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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DEN KLERUS VON ROM

Lateranbasilika
Freitag, 13. Mai 2005

 

Liebe Priester und Diakone, die ihr euren pastoralen Dienst in der Diözese Rom ausübt, ich bin froh, euch zu Beginn meines Hirtenamtes als Bischof dieser Kirche, die »den Vorsitz in der Liebe hat«, zu begegnen. Von Herzen begrüße ich den Kardinalvikar, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er an mich gerichtet hat, wie auch den stellvertretenden Generalvikar und die Weihbischöfe. Im Geist der Freundschaft begrüße ich einen jeden von euch und möchte euch von diesem ersten Treffen an meine Dankbarkeit für eure tägliche Mühe im Weinberg des Herrn bekunden.

Die außerordentliche Glaubenserfahrung, die wir anläßlich des Todes unseres geliebten Papstes Johannes Paul II. erlebt haben, hat uns gezeigt, daß die Kirche Roms zutiefst vereint, voller Leben und reich an Eifer ist: All dies ist auch Frucht eures Gebetes und eures Apostolates. Durch unsere demütige Zugehörigkeit zu Christus, dem einzigen Herrn, können und müssen wir gemeinsam die »Beispielhaftigkeit« der Kirche Roms fördern, die einen authentischen Dienst an den Schwesterkirchen in der ganzen Welt leistet. In der Tat bedeutet und erfordert das unauflösliche Band zwischen »romanum« und »petrinum« die Teilhabe der Kirche von Rom an der universalen Hirtensorge ihres Bischofs. Aber die Verantwortung einer solchen Teilhabe betrifft in besonderer Weise euch, liebe Priester und Diakone, die ihr mit eurem Bischof durch das sakramentale Band verbunden und zu seinen wertvollen Mitarbeitern geworden seid. Daher zähle ich auf euch, auf euer Gebet, auf eure Aufnahmebereitschaft und euren Einsatz, so daß unsere geliebte Diözese immer großzügiger der Berufung, die der Herr ihr anvertraut hat, entspricht. Und meinerseits sage ich euch: Trotz meiner Grenzen könnt ihr auf die Aufrichtigkeit meiner väterlichen Liebe zu euch allen zählen.

Liebe Priester, die Qualität eures Lebens und eures pastoralen Dienstes scheint darauf hinzuweisen, daß wir in dieser Diözese, wie auch in zahlreichen anderen Diözesen der Welt, mittlerweile die Zeit der Identitätskrise, die viele Priester belastet hat, überwunden haben. Dennoch bleiben die Ursachen der »spirituellen Wüste«, von denen die Menschheit heute gequält wird, weiterhin bestehen, und sie bedrohen folglich auch die Kirche, die ja inmitten dieser Menschheit lebt. Wie sollte man nicht befürchten, daß sie auch das Leben der Priester in Gefahr bringen? Es ist daher unentbehrlich, immer wieder neu zur Wurzel unseres Priestertums zurückzukehren. Diese Wurzel ist, wie wir gut wissen, eine einzige: Jesus Christus, der Herr. Er ist es, den der Vater gesandt hat; er ist der Eckstein (1 Petr 2,7). In ihm, im Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung, kommt das Reich Gottes und vollzieht sich die Erlösung des Menschengeschlechts. Aber Jesus hat nichts, was ihm selbst gehörte; er gehört ganz und gar dem Vater und existiert für den Vater. Daher sagt er, daß seine Lehre nicht von ihm stammt, sondern von dem, der ihn gesandt hat (vgl. Joh 7,16): Von sich allein aus kann der Sohn nichts tun (vgl. Joh 5,19.30).

Dies, liebe Freunde, ist auch das wahre Wesen unseres Priestertums. In der Tat kann nichts von dem, was unseren Dienst ausmacht, alleinige Frucht unserer persönlichen Fähigkeiten sein. Dies betrifft sowohl die Spendung der Sakramente als auch den Dienst des Wortes: Wir sind nicht gesandt, uns selber oder unsere persönlichen Meinungen zu verkünden, sondern das Geheimnis Christi und, in ihm, den Maßstab des wahren Humanismus. Widerhall und Träger des Wortes Gottes Wir sind nicht dazu beauftragt, viele Worte zu machen, sondern zum Widerhall und Träger eines einzigen »Wortes« zu werden, des Wortes Gottes, das zu unserem Heil menschgeworden ist. Das Wort Jesu gilt also auch uns: »Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat« (Joh 7,16). Liebe Priester Roms, der Herr hat uns Freunde genannt; er macht uns zu seinen Freunden; er vertraut sich uns an; er vertraut uns seinen Leib in der Eucharistie an; er vertraut uns seine Kirche an. Daher müssen wir wirklich seine Freunde und mit ihm eines Sinnes sein. Wir müssen das wollen, was er will und all das nicht wollen, was er nicht will. Jesus selbst sagt uns: »Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage« (Joh 15,14). Es sei unsere gemeinsame Absicht, zusammen seinen heiligen Willen zu tun, in dem unsere Freiheit und unsere Freude gründet.

Da das Priestertum seine Wurzel in Christus hat, besteht es seinem Wesen nach in der Kirche und für die Kirche. Der christliche Glaube ist nämlich nicht rein spirituell und innerlich, und unsere Beziehung zu Christus ist nicht rein subjektiv und privat. Sie ist vielmehr eine ganz konkrete und kirchliche Beziehung. Seinerseits hat das Weihepriestertum eine grundlegende Beziehung zum Leib Christi, in seiner zweifachen und untrennbaren Dimension der Eucharistie und der Kirche, des eucharistischen und des kirchlichen Leibes. Deshalb ist unser Dienst ein »amoris officium« (hl. Augustinus, In Iohannis Evangelium Tractatus 123,5), es ist der Dienst des Guten Hirten, der sein Leben hingibt für die Schafe (vgl. Joh 10,14–15). Im eucharistischen Geheimnis bringt sich Christus immer neu dar, und gerade in der Eucharistie lernen wir die Liebe Christi und somit die Liebe zur Kirche kennen. Darum wiederhole ich mit euch, geliebte Brüder im Priesteramt, die unvergeßlichen Worte Johannes Pauls II.: »Die heilige Messe ist in absoluter Weise das Zentrum meines Lebens und eines jeden meiner Tage« (Ansprache am 27. Oktober 1995 zum 30jährigen Jubiläum des Dekrets Presbyterorum ordinis). Und es müßte ein Wort sein, das sich ein jeder von uns persönlich zu eigen machen kann: Die heilige Messe ist uneingeschränkt der Mittelpunkt meines Lebens und eines jeden Tages. Auf gleiche Weise wird der Gehorsam gegenüber Christus, der den Ungehorsam Adams korrigiert, im kirchlichen Gehorsam konkret. Im täglichen Leben bedeutet Gehorsam für den Priester vor allem Gehorsam gegenüber seinem Bischof. In der Kirche ist Gehorsam jedoch nichts Formalistisches; es ist der Gehorsam gegenüber jemandem, der seinerseits gehorsam ist und der den gehorsamen Christus personifiziert. All dies hebt die konkreten Erfordernisse des Gehorsams nicht auf; es schwächt sie nicht einmal ab. Vielmehr gewährleistet es seine theologische Tiefe und seinen katholischen Atem: Im Bischof gehorchen wir Christus und der ganzen Kirche, die er an diesem Ort verkörpert.

Jesus Christus wurde zum Heil der ganzen Menschheitsfamilie in der Kraft des Geistes vom Vater gesandt, und wir Priester wurden durch die Gnade des Sakraments seiner Sendung teilhaftig. Der Apostel Paulus schreibt: »Gott [hat] uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen. … Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Laßt euch mit Gott versöhnen« (2 Kor 5,18–20). So beschreibt der hl. Paulus unsere Sendung als Priester. Deshalb sprach ich in der Predigt, die dem Konklave vorausgegangen war, von einer »heiligen Unruhe«, die uns beseelen muß, die Unruhe, allen die Gabe des Glaubens zu bringen, allen dieses Heil anzubieten, das allein auf ewig bleibt. Und in einer so großen Stadt wie Rom, die einerseits so vom Glauben durchdrungen ist und in der dennoch viele Personen leben, die die Verkündigung des Glaubens nicht wirklich im Herzen vernommen haben, wieviel mehr müssen wir da beseelt sein von der Unruhe, den Menschen diese Freude, dieses Zentrum des Lebens zu bringen, das Sinn und Richtung gibt. Zeugen des auferstandenen Christus sein Liebe Brüder, liebe Priester Roms, der auferstandene Christus ruft uns, seine Zeugen zu sein, und er gibt uns die Kraft seines Geistes, um es wahrhaftig zu sein. Es ist daher wichtig, bei ihm zu bleiben (vgl. Mk 3,14; Apg 1,21–23). In der ersten Beschreibung des »munus apostolicum«, im 3. Kapitel des Markusevangeliums, wird geschildert, was der Herr von einem Apostel verlangt: bei ihm zu bleiben und zur Sendung bereit zu sein. Diese beiden Eigenschaften gehören zusammen, und nur wenn wir bei ihm bleiben, bewegen wir uns auch stets mit dem Evangelium auf andere zu. Es ist daher von wesentlicher Bedeutung, bei ihm zu bleiben. So wird dann die Unruhe in uns erweckt, die uns befähigt, den anderen die Kraft und die Freude des Glaubens zu übermitteln und mit unserem ganzen Leben Zeugnis zu geben und nicht nur mit einigen Worten. Die Worte des Apostels Paulus sind an uns gerichtet: »Wenn ich … das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! … Da ich also von niemand abhängig war, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen. … Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten« (1 Kor 9,16–22). Diese Worte, die ein Selbstporträt des Apostels sind, stellen auch das Porträt eines jeden Priesters dar. Dieses »allen alles werden« kommt im täglichen Umgang miteinander zum Ausdruck, in der Aufmerksamkeit für jede Person und Familie: Ihr Priester Roms habt in dieser Hinsicht eine lange Tradition – ich sage dies mit tiefer Überzeugung –, und ihr ehrt sie auch heute noch, da sich die Stadt so weit ausgedehnt und so sehr verändert hat. Wie ihr sehr wohl wißt, ist es entscheidend, daß allen die Nähe und Aufmerksamkeit immer im Namen Christi geschenkt wird und sie stets darauf ausgerichtet ist, uns zu ihm zu führen.

Natürlich kosten eine solche Nähe und ein solcher Einsatz einen jeden von euch, von uns, einen persönlichen Preis; sie bedeuten Zeit, Sorge und Energieaufwand. Ich kenne eure tägliche Mühe und möchte euch von seiten des Herrn danken. Aber ich möchte euch auch, so gut ich kann, dabei helfen, angesichts dieser Mühe nicht nachzugeben. Um widerstehen zu können, und vielmehr, um als Personen und Priester heranreifen zu können, ist vor allem die tiefe innere Gemeinschaft mit Christus, dessen Speise es war, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4,34), von grundlegender Bedeutung: Alles, was wir tun, tun wir in Gemeinschaft mit ihm, und auf diese Weise finden wir immer wieder von neuem die Einheit unseres Lebens in der Zersplitterung, die die verschiedenen alltäglichen Beschäftigungen mit sich bringen. Die Kunst der priesterlichen Askese erlernen Außerdem lernen wir vom Herrn Jesus Christus, der sich selbst dargebracht hat, um dadurch den Willen des Vaters zu tun, die Kunst der priesterlichen Askese, die auch heute noch notwendig ist: Sie steht nicht als eine zusätzliche Last, die unseren Tag noch schwerer macht, neben der pastoralen Praxis. Ganz im Gegenteil, in der pastoralen Praxis selbst müssen wir lernen, uns zu verleugnen, unser Leben hinter uns zu lassen und es hinzugeben. Aber damit all dies auch wirklich in uns geschieht, damit unser Handeln wirklich zu Askese und zu Selbsthingabe wird, damit all dies nicht ein bloßer Wunsch bleibt, brauchen wir zweifellos Zeiten zur Stärkung unserer Kräfte, auch der körperlichen, und vor allem zum Beten und zur Meditation, um wieder in uns zu gehen und um in uns den Herrn zu finden. Aus diesem Grund ist die Zeit, die wir in der Gegenwart Gottes im Gebet verbringen eine wahre pastorale Priorität und nicht etwas, das neben der pastoralen Arbeit steht. Vor dem Herrn zu stehen ist eine pastorale Priorität, letzten Endes die wichtigste. Auf ganz konkrete und leuchtende Art hat uns dies Johannes Paul II. in jedem Aspekt seines Lebens und Dienstes gezeigt.

Liebe Priester, wir können nie genug betonen, wie grundlegend und entscheidend unsere persönliche Antwort auf den Ruf zur Heiligkeit ist. Dies ist nicht nur die Bedingung dafür, daß unser persönliches Apostolat Frucht bringt. Es ist zugleich auf noch umfassendere Weise die Bedingung dafür, daß das Antlitz der Kirche das Licht Christi widerspiegelt (vgl. Lumen gentium, 1) und daß die Menschen dazu geführt werden, den Herrn zu erkennen und anzubeten. Der Bitte des Apostels Paulus, sich mit Gott versöhnen zu lassen (vgl. 2 Kor 5,20), müssen wir zuallererst in uns selbst entsprechen und den Herrn aufrichtigen Herzens und entschlossenen und mutigen Sinnes bitten, alles von uns fernzuhalten, was uns von ihm trennt und was der Sendung, die wir empfangen haben, widerspricht. Wir sind gewiß, daß der Herr barmherzig ist und uns zu erhören weiß.

Mein Dienst als Bischof von Rom folgt den Spuren meiner Vorgänger und nimmt dabei in besonderer Weise das besondere und kostbare Erbe auf, das uns Johannes Paul II. hinterlassen hat. Liebe Priester und Diakone, gehen wir diesen Weg gemeinsam voll Freude und Vertrauen. Streben wir weiterhin danach, die Gemeinschaft innerhalb der großen Familie der Diözesankirche wachsen zu lassen und gemeinsam daran zu arbeiten, die missionarische Ausrichtung unserer Pastoralarbeit gemäß den Grundlinien der römischen Synode zu stärken. Diese Synode wurde mit besonderer Wirksamkeit in der Erfahrung der Stadtmission in die Tat umgesetzt. Rom ist eine sehr große Diözese und durch die universale Sorge, die der Herr ihrem Bischof anvertraut hat, ist sie wahrlich etwas ganz Besonderes. Liebe Priester, aus diesem Grunde kann eure Beziehung zum Diözesanbischof, der ich bin, leider nicht dieselbe tägliche Unmittelbarkeit haben, die ich mir wünschte und die in anderen Situationen möglich ist. Durch die Arbeit des Kardinalvikars und der Weihbischöfe, denen ich meine große Dankbarkeit ausdrücken möchte, ist es mir dennoch möglich, einem jeden von euch konkret nah zu sein, in den Freuden und Schwierigkeiten, die den Weg eines jeden Priesters begleiten. Und vor allem möchte ich euch der tiefsten und entscheidendsten Nähe versichern, die den Bischof mit seinen Priestern und Diakonen verbindet, des täglichen Gebets. Seid gewiß, daß der Klerus von Rom wirklich auf besondere Weise in meinem Gebet ist. Seien wir uns im Glauben und in der Liebe Christi nahe und im Vertrauen auf Maria, die Mutter des einzigen Hohenpriesters. Es entspringt unserer Verbundenheit mit Christus und mit der Jungfrau Maria, daß sich Freude und Vertrauen nähren, die wir alle sowohl für das apostolische Werk als auch für die persönliche Existenz brauchen.

Liebe Priester und Diakone, dies sind einige Betrachtungen, die ich eurer Aufmerksamkeit anempfehlen wollte. Bevor ich nun euch das Wort erteile für eure Fragen und Reflexionen, habe ich noch eine sehr freudige Nachricht bekanntzugeben. Heute ist eine Mitteilung eingegangen. Kardinal Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, hat zusammen mit Seiner Exzellenz Nowak, Sekretär derselben Kongregation, folgende Erklärung geschrieben:

ROMANA
Beatificationis et Canonizationis
Servi Dei IOANNIS PAULI II
(Caroli Wojtyla)
Summi Pontificis

Instante Em.mo ac Rev.mo Domino D. Camillo S.R.E. Cardinali Ruini, Vicario Generali Suae Sanctitatis pro Dioecesi Romana, Summus Pontifex BENEDICTUS XVI, attentis peculiaribus expositis adiunctis, in audentia eidem Cardinali Vicario Generali die 28 mensis Aprilis huius anni 2005 concessa, dispensavit a tempore quinque annorum exspectationis post mortem Servi Dei Ioannis Pauli II (Caroli Wojtyla), Summi Pontificis, ita ut causa Beatificationis et Canonizationis eiusdem Servi Dei statim incipi posset. Contrariis non obstantibus quibuslibet.

Datum Romae, ex aedibus huius Congregationis de Causis Sanctorum, die 9 mensis Maii A.D. 2005.

Iosephus Card. Saraiva Martins
Praefectus

Eduardus Nowak
Archiepiscopus tit. Lunensis
a Secretis


Nun sei euch das Wort gegeben. Am Ende werde ich, soweit es mir möglich ist, versuchen zu antworten.

Nach 21 Wortbeiträgen, die verschiedene Priester und Diakone der Diözese Rom vorgetragen hatten, antwortete Papst Benedikt XVI. in freier Rede:

Zum Abschluß kann ich nur danke sagen für den Reichtum und die Tiefe dieser Beiträge, in denen ein Klerus zum Vorschein kommt, der voller Enthusiasmus ist, erfüllt von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu der uns anvertrauten Herde, von der Liebe zu den Armen. Und dies nicht nur in der Stadt Rom, sondern wirklich in der Weltkirche, gegenüber allen unseren Brüdern. Danke auch für die Zuneigung, die ihr mir gegenüber zum Ausdruck gebracht habt und die mir sehr hilft. Ich sehe mich jetzt nicht in der Lage, auf die Einzelheiten des Gesagten einzugehen. Es wäre schön, mit einer echten Diskussion fortzufahren, und ich hoffe, daß sich noch Möglichkeiten bieten werden, eine konkrete Diskussion mit Fragen und Antworten zu führen. An dieser Stelle möchte ich einfach meiner Dankbarkeit für alles Ausdruck verleihen. Ich spüre in der Tat euren pastoralen Eifer, wie ihr die Kirche Christi hier in Rom aufbauen möchtet und auch wie ihr überlegt, auf welche Weise ihr dies noch besser tun könnt; ich spüre, daß alles einer großen Liebe zum Herrn und zur Kirche entspringt.

Ich möchte lediglich drei oder vier Punkte anschneiden, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Ihr habt von der Verflechtung der Romanität und der Universalität gesprochen. Dies erscheint mir ein sehr wichtiger Aspekt zu sein. Einerseits ist Rom eine wahre Ortskirche, die als solche leben muß. Es gibt Personen, die leiden, die leben, die glauben wollen oder die nicht glauben können. Hier muß in den Pfarrgemeinden die Kirche von Rom mit ihrer großen Verantwortung für die Welt wachsen, denn in gewisser Weise trägt sie das Mandat der »Beispielhaftigkeit« in sich; in der Kirche von Rom soll das Angesicht der Kirche als solche erscheinen und sie soll ein Vorbild für die anderen Ortskirchen sein. Um ein Vorbild sein zu können, müssen wir selbst eine Ortskirche sein, die sich täglich müht im demütigen Werk, das dieses Kirche-Sein an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit erfordert.

Ihr habt von der Pfarrgemeinde als Grundstruktur gesprochen, die von den geistlichen Bewegungen Hilfe erfährt und Bereicherung empfängt. Und mir scheint, daß während des Pontifikats Papst Johannes Pauls II. ein fruchtbares Zusammenspiel zwischen dem konstanten Element der Pfarrstruktur und dem, sagen wir, »charismatischen« Element, das neue Initiativen und Anregungen bietet, entstanden ist. Unter der weisen Leitung des Kardinalvikars und der Weihbischöfe können alle Pfarrer gemeinsam wahrhaft Verantwortung für das Wachstum der Pfarrgemeinden tragen und all die Elemente aufnehmen, die von den Bewegungen und den verschiedenen Dimensionen der konkreten Wirklichkeit der Kirche kommen können.

Aber ich wollte noch weiter von der Verflechtung von Romanität und Universalität sprechen. Einer unserer Mitbrüder hat von unserer Verantwortung gegenüber Afrika gesprochen. Wir haben gesehen, wie Afrika, wie Indien, wie der Kosmos in Rom gegenwärtig sind. Und diese Gegenwart unserer Brüder verpflichtet uns, nicht nur an uns zu denken, sondern zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt, unter den uns bekannten Umständen, die Gegenwart der anderen Kontinente zu spüren. Es scheint mir, daß wir zu diesem Zeitpunkt eine besondere Verantwortung gegenüber Afrika, Lateinamerika und Asien haben. In Asien ist das Christentum, mit Ausnahme der Philippinen, noch eine sehr kleine Minderheit, auch wenn es in Indien wächst und sich als eine Kraft der Zukunft darstellt. Denken wir daher an diese Verantwortung. Afrika ist ein Kontinent sehr großer Möglichkeiten und enormer Großherzigkeit seitens der Menschen, ein Kontinent mit einem beeindruckenden, lebendigen Glauben. Aufbau eines glücklichen Afrikas Aber wir müssen bekennen, daß Europa nicht nur den Glauben an Christus, sondern auch alle Laster des Alten Kontinents exportiert hat. Es hat die Haltung der Korruption, es hat die Gewalt, die Afrika jetzt verwüstet, exportiert. Und wir müssen unsere Verantwortung anerkennen, indem wir sicherstellen, daß die Verbreitung des Glaubens, der auf die tiefsten Erwartungen jedes Menschen antwortet, stärker ist als die Ausfuhr der europäischen Laster. Dies scheint mir eine große Verantwortung zu sein. Es gibt immer noch den Waffenhandel. Es kommt zur Ausbeutung der Ressourcen dieses Kontinents. Um so mehr müssen wir Christen alles tun, damit der Glaube Afrika erreicht und mit dem Glauben die Kraft, diesen Lastern zu widerstehen und ein christliches Afrika aufzubauen, ein glückliches Afrika, ein großer Kontinent des neuen Humanismus sein wird.

Außerdem wurde erwähnt, wie notwendig es ist, einerseits zu verkünden und zu sprechen, aber dann auch zuzuhören. Mir erscheint dies im zweifachen Sinne sehr wichtig. Der Priester, der Diakon, der Katechet, der Ordensmann und die Ordensfrau müssen einerseits verkündigen und Zeugen sein. Aber dazu müssen sie natürlich in einem zweifachen Sinne zuhören, einerseits indem sie die Seele für Christus öffnen und innerlich auf sein Wort hören, so daß es aufgenommen wird und mein Sein verändert und gestaltet. Andererseits indem man die Menschheit von heute hört, den Nächsten, den Menschen meiner Pfarrei, den Menschen, für den ich eine gewisse Verantwortung trage. Natürlich, wenn wir die Welt von heute hören, die ja auch in uns existiert, hören wir alle Probleme, alle Schwierigkeiten, die sich dem Glauben entgegenstellen. Wir müssen in der Lage sein, diese Probleme ernstzunehmen. Der hl. Petrus, der erste Bischof von Rom, sagt in seinem ersten Brief, daß wir Christen bereit sein sollen, Rede und Antwort zu stehen für unseren Glauben. Das setzt voraus, daß wir selbst den Grund des Glaubens verstanden haben, daß wir dieses Wort, das für die anderen wirklich eine Antwort sein kann, mit dem Herzen, mit der Weisheit des Herzens und auch mit dem Verstand, wahrhaft verinnerlicht haben. Im ersten Petrusbrief gibt es im griechischem Text ein schönes Wortspiel: Es ist die Rede von der »apología«, der Antwort des »logos«, der Grundlage unseres Glaubens. Das bedeutet, daß der »logos«, der Grund des Glaubens, das Wort des Glaubens zur Antwort des Glaubens werden muß. Und wir wissen gut, daß die Sprache des Glaubens den heutigen Menschen oft sehr fern ist; sie kann ihnen nur nahgebracht werden, wenn sie in uns zur Sprache unserer Zeit wird. Wir sind Zeitgenossen; wir leben in dieser Zeit, mit diesen Gesinnungen und Empfindungen. Wenn sie in uns verwandelt wird, kann sie eine Antwort finden.

Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, und wir wissen es alle, daß viele nicht sofort in der Lage sind, sich mit der ganzen Lehre der Kirche zu identifizieren, sie zu verstehen, sie in sich aufzunehmen. Es scheint mir wichtig, zunächst die Absicht, mit der Kirche zu glauben, wiederzuerwecken, auch wenn jemand persönlich noch nicht viele Details in sich aufgenommen haben mag. Es ist notwendig, den Willen zu haben, mit der Kirche zu glauben und Vertrauen zu haben, daß die Kirche – nicht nur die Gemeinschaft der zweitausendjährigen Pilgerschaft des Volkes Gottes, sondern die Gemeinschaft, die Himmel und Erde umfängt, die Gemeinschaft, in der also auch alle Gerechten aller Zeiten gegenwärtig sind – daß diese vom Heiligen Geist lebendiggemachte Kirche wirklich die Leitung des Geistes in sich trägt und daher das wahre Subjekt des Glaubens ist. Der Einzelne fügt sich in dieses Subjekt ein, hängt ihm an. Und auch wenn er noch nicht ganz davon durchdrungen ist, hat er doch Vertrauen und nimmt am Glauben der Kirche teil, will mit der Kirche glauben. Dies scheint mir die ununterbrochene Pilgerschaft unseres Lebens zu sein: mit unserem Denken und Empfinden, mit unserem ganzen Leben zur Gemeinschaft des Glaubens zu gelangen. Dies können wir allen anbieten, damit sie sich nach und nach mit dem Glauben der Kirche identifizieren und vor allem immer wieder von Neuem den grundlegenden Schritt tun, sich dem Glauben anzuvertrauen, sich in diese Pilgerschaft des Glaubens einzufügen, um so das Licht des Glaubens zu erlangen.

Zum Schluß möchte ich noch einmal für den Beitrag über die christozentrische Spiritualität danken, über die Notwendigkeit, unseren Glauben stets von der persönlichen Beziehung zu Christus, von der persönlichen Freundschaft mit Jesus zu nähren. Vor 70 Jahren hat Romano Guardini einmal zu Recht gesagt, daß das Wesen des Christentums nicht eine Idee, sondern eine Person sei. Große Theologen hatten versucht, die wesentlichen, grundlegenden Ideen des Christentums zu beschreiben. Aber das Christentum, das sie schilderten, war letzten Endes nicht überzeugend. Das Christentum ist nämlich zuallererst ein Ereignis, eine Person. Und in dieser Person finden wir dann den inhaltlichen Reichtum. Das ist wichtig.

Und hier, so scheint mir, finden wir auch die Antwort auf einen Einwand, den man heute oft hört, wenn es um den missionarischen Charakter der Kirche geht. Viele zeigen uns die Versuchung auf, auf folgende Weise über die anderen zu denken: »Aber warum lassen wir sie nicht in Frieden? Sie haben ihre Authentizität, ihre Wahrheit. Wir haben die unsere. Leben wir daher friedlich zusammen und lassen wir doch einen jeden, wie er ist, so daß er auf bestem Wege seine eigene Authentizität sucht.« Aber wie kann die eigene Authentizität gefunden werden, wenn wir in der Tiefe unseres Herzens Jesus erwarten und wenn die wahre Authentizität eines jeden gerade in der Gemeinschaft mit Christus und nicht ohne Christus gefunden wird? Anders gesagt: Wenn wir den Herrn gefunden haben und wenn er für uns das Licht und die Freude des Lebens ist, sind wir da sicher, daß jemand anderem, der Christus nicht gefunden hat, nicht etwas Wesentliches fehlt, und daß es nicht unsere Pflicht ist, ihm diese wesentliche Wirklichkeit anzubieten? Danach überlassen wir das, was geschehen mag, der Führung des Heiligen Geistes und der Freiheit eines jeden Einzelnen. Aber wenn wir überzeugt sind und wenn wir die Erfahrung der Tatsache gemacht haben, daß das Leben ohne Christus unvollständig ist, daß eine Wirklichkeit, daß die grundlegende Wirklichkeit fehlt, dann müssen wir auch überzeugt sein, daß wir niemandem Unrecht tun, wenn wir ihm Christus zeigen und ihm die Möglichkeit anbieten, so auch seine wahre Authentizität zu finden, die Freude, das Leben gefunden zu haben.

Zum Abschluß möchte ich allen Mitgliedern des Klerus und der kirchlichen Gemeinschaft von Rom danken, den Pfarrern, ihren Vikaren und Kaplänen, allen Mitarbeitern in den verschiedenen Aufgaben, den Diakonen, den Katecheten, vor allem den Ordensleuten, die ein wenig das Herz auch des kirchlichen Lebens einer Diözese sind. Danke für dieses Zeugnis, das ihr gegeben habt.

Gehen wir gemeinsam voran, beseelt von der Liebe Christi. Und so werden wir gut gehen!  

 

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