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BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN HERRN JACQUES DIOUF,
GENERALDIREKTOR DER F.A.O.,
AUS ANLASS DES WELTERNÄHRUNGSTAGS 2010

 

An Herrn Jacques Diouf,
Generaldirektor der Ernährungs-
und Landwirtschaftsorganisation
der Vereinten Nationen (FAO)

1. Die alljährliche Feier des Welternährungstages ist eine Gelegenheit, Bilanz zu ziehen über alles, was durch die Arbeit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erreicht wurde, um die tägliche Nahrung für Millionen unserer Brüder und Schwestern in der ganzen Welt zu gewährleisten. Sie bietet auch Gelegenheit, die Schwierigkeiten aufzuzeigen, denen man begegnet, wenn die notwendige Solidarität fehlt. Zu oft wird den Nöten der Bevölkerungen keine Aufmerksamkeit geschenkt, die Feldarbeit ungenügend beachtet und den Gütern der Erde kein angemessener Schutz gewährt. Dadurch wird wirtschaftliches Ungleichgewicht erzeugt, und die unveräußerlichen Rechte sowie die Würde jeder menschlichen Person werden mißachtet.

Das Thema des diesjährigen Welternährungstages – »Vereint gegen den Hunger« – ist eine zeitgerechte Mahnung an alle, sich darum zu bemühen, dem landwirtschaftlichen Sektor die ihm zukommende Bedeutung zu geben. Jeder – von den Einzelpersonen bis hin zu den Organisationen der Zivilgesellschaft, den Staaten und den internationalen Einrichtungen – muß das Freisein vom Hunger, einem der vordringlichsten Ziele der Menschheitsfamilie, Priorität geben. Um die Befreiung vom Hunger zu erlangen muß nicht nur sichergestellt werden, daß genügend Nahrung vorhanden ist, sondern auch, daß ein jeder täglichen Zugang zu ihr hat: Das bedeutet, daß alle notwendigen Ressourcen und Infrastrukturen gefördert werden müssen, um die Produktion und die Verteilung aufrechtzuerhalten – in einem Maßstab, der ausreicht, um das Recht auf Nahrung vollständig zu gewährleisten.

Die Bemühungen, dieses Ziel zu erreichen, werden gewiß dazu beitragen, die Einheit der Menschheitsfamilie in der ganzen Welt aufzubauen. Konkrete Initiativen sind notwendig, an der Liebe ausgerichtet und von der Wahrheit inspiriert – Initiativen, die in der Lage sind, natürliche Hindernisse, die mit dem Ablauf der Jahreszeiten oder den Umweltbedingungen verbunden sind, ebenso zu überwinden wie vom Menschen geschaffene Hindernisse. Die im Licht der Wahrheit geübte Nächstenliebe kann Spaltungen und Konflikte beenden, so daß die Güter der Erde zwischen den Völkern weitergegeben werden können, in einem lebendigen und unablässigen Austausch. Ein wichtiger Schritt nach vorn war der kürzlich gefaßte Beschluß der internationalen Gemeinschaft, das Recht auf Wasser zu schützen, das, wie die FAO stets betont hat, wesentlich ist für die menschliche Ernährung, die Landwirtschaft und den Erhalt der Natur. Wie mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft zum Welternährungstag 2002 angemerkt hat, erkennen viele verschiedene Religionen und Kulturen im Wasser einen symbolischen Wert.

 Auf diesem »gründet die Aufforderung, sich der Bedeutung dieses wertvollen Elements voll bewußt zu sein und folglich die gegenwärtigen Verhaltensweisen zu überprüfen, um heute wie auch in Zukunft zu gewährleisten, daß alle Menschen über die für ihre Bedürfnisse unverzichtbaren Wassermengen verfügen können und daß jeder Produktionsprozeß, insbesondere die Landwirtschaft, über die angemessene Zufuhr dieser unschätzbaren Ressource verfügen kann« (Botschaft anläßlich des Welternährungstages 2002, 13. Oktober 2002; in O.R. dt., Nr. 44 vom 1. November 2002, S. 11.).

2. Wenn die internationale Gemeinschaft wirklich gegen den Hunger »vereint»« sein soll, dann muß die Armut durch echte menschliche Entwicklung überwunden werden, auf der Grundlage der Idee von der Person als Einheit aus Leib, Seele und Geist. Heute gibt es jedoch eine Tendenz, die Auffassung von Entwicklung auf die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse der Person zu beschränken, besonders durch den Zugang zur Technologie. Echte Entwicklung steht jedoch nicht einfach nur in Funktion dessen, was eine Person »hat«, sondern muß auch die höheren Werte der Brüderlichkeit, der Solidarität und des Gemeinwohls einbeziehen. Unter dem Druck der Globalisierung und dem Einfluß von oft zersplitterten Interessen ist es klug, ein Entwicklungsmodell anzubieten, das auf Brüderlichkeit aufgebaut ist: Wenn es durch die Solidarität inspiriert und auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, kann es der gegenwärtigen globalen Krise entgegenwirken. Um die Ernährungssicherheit kurzfristig aufrechtzuerhalten, muß für angemessene Finanzierungen gesorgt werden, die es der Landwirtschaft ermöglichen, Produktionsabläufe zu reaktivieren, trotz der Verschlechterung von Klima- und Umweltbedingungen.

Es muß gesagt werden, daß diese Bedingungen ausgesprochen negative Auswirkungen auf die Landbevölkerung, die Anbausysteme und die Arbeitsabläufe haben, besonders in Ländern, die bereits von Nahrungsmittelknappheit betroffen sind. Die entwickelten Länder müssen sich bewußt sein, daß die wachsende Not in der Welt ein bleibendes Maß an Hilfsleistungen von ihnen verlangt. Sie können den anderen gegenüber nicht einfach verschlossen bleiben: Eine solche Haltung würde nicht dazu beitragen, die Krise zu überwinden. In diesem Zusammenhang hat die FAO die wichtige Aufgabe, das Problem des Hungers in der Welt auf institutioneller Ebene zu untersuchen und besondere Initiativen anzubieten, in die ihre Mitgliedstaaten eingebunden sind, als Antwort auf den wachsenden Nahrungsbedarf. Die Nationen der Welt sind aufgerufen, ihren tatsächlichen Bedürfnissen entsprechend zu geben und zu erhalten. Der Grund dafür ist »die dringende moralische Notwendigkeit einer erneuerten Solidarität, besonders in den Beziehungen zwischen den Entwicklungsländern und den hochindustrialisierten Ländern« (Caritas in veritate, 49).

3. Die kürzlich angelaufene wertvolle Kampagne »1 Billion Hungry« [Eine Milliarde Hungernder], durch die die FAO versucht, die Dringlichkeit des Kampfes gegen den Hunger zu Bewußtsein zu bringen, hat die Notwendigkeit einer angemessenen Antwort von seiten sowohl der einzelnen Länder als auch der internationalen Gemeinschaft hervorgehoben, selbst wenn diese Antwort sich auf Unterstützung oder Notstandshilfen beschränkt. Dazu ist eine am Subsidiaritätsprinzip ausgerichtete Reform der internationalen Einrichtungen sehr wichtig, denn »in Wirklichkeit reichen die Institutionen allein nicht aus, denn die ganzheitliche Entwicklung des Menschen ist vor allem Berufung und verlangt folglich von allen eine freie und solidarische Übernahme von Verantwortung« (ebd., 11).

Um Hunger und Unterernährung zu beseitigen, müssen Hindernisse, die mit eigennützigen Interessen verbunden sind, überwunden werden, um Raum zu schaffen für eine fruchtbare Unentgeltlichkeit, die sich in der internationalen Zusammenarbeit als Ausdruck echter Brüderlichkeit zeigt. Dies schließt jedoch das Bedürfnis nach Gerechtigkeit nicht aus, und es ist wichtig, daß geltende Regeln respektiert und angewandt werden, zusätzlich zu allen Intervenierungs- und Aktionsplänen, die sich als notwendig erweisen können. Individuen, Völker und Länder müssen ihre eigene Entwicklung gestalten können, indem sie Hilfen von außen in Anspruch nehmen in Übereinstimmung mit den Prioritäten und Auffassungen, die verwurzelt sind in ihren traditionellen Techniken, ihrer Kultur, ihrem religiösen Erbe und in der Weisheit, die von Generation zu Generation innerhalb der Familie weitergegeben wird.

Während ich den Segen des Allmächtigen über die Tätigkeit der FAO herabrufe, möchte ich Ihnen, Herr Generaldirektor, versichern, daß die Kirche stets bereit ist, sich für die Überwindung des Hungers einzusetzen. Durch ihre eigenen Strukturen ist sie unablässig darum bemüht, Armut und Elend zu lindern, von denen große Teile der Weltbevölkerung betroffen sind. Sie tut dies im vollen Bewußtsein, daß ihr Einsatz auf diesem Gebiet Teil der gemeinsamen internationalen Bemühungen ist, Einheit und Frieden innerhalb der Völkergemeinschaft zu fördern.

Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2010

 

 

BENEDICTUS PP. XVI

 

© Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana

 

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