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BEGEGNUNG MIT DEN PRIESTERN DER DIÖZESE ROM

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Benediktionsaula
Donnerstag, 2. März 2006

 

Ich ergreife sofort das Wort, denn wenn ich warte, bis alle Wortmeldungen beendet sind, wird mein Monolog zu lang. Ich möchte vor allem meine Freude zum Ausdruck bringen, daß ich hier mit euch, liebe Priester von Rom, zusammen sein kann. Es ist wirklich eine Freude, so viele gute Hirten im Dienst des »Guten Hirten« hier zu sehen, am ersten Sitz der Christenheit, in der Kirche, die »den Vorsitz in der Liebe führt« und die den anderen Ortskirchen ein Vorbild sein soll. Danke für euren Dienst!

Wir haben das leuchtende Beispiel von Don Andrea vor Augen, der uns zeigt, was es heißt, ein Priester zu »sein« bis zum Äußersten: im Gebet für Christus zu sterben und so einerseits Zeugnis abzulegen für das eigene Leben in enger Vertrautheit mit Christus und dies anderseits als Zeuge für die Menschen an einem »panperipheren Punkt« der Welt zu tun, umgeben vom Haß und Fanatismus anderer Menschen. Es ist ein Zeugnis, das alle anregt, Christus nachzufolgen, das Leben für die anderen hinzugeben und gerade so das Leben zu finden.

Im Bezug auf die erste Wortmeldung danke ich zunächst einmal aufrichtig für dieses wunderschöne Gedicht! Es gibt auch Dichter und Künstler in der Kirche von Rom, im römischen Presbyterium; ja, ich werde noch Gelegenheit haben, über diese schönen Worte nachzudenken, sie zu verinnerlichen und mich daran zu erinnern, daß dieses »Fenster« immer »offen« ist. Vielleicht ist dies der richtige Moment, um das bedeutende Erbe des großen Papstes Johannes Paul II. in Erinnerung zu rufen, um uns auch weiterhin immer stärker mit diesem Erbe zu identifizieren. 

Gestern sind wir in die Fastenzeit eingetreten. Die heutige Liturgie zeigt uns in der Tiefe, was das Wesen der Fastenzeit ist: Sie ist ein Wegweiser für unser Leben. Deshalb scheint mir – ich spreche im Hinblick auf Papst Johannes Paul II. –, daß wir bei der ersten Lesung des heutigen Tages etwas länger verweilen sollten. Die große Rede des Mose an der Schwelle zum Heiligen Land nach der vierzigjährigen Wanderung in der Wüste ist eine Zusammenfassung der ganzen Thora, des ganzen Gesetzes. Wir finden hier das Wesentliche, nicht nur für das jüdische Volk, sondern auch für uns. Das Wesentliche ist das Wort Gottes: »Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben« (Dt 30,19). Dieses grundlegende Wort der Fastenzeit ist auch das grundlegende Wort des Erbes unseres großen Papstes Johannes Paul II.: das Leben wählen. Das ist unsere priesterliche Berufung, daß wir selbst das Leben wählen und den anderen helfen, das Leben zu wählen. In der Fastenzeit geht es darum, unsere »Grundoption« , wie man es nennen kann, die Option für das Leben, zu erneuern.

Aber sogleich erhebt sich die Frage: Wie wählt man das Leben? Wie tut man das? Als ich darüber nachdachte, kam mir in den Sinn, daß der große Abfall vom Christentum, den es im Westen in den letzten hundert Jahren gegeben hat, gerade im Namen der Option für das Leben geschehen ist. Es ist gesagt worden – ich denke dabei an Nietzsche, aber auch an viele andere –, daß das Christentum eine Option gegen das Leben sei. Mit dem Kreuz, mit all den Geboten, mit allem »Nein«, das es auferlegt, verschließt es uns den Zugang zum Leben. Aber wir wollen das Leben haben, und wir wählen das Leben, wir entscheiden uns endlich für das Leben, indem wir uns vom Kreuz befreien und von all diesen Geboten und all diesem Nein. Wir wollen das Leben in Fülle haben, nichts anderes als das Leben. Hier kommt uns sogleich das Wort des heutigen Evangeliums in den Sinn: »Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten« (Lk 9,24). Das ist das Paradoxon, das wir bei der Option für das Leben in erster Linie berücksichtigen müssen. Nur wenn wir das Leben nicht für uns selbst in Anspruch nehmen, sondern das Leben hingeben, nur wenn wir das Leben nicht haben und an uns reißen wollen, sondern es hingeben, können wir es finden. Das ist letztendlich der Sinn des Kreuzes: das Leben nicht für sich haben zu wollen, sondern es hinzugeben.

So stimmen das Neue und das Alte Testament überein. In der ersten Lesung aus dem Deuteronomium lautet die Antwort Gottes: »Wenn du auf die Gebote des Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, indem du den Herrn, deinen Gott liebst, auf seinen Wegen gehst und auf seine Gebote, Gesetze und Rechtsvorschriften achtest, dann wirst du leben« (30,16). Auf den ersten Blick gefällt uns das nicht, aber es ist der Weg: die Option für das Leben und die Option für Gott sind identisch. Der Herr sagt es im Evangelium nach Johannes: »Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen« (Joh 17,3). Das menschliche Leben ist eine Beziehung. Nur in der Beziehung, nicht in uns selbst verschlossen, können wir das Leben haben. Und die grundlegende Beziehung ist die Beziehung zum Schöpfer, sonst sind die anderen Beziehungen schwach. Also Gott wählen – das ist wesentlich. Eine Welt, in der Gott abwesend ist, eine Welt, die Gott vergessen hat, verliert das Leben und versinkt in eine Kultur des Todes. Das Leben wählen, sich für das Leben entscheiden bedeutet vor allem, die Option für Gott und die Beziehung zu Gott zu wählen. Aber sofort erhebt sich die Frage: zu welchem Gott? Auch hier hilft uns das Evangelium: zu dem Gott, der uns sein Antlitz in Christus gezeigt hat, zu dem Gott, der am Kreuz den Haß besiegt hat, also in der Liebe bis zur Vollendung. Wenn wir diesen Gott wählen, wählen wir das Leben.

Papst Johannes Paul II. hat uns die große Enzyklika Evangelium vitae geschenkt. Sie ist gleichsam ein Bild der Probleme der heutigen Kultur, der Hoffnungen und der Gefahren. Aus ihr wird ersichtlich, daß eine Gesellschaft, die Gott vergißt, die Gott ausschließt, gerade weil sie das Leben haben will, in eine Kultur des Todes versinkt. Weil man das Leben haben will, sagt man »nein« zum Kind, denn es nimmt mir einen Teil meines Lebens, sagt man »nein« zur Zukunft, um die ganze Gegenwart zu haben, sagt man »nein« zum werdenden Leben und zum leidenden Leben, das dem Tod entgegengeht. Diese scheinbare Kultur des Lebens wird zur Antikultur des Todes, wo Gott abwesend ist, wo der Gott abwesend ist, der nicht den Haß anordnet, sondern den Haß besiegt. Hier entscheiden wir uns wirklich für das Leben. Alles hängt also miteinander zusammen: die tiefste Option für den gekreuzigten Christus mit der vollkommensten Option für das Leben vom ersten bis zum letzten Augenblick.

Das scheint mir in gewisser Weise auch der Kern unserer Pastoral zu sein: zu einer wahren Option für das Leben zu verhelfen, die Beziehung zu Gott als die Beziehung zu erneuern, die uns Leben gibt und uns den Weg zum Leben zeigt, und so Christus wieder zu lieben, der sich vom unbekannten Wesen, das wir nie erreichten und das uns rätselhaft blieb, zum Gott gemacht hat, den wir kennen, zu einem Gott mit menschlichem Antlitz, zu einem Gott, der Liebe ist. Halten wir uns besonders diesen grundlegenden Punkt für das Leben vor Augen und beachten wir, daß in diesem Programm das ganze Evangelium gegenwärtig ist, vom Alten bis zum Neuen Testament, das Christus zum Mittelpunkt hat. Die Fastenzeit sollte für uns selbst die Zeit sein, in der wir unsere Kenntnis von Gott, unsere Freundschaft mit Jesus erneuern, um dadurch fähig zu sein, die anderen Menschen in überzeugender Weise zur Option für das Leben zu führen, die vor allem die Option für Gott ist. Uns selbst muß klar sein, daß wir, indem wir Christus gewählt haben, nicht die Verneinung des Lebens, sondern wirklich das Leben in Fülle gewählt haben.

Die christliche Option ist im Grunde sehr einfach: Sie ist das Ja zum Leben. Aber dieses Ja wird nur mit einem Gott verwirklicht, der nicht unbekannt ist, mit einem Gott, der ein menschliches Antlitz hat. Es wird verwirklicht, indem wir diesem Gott in der Gemeinschaft der Liebe nachfolgen. Was ich bisher gesagt habe, soll unsere Erinnerung an den großen Papst Johannes Paul II. stärken.

Kommen wir zur zweiten Wortmeldung, die so liebenswert war und die die Mütter betraf. Ich würde sagen, daß ich jetzt keine großen Programme oder Worte vermitteln kann, die ihr den Müttern sagen könnt. Sagt einfach: Der Papst dankt euch! Er dankt euch, weil ihr das Leben geschenkt habt, weil ihr diesem wachsenden Leben helfen und so eine menschliche Welt errichten und einen Beitrag zur Zukunft des Menschen leisten wollt. Und das tut ihr, indem ihr nicht nur das biologische Leben schenkt, sondern auch den Mittelpunkt des Lebens vermittelt, indem ihr dazu beitragt, daß man Jesus kennenlernt und eure Kinder in die Bekanntschaft, in die Freundschaft mit Jesus einführt. Das ist die Grundlage jeder Katechese. Deshalb muß man den Müttern vor allem dafür danken, daß sie den Mut hatten, Leben zu schenken. Und man muß die Mütter bitten, daß sie das Leben bis zur Vollendung schenken, indem sie die Freundschaft mit Jesus schenken.

Die dritte Wortmeldung war die des Rektors der Kirche Sant’Anastasia. Hier darf ich vielleicht nebenbei erwähnen, daß die Kirche Sant’Anastasia mir schon lieb war, bevor ich sie gesehen habe, denn sie war die Titelkirche unseres Kardinals von Faulhaber. Er hat uns immer erzählt, daß er in Rom eine Kirche hat, die Kirche Sant’Anastasia. Wir haben uns mit dieser Pfarrgemeinde immer zur zweiten Messe an Weihnachten getroffen, die der »Station« Sant’Anastasia gewidmet war. Die Historiker sagen, daß der Papst hier den byzantinischen Statthalter aufsuchen mußte, der dort seinen Sitz hatte. Die Kirche läßt uns auch an die Heilige und an die »Anastasis« denken: Zu Weihnachten denken wir auch an die Auferstehung. Ich wußte nicht, und ich danke für die Information, daß die Kirche jetzt Ort der »ewigen Anbetung« ist; sie ist also ein Brennpunkt des Glaubenslebens in Rom. Den Vorschlag, in den fünf Sektoren der Diözese Rom fünf Orte der ewigen Anbetung zu schaffen, lege ich vertrauensvoll in die Hände des Kardinalvikars. Ich möchte nur sagen: Gott sei Dank, daß nach dem Konzil, nach der Zeit, wo der Sinn für die eucharistische Anbetung ein wenig gefehlt hat, jetzt die Freude an dieser Anbetung überall in der Kirche zurückgekehrt ist, wie wir bei der Synode zur Eucharistie gesehen und gehört haben. Sicher, mit der Konzilskonstitution über die Liturgie wurde vor allem der ganze Reichtum der Eucharistiefeier wiederentdeckt, wo das verwirklicht wird, was der Herr uns hinterlassen hat. Er schenkt sich uns, und wir antworten, indem wir uns ihm schenken. Aber jetzt haben wir aufs Neue entdeckt, daß dieser Mittelpunkt, den uns der Herr dadurch gegeben hat, daß wir sein Opfer feiern und so in sakramentale, beinahe leibliche Gemeinschaft mit ihm treten können, seine Tiefe und auch seinen menschlichen Reichtum verliert, wenn die Anbetung als ein aus dem Kommunionempfang resultierender Akt fehlt. Die Anbetung ist ein Eintreten in die Gemeinschaft mit dem Herrn in der Tiefe unseres Herzens, mit dem Herrn, der in der Eucharistie leiblich gegenwärtig wird. Er gibt sich in der Monstranz immer in unsere Hände und lädt uns ein, uns mit seiner Gegenwart, mit seinem auferstandenen Leib, zu vereinen.

Jetzt kommen wir zur vierten Frage. Wenn ich recht verstanden habe, aber ich bin mir nicht ganz sicher, lautete sie: »Wie gelangt man zu einem lebendigen Glauben, zu einem wirklich katholischen Glauben, zu einem konkreten, lebhaften, wirksamen Glauben?« Der Glaube ist letztlich ein Geschenk. Die erste Bedingung ist also, sich etwas schenken zu lassen, nicht selbstgenügsam zu sein, nicht alles alleine zu tun, denn das können wir nicht, sondern uns zu öffnen in dem Bewußtsein, daß der Herr wirklich schenkt. Mir scheint, daß diese offene Haltung auch die Haltung ist, mit der das Gebet beginnt: für die Gegenwart des Herrn und sein Geschenk offen sein. Das ist auch der erste Schritt, etwas zu empfangen, das wir nicht machen und das wir nicht haben können, wenn wir es selbst machen wollen. Diese Haltung der Offenheit, des Gebets – Herr, schenke mir Glauben! – muß mit unserem ganzen Dasein vollzogen werden. Wir müssen hineinwachsen in die Bereitschaft, das Geschenk anzunehmen und uns von dem Geschenk in unserem Denken, in unserem Fühlen, in unserem Willen durchdringen zu lassen. Hier scheint es mir sehr wichtig, einen wesentlichen Punkt zu unterstreichen: Niemand glaubt für sich allein. Wir glauben immer in und mit der Kirche. Das Credo ist immer ein Gemeinschaftsakt, bei dem man sich eingliedern läßt in eine Weggemeinschaft, eine Gemeinschaft des Lebens, des Wortes, des Denkens. Wir »machen« den Glauben nicht, in dem Sinn, daß es vor allem Gott ist, der ihn schenkt. Aber ebensowenig »machen« wir ihn in dem Sinn, daß er von uns erfunden werden sollte. Wir müssen uns sozusagen in die Gemeinschaft des Glaubens, der Kirche fallen lassen. Glauben ist ein katholischer Akt an sich, ist Teilhabe an dieser großen Gewißheit, die im lebendigen Subjekt der Kirche vorhanden ist. Nur so können wir auch die Heilige Schrift in der Vielfalt ihrer Lesarten verstehen, die sich über tausend Jahre hinweg entwickeln. Sie ist eine Schrift, weil sie Element, Ausdruck des einen Subjekts – des Volkes Gottes – ist, das auf seinem Pilgerweg immer dasselbe Subjekt ist. Es ist natürlich ein Subjekt, das nicht von sich aus spricht, sondern es ist ein von Gott geschaffenes Subjekt – der klassische Ausdruck dafür ist »inspiriert« –, ein Subjekt, das dieses Wort empfängt, es dann übersetzt und mitteilt. Dieses Zusammenwirken ist sehr wichtig. Wir wissen, daß der Koran nach islamischem Glauben ein von Gott ohne menschliche Vermittlung mündlich gegebenes Wort ist. Der Prophet hat damit nichts zu tun. Er hat es nur aufgeschrieben und mitgeteilt. Es ist das reine Wort Gottes. Für uns hingegen tritt Gott in Gemeinschaft mit uns, läßt uns mitarbeiten, erschafft dieses Subjekt, und innerhalb dieses Subjekts wächst und entwickelt sich sein Wort. Dieser menschliche Teil ist wesentlich, und durch ihn können wir sehen, wie die einzelnen Worte nur als Einheit der ganzen Schrift im lebendigen Subjekt des Volkes Gottes wirklich zum Wort Gottes werden. Das erste Element ist also das Geschenk Gottes, das zweite ist die Teilhabe am Glauben des pilgernden Volkes, die Vermittlung der Heiligen Kirche, die ihrerseits das Wort Gottes empfängt, das der Leib Christi ist, beseelt vom lebendigen Wort, dem göttlichen Logos. Wir müssen Tag für Tag unsere Gemeinschaft mit der Heiligen Kirche und so mit dem Wort Gottes vertiefen. Es handelt sich nicht um zwei entgegengesetzte Dinge, so daß ich sagen könnte: »Ich bin mehr für die Kirche« oder: »Ich bin mehr für das Wort Gottes«. Nur vereint ist man in der Kirche, gehört man zur Kirche, wird man Glied der Kirche, lebt man vom Wort Gottes, das die Lebenskraft der Kirche ist. Und wer vom Wort Gottes lebt, kann es nur leben, weil es in der lebendigen Kirche lebt und lebenskräftig ist.

Die fünfte Wortmeldung betraf Pius XII. Danke für diese Wortmeldung. Er war der Papst meiner Jugend. Wir haben ihn alle verehrt. Wie richtig gesagt wurde, hat er das deutsche Volk sehr geliebt, er hat es auch verteidigt in der großen Katastrophe nach dem Krieg. Und ich muß hinzufügen, daß er zuerst Nuntius in München war, bevor er Nuntius in Berlin wurde, denn Berlin hatte anfangs noch keine päpstliche Vertretung. Er war wirklich nahe bei uns. Mir scheint dies eine Gelegenheit zu sein, allen großen Päpsten des vergangenen Jahrhunderts Dank zu bezeigen. Das Jahrhundert hat mit dem hl. Pius X. begonnen, dann folgten Benedikt XV., Pius XI., Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. Mir scheint das ein besonderes Geschenk zu sein in einem so schwierigen Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und zwei zerstörerischen Ideologien, dem Faschismus und Nationalsozialismus auf der einen und dem Kommunismus auf der anderen Seite. Gerade in diesem Jahrhundert, das sich dem Glauben der Kirche widersetzt hat, hat uns der Herr eine Reihe großer Päpste und damit ein geistliches Erbe geschenkt, das, wie ich sagen würde, geschichtlich die Wahrheit des Primats des Nachfolgers Petri bestätigt hat.

Die nachfolgende Wortmeldung, die der Familie gewidmet war, kam vom Pfarrer der Kirche Santa Silvia. Hier kann ich nur zustimmen. Auch bei den »Ad-limina«-Besuchen spreche ich mit den Bischöfen immer über die Familie, die in der Welt auf vielerlei Weise bedroht ist. In Afrika ist sie gefährdet, weil man sich schwertut mit dem Übergang vom »mariage coutumier« zum »mariage religieux«, denn man fürchtet die Endgültigkeit.

Während im Westen die Angst vor dem Kind in der Furcht begründet liegt, etwas vom Leben zu verlieren, ist dort das Gegenteil der Fall: Solange man nicht sicher weiß, daß die Ehefrau auch Kinder haben wird, kann man es nicht wagen, eine endgültige Ehe einzugehen. Deshalb ist die Zahl der kirchlichen Ehen relativ gering, und viele, auch »gute«, Christen, die den besten Willen haben, Christen zu sein, tun diesen letzten Schritt nicht. Die Ehe ist auch in Lateinamerika bedroht, wo andere Gründe ausschlaggebend sind, und sie ist, wie wir wissen, im Westen schwer bedroht. Um so mehr müssen wir als Kirche den Familien helfen, die die Keimzelle jeder gesunden Gesellschaft sind. Nur so kann in der Familie eine Gemeinschaft der Generationen geschaffen werden, in der die Erinnerung an die Vergangenheit in der Gegenwart lebt und sich zur Zukunft hin öffnet. So geht das Leben weiter und entwickelt sich und schreitet voran. Wahrer Fortschritt ist ohne diese Kontinuität des Lebens und auch ohne das religiöse Element nicht möglich. Ohne das Vertrauen auf Gott, ohne das Vertrauen auf Christus, der uns auch die Fähigkeit zum Glauben und zum Leben schenkt, kann die Familie nicht überleben. Wir sehen es heute. Nur der Glaube an Christus und nur die Teilhabe am Glauben der Kirche rettet die Familie, und anderseits kann auch die Kirche nur dann leben, wenn die Familie gerettet wird. Ich habe jetzt keine Patentlösung dafür. Aber mir scheint, daß wir diese Tatsache immer im Auge behalten müssen. Deshalb müssen wir alles tun, was die Familie fördert: Familiengruppen, Familienkatechesen anbieten und lehren, in der Familie zu beten. Das scheint mir sehr wichtig: Wo man zusammen betet, wird der Herr gegenwärtig, wird jene Kraft gegenwärtig, die auch die »Herzverhärtung«, die Härte des Herzens, brechen kann, die nach den Worten des Herrn der wahre Scheidungsgrund ist. Nur die Gegenwart des Herrn und nichts anderes hilft uns, wirklich so zu leben, wie es anfangs vom Schöpfer gewollt war und vom Erlöser erneuert wurde. Das Gebet in der Familie lehren und so zum Gebet mit der Kirche einladen. Und dann andere Methoden finden.

Jetzt antworte ich dem Kaplan der Kirche San Girolamo – ich sehe, daß er sehr jung ist –, der davon gesprochen hat, was die Frauen in der Kirche tun, gerade auch für die Priester. Ich kann nur unterstreichen, wie sehr mich im ersten Kanon, dem römischen, das Gebet für die Priester sehr beeindruckt: »Nobis quoque peccatoribus«. Mit dieser realistischen Demut der Priester bitten wir gerade als Sünder den Herrn, daß er uns helfe, seine Diener zu sein. In diesem Gebet für den Priester und nur in diesem, erscheinen sieben Frauen, die den Priester umringen. Sie sind die gläubigen Frauen, die uns auf unserem Weg helfen. Sicher hat jeder diese Erfahrung gemacht. Und so hat die Kirche den Frauen viel zu verdanken. Zu Recht haben Sie unterstrichen, daß die Frauen auf charismatischer Ebene viel für, so würde ich zu sagen wagen, die Leitung der Kirche tun, angefangen bei den Ordensschwestern, den Schwestern der großen Kirchenväter wie des hl. Ambrosius bis hin zu den großen Frauen des Mittelalters – der hl. Hildegard, der hl. Katharina von Siena, dann der hl. Teresa von Ávila – und zu Mutter Teresa. Ich würde sagen, daß dieser charismatische Bereich sich vom Amtsbereich im eigentlichen Sinne sicher unterscheidet, aber es ist eine wahre und tiefe Teilhabe an der Leitung der Kirche. Wie könnte man sich die Leitung der Kirche ohne diesen Beitrag vorstellen, der manchmal deutlich sichtbar wird, z.B. als die hl. Hildegard an den Bischöfen Kritik übte, oder als die hl. Birgitta und die hl. Katharina von Siena die Päpste ermahnten, nach Rom zurückzukehren und dies auch erreichten? Dies ist immer ein entscheidender Faktor, ohne den die Kirche nicht leben kann. Sie sagen jedoch zu Recht: Wir wollen die Frauen noch deutlicher und mit Amtsgewalt bekleidet in der Kirchenleitung sehen. Das Problem ist folgendes. Das Priesteramt ist, wie wir wissen, vom Herrn insofern den Männern vorbehalten, daß das Priesteramt Leitung im tieferen Sinn ist, daß es im Grunde das Sakrament ist, das die Kirche leitet. Das ist der entscheidende Punkt. Nicht der Mann tut etwas, sondern der Priester leitet die Kirche, getreu seiner Sendung, in dem Sinn, daß es das Sakrament ist, das die Kirche leitet, und daß durch das Sakrament Christus selber die Kirche leitet, sowohl durch die Eucharistie als auch in den anderen Sakramenten, und so führt Christus immer den Vorsitz. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob man nicht auch im Dienstamt – trotz der Tatsache, daß hier Sakrament und Geistesgabe ein und dieselbe Schiene sind, auf der sich die Kirche verwirklicht – den Frauen mehr Raum, mehr Positionen mit größerer Verantwortung anbieten könnte.

Ich habe die Worte der achten Wortmeldung nicht ganz verstanden. Grundsätzlich habe ich verstanden, daß heute die Menschheit auf der Straße von Jerusalem nach Jericho unterwegs den Räubern begegnet. Der gute Samariter hilft ihr mit der Barmherzigkeit des Herrn. Wir können nur betonen, daß es am Ende der Mensch ist, der unter die Räuber gefallen ist und immer wieder unter die Räuber fällt, und daß es Christus ist, der uns heilt. Wir sollen und können ihm helfen im Dienst der Liebe und im Dienst des Glaubens, der auch ein Dienstamt der Liebe ist.

Dann die Märtyrer von Uganda. Danke für diesen Beitrag. Er läßt uns an den afrikanischen Erdteil denken, der die große Hoffnung der Kirche ist. In den vergangenen Monaten habe ich einen Großteil der afrikanischen Bischöfe zum »Ad-limina«-Besuch empfangen. Für mich war es sehr erhebend und auch tröstlich, Bischöfe von hohem theologischen und kulturellen Niveau zu sehen, eifrige Bischöfe, die wirklich von der Freude des Glaubens beseelt sind. Wir wissen, daß diese Kirche in guten Händen ist, aber dennoch leidet, da die Nationen sich noch nicht herausgebildet haben. In Europa haben sich über die Ethnien, die bereits bestanden, hinaus gerade durch das Christentum die großen Strukturen der Nationen und die großen Sprachen herausgebildet, und so entstanden Kulturgemeinschaften und befriedete Gebiete, obwohl dann diese befriedeten Gebiete als zueinander im Gegensatz stehende Gebiete wiederum eine neue Art von Krieg geschaffen haben, die zuvor nicht existierte. In vielen Teilen Afrikas ist die Situation jedoch immer noch die einer Vorherrschaft der Ethnien. Die Kolonialmacht hat dann Grenzen auferlegt, in denen sich jetzt Nationen bilden müssen. Aber es ist immer noch schwierig, ein großes Ganzes zu bilden und über die Ethnien hinaus die Einheit demokratischer Regierungen zu finden, sowie die Möglichkeit, sich den kolonialen Mißbräuchen zu widersetzen, die es immer noch gibt. Für die Großmächte ist Afrika immer noch Gegenstand des Mißbrauchs, und viele Konflikte gäbe es nicht in dieser Form, wenn nicht die Interessen der Großmächte dahinter stünden. Ich habe auch gesehen, daß die Kirche in diesem ganzen Durcheinander durch ihre katholische Einheit der große Faktor ist, der Einigung in die Zerstreuung bringt. In vielen Fällen, jetzt vor allem nach dem großen Krieg in der Demokratischen Republik Kongo, ist die Kirche die einzige Wirklichkeit geblieben, die funktioniert, die weiterlebt und die die notwendige Unterstützung gibt, das Zusammenleben gewährleistet und hilft, die Möglichkeit zur Verwirklichung eines großen Ganzen zu finden. In diesem Sinn übt die Kirche in diesen Situationen auch einen Ersatzdienst auf politischer Ebene aus, indem sie die Möglichkeit bietet, zusammenzuleben und nach den Zerstörungen die Gemeinschaft, nach dem Ausbruch des Hasses den Geist der Versöhnung wiederherzustellen. Viele haben mir gesagt, daß in solchen Situationen das Bußsakrament sehr wichtig sei als Kraft der Versöhnung, und daß es auch in diesem Sinn gespendet werden sollte. Kurz, ich wollte sagen, daß Afrika ein Kontinent großer Hoffnung, tiefen Glaubens, bewegender kirchlicher Wirklichkeiten, eifriger Priester und Bischöfe ist. Aber es ist immer auch ein Kontinent, der – nach den Zerstörungen, die wir aus Europa dorthin gebracht haben – unserer brüderlichen Hilfe bedarf. Und diese muß aus dem Glauben erwachsen, der über die menschlichen Spaltungen hinweg auch die weltumfassende Nächstenliebe schafft. Das ist unsere große Verantwortung in dieser Zeit. Europa hat seine Ideologien, seine Interessen eingeführt, aber es hat durch die Mission auch die Heilung eingeführt. Um so mehr ist es heute unsere Pflicht, auch einen lebendigen Glauben zu haben, der sich mitteilt, der den anderen helfen will, der sich bewußt ist, daß die Weitergabe des Glaubens nicht bedeutet, entfremdende Kräfte einzuführen, sondern das wahre Geschenk zu geben, das der Mensch nötig hat, um auch ein Geschöpf der Liebe zu sein.

Der letzte Punkt war der, den der Kaplan der Karmeliterpfarrei Santa Teresa d’Ávila angesprochen hat, der zurecht seine Besorgnis zum Ausdruck gebracht hat. Sicher wäre ein oberflächlicher, einfacher Optimismus verkehrt, der die großen Gefahren nicht bemerken würde, denen die heutige Jugend, die Kinder und die Familien ausgesetzt sind. Wir müssen diese Gefahren, die dort entstehen, wo Gott abwesend ist, mit großem Realismus wahrnehmen. Wir müssen immer mehr unsere Verantwortung spüren, damit Gott gegenwärtig wird und so auch die Hoffnung und die Fähigkeit, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken.

* * *

Nach den Wortmeldungen von weiteren fünf Priestern sagte der Papst:

Ich ergreife jetzt wieder das Wort und beginne mit der Päpstlichen Akademie. Was Sie über das Problem der Jugendlichen, ihre Vereinsamung und das fehlende Verständnis von Seiten der Erwachsenen gesagt haben, erfahren wir heute in sehr direkter Weise. Es ist interessant, daß diese Jugend, die in den Diskotheken engste Nähe sucht, in Wirklichkeit an tiefer Einsamkeit und natürlich auch am Unverstandensein leidet. Mir scheint das in gewissem Sinn symptomatisch zu sein für die Tatsache, daß die Väter, wie gesagt wurde, bei der Erziehung in der Familie meistens abwesend sind. Aber auch die Mütter müssen außer Haus arbeiten. Die Familiengemeinschaft ist sehr schwach. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder ist eine Insel des Denkens, des Fühlens, und diese Inseln haben keine Verbindung untereinander. Das schwierige Problem gerade in unserer Zeit – in der jeder das Leben für sich haben will, es aber verliert, weil er sich isoliert und den anderen von sich ausgrenzt –, besteht darin, die tiefe Gemeinschaft wiederzufinden, die letztendlich nur aus einer Grundlage, die allen gemeinsam ist, aus der Gegenwart Gottes, kommen kann, die uns alle vereint. Mir scheint, daß als Voraussetzung dafür die Vereinsamung und das fehlende Verständnis füreinander überwunden werden müssen, denn auch diese entspringen der Tatsache, daß das Denken heute fragmentiert ist. Jeder sucht nach seiner Art zu denken, zu leben, und man ist nicht in einer tieferen Vision des Lebens miteinander verbunden. Die Jugend fühlt sich neuen Horizonten gegenübergestellt, an denen die ältere Generation keinen Anteil hat, denn es fehlt die Kontinuität der Weltsicht in einer Welt, die mit immer größerer Hast neuen Entdeckungen nachjagt. In zehn Jahren haben Veränderungen stattgefunden, die in der Vergangenheit nicht einmal in hundert Jahren geschehen sind. So trennen uns wirklich Welten voneinander. Ich denke an meine eigene Jugend und an die Naivität, wenn ich so sagen darf, in der wir gelebt haben, in einer Gesellschaft, die im Gegensatz zur heutigen eine reine Agrargesellschaft war. Wir sehen, wie sich die Welt immer schneller verändert, und daß sie auch durch diese Veränderungen in Einzelteile zerfällt. In einem Augenblick der Erneuerung und Veränderung wird daher das Element des Dauerhaften immer wichtiger. Ich erinnere mich an die Zeit, als über die Konzilskonstitution Gaudium et spes diskutiert wurde. Auf der einen Seite gab es die Annahme des Neuen, der Neuheiten, das »Ja« der Kirche zur modernen Zeit mit ihren Neuerungen, das »Nein« zur romantischen Verklärung der Vergangenheit, ein gerechtfertigtes und notwendiges »Nein«. Aber dann sagten die Konzilsväter auch – im Text ist der Beweis zu finden –, daß es trotzdem, trotz der notwendigen Bereitschaft, fortzuschreiten und auch Dinge aufzugeben, die uns teuer waren, etwas gibt, das sich nicht verändert, weil es das Menschliche selbst, die Kreatürlichkeit ist. Der Mensch ist nicht nur seine Geschichte. Die Verabsolutierung des Historismus, der zufolge der Mensch immer nur ein Geschöpf sei, das Frucht einer bestimmten Epoche ist, stimmt nicht. Es gibt die Kreatürlichkeit, und gerade sie gibt uns die Möglichkeit, auch unter veränderten Lebensverhältnissen die eigene Identität zu bewahren. Dies ist keine unmittelbare Antwort auf die Frage nach dem, was wir tun sollen, aber mir scheint, daß der erste Schritt der ist, eine Diagnose zu erstellen. Warum gibt es diese Einsamkeit in einer Gesellschaft, die anderseits wie eine Massengesellschaft erscheint? Warum gibt es dieses Unverstandensein in einer Gesellschaft, in der alle versuchen, einander zu verstehen, wo die Kommunikation alles ist, und wo die Transparenz aller Dinge für alle oberstes Gesetz ist? Die Antwort liegt in der Tatsache, daß wir die Veränderung in unserer eigenen Welt zwar sehen, aber das Element, das uns alle miteinander verbindet, nicht in ausreichendem Maße leben, das kreatürliche Element, das in einer bestimmten Geschichte zugänglich und zur Wirklichkeit wird: in der Geschichte Christi, der sich der Kreatürlichkeit nicht widersetzt, sondern das zurückerstattet, was der Schöpfer gewollt hatte, wie der Herr es vom Ehebund sagt. Das Christentum, das gerade die Geschichte und die Religion als eine geschichtliche Tatsache unterstreicht, als Tatsache in einer Geschichte, angefangen bei Abraham, und damit als einen geschichtlichen Glauben, und das der Moderne die Tür geöffnet hat mit seinem Sinn für den Fortschritt, für das ständige Voranschreiten, ist zugleich ein Glaube, der auf dem Schöpfer gründet, der sich offenbart und gegenwärtig macht in einer Geschichte, der er ihre Kontinuität und folglich die Mitteilbarkeit unter den Menschen verleiht. Ich denke also auch hier, daß ein Glaube, der in der Tiefe und mit ganzer Offenheit für das Heute, aber auch mit ganzer Offenheit Gott gegenüber gelebt wird, beides vereint: die Achtung gegenüber dem anderen und dem Neuen und die Kontinuität unseres Seins, die Mitteilbarkeit zwischen den Personen und den Zeiten.

Der andere Punkt war der: Wie können wir das Leben als Geschenk leben? Diese Frage stellen wir besonders jetzt, in der Fastenzeit. Wir wollen die Option für das Leben erneuern, die, wie ich sagte, nicht die Option ist, sich selbst zu besitzen, sondern sich selbst hinzugeben. Mir scheint, daß wir das nur durch eine ständige Zwiesprache mit dem Herrn und durch das Gespräch miteinander tun können. Auch die »correctio fraterna« ist notwendig, um immer mehr zu reifen angesichts unserer stets unzulänglichen Fähigkeit, das Geschenk unser selbst zu leben. Aber mir scheint, daß wir auch hier die beiden Dinge vereinen müssen. Einerseits müssen wir unsere Unzulänglichkeit demütig annehmen, dieses Ich annehmen, das nie vollkommen ist, sondern sich immer zum Herrn streckt, um zur Gemeinschaft mit dem Herrn und mit allen Menschen zu gelangen.

Diese Demut, auch die eigenen Grenzen anzunehmen, ist sehr wichtig. Nur so können wir andererseits wachsen, reifen und den Herrn bitten, daß er uns helfe, unterwegs nicht müde zu werden, auch wenn wir demütig akzeptieren, daß wir nie vollkommen sein werden, und daß wir auch die Unvollkommenheit annehmen, besonders die des anderen. Wenn wir die eigene Unvollkommenheit annehmen, ist es auch leichter, die des anderen anzunehmen und uns vom Herrn immer wieder umformen und erneuern zu lassen.

Jetzt komme ich zu den Krankenhäusern. Danke für den Gruß, der aus den Krankenhäusern kommt. Ich kannte die Auffassung nicht, der zufolge ein Priester seinen Dienst im Krankenhaus verrichtet, weil er etwas Schlechtes getan hat… Ich habe immer gedacht, daß es der vorrangige Dienst des Priesters ist, den Kranken, den Leidenden zu dienen, weil der Herr vor allem gekommen ist, um bei den Kranken zu sein. Er ist gekommen, um unser Leiden mit uns zu teilen und uns zu heilen. Anläßlich der »Ad-limina«-Besuche sage ich den afrikanischen Bischöfen immer, daß die beiden Säulen unserer Arbeit die Erziehung – das heißt, die Ausbildung des Menschen, die viele Dimensionen in sich schließt, wie die Erziehung zum Lernen, die Berufsausbildung, die Erziehung im persönlichen Bereich des Menschen – und die Heilung sind. Der grundlegende, wesentliche Dienst der Kirche ist also der des Heilens. Und das geschieht gerade in den afrikanischen Ländern: Die Kirche bietet Heilung an. Sie bringt ihnen die Menschen, die den Kranken helfen, ihnen helfen, an Leib und Seele gesund zu werden. Mir scheint also, daß wir im Herrn unser priesterliches Vorbild sehen sollen, um zu heilen. Helfen, beistehen und bis zur Gesundung begleiten: Das ist für den Einsatz der Kirche wesentlich; es ist die grundlegende Form der Liebe und damit grundlegender Ausdruck des Glaubens. Folglich ist es auch im Priestertum der zentrale Punkt.

Jetzt antworte ich dem Kaplan der Pfarrei »Santi Patroni d’Italia«, der vom Dialog mit den Orthodoxen und vom ökumenischen Dialog im allgemeinen gesprochen hat. In der heutigen Weltlage sehen wir, daß der Dialog auf allen Ebenen notwendig ist. Noch wichtiger ist, daß die Christen untereinander nicht verschlossen, sondern offen sind, und gerade in den Beziehungen mit den Orthodoxen sehe ich, daß die persönlichen Kontakte entscheidend sind. In der Lehre sind wir zum großen Teil in allen grundlegenden Dingen einig, und dennoch scheint es sehr schwer zu sein, in der Lehre Fortschritte zu machen. Aber wenn wir einander näherkommen in der Gemeinschaft, in der gemeinsamen Erfahrung des Glaubenslebens, dann lernen wir, einander gegenseitig als Kinder Gottes anzunehmen. Und das ist seit mindestens vierzig, fünfzig Jahren meine Erfahrung: diese Erfahrung der gemeinsamen Jüngerschaft, die wir am Ende im selben Glauben leben, in derselben apostolischen Nachfolge, mit denselben Sakramenten und damit auch mit der großen Gebetstradition. Diese Verschiedenheit und Vielfalt der religiösen Kulturen, der Kulturen des Glaubens, sind schön. Dies ist eine grundlegende Erfahrung, und mir scheint, daß vielleicht die Vorbehalte einiger, eines Teils der Mönche vom Berg Athos, gegenüber dem Ökumenismus auch von der Tatsache herrührt, daß ihnen diese Erfahrung fehlt, in der man sieht und spürt, daß auch der andere zu demselben Christus gehört, zu derselben Gemeinschaft mit Christus in der Eucharistie. Also das ist sehr wichtig: Wir müssen die bestehende Trennung aushalten. Der Apostel Paulus sagt, daß die Spaltungen für eine gewisse Zeit notwendig sind, und der Herr weiß, warum: um uns zu prüfen, um uns zu stärken, um uns reif werden zu lassen, um uns demütiger zu machen. Aber wir sind gleichzeitig verpflichtet, auf die Einheit zuzugehen, und schon auf die Einheit zuzugehen, ist eine Form der Einheit.

Kommen wir jetzt zum Spiritual des Priesterseminars. Das erste Problem war die Schwierigkeit der pastoralen Liebe. Wir leben sie einerseits, aber andererseits möchte ich euch auch sagen: nur Mut, die Kirche tut Gott sei Dank so viel in Afrika, aber auch in Rom und in Europa! Sie tut viel, und viele sind ihr dankbar, sei es im Bereich der Krankenpastoral, sei es in der Pastoral der Armen und Verlassenen. Machen wir mutig weiter, und versuchen wir gemeinsam, die besten Wege zu finden.

Der andere Punkt war die Tatsache, daß die Priesterausbildung in den einzelnen Generationen, auch in denen, die sehr nah beieinander liegen, immer ein wenig anders zu sein scheint, und das erschwert den gemeinsamen Einsatz für die Weitergabe des Glaubens. Ich habe das festgestellt, als ich Erzbischof von München war. Als wir in das Seminar eingetreten sind, hatten wir alle eine gemeinsame, mehr oder weniger reife katholische Spiritualität. Sagen wir, daß die spirituelle Grundlage bei allen gleich war. Jetzt kommen die Seminaristen aus sehr unterschiedlichen spirituellen Erfahrungen. Ich habe in meinem Seminar festgestellt, daß sie auf verschiedenen »Inseln « der Spiritualität lebten, die nur schwer miteinander in Verbindung traten. Um so mehr danken wir dem Herrn, daß er der Kirche so viele neue Impulse und neue Formen des geistlichen Lebens, der Entdeckung des Reichtums des Glaubens geschenkt hat. Vor allem darf die gemeinsame katholische Spiritualität nicht vernachlässigt werden, die in der Liturgie und in der großen Glaubenstradition ihren Ausdruck findet. Das scheint mir sehr wichtig zu sein. Dieser Punkt ist auch in bezug auf das Konzil wichtig. Man darf – wie ich vor Weihnachten zur Römischen Kurie gesagt habe – nicht die Hermeneutik der Diskontinuiät leben, sondern muß die Hermeneutik der Erneuerung leben, die Spiritualität der Kontinuität ist, des Fortschreitens innerhalb der Kontinuität. Das scheint mit auch im Bezug auf die Liturgie sehr wichtig zu sein. Ich gebe ein konkretes Beispiel, das mir gerade heute während der kurzen Tagesmeditation in den Sinn gekommen ist. Die »Statio« des heutigen Tages, Donnerstag nach dem Aschermittwoch, ist St. Georg. Diesem heiligen Soldaten entsprechend gab es früher zwei Lesungen über zwei heilige Soldaten. In der ersten ist die Rede vom König Hiskija, der todkrank ist und den Herrn unter Tränen bittet: Laß mich noch eine Weile leben! Und der Herr ist gütig und gewährt ihm noch 17 weitere Lebensjahre. Also eine schöne Heilung und ein Soldat, der seine Tätigkeit wieder aufnehmen kann. Die zweite Lesung ist das Evangelium, in dem vom Hauptmann von Kafarnaum und seinem kranken Diener erzählt wird. So haben wir zwei Motive: das der Heilung und das der »Militia Christi«, des großen Kampfes. Jetzt, in der gegenwärtigen Liturgie, haben wir zwei vollkommen andere Lesungen. Wir haben die Lesung aus dem Buch Deuteronomium: »Wähle das Leben!« und das Evangelium: »Christus nachfolgen und das Kreuz auf sich nehmen«, was bedeutet, nicht das eigene Leben zu suchen, sondern das Leben hinzugeben, und das ist eine Auslegung dessen, was es heißt, »das Leben zu wählen«. Ich muß sagen, daß ich die Liturgie immer sehr geliebt habe. Ich war in den Weg der Kirche zur Fastenzeit mit diesen »Stationskirchen« und den mit diesen Kirchen verbundenen Lesungen richtiggehend verliebt: eine Geographie des Glaubens, die zur geistlichen Geographie des Pilgerwegs mit dem Herrn wird. Und es hat mir ein wenig leid getan, daß uns diese Verbindung zwischen der »Statio« und den Lesungen genommen wurde. Heute sehe ich, daß gerade diese Lesungen sehr schön sind und das Programm der Fastenzeit zum Ausdruck bringen: das Leben wählen, das heißt, das »Ja« der Taufe erneuern, die wirklich eine Entscheidung für das Leben ist. In diesem Sinne besteht hier eine innere Kontinuität, und es scheint mir, daß wir daraus lernen sollen, aus diesem ganz kleinen Beispiel von Diskontinuität und Kontinuität. Wir müssen das Neue annehmen, aber auch die Kontinuität lieben und das Konzil aus dem Blickwinkel der Kontinuität betrachten. Das wird uns auch dabei helfen, zwischen den Generationen und ihren Wegen der Weitergabe des Glaubens zu vermitteln.

Dann hat der Priester des römischen Vikariats zum Abschluß ein Wort gesprochen, das ich mir ganz zu eigen mache, so daß wir mit ihm auch schließen können: einfacher werden. Das scheint mir ein wunderschönes Programm zu sein. Versuchen wir, es in die Tat umzusetzen, und so werden wir offener sein gegenüber dem Herrn und gegenüber den Menschen.

Danke!

 

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