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APOSTOLISCHE REISE
VON PAPST BENEDIKT XVI.
IN DIE TSCHECHISCHE REPUBLIK
(26.-28. SEPTEMBER 2009)

BEGEGNUNG MIT DEN AKADEMIKERN

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS

Wladislawsaal auf der Prager Burg
Sonntag, 27. September 2009

(Video)

  

Herr Präsident,
sehr geehrte Rektoren und Professoren,
liebe Studenten und Freunde!

Unsere Begegnung an diesem Abend bietet mir eine willkommene Gelegenheit, meine Wertschätzung für die unersetzliche Rolle der Universitäten und höheren Bildungseinrichtungen in der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Ich danke dem Studenten, der mich so freundlich in Ihrer aller Namen begrüßt hat, den Mitgliedern des Universitätschores für ihre schöne Darbietung und dem geschätzten Rektor der Karlsuniversität, Herrn Professor Václav Hampl, für seine gehaltvollen Ausführungen. Der Dienst der akademischen Einrichtungen, die die kulturellen und geistigen Werte der Gesellschaft pflegen und vermehren, bereichert das intellektuelle Erbe eines Landes und festigt die Fundamente seiner künftigen Entwicklung. Die großen Veränderungen, die die tschechische Gesellschaft vor zwanzig Jahren erlebt hat, wurden nicht zuletzt durch Reformbewegungen ausgelöst, die ihren Ursprung an der Universität und in Studentenkreisen hatten. Dieses Streben nach Freiheit hat auch weiter das Wirken von Gelehrten geleitet, deren diakonia der Wahrheit für das Wohlbefinden jeder Nation unerläßlich ist.

Ich spreche zu Ihnen als jemand, der selber Professor war und sich als solcher für das Recht auf akademische Freiheit und die Verantwortung für einen authentischen Umgang mit der Vernunft eingesetzt hat – und der jetzt Papst ist, der in seinem Hirtenamt als eine Stimme der ethischen Reflexion der Menschheit Anerkennung erfährt. Auch wenn manche behaupten, daß die Fragestellungen der Religion, des Glaubens und der Ethik keinen Platz im Bereich der Vernunft der Allgemeinheit haben, ist diese Ansicht keineswegs eine Grundsatzaussage. Die Freiheit, die der Tätigkeit der Vernunft zugrunde liegt – sei es in einer Universität oder in der Kirche –, hat ein Ziel: Sie ist auf das Streben nach Wahrheit ausgerichtet und verkörpert als solches einen Grundsatz des Christentums, das ja die Universität hervorgebracht hat. In der Tat regt der Wissensdurst des Menschen jede Generation an, den Vernunftbegriff auszuweiten und aus den Quellen des Glaubens zu trinken. Es war gerade das reiche Erbe der klassischen Weisheit, das assimiliert und in den Dienst des Evangeliums gestellt worden war, welches die ersten christlichen Missionare in diese Regionen gebracht haben. Damit wurde die Grundlage für eine geistige und kulturelle Einheit gelegt, die bis heute fortbesteht. Derselbe Geist bewegte meinen Vorgänger Papst Clemens VI. zur Gründung der berühmten Karlsuniversität im Jahr 1347, die bis heute einen wichtigen Beitrag zu größeren akademischen, religiösen und kulturellen Kreisen in Europa leistet.

Die Autonomie einer Universität – genau wie die einer jeden Bildungseinrichtung – hat einen Sinn, wenn sie der Autorität der Wahrheit Rechenschaft gibt. Diese Autonomie kann jedoch auf vielerlei Weise durchkreuzt werden. Die große, für das Transzendente offene Bildungstradition, auf der die Universitäten in ganz Europa basieren, wurde in diesem und in anderen Ländern durch die reduktive Ideologie des Materialismus, die Verfolgung der Religion und die Unterdrückung des menschlichen Geistes systematisch untergraben. Im Jahr 1989 wurde die Welt jedoch auf dramatische Weise Zeuge des Sturzes einer gescheiterten totalitären Ideologie und des Sieges des menschlichen Geistes. Die Sehnsucht nach Freiheit und Wahrheit ist unveräußerlich Teil unseres gemeinsamen Menschseins. Sie kann nie ausgelöscht werden; und wenn sie geleugnet wird, dann gerät, wie es die Geschichte gezeigt hat, das Menschsein selbst in Gefahr. Auf diese Sehnsucht versuchen der religiöse Glaube, die verschiedenen Künste, die Philosophie, die Theologie und andere Wissenschaften – jeweils mit ihrer eigenen Methode – zu antworten, sowohl auf der Ebene der systematischen Reflexion als auch auf der Ebene des korrekten Handelns.

Sehr geehrte Rektoren und Professoren, neben Ihrer Forschung gibt es einen weiteren wesentlichen Aspekt der Mission der Universität, an der Sie mitarbeiten, nämlich die Verantwortung, den Verstand und das Herz der jungen Menschen von heute auszubilden. Diese ernste Pflicht ist natürlich nicht neu. Seit der Zeit Platos ist die Erziehung nicht bloß die Ansammlung von Wissen und Fähigkeiten, sondern paideia, menschliche Bildung in den Schätzen der intellektuellen Tradition, die auf ein tugendhaftes Leben ausgerichtet ist. Wenn die großen Universitäten, die im Mittelalter in ganz Europa entstanden sind, mit Zuversicht auf das Ideal einer Synthese des gesamten Wissens abzielten, so taten sie dies stets im Dienst einer authentischen humanitas, der Vollkommenheit des Einzelnen in der Einheit einer wohlgeordneten Gesellschaft. Dasselbe gilt auch heute: Sobald in den jungen Menschen das Verständnis für die Fülle und die Einheit der Wahrheit geweckt ist, erfreuen sie sich der Entdeckung, daß die Frage nach dem, was sie wissen können, das große Abenteuer dessen eröffnet, wie sie sein und was sie tun sollen.

Das Konzept einer integralen Bildung, die auf der Einheit des auf der Wahrheit gegründeten Wissens basiert, muß wiedergewonnen werden. Es dient als Gegengewicht zu der in der heutigen Gesellschaft so augenscheinlichen Tendenz zur Fragmentierung des Wissens. Die massive Zunahme von Information und Technologie bringt die Versuchung mit sich, die Vernunft vom Streben nach Wahrheit loszulösen. Abgetrennt von der grundlegenden menschlichen Ausrichtung auf die Wahrheit, beginnt die Vernunft jedoch, die Richtung zu verlieren: Sie verkümmert entweder unter dem Schein der Bescheidenheit, wenn sie sich mit dem bloß Unvollständigen und Vorläufigen begnügt, oder unter dem Schein der Gewißheit, wenn sie glaubt, vor den Anforderungen jener kapitulieren zu müssen, die fast alles unterschiedslos als gleichwertig ansehen. Der daraus folgende Relativismus stellt ein dichtes Gestrüpp dar, hinter dem neue Bedrohungen für die Autonomie der akademischen Einrichtungen lauern können. Die Zeit der Eingriffe von Seiten des politischen Totalitarismus mag vorbei sein, doch ist es nicht weiterhin so, daß auf der ganzen Welt der Vernunftgebrauch und die akademische Forschung oft auf subtile und weniger subtile Weise dazu gezwungen werden, sich dem Druck ideologischer Interessensgruppen und der Verlockung kurzzeitiger utilitaristischer und pragmatischer Ziele zu beugen? Was wird passieren, wenn unsere Kultur nur auf Modethemen mit geringem Bezug zu einer echten historischen intellektuellen Tradition beziehungsweise auf den am lautesten beworbenen oder am besten finanzierten Ansichten gründet? Was wird passieren, wenn sie sich in ihrer Angst, einen radikalen Säkularismus zu bewahren, von ihren lebensspendenden Wurzeln abschneidet? Unsere Gesellschaften werden nicht vernünftiger, toleranter oder flexibler werden, sondern brüchiger und weniger aufnahmefähig, und es wird ihnen immer schwerer fallen zu erkennen, was wahr, edel und gut ist.

Liebe Freunde, ich möchte Sie ermutigen, in allem, was Sie tun, dem Idealismus und der Großzügigkeit der jungen Menschen heute nicht nur mit Studienprogrammen zu begegnen, die ihnen helfen, erfolgreich zu sein, sondern auch mit der Erfahrung gemeinsamer Ideale und gegenseitiger Unterstützung bei der großen Aufgabe des Lernens. Die Fähigkeiten zur Analyse und jene, die zum Aufstellen einer Hypothese nötig sind, bieten gemeinsam mit einer klugen Kunst der Unterscheidung ein wirksames Gegenmittel gegen die Haltungen der In-sich-Gekehrtheit, der Teilnahmslosigkeit und sogar der Isolation, die in unseren wohlhabenden Gesellschaften mitunter auftreten und von denen die jungen Menschen besonders betroffen sind.

In diesem Zusammenhang einer eminent humanistischen Sicht der Aufgabe der Universität möchte ich kurz die Überwindung des Bruches zwischen Wissenschaft und Religion ansprechen, die ein zentrales Anliegen meines Vorgängers Papst Johannes Pauls II. war.

Er hat, wie Sie wissen, ein tieferes Verständnis der Beziehung von Glaube und Vernunft angeregt. Er deutete Glaube und Vernunft als die beiden Flügel, durch die sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt (vgl. Fides et ratio, Vorwort). Sie unterstützen einander und haben ihr je eigenes Tätigkeitsfeld (vgl. ebd., 17), doch wollen einige sie voneinander trennen. Die Vertreter dieses positivistischen Ausschlusses des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft widersprechen damit nicht nur einer der tiefsten Überzeugungen gläubiger Menschen, sondern sie durchkreuzen auch genau jenen Dialog der Kulturen, den sie selber vorschlagen. Eine Vorstellung von Vernunft, die für das Göttliche taub ist und die Religionen in die Welt der Subkulturen verweist, ist unfähig, in den Dialog der Kulturen einzutreten, den unsere Welt so dringend braucht. Letztendlich „erfordert die Treue zum Menschen die Treue zur Wahrheit, die allein Garant der Freiheit ist“ (Caritas in veritate, 9). Dieses Vertrauen in das menschliche Vermögen, Wahrheit zu suchen, Wahrheit zu finden und nach der Wahrheit zu leben, führte zur Gründung der großen europäischen Universitäten. Gewiß müssen wir dies heute neu betonen, damit wir den intellektuellen Kräften den nötigen Mut für die Entwicklung einer Zukunft wahrer menschlicher Blüte geben, einer Zukunft, die des Menschen wirklich würdig ist.

Mit diesen Gedanken, liebe Freunde, verbinde ich meine vom Gebet getragenen guten Wünsche für Ihre anspruchsvolle Arbeit. Ich bete, daß sie immer von einer menschlichen Weisheit inspiriert und geleitet werden, die wirklich die Wahrheit sucht, die uns frei macht (vgl. Joh 8,32). Ihnen und Ihren Familien erbitte ich Freude, Frieden und den Segen Gottes.

 

© Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana

  

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