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PASTORALBESUCH IN SANTA MARIA DI LEUCA UND BRINDISI

EUCHARISTIEFEIER IM HAFEN VON BRINDISI 

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Sonntag, 15. Juni 2008

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Im Mittelpunkt meiner Reise nach Brindisi feiern wir am Tag des Herrn jenes Geheimnis, das Quelle und Höhepunkt des ganzen Lebens der Kirche ist. Wir feiern Christus in der Eucharistie, das größte Geschenk, das aus seinem göttlichen und menschlichen Herzen hervorging, das Brot des Lebens, das gebrochen und geteilt wird, um uns mit ihm und untereinander eins werden zu lassen. Herzlich grüße ich euch alle, die ihr an diesem symbolträchtigen Ort zusammengekommen seid, dem Hafen, der die Missionsreisen von Petrus und Paulus in Erinnerung ruft. Mit Freude sehe ich viele Jugendliche, die in dieser Nacht die Gebetsvigil gestaltet und sich so auf die Eucharistiefeier vorbereitet haben. Mein Gruß geht auch an euch, die ihr im Geiste über Rundfunk und Fernsehen teilnehmt. Ich grüße in besonderer Weise den Hirten dieser geliebten Kirche, Erzbischof Rocco Talucci, und danke ihm für seine Worte zu Beginn der heiligen Messe. Außerdem gilt mein Gruß allen anderen Bischöfen Apuliens, die hier zusammen mit uns in einer brüderlichen Gemeinschaft der Gefühle sein wollten. Besonders freue ich mich über die Anwesenheit von Metropolit Gennadios; an ihn richte ich meinen herzlichen Gruß und schließe alle Brüder der Orthodoxie und der anderen Konfessionen ein, von dieser Kirche von Brindisi aus, die uns aufgrund ihrer ökumenischen Berufung dazu einlädt, für die volle Einheit aller Christen zu beten und uns für sie einzusetzen. Ich grüße mit Dankbarkeit die zivilen und militärischen Autoritäten, die an dieser Liturgie teilnehmen, und ich wünsche ihnen alles Gute für ihren Dienst. Mein zuneigungsvoller Gedanke geht an die Priester und Diakone, an die Ordensfrauen und Ordensmänner sowie an alle Gläubigen. Einen besonderen Gruß richte ich an die Patienten im Krankenhaus und an die Häftlinge im Gefängnis, denen ich mein Gedenken im Gebet zusichere. Die Gnade und der Friede des Herrn seien mit jedem einzelnen und mit der ganzen Stadt Brindisi.

Die Bibeltexte, die wir an diesem elften Sonntag im Jahreskreis gehört haben, helfen uns, die Wirklichkeit der Kirche zu verstehen: die erste Lesung (vgl. Ex 19,2–6a) ruft den Bund in Erinnerung, der am Berg Sinai während des Auszugs aus Ägypten geschlossen wurde; das Evangelium (Mt 9,36–10,8) besteht aus der Erzählung der Berufung und der Aussendung der zwölf Apostel. Hier finden wir die »Verfassung« der Kirche dargestellt: wie sollte man nicht die an jede Gemeinschaft gerichtete implizite Einladung wahrnehmen, sich in der eigenen Berufung und im eigenen missionarischen Eifer zu erneuern? In der ersten Lesung berichtet der biblische Autor vom Bund Gottes mit Mose und Israel am Sinai. Dies ist eine der großen Etappen der Heilsgeschichte, einer jener Momente, die über die Geschichte selbst hinausgehen, in denen die Grenze zwischen Altem und Neuem Testament verschwindet und sich der ewige Plan des Bundesgottes zeigt: der Plan, alle Menschen durch die Heiligung eines Volkes zu retten, dem Gott vorschlägt, »unter allen Völkern sein besonderes Eigentum« zu werden (Ex 19,5). In dieser Perspektive ist das Volk dazu berufen, eine »heilige Nation« zu werden, nicht nur im moralischen Sinne, sondern zunächst und vor allem in seiner ontologischen Wirklichkeit selbst, in seinem Volk-Sein. Auf welche Weise die Identität dieses Volkes zu verstehen ist, hat sich Schritt für Schritt im Lauf der heilbringenden Ereignisse bereits im Alten Testament gezeigt; es wurde dann in Fülle durch das Kommen Jesu Christi offenbart. Das heutige Evangelium stellt uns einen entscheidenden Moment dieser Offenbarung vor. Als nämlich Jesus die Zwölf berief, wollte er symbolisch auf die Stämme Israels Bezug nehmen, die ja auf die zwölf Söhne Jakobs zurückgehen. Indem er deshalb in den Mittelpunkt seiner neuen Gemeinschaft die Zwölf stellt, läßt er verstehen, daß er gekommen ist, um den Plan des himmlischen Vaters zur Erfüllung zu bringen, auch wenn erst an Pfingsten das neue Antlitz der Kirche sichtbar werden sollte: wenn nämlich die Zwölf, erfüllt mit dem Heiligen Geist, das Evangelium in allen Sprachen verkünden werden (vgl. Apg 2,3–4). Da wird dann die universale Kirche sichtbar werden, die in einem einzigen Leib faßbar ist, dessen Haupt der auferstandene Christus ist, und die von ihm zu allen Nationen gesandt ist, bis an die äußersten Grenzen der Erde (vgl. Mt 28,20).

Der Stil Jesu ist unverkennbar: es ist der charakteristische Stil Gottes, der es liebt, die größten Dinge in armer und einfacher Weise zu tun. Die Feierlichkeit der Erzählungen über den Bund im Buch Exodus weicht in den Evangelien jenen demütigen und diskreten Gesten, die jedoch ein enormes Erneuerungspotential besitzen. Es ist dies die Logik des Reiches Gottes, die nicht zufällig vom kleinen Samenkorn versinnbildlicht wird, das zu einem großen Baum wird (vgl. Mt 13,31–32). Der Bund am Sinai wurde begleitet von kosmischen Zeichen, die die Israeliten in Angst und Schrecken versetzten; bei den Anfängen der Kirche in Galiläa hingegen fehlen derartige Zeichen, sie spiegeln die Milde und das Mitleid des Herzens Christi wider, künden jedoch einen anderen Kampf, eine andere Erschütterung an: jene, die von den Mächten des Bösen erregt wird. Den Zwölf, so haben wir gehört, »gab […] (er) die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen« (Mt 10,1). Die Zwölf werden mit Jesus zusammenarbeiten müssen, um das Reich Gottes zu errichten, das heißt seine segensreiche Herrschaft, die Leben, ja Leben in Fülle für die ganze Menschheit bringt. Die Kirche ist also wie Christus und zusammen mit ihm dazu gerufen und gesandt, das Reich des Lebens zu errichten und die Herrschaft des Todes zu vertreiben, damit in der Welt das Leben Gottes triumphiere. Damit Gott triumphiere, der die Liebe ist. Dieses Werk Christi ist immer ein stilles Werk, es ist nicht spektakulär; gerade in der Demut des Kirche-Seins, des täglichen Lebens gemäß dem Evangelium, wächst der große Baum des wahren Lebens. Gerade mit diesen demütigen Anfängen ermutigt uns der Herr, damit wir auch in der Einfachheit der Kirche von heute, in der Armut unseres christlichen Lebens seine Gegenwart sehen und so den Mut finden können, ihm entgegenzugehen und seine Liebe auf der Erde sichtbar zu machen, diese Kraft des Friedens und des wahren Lebens.

Das ist also der Plan Gottes: der Menschheit und dem ganzen Kosmos seine Leben schaffende Liebe zuteil werden zu lassen. Das ist kein spektakulärer Vorgang; es ist ein einfacher Vorgang, der dennoch die wahre Kraft der Zukunft und der Geschichte mit sich bringt. Ein Vorhaben also, das der Herr allerdings nur in Achtung unserer Freiheit verwirklichen will, da die Liebe ihrem Wesen nach nicht aufgezwungen werden kann. Die Kirche ist also in Christus der Raum der Aufnahme und der Vermittlung der Liebe Gottes. In dieser Perspektive kommt deutlich zum Vorschein, wie die Heiligkeit und das missionarische Sein der Kirche zwei Seiten derselben Medaille darstellen: nur insofern die Kirche heilig, das heißt voll der göttlichen Liebe ist, kann sie ihre Sendung erfüllen, und gerade für die Erfüllung dieser Aufgabe hat Gott sie als sein Eigentum erwählt und geheiligt. Gerade um diese Welt zu heilen, besteht unsere erste Pflicht also darin, heilig, Gott angemessen zu sein; auf diese Weise geht von uns eine heiligende und verwandelnde Kraft aus, die sich auch auf die anderen auswirkt, auf die Geschichte. Liebe Brüder und Schwestern, an dem Binom »Heiligkeit–Mission« – die Heiligkeit ist stets eine Kraft, die auch die anderen verwandelt –, mißt sich eure kirchliche Gemeinschaft in diesem Augenblick, da sie mit der Diözesansynode beschäftigt ist. Diesbezüglich ist es nützlich darüber nachzudenken, daß die zwölf Apostel keine vollkommenen Männer waren, die aufgrund ihrer moralischen und religiösen Integrität auserwählt worden wären. Sie waren zweifellos gläubige Menschen voller Begeisterung und Eifer; sie trugen jedoch die Zeichen ihrer menschlichen Grenzen, die mitunter auch schwerwiegend waren. Jesus also berief sie nicht, weil sie schon heilig waren, sondern damit sie es werden. Und das ist auch bei uns so. Bei allen Christen. In der zweiten Lesung haben wir diese Synthese des Apostels Paulus gehört: »Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8). Die Kirche ist die Gemeinschaft der Sünder, die an die Liebe Gottes glauben und sich von ihm verwandeln lassen, und so werden sie heilig, so heiligen sie die Welt.

Im Licht dieses von der Vorsehung getragenen Wortes Gottes habe ich heute die Freude, den Weg eurer Kirche zu bestärken. Es ist ein Weg der Heiligkeit und der Mission, über den nachzudenken euer Erzbischof euch in seinem jüngsten Hirtenbrief eingeladen hat; es ist ein Weg, den er im Laufe der Pastoralvisiten eingehend geprüft hat und den er nun durch die Diözesansynode voranzubringen gedenkt. Das heutige Evangelium gibt uns Hinweise zum Stil der Mission, das heißt zur inneren Haltung, die sich in gelebtes Leben umsetzt. Dieser kann kein anderer sein als der Stil Jesu: der Stil des »Mitleids«. Der Evangelist hebt dies hervor, indem er die Aufmerksamkeit auf den Blick lenkt, mit dem Christus auf die Menschenmenge schaut: »Als Jesus die vielen Menschen sah«, so schreibt er, »hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben« (Mt 9,36). Und nach der Berufung der Zwölf kehrt diese Haltung in dem Gebot wieder, das er ihnen gibt, sich den »verlorenen Schafen des Hauses Israel« zuzuwenden (Mt 10,6). In diesen Worten ist die Liebe Christi für sein Volk zu spüren, besonders für die Kleinen und die Armen. Das christliche Mitleid hat nichts mit Pietismus, mit reiner Wohlfahrt zur tun. Es ist vielmehr ein Synonym für Solidarität und gemeinsames Teilen, und seine Seele ist die Hoffnung. Entsteht nicht etwa aus der Hoffnung jenes Wort, das Jesus an die Apostel richtet: »Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe« (Mt 10,7)? Es ist dies eine Hoffnung, die auf dem Kommen Christi gründet und letztlich mit seiner Person und mit seinem Heilsgeheimnis zusammenfällt – wo er ist, da ist das Reich Gottes, da ist die Neuheit der Welt –, wie dies sehr gut vom Titel des vierten italienischen Nationalen Kongresses, der in Verona stattfand, in Erinnerung gerufen wurde: der auferstandene Christus ist die »Hoffnung der Welt«.

Beseelt von der Hoffnung, in der ihr gerettet worden seid, sollt auch ihr, Brüder und Schwestern dieser alten Kirche von Brindisi, Zeichen und Werkzeug des Mitleids, des Erbarmens Christi sein. Dem Bischof und den Priestern wiederhole ich eindringlich die Worte des göttlichen Meisters: »Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben« (Mt 10,8). Dieser Auftrag ergeht auch heute vor allem an euch. Der Geist, der in Christus und in den Zwölf wirkte, ist derselbe, der in euch wirkt und der es euch gestattet, unter euren Mitbürgern auf diesem Territorium Zeichen des Reiches der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens zu vollbringen – des Reiches, das in die Welt kommt, mehr noch: das schon in der Welt ist. An der Sendung Christi haben jedoch alle Glieder des Volkes Gottes auf verschiedene Art durch die Gnade der Taufe und der Firmung Anteil. Ich denke an die geweihten Menschen, die die Gelübde der Armut, der Jungfräulichkeit und des Gehorsams ablegen; ich denke an die christlichen Eheleute und an euch, die gläubigen Laien, die sich in der kirchlichen Gemeinschaft und in der Gesellschaft sowohl individuell als auch organisiert in Vereinigungen engagieren. Liebe Brüder und Schwestern, an euch alle richtet sich der Wunsch Christi, die Arbeiter für die Ernte des Herrn zu mehren (vgl. Mt 9,38). Dieser Wunsch, der zum Gebet werden will, läßt uns an erster Stelle an die Seminaristen und an das neue Seminar dieser Erzdiözese denken; er läßt uns darüber nachdenken, daß die Kirche in weitem Sinne ein großes »Seminar« ist, angefangen bei der Familie bis hin zu den Pfarrgemeinden, den Vereinigungen und den Bewegungen im apostolischen Dienst. Alle sind wir in der Vielfalt der Charismen und der Dienste dazu berufen, im Weinberg des Herrn zu arbeiten.

Liebe Brüder und Schwestern von Brindisi, setzt den begonnenen Weg in diesem Geist fort. Über euch sollen eure Patrone wachen, der hl. Leucius und der hl. Orontius, die beide im 2. Jahrhundert aus dem Osten gekommen sind, um dieses Land mit dem lebendigen Wasser des Wortes Gottes zu tränken. Die Reliquien des hl. Theodor von Amasea, die in der Kathedrale von Brindisi verehrt werden, mögen euch daran erinnern, daß die wirksamste Predigt in der Hingabe des Lebens für Christus besteht. Der hl. Laurentius, Sohn dieser Stadt, der in den Spuren des Franziskus von Assisi zum Apostel des Friedens in einem von Kriegen und Zwistigkeiten zerrissenen Europa wurde, erlange für euch das Geschenk einer wahren Brüderlichkeit. Euch alle anempfehle ich dem Schutz der seligen Jungfrau Maria, Mutter der Hoffnung und Stern der Evangelisierung. Die heilige Jungfrau helfe euch, immer in der Liebe Christi zu bleiben, damit ihr reiche Frucht zur Ehre Gottes, des Vaters, und zum Heil der Welt bringen könnt. Amen.

 

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