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APOSTOLISCHE REISE
VON PAPST BENEDIKT XVI.
NACH BRASILIEN ANLÄSSLICH DER V. GENERALKONFERENZ
DES EPISKOPATS VON LATEINAMERIKA UND DER KARIBIK

INTERVIEW MIT PAPST BENEDIKT XVI.
WÄHREND DER FLUGREISE NACH BRASILIEN

Mittwoch, 9. Mai 2007

 

Papst Benedikt XVI.: Guten Tag, wir befinden uns jetzt über der Sahara und fliegen zum »Kontinent der Hoffnung«. Ich reise mit großer Freude, mit vielen Hoffnungen zu dieser Begegnung mit Lateinamerika. Wir haben mehrere bedeutsame Termine: zuerst das Jugendtreffen in São Paulo, dann die Heiligsprechung des ersten in Brasilien geborenen Heiligen in São Paulo, was mir auch besonders Ausdruck dessen zu sein scheint, was diese Reise bedeuten soll. Es handelt sich um einen franziskanischen Heiligen, der in Brasilien das franziskanische Charisma verwirklicht hat und als ein Heiliger der Versöhnung und des Friedens gilt. Wir können also sagen, daß das ein deutliches Merkmal einer Persönlichkeit ist, die Frieden und damit auch soziale und menschliche Kohärenz zu schaffen wußte.

Dann ist noch ein anderes wichtiges Treffen in der »Fazenda da Esperança« geplant (die Gemeinschaft zur Rehabilitierung für Drogenabhängige, die der Papst am 12. Mai besucht hat; Anm.d.Red.), an einem Ort, wo sich die Kraft der Heilung zeigt, die im Glauben steckt und die hilft, neue Lebenshorizonte zu öffnen. Alle diese Drogenprobleme usw. kommen ja von einem Mangel an Hoffnung auf die Zukunft. Es ist der Glaube, der die Zukunft öffnet und so auch heilen kann. Mir scheint also, daß diese Kraft zu heilen und Hoffnung zu schenken, indem sie einen Horizont für die Zukunft öffnet, sehr wichtig ist.

Und schließlich der Hauptzweck dieser Reise: die Begegnung mit den Bischöfen, die an der V. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik teilnehmen. Es ist ein Treffen, das – sagen wir – einen spezifisch religiösen Inhalt hat: in Christus das Leben geben und Jünger Christi werden, weil wir wissen, daß wir alle das Leben haben wollen, aber das Leben ist nicht vollendet, wenn es nicht einen Inhalt in sich und darüber hinaus eine Richtung hat, in die es geht. In diesem Sinn entspricht es der religiösen Sendung der Kirche und öffnet auch die Augen für die Bedingungen, die zur Lösung der großen sozialen und politischen Probleme Lateinamerikas notwendig sind.

Die Kirche als solche macht keine Politik – wir respektieren die Laizität –, aber sie bietet die Bedingungen, unter denen eine gesunde Politik mit der daraus folgenden Lösung der sozialen Probleme reifen kann. Wir wollen also den Christen das Geschenk des Glaubens, der Freude am Glauben bewußt machen, dank derer es möglich ist, Gott zu erkennen und so auch den Sinn unseres Lebens. Die Christen können auf diese Weise Zeugen Christi sein und sowohl die notwendigen persönlichen als auch die großen sozialen Tugenden lernen: den Sinn für Gesetzlichkeit, der entscheidend ist für die Bildung einer Gesellschaft. Wir kennen die Probleme Lateinamerikas, aber wir wollen gerade jene Fähigkeiten, jene moralischen Kräfte mobilisieren, die es gibt, die religiösen Kräfte, um so der spezifischen Sendung der Kirche und unserer universalen Verantwortlichkeit für den Menschen als solchen und für die Gesellschaft als solche zu entsprechen.

Pater Lombardi: Ich möchte am Anfang dem »Globo« das Wort erteilen, der ja die Berichterstattung dieser Reise auch für das Fernsehen sicherstellt.

Frage: Heiligkeit, kann die Kirche etwas gegen die Gewalt tun, die in Brasilien unannehmbare Dimensionen erreicht hat?

Benedikt XVI.: Wer an Christus glaubt, wer an diesen Gott glaubt, der Versöhnung ist und der durch das Kreuz das stärkste Zeichen gegen die Gewalt gesetzt hat, ist nicht gewalttätig und hilft den anderen, die Gewalt zu überwinden. Das Größte, was wir tun können, ist, zum Glauben an Christus zu erziehen, zum Erlernen der Botschaft, die aus der Person Christi erwächst. Ein Mann, eine Frau mit Glauben zu sein, bedeutet automatisch, der Gewalt zu widerstehen, und das mobilisiert die Kräfte gegen sie.

Frage: Heiligkeit, in Brasilien gibt es einen Antrag auf ein Referendum über das Thema der Abtreibung; in Mexiko-Stadt wurde vor zwei Wochen die Abtreibung für straffrei erklärt. Was kann die Kirche tun, um diese Tendenz aufzuhalten, damit sie sich nicht auf andere lateinamerikanische Länder ausbreitet, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Papst in Mexiko sogar der Einmischung beschuldigt wurde, weil er die Bischöfe unterstützt hatte? Sind Sie mit der mexikanischen Kirche einverstanden, daß die Abgeordneten, die diese den Werten Gottes widersprechenden Gesetze befürworten, exkommuniziert werden sollen?

Benedikt XVI.: Es gibt diesen großen Kampf der Kirche für das Leben. Sie wissen, daß Papst Johannes Paul II. ihn zu einem grundlegenden Punkt seines ganzen Pontifikats gemacht hat. Er hat eine große Enzyklika über das Evangelium des Lebens geschrieben. Wir setzen natürlich diese Botschaft fort, daß das Leben ein Geschenk und keine Bedrohung ist. Mir scheint, daß an der Wurzel dieser Gesetzgebungen einerseits ein gewisser Egoismus und anderseits auch ein Zweifel am Wert des Lebens, an der Schönheit des Lebens und auch ein Zweifel an der Zukunft steht. Und die Kirche antwortet vor allem auf diese Zweifel: Das Leben ist schön, es ist nichts Zweifelhaftes, sondern ein Geschenk, und das Leben bleibt auch unter schwierigen Bedingungen immer ein Geschenk. Es gilt also, dieses Bewußtsein von der Schönheit des Geschenks des Lebens zu erneuern. Und dann noch etwas anderes: der Zweifel an der Zukunft. Natürlich gibt es in der Welt vielfache Bedrohungen, aber der Glaube gibt uns die Sicherheit, daß Gott immer stärker ist und in der Geschichte gegenwärtig bleibt, so daß wir mit Vertrauen auch neuen Menschen das Leben schenken können. In dem Bewußtsein, das uns der Glaube von der Schönheit des Lebens und der Vorsehung und Gegenwart Gottes in unserer Zukunft gibt, können wir diesen Ängsten widerstehen, die die Ursache dieser Gesetzgebungen sind.

Frage (Brasilianisches Fernsehen): Heiligkeit, wir stellen fest, daß in Ihren Ansprachen vom Relativismus in Europa, von der Armut in Afrika die Rede ist, aber daß Lateinamerika ein wenig fehlt, vielleicht weil es keinen Grund zur Besorgnis gibt, oder werden Sie sich vielleicht in Zukunft in spezifischerer Weise dazu äußern?

Benedikt XVI.: Nein, ich liebe Lateinamerika sehr, ich habe Lateinamerika oft besucht und habe dort viele Freunde, und ich weiß, wie groß die Probleme sind und wie groß anderseits der Reichtum dieses Kontinents ist. Zur Zeit sehen wir aber, daß die Probleme des Nahen Ostens, des Heiligen Landes, des Irak usw. dominieren. Es gilt also, sozusagen eine unmittelbare Priorität zu berücksichtigen. Auch die Leiden Afrikas sind gewaltig, wie wir wissen. Aber nicht weniger Sorge machen mir die Probleme Lateinamerikas, denn ich liebe Lateinamerika nicht weniger, den großen – nein, den größten – katholischen Kontinent und damit auch die größte Verantwortlichkeit für einen Papst. Deshalb bin ich glücklich, daß endlich der Moment für mich gekommen ist, nach Lateinamerika reisen zu können, die von Paul VI. und Johannes Paul II. übernommene Verpflichtung zu bekräftigen und auf derselben Linie fortzusetzen. Der Papst möchte natürlich, daß es nicht nur der katholische Kontinent ist, sondern auch ein vorbildlicher Kontinent, wo die menschlichen Probleme, die gewaltig sind, in angemessener Weise gelöst werden. Und wo man mit den Bischöfen, den Priestern, den Ordensleuten und den Laien zusammenarbeitet, damit dieser große katholische Kontinent auch wirklich ein Kontinent des Lebens und der Hoffnung ist. Das ist für mich eine erstrangige Priorität.

Frage: Heiligkeit, in Ihrer Ansprache bei der Ankunft sagen Sie, daß es gilt, Christen zu formen, indem moralische Richtlinien erteilt werden; die Christen entscheiden dann frei und verantwortungsbewußt. Billigen sie die Exkommunikation der Abgeordneten in Mexiko-Stadt bezüglich der Frage der Abtreibung?

Benedikt XVI.: Die Exkommunikation ist nicht etwas Willkürliches, sondern vom Codex (Anm.d.Red.: Codex des Kanonischen Rechtes) vorgesehen. Es steht also einfach im kanonischen Recht, daß die Tötung eines unschuldigen Kindes unvereinbar ist mit dem Gang zur Kommunion, wo man den Leib Christi empfängt. Es wurde also nichts Neues, nichts Überraschendes oder Willkürliches erfunden. Es wurde nur öffentlich auf das hingewiesen, was vom Kirchenrecht vorgesehen ist, von einem Recht, das auf der Lehre und auf dem Glauben der Kirche gründet, auf unserer Hochschätzung für das Leben und für die menschliche Individualität vom ersten Augenblick an. Anschließend stellte einer der Journalisten eine Frage auf deutsch, die der Heilige Vater auf italienisch beantwortete: Benedikt XVI.: Ich antworte auf italienisch. Sie fragten mich, ob ich mich von den Deutschen genügend unterstützt fühle und ob ich auch ein wenig Heimweh nach Deutschland habe. Ja, ich fühle mich genügend unterstützt; es ist normal, daß in einem protestantisch und katholisch gemischten Land nicht alle Getauften mit dem Papst übereinstimmen; das ist völlig normal. Aber mir scheint, daß es doch eine starke Unterstützung gibt, auch vom nichtkatholischen Teil Deutschlands. Also ja, es gibt die Unterstützung, und sie hilft mir. Ich liebe meine Heimat, aber ich liebe auch Rom, und jetzt bin ich Weltbürger. Und so bin ich überall zu Hause und bin meinem Land wie allen anderen nahe.

Frage: Guten Tag, Heiligkeit! In Ihrem Buch »Jesus von Nazareth« haben sie von einer dramatischen Glaubenskrise gesprochen. In Lateinamerika gibt es vielleicht diese Glaubenskrise nicht in dem Ausmaß, wohl aber in abgeschwächter Form. Die Theologie der Befreiung wurde von der Theologie der protestantischen Sekten ersetzt, die billige Paradiese des Glaubens versprechen, und die katholische Kirche verliert Gläubige. Wie kann man diese Abwanderung der katholischen Gläubigen aufhalten?

Benedikt XVI.: Das ist unsere gemeinsame Sorge. Wir wollen gerade in dieser V. Generalversammlung der Bischöfe von Lateinamerika und der Karibik überzeugende Antworten finden, und dafür wird schon gearbeitet. Dieser Erfolg der Sekten zeigt einerseits, daß es einen verbreiteten Durst nach Gott gibt, einen Durst nach Religion; die Menschen wollen Gott nahe sein und suchen nach einem Kontakt mit ihm. Anderseits natürlich nehmen sie auch den an, der sich anbietet und Lösungen für ihre Probleme des täglichen Lebens verspricht. Wir müssen als katholische Kirche gerade das verwirklichen, was der Zweck der V. Generalversammlung ist – das heißt, missionarischer und damit dynamischer sein im Anbieten von Antworten auf den Durst nach Gott; wir müssen uns bewußt sein, daß die Menschen und gerade die Armen, Gott nahe bei sich haben wollen. Wir wissen, daß wir ihnen zusammen mit dieser Antwort auf den Durst nach Gott helfen müssen, gerechte Lebensbedingungen zu finden, dies sowohl auf mikroökonomischer Ebene in den konkreten Situationen, wie es die Sekten tun, als auch auf makroökonomischer Ebene, wobei wir auch an alle Notwendigkeiten der Gerechtigkeit denken.

Frage: Zur Frage meines Kollegen. In Brasilien gibt es mancherorts noch viele Vertreter der Befreiungstheologie. Was ist die besondere Botschaft an diese Vertreter der Befreiungstheologie?

Benedikt XVI.: Ich würde sagen, daß sich infolge der veränderten politischen Situation auch die Situation der Befreiungstheologie tiefgreifend verändert hat, und jetzt ist es offensichtlich, daß diese bequemen Millenarismen, die als unmittelbare Folge der Revolution die vollständigen Bedingungen eines gerechten Lebens versprachen, falsch waren. Das wissen heute alle. Die Frage ist jetzt, wie die Kirche im Kampf um die notwendigen Reformen, im Kampf um gerechtere Lebensbedingungen präsent sein soll. Diesbezüglich trennen sich die Ansichten der Theologen, insbesondere die der Vertreter der politischen Theologie. Mit der Instruktion, die damals von der Kongregation für die Glaubenslehre gegeben wurde, haben wir versucht, eine Unterscheidung durchzuführen, das heißt, uns von den falschen Millenarismen zu befreien, uns auch von einer falschen Vermischung von Kirche und Politik, von Glauben und Politik zu befreien; wir haben versucht, den spezifischen Teil der Sendung der Kirche aufzuzeigen, der gerade in der Antwort auf den Durst nach Gott besteht, und somit auch zu den persönlichen und sozialen Tugenden anzuleiten, die die notwendige Voraussetzung sind, um den Sinn für Gesetzlichkeit reifen zu lassen. Und anderseits haben wir versucht, die Leitlinien für eine richtige Politik vorzustellen, die nicht wir machen, aber für die wir die Leitlinien und die entscheidenden Grundwerte herausstellen und – sagen wir – die menschlichen, sozialen und psychologischen Bedingungen schaffen müssen, unter denen solche Werte gedeihen können. Es ist also Raum für eine schwierige, aber legitime Debatte darüber, wie man dieses Ziel erreichen kann und wie man der Soziallehre der Kirche Wirksamkeit verleihen kann. In diesem Sinn versuchen auch einige Befreiungstheologen, auf diesem Weg zu gehen, andere nehmen andere Positionen ein. Auf jeden Fall war der Sinn des Eingreifens des Lehramtes nicht der, den Einsatz für die Gerechtigkeit zu zerstören, sondern ihn unter Achtung des rechten Unterschieds zwischen politischer und kirchlicher Verantwortlichkeit auf den richtigen Weg zu führen.

Frage: Wir wissen, daß Sie als Kardinal zweimal in Kolumbien waren, und wir wissen, daß Kolumbien in Ihrem Herzen einen starken Eindruck hinterlassen hat. Wir möchten wissen, was die Kirche tun kann, damit wir vor allem in dieser Situation des inneren Konflikts in Kolumbien vorangehen können.

Benedikt XVI.: Ich bin natürlich kein Orakel, das automatisch immer die richtige Antwort findet. Wir wissen, daß sich die Bischöfe ernsthaft bemühen, diese Antworten zu finden. Ich kann nur die Grundlinie der Bischöfe bekräftigen, das heißt einen deutlichen Verweis darauf geben, daß der Glaube in den Mittelpunkt zu stellen ist, was die sicherste Gewähr gegen die Zunahme von Gewalt ist; dazu gehört der entschiedene Einsatz für eine Gewissensbildung, die aus Situationen hinausführt, die mit dem Glauben unvereinbar sind. Natürlich sind, sagen wir mal, wirtschaftliche Umstände im Spiel, wo Kleinbauern von einem bestimmten Markt leben, der dann die großen Verdienste woanders bringt. Man kann nicht sofort, in einem Augenblick, diese vielen wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Verwicklungen lösen, aber man muß sehr entschlossen vorangehen in der aufrichtigen Zustimmung zu einem Glauben, der die Achtung der Gesetzlichkeit sowie die Liebe und Verantwortung für den Nächsten einschließt. Mir scheint, daß die Glaubensbildung die sicherste Humanisierung ist, auch um dann mit der Zeit diese sehr konkreten Probleme zu lösen.

Frage: Heiligkeit, wir kommen in den Kontinent von Erzbischof Oscar Romero. Man hat viel von seinem Heiligsprechungsprozeß gesprochen. Wollen Sie, Heiligkeit, uns freundlicherweise sagen, wie weit wir damit sind, ob er heiliggesprochen wird und wie Sie diese Gestalt sehen?

Benedikt XVI.: Nach den letzten Informationen über die Tätigkeit der zuständigen Kongregation werden viele Fälle bearbeitet, ich weiß, daß sie vorangehen. Seine Exzellenz Bischof Paglia hat mir eine bedeutsame Biographie gesandt, die viele Punkte in dieser Hinsicht klärt. Erzbischof Romero war sicher ein großer Glaubenszeuge, ein Mann von großer christlicher Tugend, der sich für den Frieden und gegen die Diktatur eingesetzt hat und der während der Feier der heiligen Messe ermordet wurde. Also ein wahrhaft »glaubwürdiger« Tod, der Tod eines Glaubenszeugen. Es gab das Problem, daß eine politische Seite ihn unrechtmäßig für sich als Galionsfigur, als emblematische Gestalt beanspruchte. Wie kann man nun seine Gestalt ins rechte Licht rücken und sie vor diesen Versuchen der Instrumentalisierung schützen? Das ist das Problem. Es wird geprüft, und ich warte und vertraue auf das, was die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse dazu sagen wird.

Frage: Wie sehen Sie die Frage bezüglich des Einflusses seitens der politischen Links-Regime in Lateinamerika auf das Projekt, das die Kirche für den Kontinent hat, und wie sehr war die brasilianische Kultur Teil Ihrer persönlichen Bildung?

Benedikt XVI.: Nun, über diese Aspekte der Politik der Linken kann ich jetzt nichts sagen, weil ich nicht genügend informiert bin. Außerdem, das ist klar, möchte ich mich nicht mit Fragen befassen, die unmittelbar zur Politik gehören. Was meine Bildung betrifft – sagen wir – meinen persönlichen Einsatz für Brasilien, ist zu berücksichtigen, daß es sich um das größte Land Lateinamerikas handelt, ein Land, das von Amazonien bis Argentinien reicht. In Brasilien gibt es mehrere indigene Kulturen. Man sagte mir, daß es über 80 verschiedene Sprachen gibt. Anderseits ist da auch die große Vergangenheit, in der die Anwesenheit von Afroamerikanern und von Afrobrasilianern zu verzeichnen ist. Es ist interessant, wie dieses Volk entstanden ist und wie sich in ihm der katholische Glaube entwickelt hat: der Glaube wurde zu allen Zeiten und unter großen Schwierigkeiten verteidigt. Wir wissen, daß die Kirche im 19. Jahrhundert von neoliberalen Kräften verfolgt wurde. Für meine Bildung also war wichtig, die Entwicklung dieser katholischen Völker Lateinamerikas zu verfolgen. Ich bin kein Spezialist, aber ich bin überzeugt, daß sich hier zumindest zum Teil – und zwar zum grundlegenden Teil – die Zukunft der katholischen Kirche entscheidet. Das war für mich immer klar. Natürlich spüre ich das Bedürfnis, meine Kenntnisse von dieser Welt noch zu vertiefen.

Frage: Die Portugiesen verfolgen diese Reise, die mit dem 13. Mai zusammenfällt, und beten für sie. Sie werden in Aparecida sein. Dieses Datum ist für uns sehr wichtig, weil dies der 90. Jahrestag der Erscheinungen in Fatima ist. Wollen Sie uns etwas über dieses Zusammenfallen der Daten für das portugiesische Volk sagen?

Benedikt XVI.: Für mich ist es wirklich ein Geschenk der Vorsehung, daß meine Messe in Aparecida, dem großen Marienheiligtum Brasiliens, mit dem 90. Jahrestag der Erscheinungen der Gottesmutter von Fatima zusammenfällt. So sehen wir, daß dieselbe Mutter Gottes, die Mutter der Kirche, unsere Mutter, in verschiedenen Kontinenten gegenwärtig ist und daß sie sich in den verschiedenen Kontinenten immer in der gleichen Weise als Mutter zeigt, indem sie eine besondere Nähe zu jedem Volk offenbart. Das ist sehr schön für mich. Es ist immer die Mutter Gottes, es ist immer Maria, sie ist jedoch sozusagen »inkulturiert«: Sie hat ihr eigenes Gesicht, ihr besonderes Antlitz, in Guadalupe, in Aparecida, in Fatima, in Lourdes, in allen Ländern der Erde. Gerade so also zeigt sie sich als Mutter: indem sie allen nahe ist. Auf diese Weise kommen sich alle einander näher dank dieser Liebe zur Gottesmutter. Diese Verbindung, die die Gottesmutter zwischen den Kontinenten, den Kulturen schafft, indem sie jeder Kultur nahe ist und sie gleichzeitig alle untereinander eint, gerade das scheint mir wichtig: das Zusammenkommen der Besonderheit der Kulturen – von denen jede ihren eigenen Reichtum hat – und die Einheit in derselben Gemeinschaft der Familie Gottes.

Frage (in Portugiesisch): In Brasilien gibt es manchen, der die Botschaft der Kirche nicht hören will.

Benedikt XVI.: Das ist keine Besonderheit von Brasilien. In allen Teilen der Welt gibt es überaus viele, die nicht auf das hören wollen, was die Kirche sagt. Wir hoffen, daß sie es wenigstens hören; dann können sie auch anderer Meinung sein; aber es ist wichtig, daß sie es zumindest vernehmen, damit sie antworten können. Wir suchen auch diejenigen zu überzeugen, die nicht übereinstimmen und nicht hören wollen. Wir dürfen nicht vergessen, daß es auch unserem Herrn nicht gelungen ist, daß ihm alle zugehört haben. Wir erwarten nicht, alle schlagartig überzeugen zu können. Aber ich versuche mit Hilfe meiner Mitarbeiter, in diesem Augenblick zu Brasilien zu sprechen in der Hoffnung, daß sehr viele zuhören wollen und daß sich sehr viele davon überzeugen, daß das der Weg ist, den man gehen muß, ein Weg, der aber auch für viele Optionen und unterschiedliche Meinungen offen ist.

 

© Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana

 

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