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XII. ORDENTLICHE VOLLVERSAMMLUNG DER
BISCHOFSSYNODE
MEDITATION VON
PAPST BENEDIKT XVI.
BEI DER ERSTEN
ARBEITSSITZUNG
Synodenaula
Montag, 6. Oktober 2008
Liebe Brüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern!
Zu Beginn unserer Synode legt uns das Stundengebet einen Abschnitt aus Psalm
119 über das Wort Gottes vor: einen Lobgesang auf sein Wort, Ausdruck der Freude
Israels darüber, es kennen zu dürfen und in diesem Wort den Willen und das
Antlitz Gottes erkennen zu können. Ich möchte mit euch einige Verse dieses
Psalms betrachten.
Er beginnt mit den Worten: »In aeternum, Domine, verbum tuum constitutum
est in caelo… firmasti terram, et permanet«. Es ist die Rede von der
Festigkeit des Wortes Gottes. Es steht fest, es ist die wahre Realität, auf der
man sein Leben aufbauen kann. Erinnern wir uns an die Worte Jesu, die dieses
Psalmwort weiterführen: »Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber
werden nicht vergehen.« Menschlich gesehen ist das Wort, unser menschliches
Wort, gleichsam ein Nichts in der Wirklichkeit, ein Hauch. Kaum ausgesprochen,
verschwindet es. Es scheint nichts zu sein. Und doch hat das menschliche Wort
eine unglaubliche Macht. Es sind die Worte, die Geschichte machen, die Worte
verleihen den Gedanken Ausdruck, den Gedanken, aus denen das Wort kommt. Es ist
das Wort, das die Geschichte, die Wirklichkeit formt.
Noch mehr ist das Wort Gottes das Fundament von allem, es ist die wahre
Wirklichkeit. Und wenn wir realistisch sein wollen, müssen wir mit genau dieser
Wirklichkeit rechnen. Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, daß die Materie,
die konkreten Dinge, die wir anfassen können, die solideste, sicherste Realität
sind. Am Ende der Bergpredigt spricht der Herr von den zwei Möglichkeiten, das
Haus des eigenen Leben zu bauen: auf Sand oder auf Felsen. Auf Sand baut
derjenige, der nur auf die sichtbaren und greifbaren Dinge baut, auf den Erfolg,
die Karriere, das Geld. Scheinbar ist dies die wahre Wirklichkeit. Aber dies
alles wird eines Tages vorbei sein. Wir sehen das jetzt beim Zusammenbruch der
großen Banken: diese Gelder verschwinden, sie sind nichts. Und so sind all diese
Dinge – die als die wahre Wirklichkeit erscheinen, auf die man sich verlassen
kann – zweitrangige Wirklichkeiten. Wer sein Leben auf diese Wirklichkeiten
baut, auf das Materielle, den Erfolg, alles, was glänzt, der baut auf Sand. Nur
das Wort Gottes ist das Fundament der gesamten Wirklichkeit, es steht fest wie
der Himmel und mehr als der Himmel, es ist die Realität. Folglich müssen wir
unseren Begriff des Realismus ändern. Realist ist der, der im Wort Gottes,
dieser scheinbar so gebrechlichen Realität, das Fundament von allem erkennt.
Realist ist derjenige, der sein Leben auf dieses Fundament baut, das ewig
bleibt. Und so laden uns diese ersten Verse des Psalms ein zu entdecken, was
Realität ist und so das Fundament unseres Lebens zu finden, die Art und Weise
unser Leben aufzubauen.
Im anschließenden Vers wird gesagt: »Omnia serviunt tibi«. Alles geht
hervor aus dem göttlichen Wort, ist eine Frucht des Wortes. »Im Anfang war das
Wort«. Am Anfang sprach der Himmel. Und so entsteht die Wirklichkeit aus dem
Wort, sie ist »creatura Verbi«. Alles wird vom Wort geschaffen, und alles
ist dazu gerufen, dem Wort zu dienen. Das bedeutet, daß letztendlich die gesamte
Schöpfung dazu bestimmt ist, den Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem
Geschöpf zu schaffen, einen Ort, wo die Liebe des Geschöpfes auf die göttliche
Liebe antwortet, einen Ort, an dem sich die Liebesgeschichte zwischen Gott und
seinem Geschöpf entwickelt. »Omnia serviunt tibi«. Die Heilsgeschichte
ist keine unbedeutende Begebenheit auf einem kleinen Planeten in der
Unendlichkeit des Universums. Sie ist nicht irgendetwas Nichtiges, das zufällig
auf einem abgelegenen Planeten geschieht. Sie ist der Beweggrund von allem, der
Urgrund der Schöpfung. Alles wurde geschaffen, damit es diese Geschichte gäbe,
die Begegnung zwischen Gott und seinem Geschöpf. Aus diesem Blickwinkel geht die
Heilsgeschichte, der Bundesschluß, der Schöpfung voraus. Im Zeitalter des
Hellenismus hat das Judentum die Vorstellung entwickelt, daß die Thora
der Erschaffung der materiellen Welt vorausgegangen sei. Diese materielle Welt
sei nur geschaffen worden, um einen Raum zu schaffen für die Thora,
dieses Wort Gottes, das die Antwort hervorruft und zur Liebesgeschichte wird.
Hier scheint auf geheimnisvolle Weise das Mysterium Christi hindurch. Das ist
es, was die Briefe an die Epheser und an die Kolosser uns sagen: Christus ist
der »protòtypos«, der Erstgeborene der Schöpfung, die Idee, durch die das
Universum erdacht wurde. Er nimmt alles auf. Wir treten in die Bewegung des
Universums ein, wenn wir uns mit Christus vereinen. Man kann sagen, daß, während
die materielle Schöpfung die Bedingung für die Heilsgeschichte ist, die
Geschichte des Bundes die wahre Ursache für den Kosmos ist. Wir erreichen die
Wurzeln des Seins, wenn wir das Mysterium Christi erreichen, sein lebendiges
Wort, das das Ziel der ganzen Schöpfung ist. »Omnia serviunt tibi«. Wenn
wir dem Herrn dienen, verwirklichen wir das Ziel unseres Seins, das Ziel unseres
Lebens.
Wir überspringen jetzt einige Verse: »Mandata tua exquisivi«. Wir sind
immer auf der Suche nach dem Wort Gottes. Es ist nicht einfach da in uns. Wenn
wir beim Buchstaben stehen bleiben, haben wir das Wort Gottes nicht
notwendigerweise wirklich verstanden. Es besteht die Gefahr, daß wir nur die
menschlichen Worte sehen und in ihnen nicht den wirklichen Urheber finden, den
Heiligen Geist. Wir finden in den Worten nicht das göttliche Wort. Der heilige
Augustinus erinnert uns in diesem Zusammenhang an die Schriftgelehrten und
Pharisäer, die bei der Ankunft der Weisen aus dem Morgenland von Herodes befragt
werden. Er will wissen, wo der Erlöser der Welt geboren werden soll. Sie wissen
es und geben die richtige Antwort: in Betlehem. Es sind große Spezialisten, die
alles wissen. Und dennoch sehen sie die Realität nicht, kennen sie den Erlöser
nicht. Der heilige Augustinus sagt: Sie weisen anderen den Weg, aber sie selbst
bewegen sich nicht. Das ist auch eine große Gefahr für uns, wenn wir die Heilige
Schrift lesen: wir bleiben bei den menschlichen Worten stehen, Worten der
Vergangenheit, der vergangenen Geschichte, und wir entdecken in der
Vergangenheit nicht die Gegenwart, den Heiligen Geist, der in den Worten der
Vergangenheit heute zu uns spricht. So treten wir nicht in die innere Bewegung
des Wortes Gottes ein, das in menschlichen Worten göttliche Worte verbirgt und
offenbart. Deshalb ist dieses »exquisivi« immer notwendig. Wir müssen in
den Worten auf der Suche sein nach Gottes Wort.
So ist die Exegese, das wahre Lesen der Heiligen Schrift, nicht nur ein
literarisches Phänomen, es handelt sich nicht nur um die Lektüre eines Textes.
Es ist die Bewegung meines Daseins. Es bedeutet, sich auf das Wort Gottes in den
menschlichen Worten hinzubewegen. Nur indem wir dem Geheimnis Gottes
gleichförmig werden, dem Herrn, der das Wort ist, können wir in das Innere des
Wortes eintreten, können wir wirklich in menschlichen Worten das Wort Gottes
finden. Bitten wir den Herrn, daß er uns helfen möge, nicht nur mit dem
Intellekt, sondern mit unserer ganzen Existenz auf der Suche zu sein, um das
Wort zu finden.
Der letzte Vers lautet: »Omni consummationi vidi finem, latum praeceptum
tuum nimis«. Alles Menschliche, alles was wir erfinden und schaffen können,
ist endlich. Auch alle menschlichen religiösen Erfahrungen sind begrenzt, sie
zeigen einen Aspekt der Wirklichkeit, weil unser Sein endlich ist und immer nur
einen Teil, einige Elemente versteht: »latum praeceptum tuum nimis«. Nur
Gott ist unendlich. Und deshalb ist auch sein Wort universal und kennt keine
Grenzen. Wenn wir also in das Wort Gottes eintreten, betreten wir wirklich das
göttliche Universum. Wir verlassen die Begrenztheit unserer Erfahrungen und
treten ein in die Realität, die wahrhaft universal ist. Wenn wir in die
Gemeinschaft mit dem Wort Gottes eintreten, treten wir in die Gemeinschaft der
Kirche ein, die das Wort Gottes lebt. Wir treten nicht ein in eine kleine Gruppe,
in die Regeln einer kleinen Gruppe, sondern wir verlassen unsere Begrenztheit.
Wir treten hinaus ins Weite, in die wahre Weite der einzigen Wahrheit, der
großen Wahrheit Gottes. Wir sind wirklich im Universalen. Und so treten wir
hinaus in die Gemeinschaft aller Brüder und Schwestern, der ganzen Menschheit,
weil in unserem Herzen die Sehnsucht nach dem einen Wort Gottes verborgen ist.
Deshalb sind auch die Evangelisierung, die Verkündigung des Evangeliums, die
Mission nicht eine Art kirchlicher Kolonialismus, mit dem wir andere in unsere
Gruppe einfügen wollen. Es bedeutet, aus der Begrenztheit der verschiedenen
Kulturen hinauszutreten in die Universalität, die alle verbindet und vereint,
die uns alle zu Brüdern macht. Bitten wir erneut den Herrn, daß er uns helfe,
wirklich in die »Weite« seines Wortes einzutreten und wir uns so dem universalen
Horizont der Menschheit öffnen können, jenem Horizont, der uns in all unseren
Verschiedenheiten vereint.
Kehren wir schließlich noch zu einem vorhergehenden Vers zurück: »Tuus sum
ego: salvum me fac«. Der italienische Text übersetzt: »Ich bin dein«. Das
Wort Gottes ist wie eine Leiter, auf der wir hinaufsteigen und mit Christus auch
in die Tiefen seiner Liebe hinabsteigen können. Es ist eine Leiter, um zum
göttlichen Wort in den Worten zu gelangen. Das göttliche Wort hat ein Antlitz,
es ist eine Person, Christus. Noch bevor wir sagen können: »Ich bin dein«, hat
Er schon zu uns gesagt: »Ich bin dein«. Der Hebräerbrief sagt mit den Worten aus
Psalm 40: »Einen Leib hast du mir bereitet… Da sagte ich: Ja, ich komme«. Der
Herr ließ sich für sein Kommen einen Leib bereiten. Mit seiner Menschwerdung hat
er gesagt: Ich bin dein. In der heiligen Eucharistie sagt er immer wieder von
neuem: Ich bin dein; damit wir antworten können: Herr, ich bin dein. Auf dem Weg
des göttlichen Wortes – indem wir in das Geheimnis seiner Menschwerdung, seines
Mit-uns- Seins eintreten – wollen wir uns das Sein Jesu aneignen, wollen wir uns
unserer Existenz entledigen, indem wir uns Ihm schenken, der sich uns geschenkt
hat.
»Ich bin dein«. Bitten wir den Herrn, daß wir lernen können, dieses Wort mit
unserem ganzen Leben zu sagen. So werden wir im Herzen des Wortes Gottes sein.
So werden wir gerettet sein.
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