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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER ERSTEN BEGEGNUNG
DER DOZENTEN DER EUROPÄISCHEN UNIVERSITÄTEN

Audienzenhalle
Samstag, 23. Juni 2007

 

Eminenz,
verehrte Damen und Herren,
liebe Freunde!

Mit besonderer Freude empfange ich euch im Rahmen der ersten Begegnung der Dozenten der europäischen Universitäten, die vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen gefördert, von Dozenten der römischen Universitäten organisiert und vom Büro für die Hochschulseelsorge des Vikariats von Rom koordiniert worden ist.

Die Begegnung findet am 50. Jahrestag des Abschlusses der Römischen Verträge statt, durch die die heutige Europäische Union ins Leben gerufen wurde. Unter ihren Teilnehmern befinden sich Hochschuldozenten aus allen Ländern des Kontinents, einschließlich des Kaukasus: Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Ich danke dem Vorsitzenden des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, Herrn Kardinal Péter Erdö, für seine freundlichen einleitenden Worte. Ich begrüße die Vertreter der italienischen Regierung, insbesondere diejenigen vom Ministerium für Universität und Forschung und vom Ministerium für die Kulturgüter und die kulturellen Aktivitäten, ebenso wie die Vertreter der Region Latium und der Provinz sowie der Stadt Rom. Mein Gruß richtet sich auch an die anderen zivilen und religiösen Obrigkeiten, die Rektoren und Dozenten der verschiedenen Universitäten, ebenso wie an die anwesenden Hochschulseelsorger und Studenten.

Das Thema eurer Begegnung – »Ein neuer Humanismus für Europa. Die Rolle der Universitäten « – lädt zu einer aufmerksamen kritischen Betrachtung der gegenwärtigen Kultur des Kontinents ein. In Europa herrscht zur Zeit eine gewisse soziale Instabilität und ein gewisses Mißtrauen gegenüber den traditionellen Werten, aber dennoch können seine herausragende Geschichte und seine bewährten akademischen Einrichtungen viel zum Aufbau einer hoffnungsvollen Zukunft beitragen. Die »Frage nach dem Menschen«, die im Mittelpunkt eurer Gespräche steht, ist grundlegend für ein korrektes Verständnis der gegenwärtigen kulturellen Entwicklungen. Sie bietet auch einen festen Ausgangspunkt für die Bemühungen der Universitäten, eine neue kulturelle Präsenz und neue Initiativen im Dienst eines stärker geeinten Europa zu schaffen. Die Förderung eines neuen Humanismus verlangt nämlich eine klare Vorstellung davon, worin diese »Neuheit« wirklich besteht. Weit davon entfernt, Frucht eines oberflächlichen Verlangens nach Neuem zu sein, muß das Streben nach einem neuen Humanismus ernsthaft der Tatsache Rechnung tragen, daß Europa heute große kulturelle Veränderungen erlebt, in denen die Männer und Frauen sich immer mehr bewußt werden, daß sie aufgerufen sind, sich aktiv an der Gestaltung ihrer eigenen Geschichte zu beteiligen. Historisch hat sich der Humanismus in Europa entwickelt, dank des fruchtbaren Austauschs zwischen den verschiedenen Kulturen seiner Völker und dem christlichen Glauben. Das heutige Europa muß seine wahre Tradition schützen und wieder von ihr Besitz ergreifen, wenn es seiner Berufung als Wiege des Humanismus treu bleiben will.

Die gegenwärtigen kulturellen Veränderungen werden oft als »Herausforderung« für die Hochschulkultur und für das Christentum selbst betrachtet und nicht als »Horizont«, vor dem kreative Lösungen gefunden werden können und müssen. Als Männer und Frauen mit höherer Bildung seid ihr berufen, euch an dieser schwierigen Aufgabe zu beteiligen, die eine tiefes Nachdenken über einige grundlegende Probleme erfordert.

An erster Stelle möchte ich hier die Notwendigkeit einer eingehenden Untersuchung der Krise der Moderne erwähnen. Die europäische Kultur wurde in den letzten Jahrhunderten stark vom Begriff der Moderne geprägt. Die gegenwärtige Krise hat jedoch weniger damit zu tun, daß die Moderne die Zentralität des Menschen und seiner Belange hervorhebt, als vielmehr mit den Problemen, die durch einen »Humanismus« entstehen, der den Anspruch erhebt, ein »regnum hominis« aufzubauen, das von seiner notwendigen ontologischen Grundlage losgelöst ist. Eine falsche Dichotomie zwischen Theismus und echtem Humanismus, die bis zu dem Extrem geführt wird, einen unlösbaren Konflikt zwischen dem göttlichen Gesetz und der menschlichen Freiheit zu postulieren, hat zu einer Situation geführt, in der die Menschheit sich trotz all ihrer wirtschaftlichen und technischen Fortschritte zutiefst bedroht fühlt. Wie mein Vorgänger, Papst Johannes Paul II., sagte, müssen wir uns fragen: »Wird der Mensch als Mensch im Zusammenhang mit diesem Fortschritt wirklich besser, das heißt geistig reifer, bewußter in seiner Menschenwürde, verantwortungsvoller, offener für den Mitmenschen?« (Redemptor hominis, 15). Der Anthropozentrismus, der die Moderne kennzeichnet, darf niemals losgelöst werden von der vollen Wahrheit über den Menschen; und diese schließt seine transzendente Berufung ein.

Ein zweites Problem hängt mit der Erweiterung unseres Rationalitätsbegriffs zusammen. Um die Herausforderungen, die die gegenwärtige Kultur stellt, richtig zu verstehen und angemessene Antworten darauf zu finden, ist es notwendig, eine kritische Haltung einzunehmen gegenüber einengenden und letztlich irrationalen Versuchen, den Bereich der Vernunft einzuschränken. Der Vernunftbegriff muß im Gegenteil »geweitet« werden, damit man jene Aspekte der Wirklichkeit untersuchen und erfassen kann, die über das rein Empirische hinausgehen. Das ermöglicht einen fruchtbareren und komplementären Zugang zur Beziehung zwischen Glauben und Vernunft. Der Aufstieg der europäischen Universitäten wurde durch die Überzeugung gefördert, daß Glaube und Vernunft bei der Suche nach der Wahrheit zusammenwirken müssen – unter Achtung des Wesens und der rechtmäßigen Autonomie des anderen und dennoch in harmonischer und kreativer Zusammenarbeit, um der Erfüllung des Menschen in Wahrheit und Liebe zu dienen.

Ein drittes Problem, das untersucht werden muß, betrifft die Frage, welchen Beitrag das Christentum zum Humanismus der Zukunft leisten kann. Die Frage nach dem Menschen, und daher die Frage der Moderne, fordert die Kirche heraus, nach überzeugenden Wegen zu suchen, um der gegenwärtigen Kultur den »Realismus« ihres Glaubens an das Heilswerk Christi zu verkünden. Das Christentum darf nicht in die Welt des Mythos und der Gefühle verbannt werden, sondern es muß in seinem Anspruch respektiert werden, die Wahrheit über den Menschen ans Licht zu bringen und die Kraft zu besitzen, Männer und Frauen geistlich umzuwandeln, so daß sie ihrer Sendung in der Geschichte nachkommen können. Bei meinem jüngsten Besuch in Brasilien habe ich folgende Überzeugung zum Ausdruck gebracht: »Wenn wir nicht Gott in Christus und durch Christus kennen, verwandelt sich die ganze Wirklichkeit in ein unerforschliches Rätsel« (Ansprache bei der Eröffnung der Arbeiten der V. Generalversammlung der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik, 3; in O.R. dt., Nr. 20, 18.5.2007, S. 5). Das Wissen kann niemals auf den rein intellektuellen Bereich beschränkt werden; es schließt auch die Fähigkeit ein, die Dinge immer wieder aufs Neue vorurteilsfrei und ohne vorgefaßte Meinungen zu betrachten und »staunend« vor der Wirklichkeit zu stehen, deren Wahrheit durch das Zusammenspiel von Vernunft und Liebe entdeckt werden kann. Nur der Gott, der ein menschliches Antlitz hat und der in Jesus Christus offenbar wurde, kann uns davon abhalten, die Wirklichkeit gerade in dem Augenblick einzuschränken, in dem sie immer neuere und komplexere Verständnisebenen verlangt. Die Kirche ist sich ihrer Verantwortung bewußt, diesen Beitrag zur gegenwärtigen Kultur zu leisten.

In Europa wie überall auf der Welt braucht die Gesellschaft dringend den Dienst an der Weisheit durch die Hochschulgemeinschaft. Dieser Dienst beinhaltet auch praktische Aspekte: die Ausrichtung von Forschung und Arbeit auf die Förderung der Würde des Menschen und die schwierige Aufgabe, die Zivilisation der Liebe aufzubauen. Besonders die Hochschulprofessoren sind dazu berufen, die Tugend der intellektuellen Nächstenliebe zu verkörpern. Sie müssen ihre ursprüngliche Berufung wiederentdecken, die zukünftigen Generationen nicht nur durch die Weitergabe von Wissen, sondern auch durch das prophetische Zeugnis ihres eigenen Lebens zu unterweisen. Die Universität wiederum darf niemals ihre besondere Berufung aus den Augen verlieren, eine »universitas« zu sein, in der die verschiedenen Fächer, jedes nach seiner Art, als Teil eines größeren »unum« betrachtet werden. Wie dringend notwendig ist es doch, die Einheit des Wissens wiederzufinden und der Tendenz zur Zersplitterung und zu mangelnder Mitteilbarkeit, die in unseren Schulen nur allzu oft vorherrscht, entgegenzuwirken! Das Bemühen um einen Ausgleich zwischen dem Streben nach Spezialisierung und der Notwendigkeit, die Einheit des Wissens zu bewahren, kann die Einheit Europas fördern und dem Kontinent helfen, seine besondere kulturelle »Berufung« in der heutigen Welt wiederzuentdecken. Nur ein Europa, das sich seiner eigenen kulturellen Identität bewußt ist, kann einen spezifischen Beitrag zu anderen Kulturen leisten und gleichzeitig offen bleiben für den Beitrag anderer Völker.

Liebe Freunde, ich hoffe, daß die Hochschulen immer mehr zu Gemeinschaften werden, die sich unermüdlich für die Suche nach der Wahrheit einsetzen, »Werkstätten der Kultur«, in denen Dozenten und Studenten gemeinsam Fragen nachgehen, die für die Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind. Dabei müssen interdisziplinäre Methoden angewandt werden und darf man auf die Mitarbeit der Theologen zählen. Das ist in Europa, wo es so viele namhafte katholische Einrichtungen und theologische Fakultäten gibt, einfach zu bewerkstelligen. Ich bin überzeugt, daß eine engere Zusammenarbeit und neue Formen des Miteinanders zwischen den verschiedenen akademischen Gemeinschaften die katholischen Hochschulen befähigen werden, Zeugnis zu geben von der historischen Fruchtbarkeit der Begegnung zwischen Glauben und Vernunft. Das Ergebnis wird konkret zur Erreichung der Ziele des Bologna-Prozesses beitragen und ein Ansporn sein, ein angemessenes Hochschulapostolat in den Ortskirchen zu entwickeln. Eine konkrete Unterstützung dieser Bemühungen, die die Europäischen Bischofskonferenzen zunehmend beschäftigen (vgl. Ecclesia in Europa, 58–59), kann von seiten jener kirchlichen Vereinigungen und Bewegungen kommen, die bereits im Hochschulapostolat tätig sind.

Liebe Freunde, mögen eure Gespräche in diesen Tagen fruchtbar sein und dabei helfen, ein aktives Netzwerk von Hochschuldozenten aufzubauen, die darum bemüht sind, der heutigen Kultur das Licht des Evangeliums zu bringen. Ich versichere euch und eure Familien eines besonderen Gebetsgedenkens und rufe auf euch und auf die Universitäten, in denen ihr arbeitet, den mütterlichen Schutz Mariens, Sitz der Weisheit, herab. Jedem von euch erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

© Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana

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