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APOSTOLISCHE REISE NACH ZYPERN
(4.-6. JUNI 2010)

INTERVIEW VON BENEDIKT XVI.
MIT DEN JOURNALISTEN AUF DEM FLUG NACH ZYPERN


Freitag, 4. Juni 2010

 

Pater Lombardi: Heiliger Vater, wir danken Ihnen, daß Sie wie bei jeder Reise unter uns sind und mit Ihren Worten unserer Aufmerksamkeit in diesen Tagen, die sehr intensiv sein werden, Orientierung geben. Selbstverständlich muß die erste Frage dem Ereignis gelten, das uns gestern schmerzhaft getroffen hat, nämlich die Ermordung von Bischof Luigi Padovese, die auch Sie mit tiefem Schmerz erfüllt hat. So möchte ich Sie im Namen aller Kollegen bitten, uns etwas darüber zu sagen, wie Sie diese Nachricht aufgenommen haben und wie Sie in dieser Atmosphäre den Beginn der Reise nach Zypern erleben?

Benedikt XVI.: Natürlich hat mich die Nachricht vom Tod des Bischofs Luigi Padovese, der auch viel zur Vorbereitung der Synode beigetragen hat, schmerzlich betrübt. Er hat seinen Beitrag geleistet, und er wäre bei dieser Synode ein wertvolles Element gewesen. Empfehlen wir seine Seele der Barmherzigkeit des Herrn. Dieser Schatten hat jedoch mit den Themen und der Wirklichkeit der Reise an sich nichts zu tun, weil wir nicht der Türkei oder den Türken diese Tatsache zuschreiben dürfen. Es ist etwas, über das wir wenige Informationen haben. Sicher ist, daß es sich nicht um einen politisch oder religiös motivierten Mord handelt; es geht um etwas Persönliches. Wir warten auf die Erklärungen, aber jetzt wollen wir diese tragische Situation nicht mit dem Dialog mit dem Islam und all den Problemen unserer Reise vermengen. Es handelt sich um einen separaten Fall, der uns traurig macht, der aber in keiner Weise den Dialog in jeder Richtung verdunkeln darf, der Thema und Absicht dieser Reise ist.

Pater Lombardi: Zypern ist ein geteiltes Land. Heiliger Vater, Sie werden den von der Türkei besetzten Nordteil nicht besuchen. Haben Sie eine Botschaft für die Bewohner dieses Teils der Insel? Und auf welche Weise denken Sie, kann Ihr Besuch dazu beitragen, die Distanz zwischen dem griechischen und dem türkischen Teil aufzuheben und zu einer Lösung des friedlichen Zusammenlebens zu kommen in der Achtung der Religionsfreiheit sowie des spirituellen und kulturellen Erbes der verschiedenen Gemeinschaften?

Benedikt XVI.: Diese Reise nach Zypern ist in vielerlei Hinsicht eine Fortsetzung der Reise ins Heilige Land vom letzten Jahr und auch der Reise nach Malta in diesem Jahr. Die Reise ins Heilige Land hatte drei Etappen: Jordanien, Israel und die Palästinensergebiete. In allen drei Fällen handelte es sich um eine pastorale, religiöse Reise; es war keine politische oder touristische Reise. Das Hauptthema war der Friede Christi, der universaler Friede in der Welt sein muß. Das Thema war also: einerseits die Verkündigung unseres Glaubens, das Zeugnis des Glaubens, die Pilgerfahrt zu den Orten, die Zeugnis geben vom Leben Christi und der ganzen Heilsgeschichte; auf der anderen Seite war es die gemeinsame Verantwortung aller, die an den einen Gott glauben, der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, an den einen Gott, nach dessen Bild wir geschaffen sind. Malta und Zypern fügen noch sehr stark das Thema des hl. Paulus hinzu, eines großen Glaubenden, Verkünder des Evangeliums, und auch des hl. Barnabas, der aus Zypern stammt und die Tür geöffnet hat für die Mission des hl. Paulus. Das heißt: Zeugnis unseres Glaubens an den einen Gott, Dialog und Frieden sind die Themen. Frieden in einem sehr tiefen Sinn: Er ist keine politische Zugabe zu unserer religiösen Aktivität, sondern Friede ist ein Wort aus dem Herzen des Glaubens, es steht im Mittelpunkt der paulinischen Lehre; denken wir an den Epheserbrief, wo er sagt, daß Christus den Frieden gebracht und die Mauer der Feindschaft niedergerissen hat. Das bleibt ein beständiger Auftrag, so komme ich nicht mit einer politischen Botschaft, sondern mit einer religiösen Botschaft, die die Seelen besser vorbereiten sollte, die Öffnung für den Frieden zu finden. Das sind Dinge, die nicht von heute auf morgen geschehen, aber es ist sehr wichtig, nicht nur die notwendigen politischen Schritte zu tun, sondern vor allem auch die Seelen vorzubereiten, damit sie fähig sind, die notwendigen politischen Schritte zu unternehmen, jene innere Öffnung für den Frieden zu schaffen, die letztendlich vom Glauben an Gott her kommt und von der Überzeugung, daß wir alle Kinder Gottes und untereinander Brüder und Schwestern sind.

Pater Lombardi: Danke, Heiliger Vater. Die nächste Frage ist eine Fortsetzung der ersten, aber ich stelle sie dennoch, so daß Sie etwas hinzufügen können, wenn Sie möchten. Sie begeben sich in den Nahen Osten, nur wenige Tage nachdem der israelische Angriff auf die Hilfsflotte vor Gaza zum bereits sehr schwierigen Friedensprozeß weitere Spannungen hinzugefügt hat. Wie kann Ihrer Meinung nach der Heilige Stuhl, der Vatikan dazu beitragen, diesen für den Nahen Osten sehr schwierigen Moment zu überwinden?

Benedikt XVI.: Ich würde sagen, daß wir vor allem in religiöser Weise einen Beitrag leisten. Wir können auch mit politischen oder strategischen Ratschlägen Unterstützung geben, aber die wesentliche Arbeit des Vatikans ist immer religiös, sie berührt die Herzen. Angesichts all dieser Ereignisse, die wir erleben, besteht immer die Gefahr, daß man die Geduld verliert, daß man sagt: »Jetzt reicht es« und daß man den Frieden nicht mehr suchen will.

Und hier kommt mir in diesem Priester-Jahr eine schöne Geschichte des Pfarrers von Ars in den Sinn. Den Menschen, die zu ihm sagten: Es hat keinen Sinn, daß ich jetzt zur Beichte gehe und die Lossprechung erhalte, weil ich sicher bin, daß ich übermorgen wieder in die gleichen Sünden falle, antwortete der Pfarrer von Ars: Das macht nichts, der Herr vergißt absichtlich, daß du übermorgen die gleichen Sünden begehen wirst, er vergibt dir jetzt vollkommen, er wird langmütig sein, und er wird dir weiterhin helfen, wird auf dich zukommen. So müssen wir gleichsam Gott nachahmen, seine Geduld. Nach allen Fällen der Gewalt, nicht die Geduld zu verlieren, nicht den Mut zu verlieren, nicht den Langmut zu verlieren, wieder anzufangen; diese Bereitschaft des Herzens zu schaffen, immer wieder neu anzufangen, in der Sicherheit, daß wir Fortschritte machen können, daß wir den Frieden erreichen können, daß die Gewalt keine Lösung ist, sondern die Geduld im Guten. Diese Haltung zu schaffen scheint mir die Hauptarbeit zu sein, die der Vatikan, seine Einrichtungen und der Papst leisten können.

Pater Lombardi: Danke! Kommen wir zu einem anderen Thema, der Ökumene. Heiliger Vater, der Dialog mit den Orthodoxen hat in kultureller und spiritueller Hinsicht und in bezug auf das Zusammenleben viele Fortschritte gemacht. Beim Konzert, das Ihnen kürzlich vom Patriarchen von Moskau zum Geschenk gemacht wurde, hat man eine tiefe Übereinstimmung zwischen Orthodoxen und Katholiken gespürt hinsichtlich der Herausforderungen, die dem Christentum in Europa von der Säkularisierung gestellt werden. Wie bewerten Sie den Dialog, auch aus einer mehr theologischen Sicht?

Benedikt XVI.: Ich möchte vor allem die großen Fortschritte unterstreichen, die wir im gemeinsamen Zeugnis für die christlichen Werte in einer säkularisierten Welt gemacht haben. Das ist nicht nur ein, sagen wir moralisches, politisches Bündnis, sondern wirklich etwas zutiefst dem Glauben Entspringendes, denn die grundlegenden Werte, für die wir in dieser säkularisierten Welt leben, sind keine Moralismen, sondern sie sind die Grundgestalt des christlichen Glaubens. Wenn wir fähig sind, gemeinsam für diese Werte Zeugnis abzulegen, uns im Dialog einzusetzen, in der Diskussion dieser Welt, im Zeugnis, um diese Werte zu leben, dann haben wir schon ein grundlegendes Zeugnis gegeben von einer sehr tiefen Einheit des Glaubens. Natürlich gibt es sehr viele theologische Probleme, aber auch hier gibt es starke Elemente der Einheit.

Ich möchte auf drei Elemente hinweisen, die uns vereinen, einander annähern, die uns einander immer näher bringen. Erstens: Die Heilige Schrift, die Bibel ist kein Buch, das vom Himmel gefallen ist, das es jetzt gibt und jeder nimmt es, sondern sie ist ein Buch, das im Volk Gottes gewachsen ist und in diesem gemeinsamen Subjekt des Volkes Gottes lebt, und nur hier bleibt es immer gegenwärtig und wirklich, daß heißt die Bibel kann nicht isoliert werden, sondern die Bibel steht in der Beziehung zur Überlieferung und zur Kirche. Dieses Bewußtsein ist grundlegend, und es gehört zum Fundament der Orthodoxie und des Katholizismus und gibt uns einen gemeinsamen Weg. Als zweites Element sagen wir: Die Überlieferung, die uns die Heilige Schrift interpretiert, die uns die Tür zu ihr öffnet, hat auch eine institutionelle, heilige, sakramentale, vom Herrn gewollte Form, das heißt das Bischofs amt; sie hat eine personale Form, das heißt das Kollegium der Bischöfe ist gemeinsam Zeuge und Gegenwart dieser Überlieferung.

Dritter Punkt: Die sogenannte »regula fidei«, das heißt das Bekenntnis des Glaubens, wie es in den antiken Konzilien ausgearbeitet wurde, ist die Summe dessen, was in der Heiligen Schrift steht und öffnet die »Tür« zur Interpretation. Dann die anderen Elemente: Die Liturgie, die gemeinsame Liebe zur Muttergottes, verbinden uns tief miteinander, und immer mehr wird uns auch klar, daß sie das Fundament des christlichen Lebens sind. Wir müssen eine genauere Kenntnis haben und auch die Details vertiefen, aber mir scheint, daß wir – auch wenn die unterschiedlichen Kulturen, die unterschiedlichen Situationen Mißverständnisse und Schwierigkeiten geschaffen haben – im Bewußtsein des Wesentlichen und der wesentlichen Einheit wachsen. Ich möchte hinzufügen, daß es natürlich nicht die theologische Diskussion ist, die an sich die Einheit schafft; es ist eine wichtige Dimension, aber das gesamte christliche Leben, das gegenseitige Kennenlernen, die Erfahrung der Brüderlichkeit, diese gemeinsame Brüderlichkeit zu lernen trotz der Erfahrung der Vergangenheit, das sind Prozesse, die auch viel Geduld erfordern. Aber mir scheint, daß wir dabei sind, gerade die Geduld zu lernen, wie auch die Liebe, und mit allen Dimensionen des theologischen Dialogs gehen wir voran und überlassen es dem Herrn, wann er uns die vollkommene Einheit schenken wird.

Pater Lombardi: Kommen wir nun zur letzten Frage. Eines der Ziele dieser Reise ist die Übergabe des Arbeitspapiers der Bischofssynode für den Nahen Osten. Welche besonderen Hoffnungen und Erwartungen haben Sie im Hinblick auf diese Synode für die christlichen Gemeinschaften wie auch für die Gläubigen anderer Glaubensrichtungen in dieser Region?

Papst Benedikt XVI.: Der erste wichtige Aspekt ist die Tatsache, daß verschiedene Bischöfe und Kirchenoberhäupter hier zusammenkommen, denn es gibt viele Kirchen – verschiedene Riten sind über verschiedene Länder und Lebenssituationen verstreut –, die oft voneinander isoliert sind und wenig voneinander wissen; es geht darum, sich zu sehen und einander zu begegnen und auf diese Weise den anderen, seine Probleme, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser kennenzulernen, um sich so ein gemeinsames Urteil über die Situation und den einzuschlagenden Weg bilden zu können. Diese konkrete Gemeinschaft des Dialogs und des Lebens ist der erste Aspekt.

Der zweite Punkt ist die Sichtbarkeit dieser Kirchen, das heißt man soll in der Welt sehen, daß es eine große und alte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten gibt, dir wir oft nicht direkt vor Augen haben. Und diese Sichtbarkeit hilft uns auch, ihnen nahe zu sein, mehr übereinander zu erfahren, voneinander zu lernen, uns gegenseitig zu helfen und so auch den Christen im Nahen Osten dabei zu helfen, nicht die Hoffnung aufzugeben und in ihrer Heimat zu bleiben, auch wenn die Situation dort mitunter schwierig ist.

Auf diese Weise – und dies ist der dritte Punkt – öffnen sie sich im Dialog untereinander auch für den Dialog mit den orthodoxen, armenischen und allen anderen Christen, und so wächst das gemeinsame Bewußtsein von der Verantwortung der Christen und die gemeinsame Dialogbereitschaft gegenüber den muslimischen Brüdern, die trotz aller Unterschiede unsere Brüder sind. Dies kann uns auch ermutigen, trotz aller Probleme den Dialog mit ihnen mit gemeinsamen Visionen fortzuführen. Alle Versuche, ein immer fruchtbringenderes und brüderlicheres Zusammen - leben zu ermöglichen, sind sehr wichtig. Es handelt sich also um eine interne Begegnung katholischer Christen verschiedener Riten aus dem Nahen Osten, aber es ist zugleich eine Begegnung der Offenheit, der erneuerten Fähigkeit zu Dialog, Mut und Hoffnung im Hinblick auf die Zukunft.

Pater Lombardi: Danke, Heiliger Vater, für diesen umfassenden Überblick und besonderen Dank für diese so positive und ermutigende Sicht, die Sie uns über die Ziele dieser Reise vermittelt haben. Wir wünschen Ihnen von Herzen, daß diese Reise von dieser Atmosphäre geprägt sei und zu diesen Ergebnissen führen möge, und wir versuchen unsererseits durch eine gute Informationsarbeit dazu beizutragen.

Danke, Heiliger Vater, und gute Reise!

 

   

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