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BESUCH DER KATHOLISCHEN UNIVERSITÄT ZUM 50. JAHRESTAG
DER ERRICHTUNG DER FAKULTÄT FÜR MEDIZIN UND CHIRURGIE
AM POLIKLINIKUM "AGOSTINO GEMELLI"

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.

Donnerstag, 3. Mai 2012

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Meine Herren Kardinäle, verehrte Mitbrüder
im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrter Herr Parlamentspräsident,
meine Herren Minister,
verehrter Pro-Rektor, sehr geehrte Amtsträger,
Dozenten und Ärzte,
verehrtes Krankenhauspersonal und Mitarbeiter der Universität,
liebe Studenten und liebe Patienten!

Mit besonderer Freude treffe ich heute mit Ihnen zusammen, um den 50. Jahrestag der Errichtung der Medizinischen und Chirurgischen Fakultät des Polyklinikums »Agostino Gemelli« zu begehen. Ich danke dem Präsidenten des Toniolo-Instituts, Kardinal Angelo Scola, und dem Pro-Rektor Prof. Franco Anelli für ihre freundlichen Worte, die sie an mich gerichtet haben. Ich begrüße Parlamentspräsident Gianfranco Fini, die Herren Minister Lorenzo Ornaghi und Renato Balduzzi, die zahlreichen Vertreter des öffentlichen Lebens wie auch die Dozenten, Ärzte, das Personal und die Studenten des Polyklinikums und der Katholischen Universität. Ein besonderer Gedanke gilt Ihnen, liebe Patienten.

Ich möchte bei diesem Anlaß einige Überlegungen anbieten. In unserer gegenwärtigen Zeit haben die experimentellen Wissenschaften das Weltbild und auch das Selbstverständnis der Menschen verändert. Die zahlreichen Entdeckungen, innovativen Technologien, die in schnellem Rhythmus aufeinanderfolgen, sind berechtigter Anlaß zum Stolz, allerdings sind sie oft nicht frei von beunruhigenden Kehrseiten. Denn auf den verbreiteten Optimismus der wissenschaftlichen Erkenntnis fällt der Schatten einer Krise des Denkens. Reich an Mitteln, aber weniger an Zielen, lebt der Mensch unserer Zeit oft bedingt von Reduktionismus und Relativismus, die dazu führen, daß die Bedeutung der Dinge verloren geht; gleichsam geblendet von der technischen Effizienz vergißt er den grundlegenden Horizont der Sinnfrage und stellt die transzendentale Dimension als unerheblich beiseite. Aus diesem Grund wird das Denken schwach und eine ethische Verarmung gewinnt an Boden, die die normativen Wertbezüge unklar werden läßt.

Was die fruchtbare Wurzel der Kultur und des Fortschritts in Europa war, scheint vergessen zu sein. In ihr umfaßte die Suche nach dem Absoluten – das quaerere Deum – immer auch die Notwendigkeit der Vertiefung der profanen Wissenschaften, der gesamten Welt des Wissens (vgl. Ansprache im Collège des Bernardins, 12. September 2008). Denn die wissenschaftliche Forschung und die Sinnfrage entspringen in ihrer jeweiligen besonderen epistemologischen und methodologischen Physiognomie einer einzigen Quelle, jenem Logos, der das Werk der Schöpfung leitet und die Vernunft der Geschichte lenkt. Eine grundlegend technisch-praktische Mentalität ruft ein gefährliches Ungleichgewicht zwischen dem, was technisch möglich, und dem, was moralisch gut ist, hervor – mit unabsehbaren Folgen.

Daher ist es wichtig, daß die Kultur die Kraft der Bedeutung und die Dynamik der Transzendenz wiederentdeckt, mit einem Wort mit Entschiedenheit den Horizont des quaerere Deum öffnet. Dabei kommt einem der berühmte Satz des hl. Augustinus in den Sinn: »Du [Herr] hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir« (Bekenntnisse I,1). Man kann sagen, daß selbst der Impuls zur wissenschaftlichen Forschung von der Sehnsucht nach Gott ausgeht, die im Herzen des Menschen wohnt: im Grunde strebt der Mensch der Wissenschaft – auch unbewußt – danach, jene Wahrheit zu erreichen, die dem Leben Sinn geben kann. Aber wie leidenschaftlich und ausdauernd die menschliche Suche auch sein mag, sie ist nicht in der Lage mit eigenen Kräften einen sicheren Grund zu erreichen, weil der Mensch nicht fähig ist, den seltsamen Schatten zu erhellen, der über den Fragen der ewigen Wirklichkeiten liegt… Gott muß die Initiative ergreifen, dem Menschen entgegenkommen und zu ihm sprechen (vgl. J. Ratzinger, L’Europa di Benedetto nella crisi delle culture, Cantagalli, Rom 2005, 124). Um der Vernunft ihre ursprüngliche, ganzheitliche Dimension zurückzugeben muß man den Ursprungsort wiederentdecken, den die wissenschaftliche Forschung mit der Suche des Glaubens gemeinsam hat, fides quaerens intellectum, nach den Worten des hl. Anselm. Wissenschaft und Glaube haben eine fruchtbare Gegenseitigkeit, gleichsam ein komplementäres Bedürfnis der Erkenntnis der Wirklichkeit. Aber paradoxerweise ist es gerade die positivistische Kultur, die – indem sie die Frage nach Gott aus der wissenschaftlichen Debatte ausschließt – den Verfall des Denkens und die Schwächung der Erkenntnisfähigkeit in bezug auf die Wirklichkeit bewirkt.

Aber das quaerere Deum des Menschen würde sich in einem Gewirr von Wegen verlieren, wenn ihm nicht ein Weg der Erleuchtung und sicheren Orientierung helfen würde, nämlich der Weg Gottes, der dem Menschen mit übergroßer Liebe nahe kommt: »In Jesus Christus spricht Gott nicht nur zum Menschen, sondern er sucht ihn. […] Es ist eine Suche, die dem Innersten Gottes entspringt und in der Inkarnation des Wortes ihren Höhepunkt erreicht« (Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, 7). Als Religion des Logos verbannt das Christentum den Glauben nicht in den Bereich des Irrationalen, sondern schreibt Ursprung und Sinn der Realität der schöpferischen Vernunft zu, die sich im gekreuzigten Gott als Liebe offenbart hat und uns einlädt, den Weg des quaerere Deum zu gehen: »Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben.« Der hl. Thomas von Aquin kommentiert hierzu: »Der Zielpunkt dieses Weges ist das Ziel der menschlichen Sehnsucht. Nun sehnt sich der Mensch vor allem nach zwei Dingen: an erster Stelle nach der Kenntnis der Wahrheit, die zu seinem Wesen gehört.

An zweiter Stelle nach dem Bleiben im Sein, ein Merkmal, das allen Dingen gemeinsam ist. In Christus findet sich sowohl das eine wie das andere… Suchst du also nach dem Weg, den du gehen sollst, dann nimm Christus auf, denn er ist der Weg« (Super Ioannem, cap. 14, lectio 2). Das Evangelium des Lebens erhellt den steilen Weg des Menschen und angesichts der Versuchung der absoluten Autonomie erinnert es daran, daß »das Leben des Menschen aus Gott kommt, es ist sein Geschenk, sein Abbild und Ebenbild, Teilhabe an seinem Lebensatem« (Johannes Paul II., Evangelium vitae, 39). Und gerade indem er den Weg des Glaubens geht, wird der Mensch fähig in der Wirklichkeit des Leidens und des Todes, die sein Leben durchzieht, eine echte Möglichkeit zum Guten und zum Leben zu erkennen. Im Kreuz Christi erkennt er den Baum des Lebens, Offenbarung der leidenschaftlichen Liebe Gottes zum Menschen. Die Pflege der Leidenden wird so zur täglichen Begegnung mit dem Antlitz Christi, und die Hingabe des Verstandes und des Herzens wird zum Zeichen der Barmherzigkeit Gottes und seines Sieges über den Tod. Die in ihrer Ganzheitlichkeit gelebte Forschung wird erleuchtet von Wissenschaft und Glauben, und diese beiden »Flügel« verleihen ihr Impulse und Elan, ohne je die rechte Demut zu verlieren, das Bewußtsein der eigenen Grenzen.

Auf diese Weise wird die Suche nach Gott fruchtbar für den Verstand, Ferment der Kultur, sie fördert einen wahren Humanismus und eine Suche, die nicht an der Oberfläche stehenbleibt. Liebe Freunde, lassen Sie sich immer von der Weisheit führen, die von oben kommt, von einem vom Glauben durchstrahlten Wissen, eingedenk dessen, daß die Weisheit die Leidenschaft und die Mühe des Suchens erfordert. In diesen Kontext eingefügt ist die unersetzliche Aufgabe der Katholischen Universität, ein Ort zu sein, an dem die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden in den Dienst der Person gestellt wird in der Erlangung einer qualifizierten wissenschaftlichen Kompetenz, verwurzelt in einem Wissensschatz, dem im Lauf der Generationen Lebensweisheit entnommen worden ist; ein Ort, an dem die Pflegebeziehung nicht Beruf ist, sondern Berufung und Sendung; wo die Liebe des Barmherzigen Samariters der erste Lernort und das Antlitz des leidenden Menschen das Antlitz Christi selbst ist: »Das habt ihr mir getan« (Mt 25,40). Die Katholische Universität vom Heiligsten Herzen lebt in ihrer täglichen Arbeit der Forschung, der Lehre und des Studiums in dieser traditio, die das ihr eigene Innovationspotential zum Ausdruck bringt: Kein Fortschritt, am wenigsten auf kultureller Ebene, speist sich aus bloßer Wiederholung, sondern erfordert immer einen Neubeginn. Er erfordert außerdem jene Bereitschaft zu Austausch und Dialog, der den Verstand öffnet und die reiche Fruchtbarkeit des Glaubenserbes bezeugt. So wird eine solide Persönlichkeitsstruktur geformt, in der die christliche Identität das tägliche Leben durchdringt und in einer herausragenden Professionalität Ausdruck findet.

Die Katholische Universität, die eine besondere Beziehung zum Stuhl Petri hat, ist heute aufgerufen, eine vorbildliche Institution zu sein, die die Ausbildung nicht auf die Zweckdienlichkeit eines wirtschaftlichen Ergebnisses reduziert, sondern den Blick weitet auf Projekte, in denen die Gabe des Verstandes die Gaben der geschaffenen Welt erforscht und entwickelt und dabei eine rein produktivistische und utilitaristische Sicht des Lebens hinter sich läßt, denn »der Mensch ist für das Geschenk geschaffen, das seine transzendente Dimension ausdrückt und umsetzt« (Caritas in veritate, 34). Gerade diese Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und bedingungslosem Dienst am Leben zeichnen das katholische Profil der Medizinischen und Chirurgischen Fakultät »Agostino Gemelli« aus, weil die Perspektive des Glaubens der klugen und ausdauernden Suche nach Wissen inhärent und ihr weder neben- noch übergeordnet ist. Eine katholische Medizinische Fakultät ist ein Ort, an dem der transzendente Humanismus kein rhetorischer Slogan ist, sondern gelebte Regel der täglichen Hingabe. Indem Pater Gemelli eine echt katholische Medizinische und Chirurgische Fakultät ersehnte – und mit ihm viele andere, wie Prof. Brasca –, stellte er die menschliche Person wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, in ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer Größe, mit den immer neuen Ressourcen einer leidenschaftlichen Forschung und dem nicht geringeren Bewußtsein der Grenze und des Geheimnisses des Lebens. Aus diesem Grund wollten Sie ein neues Hochschulzentrum für das Leben einrichten, das die anderen bereits vorhandenen Einrichtungen, wie zum Beispiel das »Internationale Wissenschaftliche Institut Paul VI.«, unterstützen soll. Ich ermutige zu dieser Aufmerksamkeit für das Leben in allen seinen Phasen.

Jetzt möchte ich mich insbesondere an alle Patienten wenden, die hier im »Gemelli«-Krankenhaus sind und sie meines Gebetes und meiner Zuneigung versichern. Ich möchte ihnen sagen, daß sie hier immer mit Liebe gepflegt werden, weil sich auf ihrem Gesicht das Antlitz des leidenden Christus widerspiegelt. Gerade die Liebe Gottes, die in Christus erstrahlt, macht den Blick der Forschung hellsichtig und durchdringend und läßt ihn das wahrnehmen, was keine Untersuchung wahrnehmen kann. Dessen war sich der sel. Giuseppe Toniolo tief bewußt, der sagte, daß es dem Wesen des Menschen entspricht, in den anderen das Bild Gottes, der Liebe ist, und in der Schöpfung seine Spur zu sehen. Ohne Liebe verliert auch die Wissenschaft ihren Adel. Nur die Liebe garantiert die Menschlichkeit der Forschung. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

 

© Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana

  

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