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ABENDMAHLSMESSE
PREDIGT VON
PAPST BENEDIKT XVI.
Lateranbasilika
Gründonnerstag, 5. April 2012
Fotogalerie
(Video)
Liebe Schwestern und Brüder!
Der Gründonnerstag ist nicht nur der Tag der Einsetzung der heiligsten
Eucharistie, deren Glanz freilich alles andere überstrahlt und gleichsam in sich
hineinzieht. Zum Gründonnerstag gehört auch die dunkle Nacht auf dem Ölberg, in
die Jesus mit seinen Jüngern hinausgeht; zu ihm gehört die Einsamkeit und die
Verlassenheit Jesu, der betend dem Dunkel des Todes entgegentritt; zu ihm gehört
der Verrat des Judas und die Verhaftung Jesu wie auch die Verleugnung durch
Petrus; die Anklage vor dem Hohen Rat und die Auslieferung an die Heiden, an
Pilatus. Versuchen wir in dieser Stunde etwas von diesen Vorgängen tiefer zu
verstehen, weil sich darin das Geheimnis unserer Erlösung abspielt.
Jesus geht in die Nacht hinaus. Nacht bedeutet Kommunikationslosigkeit, in der
einer den anderen nicht sieht. Sie ist Sinnbild des Nicht-Verstehens, der
Verdunkelung der Wahrheit. Sie ist der Raum, in dem das Böse sich entfalten
kann, das sich vor dem Licht verstecken muß. Jesus ist selbst das Licht und die
Wahrheit, die Kommunikation, die Reinheit und die Güte. Er begibt sich in die
Nacht. Nacht ist letztlich Symbol des Todes, des endgültigen Verlustes von
Gemeinschaft und Leben. Jesus geht in die Nacht hinein, um sie zu überwinden und
um den neuen Tag Gottes in der Geschichte der Menschheit zu eröffnen.
Er hat auf diesem Weg mit seinen Aposteln die Psalmen von der Befreiung und
Errettung Israels gesungen, die an das erste Pascha in Ägypten, an die Nacht der
Befreiung erinnerten. Nun geht er, wie er es gewohnt ist, um allein zu beten und
als Sohn mit dem Vater zu sprechen. Aber anders als gewohnt will er drei Jünger
– Petrus, Jakobus und Johannes – in seiner Nähe wissen. Es sind die drei, die
die Verklärung erlebt haben – das Durchleuchten der Herrlichkeit Gottes durch
seine menschliche Gestalt hindurch – und die ihn dabei in der Mitte von Gesetz
und Propheten, zwischen Moses und Elias gesehen hatten. Sie hatten gehört, wie
er mit beiden über seinen „Exodus“ in Jerusalem sprach. Der Exodus Jesu in
Jerusalem – welch geheimnisvolles Wort! Der Exodus Israels aus Ägypten war das
Ereignis von Flucht und Errettung des Gottesvolkes gewesen. Wie würde Jesu
Exodus aussehen, in dem sich der Sinn des geschichtlichen Dramas endgültig
erfüllen mußte? Nun wurden sie Zeugen der ersten Strecke dieses Exodus – der
äußersten Erniedrigung, die doch der wesentliche Schritt des Hinausgehens in die
Freiheit und in das neue Leben war, auf das der Exodus zielt. Die Jünger, deren
Nähe Jesus in dieser Stunde der äußersten Not als Stück menschlicher
Geborgenheit suchte, schliefen alsbald ein. Aber ein paar Fetzen der Gebetsworte
Jesu haben sie gehört und seine Haltung beobachtet. Beides hat sich ihnen tief
eingeprägt, und sie haben es der Christenheit für alle Zeiten überliefert. Jesus
sagt Abba zu Gott. Das bedeutet, wie sie hinzufügen, Vater. Aber es ist nicht
die gewöhnliche Form des Wortes Vater, sondern ein Wort aus der Kindersprache –
ein zärtliches Wort, mit dem man Gott nicht anzureden wagte. Es ist die Sprache
dessen, der wirklich „Kind“, Sohn des Vaters ist, der mit Gott in der
Gemeinschaft innerster Einheit steht.
Wenn wir fragen, worin das am meisten charakteristische Element der Gestalt Jesu
in den Evangelien besteht, dann müssen wir sagen: Es ist sein Gottesverhältnis.
Er steht immer im Austausch mit Gott. Das Sein mit dem Vater ist der Kern seiner
Persönlichkeit. Durch Christus kennen wir Gott wirklich. „Niemand hat Gott je
gesehen“, sagt der heilige Johannes. „Der am Herzen des Vaters ruht, er hat ihn
uns ausgelegt.“ (Joh 1, 18). Nun kennen wir Gott, wie er wirklich ist. Er
ist Vater, und zwar in reiner Güte, der wir uns anvertrauen dürfen. Der
Evangelist Markus, der die Erinnerungen des heiligen Petrus festgehalten hat,
erzählt uns, daß Jesus zu der Anrede Abba noch hinzugefügt hat: Dir ist alles
möglich. Du kannst alles (Mk 14, 36). Der die Güte ist, ist zugleich
Macht, allmächtig. Macht ist Güte, und die Güte ist Macht. Dieses Vertrauen
dürfen wir vom Ölbergsgebet Jesu lernen.
Bevor wir den Inhalt von Jesu Bitte bedenken, müssen wir auch noch darauf
achten, was uns die Evangelisten über die Haltung Jesu bei seinem Beten
berichten. Matthäus und Markus sagen uns, daß er sich zu Boden warf (Mt
26, 39; vgl. Mk 14,35), also die Haltung radikaler Hingabe einnahm, wie
sie in der römischen Liturgie sich am Karfreitag erhalten hat. Lukas hingegen
sagt uns, daß Jesus kniend gebetet habe. In der Apostelgeschichte
berichtet er von dem knienden Beten der Heiligen: Stephanus bei seiner
Steinigung, Petrus bei einer Totenerweckung, Paulus auf dem Weg zum Martyrium.
Lukas hat so eine kleine Geschichte des knienden Betens in der werdenden Kirche
entworfen. Die Christen treten mit ihrem Knien in das Ölbergsgebet Jesu hinein.
In der Bedrohung durch die Macht des Bösen sind sie als Kniende aufrecht der
Welt gegenüber, aber als Kinder auf den Knien vor dem Vater. Vor der
Herrlichkeit Gottes knien wir Christen und anerkennen seine Göttlichkeit, aber
wir drücken in dieser Gebärde auch unsere Zuversicht aus, daß er siegt.
Jesus ringt mit dem Vater. Er ringt mit sich selbst. Und er ringt um uns. Er
erleidet die Angst vor der Macht des Todes. Dies ist zunächst einfach die dem
Menschen, ja jeder lebenden Kreatur eigene Erschütterung vor der Gegenwart des
Todes. Aber bei Jesus geht es um mehr. Er sieht in die Nächte des Bösen hinein.
Er sieht die schmutzige Flut aller Lüge und alles Niedrigen, die auf ihn zukommt
in dem Kelch, den er trinken muß. Es ist die Erschütterung des ganz Reinen und
Heiligen vor der ganzen Flut des Bösen dieser Welt, die auf ihn hereinbricht. Er
sieht auch mich und betet auch für mich. So ist dieser Augenblick der Todesangst
Jesu ein wesentliches Moment im Vorgang der Erlösung. Der Brief an die
Hebräer hat deshalb das Ringen Jesu auf dem Ölberg als einen priesterlichen
Vorgang gewertet. In diesem von der Todesangst durchdrungenen Beten Jesu
vollzieht der Herr die Aufgabe des Priesters: Er nimmt die Schuld der
Menschheit, er nimmt uns alle auf sich und trägt uns zum Vater hin.
Schließlich müssen wir noch auf den Inhalt von Jesu Beten auf dem Ölberg achten.
Jesus sagt: „Vater, dir ist alles möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber
nicht, wie ich will, sondern wie du willst“ (Mk 14, 36). Der natürliche
Wille des Menschen Jesus schreckt vor dem Ungeheueren zurück. Er bittet, daß ihm
dies erspart bleibe. Aber als Sohn legt er diesen menschlichen Willen in den
Willen des Vaters hinein: Nicht ich, sondern du. Damit hat er die Haltung Adams,
die Ursünde des Menschen umgewandelt und so den Menschen geheilt. Die Haltung
Adams war gewesen: Nicht was du, Gott, gewollt hast, sondern ich selber will
Gott sein. Dieser Hochmut ist das eigentliche Wesen der Sünde. Wir denken, wir
seien erst frei und wahrhaft wir selber, wenn wir nur noch dem eigenen Willen
folgen. Gott erscheint als Gegensatz unserer Freiheit. Von ihm müssen wir uns
befreien, so denken wir: Dann erst seien wir frei. Dies ist die grundlegende
Rebellion, die die Geschichte durchzieht und die grundliegende Lüge, die unser
Leben verfälscht. Wenn der Mensch gegen Gott steht, steht er gegen seine
Wahrheit und wird daher nicht frei, sondern entfremdet. Frei sind wir erst, wenn
wir in unserer Wahrheit sind, wenn wir eins mit Gott sind. Dann werden wir
wirklich „wie Gott“ - nicht indem wir uns Gott entgegensetzen, ihn abschaffen
oder leugnen. Im ringenden Gebet des Ölbergs hat Jesus den falschen Gegensatz
zwischen Gehorsam und Freiheit aufgelöst und den Weg in die Freiheit eröffnet.
Bitten wir den Herrn, daß er uns in dieses Ja zum Willen Gottes hineinführt und
uns so wahrhaft frei werden läßt. Amen.
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Editrice Vaticana
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