirche allen Menschengeschlechtern als Dienst am Aufbau einer freien und solidarischen Gesellschaft anbieten muß. Die Kirche tut dies gewiß mit ihrer Lehre, vor allem aber durch das Zeugnis, das nicht umsonst die dritte Grundentscheidung des italienischen Episkopats ist: persönliches und gemeinschaftliches Zeugnis, in dem geistliches Leben, pastorale Sendung und kulturelle Dimension zusammentreffen.

In einer Gesellschaft, die im Spannungsfeld von Globalisierung und Individualismus steht, ist die Kirche dazu aufgerufen, das Zeugnis der »koinonia«, der Gemeinschaft anzubieten. Diese Wirklichkeit kommt nicht »von unten«, sondern sie ist ein Geheimnis, das seine »Wurzeln« sozusagen »im Himmel « hat: gerade im einen und dreifaltigen Gott. Er ist in sich selbst der ewige Dialog der Liebe, der sich uns in Jesus Christus mitgeteilt hat, der in das Gewebe der Menschheit und der Geschichte eingetreten ist, um sie zur Fülle zu führen. So sehen wir also die große Synthese des II. Vatikanischen Konzils: die Kirche, Geheimnis der Gemeinschaft, »ist in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« (Lumen gentium, 1). Auch hier, in dieser großen Stadt wie auch auf ihrem Territorium mit der Vielzahl der jeweiligen menschlichen und sozialen Probleme, ist die kirchliche Gemeinschaft gestern wie heute vor allem das schlichte aber wahre Zeichen Gottes, der die Liebe ist, dessen Name in das tiefe Wesen einer jeden Person und in jede Erfahrung von wahrer Sozialität und Solidarität eingeprägt ist.

Nach diesen Überlegungen, liebe Brüder und Schwestern, richte ich an euch einige besondere Ermahnungen. Sorgt euch um die geistliche und katechetische Ausbildung, eine »substantielle« Ausbildung, die mehr denn je notwendig ist, um die christliche Berufung in der Welt von heute zu leben. Das sage ich den Erwachsenen und den jungen Menschen: Pflegt einen durchdachten Glauben, der fähig ist, in der Tiefe mit allen in einen Dialog zu treten, mit den nichtkatholischen Brüdern, mit den Nichtchristen und Nichtgläubigen. Bringt euer großherziges Teilen mit den Armen und Schwachen entsprechend der ursprünglichen Praxis der Kirche voran, indem ihr stets Inspiration und Kraft aus der Eucharistie schöpft, der ewigen Quelle der Nächstenliebe. Ich ermutige mit besonderer Zuneigung die Seminaristen und die jungen Menschen, die sich auf dem Weg der Berufung engagieren: Habt keine Angst, im Gegenteil: verspürt die Anziehungskraft der endgültigen Entscheidungen, eines ernsthaften und anspruchsvollen Bildungsweges. Nur das hohe Maß der Jüngerschaft fasziniert und schenkt Freude. Ich ermahne alle, in der missionarischen Sendung zu wachsen, die für die Gemeinschaft wesentlich ist. Die Dreifaltigkeit ist in der Tat gleichzeitig Einheit und Mission: Je inniger die Liebe ist, desto stärker ist ihr Drang, sich auszugießen, auszuweiten, mitzuteilen. Kirche von Genua, sei geeint und missionarisch, um allen die Freude des Glaubens und die Schönheit zu verkünden, Familie Gottes zu sein. Mein Gedanke schließt die ganze Stadt ein, alle Genuesen, und alle, die in diesem Gebiet leben und arbeiten. Liebe Freunde, blickt vertrauensvoll in die Zukunft und versucht, sie gemeinsam zu bauen, indem ihr dabei Parteilichkeit und Partikularismen vermeidet und den wohl berechtigen Eigeninteressen das Gemeinwohl voranstellt.

Ich möchte mit einem Wunsch schließen, den ich dem wunderbaren Gebet des Mose entnehme, das wir in der ersten Lesung gehört haben: der Herr wandle stets mitten unter euch und mache aus euch sein Eigentum (vgl. Ex 34,9). Dies erwirke für euch die Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria, die die Genuesen in der Heimat und überall auf der Welt als die »Madonna dell Guardia« anrufen. Mit ihrer Hilfe und mit der Hilfe der heiligen Schutzpatrone eurer geliebten Stadt und Region mögen euer Glaube und eure Werke zu Lob und Herrlichkeit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit gereichen. Dem Vorbild der Heiligen dieses Landes folgend sollt ihr eine missionarische Gemeinschaft sein: im Hören auf Gott und im Dienst an den Menschen! Amen.

 

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