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APOSTOLISCHE REISE NACH GROSSBRITANNIEN
BEGEGNUNG MIT VERTRETERN DER GESELLSCHAFT
ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
Westminster Hall - City of
Westminster (Video)
Mister Speaker! Ich danke Ihnen für den
Willkommensgruß im Namen dieser erlesenen Versammlung. Wenn ich mich nun an Sie
wende, so bin ich mir des Privilegs bewußt, hier in der Westminster Hall
eine Ansprache an das britische Volk und seine Vertreter halten zu dürfen.
Dieses Gebäude ist von einzigartiger Bedeutung in der gesellschaftlichen und
politischen Geschichte des Volkes dieser Inseln. Dabei möchte ich auch meine
Wertschätzung für das Parlament zum Ausdruck bringen, das schon seit
Jahrhunderten an diesem Ort besteht und das einen großen Einfluß auf die
Entwicklung von partizipativen Regierungsformen unter den Nationen ausgeübt hat,
insbesondere im Bereich des Commonwealth und den englischsprachigen Ländern
insgesamt. Ihre Tradition des common law bildet die Grundlage für die
Rechtsordnungen in vielen Teilen der Welt, und Ihre Sicht der jeweiligen Rechte
und Pflichten des Staates und der einzelnen Bürger sowie der Gewaltenteilung
stellt weltweit eine bleibende Inspiration dar. An diesem historischen Ort denke ich an die unzähligen Männer und Frauen im Lauf
der Jahrhunderte, die ihre Rolle bei den bedeutsamen Ereignissen spielten, die
in diesen Mauern stattfanden und das Leben vieler Generationen von Briten und
auch anderen geprägt haben. Besonders rufe ich die Gestalt des heiligen Thomas
More in Erinnerung, des großen englischen Gelehrten und Staatsmanns, der von
Gläubigen wie von Nichtglaubenden wegen seiner Rechtschaffenheit bewundert wird,
mit der er seinem Gewissen folgte, selbst um des Preises willen, daß es dem
Herrscher mißfiel, dessen „treuer Diener“ er war; denn er wollte an erster
Stelle Gott dienen. Das Dilemma, vor dem Thomas More in diesen schwierigen
Zeiten stand, diese stets aktuelle Frage nach dem Verhältnis zwischen dem, was
dem Kaiser gebührt, und dem, was Gott gebührt, bietet mir die Gelegenheit, mit
Ihnen kurz über den der Religion im politischen Leben zukommenden Platz
nachzudenken. Die parlamentarische Tradition dieses Staates verdankt viel dem im Land
verbreiteten Sinn für maßvolle Zurückhaltung und dem Wunsch, einen echten
Ausgleich zwischen den legitimen Forderungen der Regierung und den Rechten der
ihr untergebenen Menschen zu erreichen. Im Lauf der Geschichte wurden einerseits
mehrmals entscheidende Maßnahmen zur Beschränkung der Machtausübung ergriffen,
andererseits konnten sich die politischen Institutionen des Landes mit
bemerkenswerter Stabilität entwickeln. Aus diesem Prozeß ist Großbritannien als
eine pluralistische Demokratie hervorgegangen, die großen Wert auf das Recht auf
freie Meinungsäußerung und politische Freiheit legt und Respekt für die
gesetzlichen Vorschriften zeigt mit einer starken Betonung auf den Rechten und
Pflichten des einzelnen und der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Auch
wenn sie andere Begriffe verwendet, so hat die kirchliche Soziallehre mit diesem
Ansatz viel gemeinsam. Dabei bestimmt sie die Sorge, die einzigartige Würde der
als Ebenbild Gottes geschaffenen menschlichen Person zu bewahren und das
Augenmerk auf die der staatlichen Autorität zukommende Pflicht der Förderung des
Gemeinwohls zu legen. Und doch begegnen uns die fundamentalen Fragen, um die sich der Prozeß von
Thomas More drehte, im Lauf der Zeit auf stets neue Weise in den
unterschiedlichen gesellschaftlichen Umständen. Jede Generation muß sich auf der
Suche nach dem Fortschritt im Gemeinwohl neu fragen: Welche Verpflichtungen
können Regierungen den Bürgern rechtmäßig auferlegen und wie weit erstrecken
sich diese? An welche Autorität muß man sich wenden, um moralische Konflikte zu
lösen? Diese Fragen bringen uns direkt zu den ethischen Grundlagen des
gesellschaftlichen Diskurses. Wenn die den demokratischen Abläufen
zugrundeliegenden moralischen Prinzipien ihrerseits auf nichts Soliderem als dem
gesellschaftlichen Konsens beruhen, dann wird die Schwäche dieser Abläufe allzu
offensichtlich; darin liegt die wahre Herausforderung der Demokratie. Die jüngste globale Finanzkrise hat nur zu klar gezeigt, daß pragmatische
Kurzzeitlösungen für komplexe soziale und ethische Probleme unbrauchbar sind. Es
besteht weitgehende Übereinstimmung darüber, daß der Mangel an soliden ethischen
Grundlagen für die wirtschaftliche Tätigkeit zu den großen Schwierigkeiten
beigetragen hat, unter denen jetzt Millionen von Menschen auf der ganzen Welt zu
leiden haben. Genauso wie „jede wirtschaftliche Entscheidung eine moralische
Konsequenz hat“ (Caritas in
veritate, 37), so hat auch im Bereich der
Politik die ethische Dimension der politischen Programme weitreichende
Auswirkungen, die keine Regierung ignorieren kann. Ein positives Beispiel dafür
ist eine der besonders bemerkenswerten Errungenschaften des britischen
Parlaments, nämlich die Abschaffung des Sklavenhandels. Die Kampagne, die zu
diesem epochalen Gesetz führte, basierte auf festen ethischen Prinzipien, die im
Naturrecht verwurzelt waren, und es hat einen Beitrag zum Fortschritt der
Zivilisation geleistet, auf die dieses Land zu Recht stolz sein kann. Bei all dem geht es um folgende zentrale Frage: Wo finden wir die ethische
Grundlage für politische Entscheidungen? Die katholische Lehrtradition sagt, daß
die objektiven Normen für rechtes Handeln der Vernunft zugänglich sind, ohne daß
dazu ein Rückgriff auf die Inhalte der Offenbarung nötig wäre. Dementsprechend
besteht die Rolle der Religion in der politischen Debatte nicht so sehr darin,
diese Normen zu liefern, als ob sie von Nichtgläubigen nicht erkannt werden
könnten. Noch weniger geht es darum, konkrete politische Lösungen vorzuschlagen,
was gänzlich außerhalb der Kompetenz der Religion liegt. Es geht vielmehr darum,
auf der Suche nach objektiven moralischen Prinzipien zur Reinigung und zur
Erhellung der Vernunftanstrengung beizutragen. Diese „korrigierende“ Rolle der
Religion gegenüber der Vernunft ist nicht immer willkommen, unter anderem weil
entstellte Formen der Religion wie Sektierertum und Fundamentalismus sich selbst
als Ursachen schwerer gesellschaftlicher Probleme erweisen können. Diese
Verzerrungen der Religion treten ihrerseits dann auf, wenn der reinigenden und
strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig
Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es ist also ein Prozeß in beide Richtungen. Ohne
die Korrekturfunktion der Religion kann jedoch auch die Vernunft den Gefahren
einer Verzerrung anheimfallen, wenn sie zum Beispiel von Ideologien manipuliert
wird oder auf einseitige Weise zur Anwendung kommt, ohne die Würde der
menschlichen Person voll zu berücksichtigen. Ein solcher Mißbrauch der Vernunft
war es ja auch, der den Sklavenhandel und viele andere gesellschaftliche Übel
erst ermöglicht hat, nicht zuletzt die totalitären Ideologien des zwanzigsten
Jahrhunderts. Darum würde ich sagen, daß die Welt der Vernunft und die Welt des
Glaubens – die Welt der säkularen Rationalität und die Welt religiöser
Gläubigkeit – einander brauchen und keine Angst davor haben sollten, zum Wohl
unserer Zivilisation in einen tiefen und andauernden Dialog zu treten. Die Religion ist, anders gesagt, für die Gesetzgeber nicht ein Problem, das
gelöst werden muß, sondern ein äußerst wichtiger Gesprächspartner im nationalen
Diskurs. In diesem Zusammenhang komme ich nicht umhin, meine Besorgnis zu
äußern, daß die Religion und besonders das Christentum in einigen Bereichen
zunehmend an den Rand gedrängt werden, auch in Ländern, die großen Wert auf
Toleranz legen. Manche sprechen sich dafür aus, die Stimme der Religion zum
Schweigen zu bringen oder wenigstens ganz auf die Privatsphäre zu beschränken.
Andere behaupten, daß von der öffentlichen Feier von Festen wie Weihnachten
abgesehen werden sollte, und begründen es mit der fragwürdigen Annahme, daß
solche Bräuche Angehörige anderer Religionen oder Nichtgläubige auf irgendeine
Weise verletzen könnten. Schließlich fordern einige – paradoxerweise mit dem
Ziel, die Diskriminierung zu bekämpfen –, daß von Christen, die ein öffentliches
Amt ausüben, gegebenenfalls verlangt werden sollte, gegen ihr Gewissen zu
handeln. Das sind besorgniserregende Zeichen einer Mißachtung nicht nur der
Rechte gläubiger Menschen auf Gewissens- und Religionsfreiheit, sondern auch der
legitimen Rolle der Religion im öffentlichen Leben. Ich möchte Sie alle daher
einladen, in Ihren Wirkungsbereichen nach Wegen zu suchen, wie der Dialog
zwischen Glaube und Vernunft auf allen Ebenen im Leben dieses Landes gefördert
und belebt werden kann. Ihre Bereitschaft dazu zeigt sich bereits in der vorher nie dagewesenen
Einladung des heutigen Tages an mich. Es kommt auch in den Anliegen zum
Ausdruck, in denen Ihre Regierung mit dem Heiligen Stuhl zusammenarbeitet. Im
Bereich der Friedensbemühungen werden Gespräche hinsichtlich der Ausarbeitung
internationaler Abkommen zum Waffenhandel geführt; im Bereich der Menschenrechte
haben der Heilige Stuhl und Großbritannien die Ausbreitung der Demokratie
willkommen geheißen, besonders in den vergangenen 65 Jahren; in der
Entwicklungshilfe gibt es Zusammenarbeit im Bereich des Schuldenerlasses, des
fairen Handels und der Finanzierung der Entwicklung, insbesondere durch die
International Finance Facility, den International Immunization Bond
und das Advanced Market Commitment. Der Heilige Stuhl hofft darauf, in
der Zukunft mit Großbritannien zum Wohl aller auch neue Wege zur Förderung des
Umweltbewußtseins beschreiten zu können. Ich möchte auch besonders erwähnen, daß die gegenwärtige Regierung die
Verpflichtung übernommen hat, daß Großbritannien ab 2013 0,7 Prozent seines
nationalen Einkommens für Entwicklungshilfe ausgeben wird. In den vergangenen
Jahren war es ermutigend, die positiven Zeichen einer weltweit zunehmenden
Solidarität gegenüber den Armen zu sehen. Aber die Umsetzung dieser Solidarität
in effektive Maßnahmen erfordert ein neues Denken, das zu einer Verbessung der
Lebensbedingungen in vielen Bereich führen kann wie der
Nahrungsmittelproduktion, der Trinkwasserversorgung, der Schaffung von
Arbeitsplätzen, der Bildung, der Familienförderung, besonders von Migranten, und
der grundlegenden Gesundheitsversorgung. Wo es um Menschenleben geht, drängt die
Zeit immer: Doch die Welt wurde Zeuge der enormen Mittel, die Regierungen zur
Rettung von Finanzinstitutionen aufbringen konnten, von denen man geglaubt hat,
sie seien „zu groß zum Scheitern“. Die ganzheitliche Entwicklung der Völker
dieser Welt ist gewiß nicht weniger wichtig: Das ist eine Aufgabe, die die
Aufmerksamkeit der Welt verdient und die fürwahr „zu groß zum Scheitern“ ist. Der Überblick über die Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und dem Heiligen
Stuhl in jüngster Zeit zeigt gut, wie viel Fortschritt seit der Aufnahme
bilateraler diplomatischer Beziehungen bei der Förderung der vielen gemeinsamen
Grundwerte in der ganzen Welt erzielt werden konnte. Ich hoffe und bete, daß
diese Beziehung weiter Frucht bringen wird und daß sie sich auf allen Ebenen der
Gesellschaft in einer zunehmenden Anerkennung der Notwendigkeit eines Dialogs
und des Respekts zwischen der Welt der Vernunft und der Welt des Glaubens
widerspiegeln wird. Ich bin überzeugt, daß auch in diesem Land die Kirche und
die staatlichen Autoritäten in vielen Bereichen zum Wohl der Bürger
zusammenarbeiten können, in Übereinstimmung mit der historischen Tradition
dieses Parlaments, den Beistand des Heiligen Geistes für jene anzurufen, die
sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen einsetzen. Damit
eine solche Zusammenarbeit möglich wird, bedürfen religiöse Verbände – unter
ihnen die mit der katholischen Kirche verbundenen Institutionen – der Freiheit,
nach ihren eigenen Prinzipien und spezifischen Überzeugungen zu handeln, die auf
dem Glauben und der offiziellen Lehre der Kirche beruhen. Auf diese Weise werden
so grundlegende Rechte wie die Religions-, Gewissens und Versammlungsfreiheit
gewährleistet. Die Engel, die von der wunderbaren Decke dieses altehrwürdigen
Saales auf uns herabblicken, erinnern uns an die lange Tradition, aus der sich
die britische parlamentarische Demokratie entwickelt hat. Sie erinnern uns
daran, daß Gott stets über uns wacht, uns führt und uns schützt. Und sie laden
uns ein, den entscheidenden Beitrag anzuerkennen, den der Glaube zum Leben
dieses Landes geleistet hat und noch weiter leisten kann. Mister Speaker, ich danke Ihnen einmal mehr für die Gelegenheit, kurz zu diesem
erlesenen Personenkreis zu sprechen. Gerne versichere ich Ihnen und dem Lord
Speaker meine besten Wünsche und mein beständiges Gebet für Sie und für die
fruchtbare Arbeit beider Häuser dieses altehrwürdigen Parlaments. Vielen Dank
und Gott segne sie alle!
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