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APOSTOLISCHE REISE NACH PORTUGAL
ANLÄSSLICH DES 10. JAHRESTAGES DER SELIGSPRECHUNG DER

HIRTENKINDER VON FATIMA, JACINTA UND FRANCISCO
(11.-14. MAI 2010)

 BEGEGNUNG MIT VERTRETERN AUS DER WELT DER KULTUR

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Kulturzentrum "Belém" - Lissabon
Mittwoch, 12. Mai 2010

   (Video)

 

Verehrte Mitbrüder im bischöflichen Dienst,
sehr geehrte Damen und Herren aus der Politik und
Vertreter des Geisteslebens, der Wissenschaft und der Kunst,
liebe Freunde!

Es ist mir eine große Freude, hier das ganze Spektrum der portugiesischen Kultur vor mir zu haben, das Sie als Frauen und Männer, die in Forschung und Entwicklung der verschiedenen Wissenszweige tätig sind, so würdig vertreten. Ihnen allen möchte ich meine besondere Wertschätzung und Freundschaft ausdrücken in Anerkennung dessen, was Sie tun und was Sie sind. Die Regierung, die hier durch die Frau Kulturministerin vertreten ist – einen ehrerbietigen und dankbaren Gruß richte ich sie – ist mit verdienstvollem Einsatz um den nationalen Vorrang der Kultur bedacht. Ich danke allen, die diese unsere Begegnung ermöglicht haben, besonders der Bischöflichen Kultur-Kommission mit ihrem Präsidenten, Bischof Manuel Clemente; ihm danke ich für seine herzlichen Willkommensgrüße und für die Darstellung der vielstimmigen Situation der portugiesischen Kultur, die hier durch einige ihrer herausragenden Protagonisten vertreten ist. Der Filmregisseur Manoel de Oliveira, eine Persönlichkeit ehrwürdigen Alters und eindrucksvoller Karriere, hat als ihr Wortführer ihre Gefühle und Erwartungen zum Ausdruck gebracht. Ihm gilt mein Gruß voller Bewunderung und Zuneigung sowie mein herzlicher Dank für die Worte, die er an mich gerichtet hat und in denen er die Sorgen und Stimmungen der Portugiesen inmitten der Turbulenzen der Gesellschaft von heute erahnen ließ.

In der Tat spiegelt die Kultur heute eine „Spannung“ wider, die bisweilen Formen eines „Konfliktes“ zwischen der Gegenwart und der Tradition annimmt. Die Dynamik der Gesellschaft setzt die Gegenwart absolut, indem sie sie vom kulturellen Erbe der Vergangenheit loslöst und nicht beabsichtigt, Zukunftsperspektiven zu entwerfen. Eine solche Aufwertung der „Gegenwart“ als Inspirationsquelle sowohl des individuellen als auch des gesellschaftlichen Lebensgefühls widerspricht der starken, zutiefst vom tausendjährigen Einfluß des Christentums geprägten kulturellen Tradition des portugiesischen Volkes und einem Bewußtsein globaler Verantwortung; diese ist im Abenteuer der Entdeckungen und im missionarischen Eifer, das Geschenk des Glaubens mit anderen Völkern zu teilen, zum Tragen gekommen. Das christliche Ideal der Universalität und der Brüderlichkeit hatte dieses gemeinsame Abenteuer inspiriert, auch wenn die Einflüsse der Aufklärung und des Laizismus spürbar geworden waren. Die besagte Tradition hat das hervorgebracht, was wir „Weisheit“ nennen können, d. h. ein Lebens- und Geschichtsempfinden, zu dem eine ethische Ordnung und ein „Ideal“ gehörte, das Portugal zu erfüllen hatte – dieses Land, das immer bemüht war, Beziehungen mit dem Rest der Welt zu knüpfen.

Die Kirche erscheint als die große Hüterin einer gesunden und edlen Tradition, deren reichen Beitrag sie der Gesellschaft zugute kommen läßt; diese respektiert und schätzt weiterhin ihren Dienst für das Allgemeinwohl, entfernt sich aber von der erwähnten „Weisheit“, die Teil ihres Erbes ist. Dieser „Konflikt“ zwischen der Tradition und der Gegenwart drückt sich in der Krise der Wahrheit aus, aber sie allein kann für eine gelungene Existenz des Einzelnen wie des Volkes Orientierung bieten und den Weg vorzeichnen. Ein Volk, das seine eigene Wahrheit nicht mehr kennt, verliert sich schließlich in den Labyrinthen der Zeit und der Geschichte, ohne klar umrissene Werte und ohne deutlich ausgedrückte Ziele. Liebe Freunde, in bezug auf die Position der Kirche in der Welt muß mit großem Einsatz ein Lernprozeß eingeleitet werden, durch den man der Gesellschaft hilft zu verstehen, daß die Verkündigung der Wahrheit ein Dienst ist, den die Kirche der Gesellschaft anbietet, indem sie neue Horizonte der Zukunft, der Größe und der Würde erschließt. In der Tat hat die Kirche „zu allen Zeiten und unter allen Gegebenheiten eine Sendung der Wahrheit zu erfüllen für eine Gesellschaft, die dem Menschen und seiner Würde und Berufung gerecht wird. […] Die Treue zum Menschen erfordert die Treue zur Wahrheit, die allein Garant der Freiheit (vgl. Joh 8, 32) und der Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung ist. Darum sucht die Kirche die Wahrheit, verkündet sie unermüdlich und erkennt sie an, wo immer sie sich offenbart. Diese Sendung der Wahrheit ist für die Kirche unverzichtbar“ (Enz. Caritas in veritate, 9). Für eine Gesellschaft, die mehrheitlich aus Katholiken besteht und deren Kultur zutiefst vom Christentum geprägt ist, erweist sich der Versuch, die Wahrheit außerhalb von Jesus Christus zu finden, als dramatisch. Für uns Christen ist die Wahrheit göttlich; sie ist der ewige »Logos«, der menschliche Gestalt angenommen hat in Jesus Christus, der objektiv feststellen konnte: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14, 6). Das Nebeneinander, das die Kirche in ihrem unverrückbaren Festhalten am Ewigkeitscharakter der Wahrheit, einerseits, und in der Achtung gegenüber anderen „Wahrheiten“ bzw. der Wahrheit der anderen, andererseits, erlebt, ist für sie eine Lehrzeit. In dieser dialogisierenden Achtung können sich der Vermittlung der Wahrheit neue Türen öffnen.

Papst Paul VI. hat geschrieben: „Die Kirche muß zu einem Dialog mit der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog“ (Enz. Ecclesiam suam, 67). In der Tat stellt der Dialog, in dem die beteiligten Parteien ohne Doppelzüngigkeit und respektvoll einander begegnen, heute eine Priorität in der Welt dar, der sich die Kirche nicht entziehen möchte. Das bezeugt gerade auch die Präsenz des Heiligen Stuhls in verschiedenen internationalen Organen wie zum Beispiel dem Nord-Süd-Zentrum des Europarates, der vor 20 Jahren hier in Lissabon errichtet wurde und dessen Angelpunkt der interkulturelle Dialog ist mit dem Ziel, die Zusammenarbeit zwischen Europa, dem südlichen Mittelmeerraum und Afrika zu fördern und eine Weltbürgerschaft zu bilden, die auf die Menschenrechte und die Verantwortung der Bürger gegründet ist, unabhängig von ihrer ethnischen und politischen Zugehörigkeit und respektvoll gegenüber ihrer religiösen Überzeugung. Angesichts der kulturellen Verschiedenheit muß dafür gesorgt werden, daß die Menschen nicht nur die Existenz der Kultur der anderen akzeptieren, sondern auch danach trachten, sich von ihr bereichern zu lassen sowie umgekehrt ihr das anzubieten, was sie selbst an Gutem, Wahrem und Schönem besitzen.

Es ist dies ein Augenblick, der unsere besten Kräfte, prophetischen Mut und die erneuerte Fähigkeit erfordert, „der Welt neue Welten aufzuzeigen“, wie Euer Nationaldichter sagen würde (Luigi di Camões, Os Lusíades, II, 45). Sie, die Sie Kultur in all ihren Formen schaffen, Gedanken entwickeln und die Meinungen bilden – „dank Ihres Talentes haben Sie die Möglichkeit, zu den Herzen der Menschen zu sprechen, einzelne und gemeinsame Sensibilitäten zu berühren, Träume und Hoffnungen wachzurufen und Horizonte von Wissen und menschlichem Engagement zu erweitern. […] Und fürchten Sie sich nicht, sich der ersten und letzten Quelle der Schönheit zu nähern und in den Dialog mit den Gläubigen zu treten, mit denen, die sich wie Sie als Pilger in dieser Welt und in der Geschichte fühlen, unterwegs zur unendlichen Schönheit“ (Ansprache an die Künstler, 21.11.2009).

Gerade mit dem Ziel, „die moderne Welt in Kontakt mit den lebensspendenden und ewigen Energien des Evangeliums zu bringen“ (Johannes XXIII., Apost. Konst. Humanae salutis, 3), wurde das Zweite Vatikanische Konzil durchgeführt. In ihm hat die Kirche, ausgehend von einem neuen Bewußtsein der katholischen Überlieferung, die Kritiken, die jenen Kräften zugrundeliegen, welche die Moderne, d. h. die Reformation und die Aufklärung, kennzeichnen, angenommen, analysiert, verwandelt und überwunden. So hat die Kirche von sich aus das Beste der Forderungen der Moderne aufgenommen und umgebildet, indem sie sie einerseits übertraf und andererseits ihre Fehler und Sackgassen vermied. Das Konzilsgeschehen hat die Voraussetzungen für eine authentische katholische Erneuerung und für eine neue Zivilisation – die „Zivilisation der Liebe“ – geschaffen, als evangeliumsgemäßen Dienst am Menschen und an der Gesellschaft.

 Liebe Freunde, die Kirche sieht in der aktuellen Kultur ihren vorrangigen Auftrag darin, die Suche nach der Wahrheit und folglich nach Gott wachzuhalten; die Menschen dahin zu bringen, über die vorletzten Dinge hinauszublicken und nach den letzten zu suchen. Ich lade Sie ein, die Gotteserkenntnis zu vertiefen, ihn so zu erkennen, wie er sich in Jesus Christus für unsere vollkommene Selbstverwirklichung offenbart hat. Schaffen Sie Schönes, vor allem aber lassen Sie Ihr Leben zum Ort des Schönen werden. Möge die seit Jahrhunderten von den Seefahrern auf dem Ozean und heute von den Seefahrern auf der Suche nach dem Guten, nach der Wahrheit und nach der Schönheit verehrte Muttergottes von Belém Ihre Fürsprecherin sein.

 

© Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana

   

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