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APOSTOLISCHE
REISE
IN DEN LIBANON
(14.-16. SEPTEMBER 2012)
BEGEGNUNG MIT DEN JUGENDLICHEN
ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
Platz vor dem Maronitischen Patriarchat von Bkerké
Samstag, 15. September 2012
[Video]
Liebe Freunde!
„Gnade sei mit euch und Friede in Fülle durch die Erkenntnis Gottes und Jesu,
unseres Herrn“ (2 Petr 1,2). Der Abschnitt aus dem Brief des heiligen
Petrus, den wir gehört haben, bringt gut den großen Wunsch zum Ausdruck, den ich
seit langem in meinem Herzen trage. Danke für euren warmherzigen Empfang, danke
von ganzem Herzen für eure so zahlreiche Anwesenheit heute abend! Ich danke
Seiner Seligkeit Patriarch Bechara Boutros Raï für seine Willkommensworte, dem
Erzbischof von Tripoli und Präsidenten des Rates für das Laienapostolat im
Libanon, Georges Bou Jaoudé, und dem Erzbischof von Sidon der Melkiten, Elle Hadda,
sowie den beiden Jugendlichen, die mich im Namen von euch allen begrüßt haben.
سَلامي أُعطيكُم [„Meinen Frieden gebe ich euch“] (Joh 14,27), sagt uns
Jesus Christus.
Liebe Freunde, ihr lebt heute in dem Teil der Welt, der die Geburt Jesu und die
Entstehung des Christentums gesehen hat. Das ist eine große Ehre! Und es ist ein
Aufruf zur Treue, zur Liebe zu eurer Region und vor allem dazu, Zeugen und Boten
der Freude Christi zu sein, denn der von den Aposteln weitergegebene Glaube
führt zur vollen Freiheit und zur Freude, wie uns so viele Heilige und Selige
dieses Landes gezeigt haben. Ihre Botschaft erhellt die Universalkirche. Sie
kann weiterhin euer Leben erhellen. Viele der Apostel und der Heiligen haben in
unruhigen Zeiten gelebt, und ihr Glaube war die Quelle für ihren Mut und ihr
Zeugnis. Schöpft aus ihrem Vorbild und ihrer Fürsprache die Inspiration und die
Unterstützung, die ihr braucht!
Ich weiß um eure Schwierigkeiten im täglichen Leben aufgrund der fehlenden
Stabilität und Sicherheit, wegen der Schwierigkeit, Arbeit zu finden, oder auch
wegen des Gefühls der Einsamkeit und der Ausgrenzung. In einer Welt, die ständig
in Bewegung ist, seid ihr mit zahlreichen ernsten Herausforderungen konfrontiert.
Selbst Arbeitslosigkeit und materielle Unsicherheit dürfen euch nicht dazu
veranlassen, den „bitteren Honig“ der Emigration zu kosten, die mit Entwurzelung
und Trennung um einer ungewissen Zukunft willen verbunden ist. Es geht für euch
darum, an der Gestaltung der Zukunft eures Landes teilzunehmen und eure Rolle in
der Gesellschaft und in der Kirche wahrzunehmen.
Ihr nehmt in meinem Herzen und in der ganzen Kirche einen bevorzugten Platz ein,
denn die Kirche ist immer jung! Die Kirche vertraut auf euch. Sie zählt auf euch.
Seid junge Menschen in der Kirche! Seid junge Menschen mit der Kirche! Die
Kirche braucht eure Begeisterung und eure Kreativität! Die Jugend ist die Zeit,
in der man nach großen Idealen strebt; sie ist die Phase des Lernens, wo man
sich auf einen Beruf und auf eine Zukunft vorbereitet. Das ist wichtig und
erfordert Zeit! Strebt nach dem Schönen, und habt Freude daran, das Gute zu tun!
Bezeugt die Größe und Würde eures Leibes, der „für den Herrn da ist“ (1 Kor
6,13b). Habt die Feinfühligkeit und Aufrichtigkeit reiner Herzen! So wie der
selige Johannes Paul II. sage auch ich euch: „Habt keine Angst! Öffnet die Tore
eures Geistes und eurer Herzen für Christus!“ Die Begegnung mit ihm „gibt
unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung“ (Deus
caritas est, 1). In ihm werdet ihr die Kraft und den Mut finden, um auf
den Wegen eures Lebens voranzuschreiten und um die Schwierigkeiten und das
Leiden zu überwinden. In ihm werdet ihr die Quelle der Freude finden. Christus
sagt euch: سَلامي أُعطيكُم [„Meinen Frieden gebe ich euch“]. Da ist die wahre
Revolution, die Christus gebracht hat, die Revolution der Liebe.
Die derzeitigen Frustrationen dürfen euch nicht dazu verleiten, in
Parallelwelten zu flüchten wie etwa jene von Drogen jeder Art oder in die
armselige Welt der Pornographie. Was die sozialen Netzwerke betrifft, so sind
sie zwar interessant, können euch aber sehr leicht in eine Abhängigkeit und in
die Verwechslung zwischen reell und virtuell hineinziehen. Sucht und lebt
bereichernde Beziehungen echter und edler Freundschaft! Ergreift Initiativen,
die eurem Leben Sinn und Grund geben im Kampf gegen die Oberflächlichkeit und
den leichtfertigen Konsum! Ihr seid auch noch einer anderen Versuchung
ausgesetzt, der Versuchung des Geldes, dieses tyrannischen Idols, das dermaßen
blind macht, daß es den Menschen und sein Herz erstickt. Die Vorbilder, die euch
umgeben, sind nicht immer die besten. Viele vergessen das Wort Christi, der sagt,
daß man nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen kann (vgl. Lk 16,13).
Sucht gute Lehrer, geistliche Lehrer, die es verstehen, euch den Weg zur Reife
zu zeigen, der Trug, Schein und Lüge hinter sich läßt.
Seid Träger der Liebe Christi! Wie? Indem ihr euch ohne Vorbehalt Gott, seinem
Vater, zuwendet, der das Maß für das Rechte, Wahre und Gute ist. Betrachtet das
Wort Gottes! Ihr werdet das Interesse für das Evangelium und seine Aktualität
entdecken! Betet! Das Gebet und die Sakramente sind die sicheren und wirksamen
Mittel, um Christ zu sein und „in Christus verwurzelt und auf ihn gegründet am
Glauben festzuhalten“ (vgl. Kol 2,7). Das bald beginnende Jahr des
Glaubens wird eine Gelegenheit sein, den Reichtum des in der Taufe
empfangenen Glaubens zu entdecken. Ihr könnt seinen Inhalt durch das Studium des
Katechismus vertiefen, um zu einem lebendigen und gelebten Glauben zu gelangen.
Ihr werdet dann für die anderen zu Zeugen der Liebe Christi. In ihm sind alle
Menschen unsere Brüder. Die universale Brüderlichkeit, die er am Kreuz begründet
hat, umhüllt die Revolution der Liebe mit einem hellen und anspruchsvollen Licht.
„Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh
13,34). Das ist das Vermächtnis Jesu und das Kennzeichen des Christen. Das ist
die wahre Revolution der Liebe!
Christus lädt euch daher ein, es ihm gleichzutun und den anderen ohne Vorbehalt
aufzunehmen, selbst wenn er einer anderen Kultur, Religion oder Nationalität
angehört. Ihm einen Platz zu geben, ihn zu respektieren, gut zu ihm zu sein; das
macht reicher an Menschlichkeit und stärker am Frieden des Herrn. Ich weiß, daß
viele von euch an den verschiedenen Aktivitäten teilnehmen, die von den
Pfarreien, Schulen, Bewegungen und Vereinigungen veranstaltet werden. Es ist
schön, sich mit anderen und für andere einzusetzen. Miteinander Zeiten der
Freundschaft und der Freude zu erleben macht es möglich, den Keimen der Spaltung
zu widerstehen, die immer bekämpft werden müssen. Brüderlichkeit ist eine
Vorwegnahme des Himmels! Und die Berufung des Jüngers Christi ist es, „Sauerteig“
im Teig zu sein, wie der heilige Paulus sagt: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert
den ganzen Teig“ (Gal 5,9). Seid Boten des Evangeliums des Lebens und
der Werte des Lebens. Widersteht mutig allem, was das Leben leugnet: Abtreibung,
Gewalt, Ablehnung und Verachtung des anderen, Ungerechtigkeit, Krieg. So werdet
ihr um euch herum den Frieden verbreiten. Sind es nicht die „Friedensstifter“,
die wir letztlich am meisten bewundern? Ist nicht der Friede jenes kostbare Gut,
das die ganze Menschheit sucht? Ist nicht eine Welt des Friedens das, was wir im
tiefsten für uns und für die anderen wollen? سَلامي أُعطيكُم [„Meinen Frieden
gebe ich euch“] , hat Jesus gesagt. Er hat das Böse nicht durch ein anderes Übel
besiegt, sondern dadurch, daß er es auf sich genommen und es am Kreuz durch die
bis zum Ende gelebte Liebe vernichtet hat. Wirklich die Vergebung und das
Erbarmen Gottes zu entdecken läßt uns immer zu einem neuen Leben aufbrechen. Zu
vergeben fällt nicht leicht. Aber die Vergebung Gottes gibt Kraft zur Umkehr und
die Freude, seinerseits zu vergeben. Vergebung und Versöhnung sind Wege des
Friedens und eröffnen Zukunft.
Liebe Freunde, viele von euch fragen sich gewiß mehr oder weniger bewußt: Was
erwartet Gott von mir? Was ist sein Plan für mich? Möchte ich nicht die Größe
seiner Liebe durch das Priestertum, durch das gottgeweihte Leben oder durch die
Ehe verkünden? Ruft mich Christus nicht in seine engere Nachfolge? Stellt euch
vertrauensvoll diesen Fragen. Nehmt euch Zeit, über sie nachzudenken und Licht
zu erbitten. Antwortet der Einladung, indem ihr euch jeden Tag dem anbietet, der
euch ruft, seine Freunde zu sein. Strebt danach, von Herzen und mit Großmut
Christus nachzufolgen, der uns aus Liebe erlöst und sein Leben für jeden von uns
hingegeben hat. Ihr werdet eine ungeahnte Freude und Erfüllung erfahren! Der
Berufung, die Christus für mich hat, zu antworten, das ist das Geheimnis des
wahren Friedens.
Ich habe gestern das Apostolische Schreiben Ecclesia in Medio Oriente
unterzeichnet. Dieses Schreiben ist für das ganze Volk Gottes wie auch für euch
bestimmt, liebe Jugendliche. Lest es aufmerksam und denkt darüber nach, um es in
die Praxis umzusetzen! Um euch zu helfen, erinnere ich euch an die Worte des
heiligen Paulus an die Korinther: „Unser Empfehlungsschreiben seid ihr; es ist
eingeschrieben in unser Herz, und alle Menschen können es lesen und verstehen.
Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst,
geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht
auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ (2
Kor 3,2-3). Ihr, liebe Freunde, auch ihr könnt ein lebendiger Brief Christi
sein. Dieser Brief wird nicht auf Papier und nicht mit Bleistift geschrieben
sein. Er wird das Zeugnis eures Lebens und eures Glaubens sein. So werdet ihr
mit Mut und Enthusiasmus in eurer Umgebung begreiflich machen, daß Gott das
Glück aller will ohne Unterschied und daß die Christen seine Diener und treuen
Zeugen sind.
Junge Libanesen, ihr seid die Hoffnung und die Zukunft eures Landes. Ihr seid
der Libanon, das Land der Aufnahme und des Zusammenlebens, ausgestattet mit
einem unerhörten Anpassungsvermögen. Und in diesem Augenblick können wir die
Millionen von Menschen nicht vergessen, welche die libanesische Diaspora bilden
und feste Bande mit ihrem Ursprungsland unterhalten. Jugendliche des Libanon,
seid gastfreundlich und offen, wie Christus es von euch erbittet und wie euer
Land es euch lehrt.
Nun möchte ich die muslimischen Jugendlichen begrüßen, die heute abend bei uns
sind. Ich danke euch für euer Kommen, das so bedeutsam ist. Ihr seid zusammen
mit euren christlichen Altersgenossen die Zukunft dieses wunderbaren Landes und
des gesamten Nahen Ostens. Sucht, ein Miteinander aufzubauen! Und wenn ihr
erwachsen sein werdet, lebt einträchtig weiter in Einheit mit den Christen. Die
Schönheit des Libanon besteht nämlich in dieser wunderbaren Symbiose. Der
gesamte Nahe Osten muß mit Blick auf euch einsehen, daß Muslime und Christen,
Islam und Christentum ohne Haß und in der Achtung des Glaubens eines jeden
zusammenleben können, um gemeinsam eine freie und menschliche Gesellschaft
aufzubauen.
Ich habe ebenso erfahren, daß unter uns auch junge Menschen sind, die aus Syrien
kommen. Ich möchte euch sagen, wie ich euren Mut bewundere. Sagt es bei euch, in
euren Familien und unter euren Freunden weiter, daß der Papst euch nicht vergißt.
Sagt in eurer Umgebung, daß der Papst an euren Leiden und eurer Trauer Anteil
nimmt. In seinen Gebeten und in seiner Sorge vergißt er Syrien nicht. Er vergißt
die leidenden Menschen im Nahen Osten nicht. Es ist Zeit, daß Muslime und
Christen sich vereinen, um der Gewalt und den Kriegen ein Ende zu setzen.
Zum Schluß wollen wir uns an Maria, die Mutter des Herrn, Unsere Liebe Frau vom
Libanon, wenden. Von der Anhöhe des Hügels von Harissa aus beschützt und
begleitet sie euch. Sie wacht wie eine Mutter über alle Libanesen und über die
vielen Pilger, die aus allen Richtungen kommen, um ihr ihre Freuden und Leiden
anzuvertrauen! Heute abend vertrauen wir der Jungfrau Maria und dem seligen
Johannes Paul II., der vor mir hier war, auch euer Leben und das Leben aller
Jugendlichen im Libanon und in den Ländern der Region an, besonders jene, die
unter Gewalt oder Einsamkeit leiden, und jene, die Trost brauchen. Gott segne
euch alle! Und nun beten wir alle gemeinsam: السّلامُ عَلَيكِ يا مَرْيَم... [„Gegrüßet
seist du, Maria …“].
© Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana
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