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BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DEN PRÄSIDENTEN DES PÄPSTLICHEN RATS FÜR GERECHTIGKEIT UND FRIEDEN
ANLÄSSLICH DESSEN VOLLVERSAMMLUNG

 

An den verehrten Mitbruder
Kardinal Peter Kodwo Appiah Turkson
Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden

1. Aus Anlaß der Vollversammlung möchte ich dem Dikasterium besonders für seine vielfältigen Bemühungen danken, der ganzen Kirche, vor allem dem Apostolischen Stuhl, zu Beginn des dritten Jahrtausends bei einer erneuerten Evangelisierung des Sozialen beizustehen. Nicht nur einzelne Menschen, sondern die Völker und die große Menschheitsfamilie erwarten – angesichts von Ungerechtigkeit und starken Ungleichheiten – Worte der Hoffnung, Fülle des Lebens, den Hinweis auf den, der die Menschheit von der Wurzel des Bösen erlösen kann.

2. Wie ich in meiner Enzyklika Caritas in veritate – dem Diener Gottes Paul VI. folgend – in Erinnerung gerufen habe, ist die Verkündigung Jesu Christi »der erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor « (Nr. 8). Denn dank ihrer kann man mit dem Feuer der Liebe und der Weisheit der Wahrheit auf dem Weg der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen in einer Welt vorangehen, in der die Lüge häufig den Menschen, die Gesellschaft und das Teilen gefährdet. Indem wir »die Liebe in der Wahrheit« leben, können wir einen tiefergehenden Blick anbieten, um die großen sozialen Fragen zu verstehen und einige wesentliche Perspektiven zu ihrer Lösung in einem umfassenden menschlichen Sinn aufzuzeigen. Nur mit der Liebe, die von der Hoffnung gestärkt und vom Licht des Glaubens und der Vernunft erleuchtet wird, ist es möglich, die Ziele der ganzheitlichen Befreiung des Menschen und der universalen Gerechtigkeit zu verfolgen. Das Leben der Gemeinden und der einzelnen Gläubigen wächst, gestärkt durch das eifrige Nachdenken über das Wort Gottes, den regelmäßigen Empfang der Sakramente und die Gemeinschaft mit der Weisheit, die vom Himmel kommt, in seiner Fähigkeit zur Prophetie und zur Erneuerung der Kulturen und öffentlichen Institutionen.

Das Ethos der Völker kann sich so eines wirklich festen Fundaments erfreuen, das den sozialen Konsens stärkt und die Verfahrensregeln grundlegt. Der Einsatz zum Aufbau der Stadt stützt sich auf Gewissen, die von der Liebe Gottes geleitet werden und daher natürlich auf das Ziel eines guten Lebens ausgerichtet sind, das auf dem Primat der Transzendenz basiert. »Caritas in veritate in re sociali«: Es schien mir angemessen, die Soziallehre der Kirche auf diese Weise zu beschreiben (vgl. ebd., Nr. 5), entsprechend ihres authentischsten Ursprungs – Jesus Christus, das dreifaltige Leben, das er uns schenkt – und entsprechend ihrer ganzen Kraft, welche die Wirklichkeit zu verwandeln vermag. Wir bedürfen dieser Soziallehre, um unseren Gesellschaften sowie unserer menschlichen Vernunft zu helfen, die ganze Komplexität der Wirklichkeit und die Größe der Würde jedes Menschen zu erfassen. Das Kompendium der Soziallehre der Kirche hilft gerade in diesem Sinn, den Reichtum der Weisheit zu erahnen, die aus der Erfahrung der Gemeinschaft mit dem Geist Gottes und Christi sowie aus der ernsthaften Annahme des Evangeliums erwächst.

3. In der Enzyklika Caritas in veritate habe ich die fundamentalen Probleme angesprochen, die das Schicksal der Völker und der internationalen Organisationen sowie der Menschheitsfamilie berühren. Der nunmehr bevorstehende Jahrestag der Enzyklika Mater et magistra des sel. Johannes XXIII. ermahnt uns, stets aufmerksam auf das Ungleichgewicht innerhalb der Gesellschaften, der Einzelbereiche und der Nationen, zwischen Ressourcen und Armut der Bevölkerung, zwischen Technik und Ethik zu achten. Im derzeitigen Globalisierungskontext ist dieses Ungleichgewicht keineswegs verschwunden. Es haben sich die Themen, die Dimensionen der Problematiken verändert, doch die Zusammenarbeit zwischen den Staaten – die häufig unzureichend ist, weil sie eher auf die Suche nach einem Machtgleichgewicht als nach Solidarität ausgerichtet ist – läßt häufig Raum für neues Ungleichgewicht, für die Gefahr einer Vorherrschaft von Wirtschafts- und Finanzgruppen, die der Politik eine Tagesordnung zu Lasten des universalen Allgemeinwohls vorschreiben und das weiterhin zu tun beabsichtigen.

4. Was eine in ihren verschiedenen Bereichen immer stärker miteinander verbundene soziale Frage betrifft, scheint die Aufgabe der Ausbildung katholischer Laien in der kirchlichen Soziallehre besonders dringend. Denn gerade den gläubigen Laien kommt die unmittelbare Pflicht zu, sich für eine gerechte soziale Ordnung einzusetzen. Als freie und verantwortliche Bürger müssen sie sich dafür einsetzen, eine gerechte Gestaltung des sozialen Lebens zu fördern, im Respekt vor der legitimen Autonomie des Weltlichen. Die Soziallehre der Kirche stellt so den wesentlichen Bezugspunkt für die Planung und das soziale Handeln der gläubigen Laien sowie für eine gelebte Spiritualität dar, die von der kirchlichen Gemeinschaft gestärkt wird und sich in sie einfügt: Gemeinschaft der Liebe und der Wahrheit, Gemeinschaft in der Sendung.

5. Die christifideles laici müssen daher, gerade weil sie Kraft und Anregung aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus ziehen, indem sie mit den anderen Gliedern der Kirche zusammenleben, Priester und Bischöfe an ihrer Seite finden, die ein unermüdliches Werk der Gewissensreinigung zusammen mit unerläßlicher Unterstützung und spiritueller Hilfe für ein konsequentes Zeugnis der Laien in der Gesellschaft anzubieten vermögen. Daher ist ein tiefes Verständnis der Soziallehre der Kirche von fundamentaler Bedeutung, in Eintracht mit ihrem ganzen theologischen Bestand, der tief in der Bejahung der transzendenten Würde des Menschen, in der Verteidigung des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zum natürlichen Tod und der Religionsfreiheit verankert ist. So verstanden muß die Soziallehre auch in die pastorale und kulturelle Vorbereitung derjenigen eingebunden werden, die in der kirchlichen Gemeinschaft zum Priestertum berufen sind. Es ist notwendig, die gläubigen Laien vorzubereiten, die sich dem Allgemeinwohl widmen können – vor allem in den komplexeren Bereichen wie der Welt der Politik –, doch es ist auch notwendig, Hirten zu haben, die durch ihr Amt und ihr Charisma in der Gesellschaft und in den Institutionen zur Gestaltung und zur Ausstrahlung eines dem Evangelium gemäßen guten Lebens beitragen können, in der Achtung der verantwortlichen Freiheit der Laien und ihrer eigenen Rolle als Hirten, die in diesen Bereichen eine mittelbare Verantwortung haben. Das bereits zitierte Schreiben Mater et magistra hat vor etwa fünfzig Jahren seitens aller katholischen Vereinigungen, Bewegungen und Organisationen eine regelrechte Mobilisierung, die sich auf Liebe und Wahrheit stützt, empfohlen, auf daß alle Gläubigen engagiert, frei und verantwortlich die Soziallehre der Kirche studieren, verbreiten und umsetzen sollten.

6. Mein Wunsch ist daher, daß der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden sein Hilfswerk für die kirchliche Gemeinschaft und alle ihre Teile fortsetzt. Das Dikasterium möge also dieses Werk nicht nur in der Ausarbeitung immer neuer »aggiornamenti« der Soziallehre der Kirche weiterführen, sondern auch in ihren Umsetzungen mit jener Methode der Unterscheidung, die ich in Caritas in veritate angeführt habe, nach der wir, indem wir in der Gemeinschaft mit Jesus Christus und untereinander leben, sowohl von der Heilswahrheit als auch von der Wahrheit einer Welt »gefunden« werden, die nicht von uns geschaffen, sondern uns allen als Haus geschenkt wurde, in dem wir brüderlich zusammenleben sollen. Um die Soziallehre der Kirche zu globalisieren, scheint eine Zunahme der Zentren und Institute angemessen, die ihr Studium, ihre Verbreitung und ihre Umsetzung in der ganzen Welt fördern.

7. Nach der Promulgierung des Kompendiums und der Enzyklika Caritas in veritate ist es natürlich, daß sich der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden einer Vertiefung der neuen Elemente widmet sowie – in Zusammenarbeit mit anderen – der Suche nach den geeignetesten Wegen, um die Inhalte der Soziallehre zu vermitteln, nicht nur über die herkömmlichen christlichen Ausbildungs- und Erziehungswege auf allen Ebenen, sondern auch in den großen Zentren, in denen das internationale Denken geformt wird – wie die großen weltlichen Presseorgane, die Universitäten und die zahlreichen Zentren, in denen über Wirtschaft und Gesellschaft nachgedacht wird –, die sich in letzter Zeit in jedem Winkel der Welt entwickelt haben.

8. Die Jungfrau Maria, die von den Christen als Speculum iustitiae und Regina pacis verehrt wird, schütze uns und bewirke mit ihrer himmlischen Fürsprache, daß wir die Kraft, die Hoffnung und die Freude empfangen, die notwendig sind, damit wir uns weiterhin großherzig der Verwirklichung einer neuen Evangelisierung des Sozialen widmen. Indem ich nochmals meinen Dank für die Arbeit zum Ausdruck bringe, die das Dikasterium auf allen Ebenen leistet, wünsche ich fruchtbare Arbeit und erteile von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 3. November 2010

 

 

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