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PASTORALBESUCH IN DER RÖMISCHEN BASILIKA
"SAN LORENZO FUORI LE MURA"
ANLÄSSLICH DES 1750. WIEDERKEHR DES MARTYRIUMS DES HL. DIAKONS

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Erster Adventssonntag, 30. November 2008

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Mit dem heutigen ersten Adventssonntag treten wir ein in die vierwöchige Zeit, mit der das neue Kirchenjahr beginnt und die uns unmittelbar auf das Weihnachtsfest vorbereitet, das Gedächtnis der Menschwerdung Christi in der Geschichte. Die geistliche Botschaft des Advents ist aber tiefer und richtet uns schon aus auf die Wiederkunft des Herrn in Herrlichkeit am Ende unserer Geschichte. »Adventus« ist das lateinische Wort, das man mit »Ankunft«, »Kommen«, »Gegenwart« übersetzen könnte. Im Sprachgebrauch der antiken Welt war dies ein Terminus technicus, der die Ankunft eines Amtsträgers bezeichnete, insbesondere den Besuch von Königen oder Kaisern in der Provinz, aber er konnte auch für das Erscheinen einer Gottheit verwendet werden, die aus ihrer verborgenen Wohnstatt hervortrat und so ihre göttliche Macht bewies: ihre Gegenwart wurde festlich im Kult gefeiert.

Indem die Christen diesen Begriff des Advents übernahmen, wollten sie der besonderen Beziehung, die sie mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus verband, Ausdruck verleihen. Er ist der König, der diese arme Provinz, die wir Erde nennen, betreten und uns das Geschenk seines Besuches gemacht hat. Auch nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt wollte er dennoch bei uns bleiben: wir nehmen diese seine geheimnisvolle Gegenwart in der liturgischen Versammlung wahr. Wenn wir die Eucharistie feiern, bekennen wir in der Tat, daß er sich nicht aus der Welt zurückgezogen und uns allein gelassen hat. Und auch wenn wir ihn nicht sehen und berühren können, wie es bei der materiellen und sichtbaren Wirklichkeit der Fall ist, ist er dennoch mit uns und unter uns; mehr noch, er ist in uns, denn er kann jeden Gläubigen, der ihm sein Herz öffnet, an sich ziehen und ihm sein eigenes Leben mitteilen. Advent bedeutet also, des ersten Kommens des Herrn im Fleisch zu gedenken, indem wir schon an seine endgültige Wiederkunft denken, und zugleich bedeutet es, zu erkennen, daß der unter uns gegenwärtige Christus sich zu unserem Wegbegleiter macht im Leben der Kirche, die dessen Geheimnis feiert. Dieses vom Hören des Wortes Gottes genährte Bewußtsein, liebe Brüder und Schwestern, sollte uns helfen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wir sollten nämlich die einzelnen Ereignisse des Lebens und der Geschichte als Worte erkennen, die Gott an uns richtet als Zeichen seiner Liebe, die uns seine Nähe in jeder Situation zusichern. Dieses Bewußtsein sollte uns insbesondere darauf vorbereiten, ihn zu empfangen, wenn er »wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; und seiner Herrschaft wird kein Ende sein«, wie wir gleich im Credo wiederholen werden. In dieser Hinsicht wird der Advent für alle Christen eine Zeit der Erwartung und der Hoffnung, eine bevorzugte Zeit des Hörens und des Nachdenkens, wenn man sich von der Liturgie führen läßt, die uns einlädt, dem Herrn entgegenzugehen, der kommt.

»Komm, Herr Jesus«: Diese flehentliche Anrufung der frühen Christengemeinde, liebe Freunde, muß auch unsere beständige Sehnsucht werden, die Sehnsucht der Kirche jeder historischen Epoche, die sich nach der Begegnung mit ihrem Herrn sehnt und sich darauf vorbereitet. Komm heute, Herr; erleuchte uns, gib uns Frieden, hilf uns, die Gewalt zu besiegen. »Komm, Herr«, beten wir gerade in diesen Wochen. »Laß dein Angesicht leuchten, dann sind wir gerettet.« So haben wir eben mit den Worten des Antwortpsalms gebetet. Und der Prophet Jesaja hat uns in der Ersten Lesung offenbart, daß das Antlitz unseres Erlösers das eines gütigen und barmherzigen Vaters ist, der in jeder Situation für uns sorgt, weil wir das Werk seiner Hände sind: »Du, Herr, bist unser Vater, ›Unser Erlöser von jeher‹ wirst du genannt« (63,16). Unser Gott ist ein Vater, der bereit ist, den reuigen Sündern zu vergeben und alle anzunehmen, die auf seine Barmherzigkeit vertrauen (vgl. Jes 64,4). Wir hatten uns aufgrund der Sünde von ihm entfernt und waren der Macht des Todes verfallen, aber Gott hat Erbarmen mit uns gehabt und hat von sich aus beschlossen, ohne irgendein Verdienst unsererseits, uns entgegenzukommen und seinen eigenen Sohn als unseren Erlöser zu senden. Angesichts eines so großen Geheimnisses der Liebe erhebt sich spontan unser Dank und vertrauensvoller wird unsere Anrufung: »Erweise uns, Herr, heute in unserer Zeit, in der ganzen Welt, deine Huld, laß uns deine Gegenwart spüren und gewähre uns dein Heil« (vgl. Ruf vor dem Evangelium).

Liebe Brüder und Schwestern, der Gedanke an die Gegenwart Christi und seine sichere Wiederkunft am Ende der Zeiten ist in eurer Basilika besonders bedeutsam, denn sie liegt neben dem großen Friedhof »Verano«, wo so viele unserer lieben Verstorbenen in Erwartung der Auferstehung ruhen. Wie oft werden in dieser Kirche Beerdigungsgottesdienste gefeiert und wie oft erhallen die trostvollen Wort der Liturgie: »In Christus, deinem Sohn, erstrahlt uns die Hoffnung, daß wir zur Seligkeit auferstehn. Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit« (Präfation von den Verstorbenen I).

Aber diese eure monumentale Basilika – die uns in Gedanken zu der ursprünglichen, von Kaiser Konstantin errichteten Basilika zurückführt, die später durch Veränderungen ihr heutiges Aussehen erhielt – spricht vor allem vom glorreichen Martyrium des hl. Laurentius, des Erzdiakons von Papst Sixtus II. und sein Vertrauensmann für die Verwaltung des Kirchenvermögens. Ich bin heute gekommen, um die Eucharistie zu feiern und mich euch anzuschließen, indem auch ich ihm die Ehre erweise aus einem einzigartigen Anlaß, nämlich dem Jubiläumsjahr des hl. Laurentius, das ausgerufen wurde, um den 1750. Jahrestag der Geburt des heiligen Diakons zum Himmel zu begehen. Die Geschichte bestätigt, wie ruhmreich der Name diese Heiligen war, an dessen Grab wir versammelt sind. Seine Sorge für die Armen, sein großherziger Dienst, den er der Kirche von Rom im Bereich der Fürsorge und der Nächstenliebe geleistet hat, die Treue zum Papst, die so weit ging, daß er ihm in der höchsten Prüfung des Martyriums folgen wollte, und das heroische Zeugnis des Blutes, das er nur wenige Tage später ablegte, sind allgemein bekannte Tatsachen. Der hl. Leo der Große kommentiert in einer schönen Predigt das grausame Martyrium dieses »berühmten Helden« mit folgenden Worten: »Die Flammen konnten seine Liebe zu Christus nicht bezwingen. Das Feuer, das außen brannte, war weniger stark als die Glut, die sein Inneres verzehrte. « Und er fügte hinzu: »Über die ganze Welt ist Gottes Herrlichkeit verbreitet. Überall auf Erden, im Osten wie im Westen, erstrahlt der Ruhm seiner Diener im hellsten Glanz. Wie Stephanus für Jerusalem eine Zierde ist, so Laurentius für Rom« (Homilia 85,4; PL 54,486).

In dieses Jahr fällt der 50. Todestag des Dieners Gottes Papst Pius XII., und das ruft uns ein besonders dramatisches Ereignis aus der jahrhundertealten Geschichte eurer Basilika ins Gedächtnis, das während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist, als am 19. Juli 1943 eine heftige Bombardierung dem Gebäude und dem gesamten Stadtviertel schwersten Schaden zufügte und Tod und Zerstörung säte. Niemals kann die von meinem verehrten Vorgänger aus diesem Anlaß vollzogene Geste der Großherzigkeit aus dem historischen Gedächtnis ausgelöscht werden: Er eilte sofort herbei, um der schwer getroffenen Bevölkerung inmitten der noch qualmenden Trümmer seine Hilfe und seinen Trost zu bringen. Und nicht vergessen werden darf, daß dieselbe Basilika die Gräber von zwei weiteren großen Persönlichkeiten birgt: In der Krypta werden die sterblichen Überreste des sel. Pius IX. den Gläubigen zur Verehrung ausgestellt, während sich im Atrium das Grab von Alcide De Gasperi befindet. Er war eine weise und ausgewogene Führungspersönlichkeit in den schwierigen Jahren des Wiederaufbaus nach dem Krieg und zugleich ein bedeutender und erfahrener Politiker, der es verstand, aus einer umfassenden christlichen Sicht heraus auf Europa zu blicken.

Während wir hier im Gebet versammelt sind, begrüße ich euch alle von Herzen, angefangen beim Kardinalvikar und seinem »Vicegerente«, der auch Kommendatarabt der Basilika ist, weiter begrüße ich den für den nördlichen Teil Roms zuständigen Weihbischof sowie euren Pfarrer, P. Bruno Mustacchio, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er am Beginn der Liturgiefeier an mich gerichtet hat. Ich begrüße den Generalminister des Kapuzinerordens und die Mitbrüder der Gemeinschaft, die voll Eifer und Hingabe ihren Dienst versehen, indem sie die zahlreichen Pilger willkommen heißen, mit Liebe den Armen beistehen und allen, die den Friedhof »Verano« besuchen, Zeugnis geben von der Hoffnung in den auferstandenen Christus. Ich möchte euch meiner Wertschätzung versichern und vor allem meines Gedenkens im Gebet. Außerdem gilt mein Gruß den verschiedenen Gruppen, die in den Bereichen der Katechese, der Liturgie und der Caritas aktiv sind, sowie den Mitgliedern der beiden mehrstimmigen Chöre und dem Dritten Orden der Franziskaner auf lokaler und regionaler Ebene. Ebenso habe ich mit Freude vernommen, daß hier seit einigen Jahren eine »diözesane Missionswerkstätte« untergebracht ist, um die Pfarrgemeinden zu einem missionarischen Bewußtsein anzuleiten. Gerne schließe ich mich euch an in dem Wunsch, daß diese Initiative in unserer Diözese dazu beitragen möge, eine mutige missionarische pastorale Tätigkeit zu erwecken, die die Verkündigung der barmherzigen Liebe Gottes in jeden Winkel Roms trägt und dabei besonders die Jugendlichen und die Familien mit einbezieht. Schließlich möchte ich in meine Gedanken die Bewohner des ganzen Viertels einschließen, insbesondere die alten Menschen, die Kranken, alle, die einsam oder in Schwierigkeiten sind. An alle und jeden einzelnen denke ich in dieser heiligen Messe.

Liebe Brüder und Schwestern, welche passendere Botschaft könnte uns der hl. Laurentius am Beginn des Advents übermitteln als die der Heiligkeit? Er sagt uns erneut, daß die Heiligkeit – das heißt Christus entgegenzugehen, der beständig zu uns kommt – nicht aus der Mode kommt. Vielmehr erstrahlt mit dem Vergehen der Zeit in leuchtender und wahrnehmbarer Weise die ewige Hinordnung des Menschen auf Gott. Deshalb soll dieses Jubiläum für eure Pfarrgemeinde ein Anlaß sein zu einer erneuerte Treue zu Christus sowie Anlaß zu einer Vertiefung des Sinnes der Zugehörigkeit zu seinem Leib, der die Kirche ist, und zu einem beständigen Einsatz in der Evangelisierung durch die Nächstenliebe. Laurentius, der heldenhafte Zeuge des gekreuzigten und auferstandenen Christus, möge allen Vorbild für eine fügsame Treue gegenüber dem Willen Gottes sein, damit auch wir – wir haben gehört, wie Paulus die Korinther darauf hinweist – so leben, daß wir »schuldlos« angetroffen werden am Tag Jesu, unseres Herrn (vgl. 1 Kor 1,7–9).

Uns auf die Ankunft Christi vorzubereiten ist auch die Ermahnung, die wir dem heutigen Evangelium entnehmen: »Seid wachsam!«, sagt uns Jesus im kurzen Gleichnis des Hausherrn, der auf Reisen geht und von dem man nicht weiß, wann er zurückkommt (vgl. Mk 13,33–37). Wachen bedeutet dem Herrn zu folgen, das zu wählen, was er gewählt hat, das zu lieben, was er geliebt hat, das eigene Leben seinem Leben gleichförmig werden lassen; das Wachen schließt auch ein, jeden Augenblick unserer Zeit in der Gegenwart seiner Liebe zu verbringen, ohne durch die unausweichlichen Schwierigkeiten und Probleme des Alltags mutlos zu werden. So hat es der hl. Laurentius getan, und so müssen auch wir handeln. Bitten wir den Herrn, daß er uns seine Gnade schenke, damit der Advent für alle eine Anregung sei, in diese Richtung zu gehen. Dabei mögen uns die demütige Jungfrau von Nazaret, Maria, die von Gott auserwählt war, die Mutter des Erlösers zu werden, der hl. Andreas, dessen Fest wir heute feiern, und der hl. Laurentius, Beispiel unerschütterlicher christlicher Treue bis zum Martyrium, führen und begleiten. Amen!

 

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