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BOTSCHAFT UND SEGEN
"URBI ET ORBI" VON PAPST BENEDIKT XVI.
OSTERN 2009
Liebe Brüder und Schwestern aus Rom und der ganzen Welt!
Von Herzen bringe ich Euch allen meine österlichen Glückwünsche mit den
Worten des heiligen Augustinus zum Ausdruck: „Resurrectio Domini, spes nostra
– die Auferstehung des Herrn ist unsere Hoffnung“ (Augustinus, Sermo 261,
1). Mit dieser Aussage erklärte der große Bischof seinen Gläubigen, daß Jesus
für uns auferstanden ist, damit wir, obwohl wir sterben müssen, nicht
verzweifeln sollten in dem Gedanken, daß mit dem Tod das Leben völlig beendet
sei; Christus ist auferstanden, um uns Hoffnung zu geben (vgl. ebd.).
Tatsächlich ist eine der Fragen, die das Leben des Menschen am meisten
quälen, genau diese: Was ist nach dem Tod? Das heutige Hochfest erlaubt uns, auf
dieses Rätsel zu antworten, daß der Tod nicht das letzte Wort hat, denn
schließlich ist es das Leben, das siegt. Und diese unsere Gewißheit gründet sich
nicht auf bloße menschliche Überlegungen, sondern auf eine geschichtliche
Gegebenheit des Glaubens: Jesus Christus, der gekreuzigt und begraben wurde, ist
mit seinem verherrlichten Leib auferstanden. Jesus ist auferstanden, damit auch
wir, wenn wir an ihn glauben, das ewige Leben haben können. Diese Verkündigung
ist das Herz der evangelischen Botschaft. Das erklärt der heilige Paulus mit
Nachdruck: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere
Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.“ Und er fügt hinzu: „Wenn wir unsere
Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher
daran als alle anderen Menschen“ (1 Kor 15, 14. 19). Seit dem
Morgengrauen des Ostertags erfaßt ein neuer Frühling der Hoffnung die Welt; mit
jenem Tag hat unsere Auferstehung schon begonnen, denn Ostern ist nicht bloß ein
Moment der Geschichte, sondern der Beginn eines neuen Zustands: Jesus ist nicht
etwa auferstanden, damit die Erinnerung an ihn im Herzen seiner Jünger lebendig
bleibt, sondern damit er selbst in uns lebt und wir in ihm schon die Freude des
ewigen Lebens erfahren können.
Die Auferstehung ist deshalb nicht eine Theorie, sondern eine von dem
Menschen Jesus Christus durch sein „Pascha“, durch seinen „Übergang“ offenbarte
geschichtliche Realität – ein Übergang, der einen „neuen Weg“ zwischen der Erde
und dem Himmel eröffnet hat (vgl. Hebr 10, 20). Es ist weder ein Mythos
noch ein Traum, es ist weder eine Vision noch eine Utopie, es ist kein Märchen,
sondern ein einmaliges und unwiederholbares Ereignis: Jesus von Nazareth, der
Sohn Marias, der am Freitag bei Sonnenuntergang vom Kreuz abgenommen und
begraben worden ist, hat siegreich das Grab verlassen. Tatsächlich haben Petrus
und Johannes bei Anbruch des ersten Tages nach dem Sabbat das Grab leer
vorgefunden. Magdalena und die anderen Frauen sind dem auferstandenen Jesus
begegnet; auch die beiden Jünger von Emmaus haben ihn erkannt, als er das Brot
brach; am Abend ist der Auferstandene den Aposteln im Abendmahlssaal erschienen
und danach vielen anderen Jüngern in Galiläa.
Die Verkündigung der Auferstehung des Herrn trägt Licht in die dunklen Zonen
der Welt, in der wir leben. Ich beziehe mich insbesondere auf den Materialismus
und den Nihilismus, auf jene Weltanschauung, die nicht über das experimentell
Feststellbare hinauszublicken vermag und sich trostlos in ein Gefühl des Nichts
zurückzieht, das der definitive Endpunkt der menschlichen Existenz wäre. In der
Tat: Wenn Christus nicht auferstanden wäre, würde die „Leere“ unweigerlich die
Oberhand gewinnen. Wenn wir Christus und die Auferstehung ausblenden, gibt es
für den Menschen kein Entrinnen, und jede Hoffnung bleibt eine Illusion. Doch
gerade heute bricht die Botschaft von der Auferstehung des Herrn mit Macht
hervor und stellt die Antwort auf die immer wiederkehrende Frage der Skeptiker
dar, die auch im Buch Kohelet wiedergegeben ist: „Gibt es etwa ein Ding,
von dem man sagen könnte: Sieh dir das an, das ist etwas Neues?“ (vgl. Koh
1, 10). Ja, antworten wir: Am Ostermorgen ist alles neu geworden. „Tod und
Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf; des Lebens Fürst, der starb,
herrscht nun lebend“ (Ostersequenz). Das ist das Neue! Eine Neuheit, die das
Leben dessen, der sie annimmt, verändert, wie es bei den Heiligen geschah. So
erging es zum Beispiel dem heiligen Paulus.
Mehrmals haben wir im Zusammenhang des Paulusjahres die Gelegenheit gehabt,
über die Erfahrung des großen Apostels zu meditieren. Saulus von Tarsus, der
erbitterte Christenverfolger, begegnete auf dem Weg nach Damaskus dem
auferstandenen Christus und wurde von ihm „ergriffen“. Alles weitere ist uns
bekannt. In Paulus vollzog sich das, was er später an die Christen von Korinth
schrieb: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das
Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2 Kor 5, 17). Schauen wir auf
diesen großen Missionar, der mit der kühnen Begeisterung seines apostolischen
Wirkens das Evangelium zu vielen Völkern der damaligen Welt gebracht hat. Seine
Lehre und sein Beispiel regen uns an, Jesus, den Herrn zu suchen. Sie ermutigen
uns, ihm zu vertrauen, denn das Gefühl des Nichts, das dazu neigt, die
Menschheit zu vergiften, ist überwältigt worden durch das Licht und die
Hoffnung, welche von der Auferstehung ausgehen. Jetzt haben sich die Worte des
Psalms bewahrheitet und sind ganz real geworden: „Auch die Finsternis ist für
dich nicht finster, die Nacht leuchtet wie der Tag“ (vgl. 139 [138], 12). Nicht
mehr das Nichts hüllt alles ein, sondern die liebende Gegenwart Gottes. Sogar
das Reich des Todes selbst ist befreit, denn getragen vom Hauch des Geistes ist
das WORT des Lebens auch in der „Unterwelt“ angekommen (vgl. V. 8).
So wahr es ist, daß der Tod keine Macht mehr über den Menschen und die Welt
hat, bestehen doch noch viele, zu viele Zeichen seiner alten Herrschaft fort.
Wenn Christus auch durch sein Pascha die Wurzel des Übels ausgerottet hat, so
braucht er doch Männer und Frauen, die ihm zu jeder Zeit und an jedem Ort
helfen, seinen Sieg mit seinen eigenen Waffen zu behaupten: mit den Waffen der
Gerechtigkeit und der Wahrheit, mit den Waffen der Barmherzigkeit, der Vergebung
und der Liebe. Das ist die Botschaft, die ich unlängst anläßlich meiner
Apostolischen Reise nach Kamerun und Angola dem gesamten afrikanischen Kontinent
überbringen wollte, der mich mit großer Begeisterung und hörbereitem Herzen
empfangen hat. Tatsächlich leidet Afrika über alle Maßen aufgrund grausamer und
endloser – oft vergessener – Konflikte, die verschiedene seiner Nationen
zerreißen und mit Blut überströmen, und aufgrund der zunehmenden Anzahl seiner
Söhne und Töchter, die dem Hunger, der Armut und der Krankheit zum Opfer fallen.
Dieselbe Botschaft werde ich mit Nachdruck im Heiligen Land wiederholen, das ich
zu meiner Freude in wenigen Wochen besuchen werde. Die schwierige, aber
unerläßliche Versöhnung, welche die Vorbedingung für eine Zukunft in gemeinsamer
Sicherheit und in friedlichem Zusammenleben ist, kann nur durch die erneuten,
ausdauernden und aufrichtigen Bemühungen zur Beilegung des
israelisch-palästinensischen Konflikts Wirklichkeit werden. Vom Heiligen Land
richtet sich dann der Blick weiter auf die angrenzenden Länder, auf den
Mittleren Osten, auf die ganze Welt. In einer Zeit weltweiter
Lebensmittel-Knappheit, finanzieller Verworrenheit, alter und neuer Formen der
Armut, besorgniserregenden Klimawandels, in einer Zeit, in der Gewalt und Elend
viele zwingen, auf der Suche nach weniger unsicheren Überlebens-Chancen die
eigene Heimat zu verlassen, in einer Zeit ständig bedrohlichen Terrorismus’ und
wachsender Ängste angesichts der Unsicherheit der Zukunft ist es dringend
notwendig, erneut Perspektiven zu eröffnen, die in der Lage sind, wieder
Hoffnung zu vermitteln. Niemand sollte sich aus diesem friedlichen Kampf, der
mit dem Pascha Christi begonnen hat, zurückziehen. Er – ich wiederhole es –
sucht Männer und Frauen, die ihm helfen, seinen Sieg mit seinen eigenen Waffen
zu behaupten: mit den Waffen der Gerechtigkeit und der Wahrheit, mit den Waffen
der Barmherzigkeit, der Vergebung und der Liebe.
Resurrectio Domini, spes nostra! Christi Auferstehung ist unsere
Hoffnung! Das ruft die Kirche heute mit Freude aus: Sie verkündet die Hoffnung,
die Gott gefestigt und unüberwindlich gemacht hat, indem er Jesus Christus von
den Toten auferweckt hat; sie verbreitet die Hoffnung, die sie im Herzen trägt
und mit allen teilen möchte, an jedem Ort, besonders dort, wo die Christen wegen
ihres Glaubens und ihres Einsatzes für Gerechtigkeit und Frieden Verfolgung
erleiden; sie beruft sich auf die Hoffnung, die den Mut zum Guten zu erwecken
vermag, auch und gerade dann, wenn das Opfer verlangt. Heute besingt die Kirche
den „Tag, den der Herr gemacht hat“, und lädt zur Freude ein. Heute ruft die
Kirche bittend Maria, den Stern der Hoffnung an, damit sie die Menschheit zum
sicheren Hafen des Heils geleite, zum Herzen Christi, des Pascha-Opfers, des
Lammes, das „die Welt erlöst“ hat, des Unschuldigen, der „uns Sünder mit dem
Vater versöhnt“ hat. Ihm, dem siegreichen König, ihm, dem Gekreuzigten und
Auferstandenen, rufen wir mit Freude unser Halleluja zu!
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